Heft 
(1908) 17
Seite
516
Einzelbild herunterladen

516

16. (4. ordentliche} Versammlung des XVII. Vereinsjahres.

Landesgeschichte gewesen. An verschiedenen Universitäten sind bereits Lehrstühle für Volkskunde eingerichtet worden, weil man eingesehen hat, daß alle Gebiete der humanistischen Wissenschaften von der Volkskunde Förderung und Bereicherung erfahren können. Gleich den theologischen und philologischen Wissenschaften haben ancli die Rechtswissenschaft und die Medizin manches von der Volkskunde gelernt, jene durch die von volks­kundlicher Seite veranlaßte Sammlung der Weistiimer und alten Rechts­gewohnheiten, diese durch die Beschäftigung mit der Volksmedizin und mit sympathischen und abergläubischen Gebräuchen. Bei der Kunst­wissenschaft greift die Volkskunde mehr ins öffentliche Leben ein, hier kann sie durch Hinweis auf die Vorbilder des alten Hausbaus, auf Ein­richtungen der Wohnstätte, auf Verzierungen und Inschriften usw. der Baukunst manche Anregung geben und dem deutschen Volke wieder zu einer gemütlichen Behausung, die es vielfach entbehren muß, verhelfen, hier kann sie durch Sammeln und Ausstellen bildlicher Darstellungen aus früherer Zeit dem Kunstgewerbe und der Ilauskunst Winke zur Anfertigung einfacher und dem Volke zusagender Kunst- und Gebranchs­gegenstände geben, hier kann sie durch Aufforderung zur Pflege des Volksliedes und der Volksmusik viel Gutes stiften und zur Belebung des Volkssinnes beitragen, zugleich auch der Verödung des Volkslebens Vor­beugen. In Wissenschaft, Literatur und Kunst hat die Volkskunde Ein­gang gefunden, und durch die Ergebnisse ihrer Sammlungen und For­schungen gibt sie dem deutschen Volke das, was sie von ihm empfangen hat, mit Zinsen zurück.

Über Begriff und Ziele der deutschen Volkskunde sprach darauf Prof. Dr. Siebs-Breslau. Er schilderte den Zustand der volkskundlichen Forschung um die Mitte des 19. Jahrhunderts, erinnerte an die Arbeiten der Brüder Grimm, an Mannhardt und Weinhold und bemerkte, daß die Untersuchungen dieser Gelehrten damals wenig ins Volk gedrungen seien. Erst mit der Neubegründung des Dentschen Reichs sei das deutsche Nationalgefühl erstarkt und ein berechtigter Stolz auf deutsche Art und Sitte, auf deutsche Kunst und deutsches Recht, auf Sang und Sage habe sich entwickelt. Nun habe auch die Volkskunde festen Fuß fassen können und unter tätiger Mitwirkung Weinholds sei die Volkskunde und mit ihr die wissenschaftliche Volkskunde in Deutschland begründet undjgefestigt worden. Während die Volkskunde auf allen Gebieten, auf denen sich das Volksleben betätigt, sammelt und forscht, will die wissenschaftliche Volkskunde das gesammelte Material sichten und be­arbeiten. Tn dieser Beziehung steht ihr ein weites Arbeitsfeld offen. Da ist zunächst das Gebiet des Volksglaubens und des Aberglaubens, zwei Dinge, die mit dem Leben des Volkes eng verknüpft sind; hier ist eineFülle von Stoff vorhanden, der bereits gesammelt ist und der Be­arbeitung harrt oder der noch verborgen ruht und auf Entdeckung