132 SiedlnngsarchSologische Übungen und Studien
völlig menschenleere Gegend jeweils ganz neu besiedelt wird und somit, unbeeinflußt von der Tradition der früheren Bewohner, geographische und nationale Faktoren ihre Wirkung ausüben können. Einen solchen Hauptabschnitt bezeichnet der Schluß der Eiszeit mit der darauffolgenden Besiedlung des norddeutschen Flachlandes. Ueber diese vorgeschichtliche Periode läßt sich aber Bolle so gut wie gar nicht aus; mit ganz wenigen Zeilen gibt er einige völlig unzulängliche Andeutungen. Dabei ist die vorgeschichtliche Forschung auch in seinem Arbeitsgebiet schon derartig fortgeschritten und gerade siedlungs- kundlich von einer solchen Bedeutung, daß kein Geograph daran hätte vorübergehen dürfen. Zu Beginn der Geschichte treffen wir im Havelwinkel den germanischen Volksstamm der Semnonen, die zwischen dem 2. und 6. Jahrhundert völlig auswanderten und eine menschenleere Einöde hinterließen, von der dann die erst später nachdrängenden Slaven Besitz ergriffen. Warum es gerade Semnonen gewesen sein sollen, die hier wohnten, hören wir nicht. Auch ist es trotz der Zeugnisse Prokops und trotz mangelnder altdeutscher Namen wenig glaublich, daß die Slaven ein völlig unbewohntes Gebiet vorfanden. Für die Folgezeit werden vier Hauptsiedlungsperioden unterschieden: die Slavenzeit (600—£00 n. Chr.), die Zeit der Eroberung des Gebiets durch die Deutschen (900—983), die der mittelalterlichen (1140—1250) und die der neueren Kolonisation (1550—1850), dazwischen schieben sich einige teils lokale, teils allgemeine Wüstungsperioden. Der Slavenzeit lassen sich teils aus den Ortsnamen, teils aus Urkunden 148 Orte zuweisen, von denen 63 eingegangen sind. Bolle ist der Ansicht, daß die Slaven in der Hauptsache Fischer gewesen und daß für ihre Siedlungen die Kietze besonders charakteristisch sind. Für den Havelwinkel kann er aber nur 7 Kietze, teilweise sogar nur aus Flur-, bezw. Straßennamen nachweisen, eine für derartige siedlungsgeographische Schlüsse zu geringe Anzahl, zumal wenn obendrein angegeben wird, daß diese Kietze eine besondere Eigentümlichkeit der Wilzen darstellen. Die erste germanische Siedlungsperiode trägt vorwiegend militärischen Charakter, dem entspricht auch die folgende, durch die ständigen Grenzkriege veranlaßte Wüstungsperiode. Die mittelalterliche Kolonisation wird begründet durch das Bestreben der Grundherren, die Abgaben durch Ansiedlung zahlreicher und leistungsfähiger Bauern zu steigern; besonders die Holländer sollen bei der Besiedlung des Havelwinkels damals beteiligt gewesen sein. Vor allem die Errichtung der Elbdeiche gab den nötigen Raum zu einer Reihe neuer Siedlungen. 64 neue Wohnplätze stammen aus dieser Zeit, aber 54 von ihnen sind später wieder verschwunden. In der großen Wüstungsperiode gegen Ende des Mittelalters gingen allein von 207 Wohnplätzen 107 ein. Die Neuzeit sieht wieder 30