Heft 
(1924) 3
Seite
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besonderer Teil herausgegriffen ist, anders erscheinen, aber der innere Kern muß derselbe bleiben! Der Volksbrauch und die Volksfeste handeln von Leben und Tod, Werden und Vergehen, beim Menschen sowohl wie in der Natur.

Von fast allen unseren Volksbränchen nun läßt sich sagen, daß sie in der Vorzeit wurzeln, daß sich ihr Ursprung vielfach Jahrtausende zurückverfolgen läßt, wobei man immer wieder die innige Beziehung aller dieser Bräuche zur Religion sowie zum Jahresgeschehen feststellen kann. Bei den meisten Festen steht im Mittelpunkt des festlichen Zuges der Umzug der Götter. Dieser Umzug geschah auf einem Wagen wie uns solche als Kulturgegenstände bereits aus der nordischen Bronzezeit des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt vorliegen; die Wagen tragen Göttersymbole und Götterfiguren. Cs brauchte aber nicht immer ein Wagen zu sein. Mitunter trat an die Stelle des Wagens ein Schiff. Solche Schiffe, in denen Götterfiguren stehen, kennen wir aus Mittelitalien be­reits gleichfalls aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Dem Karnevals­fest hat nun ein solches Schiff ein auf Räder gesetztes den Namen ge­gebene Larrus navalis Schiffskarren ---- Karneval. Im vorigen Jahrhundert, als man noch nicht so weit in der Forschung voran war, glaubte man, dieses Wort sei christlichen Ursprunges und deutete es mit: Larne vale, d. h. Fleisch lebe wohl, was soviel sagen soll wie: Beginn der Fastenzeit. Das Fest ist je­doch viel älter als das Christentnm. Der Schiffskarren tritt bei den meisten Völkern des europäischen Kulturzusammenhanges auf. Wenn auch für ihn die ältesten Belege aus dem vorderen Orient stammen (Babylonien, drittes Jahr­tausend vor Chr.); Aegypten, zweites Jahrtausend v. Chr., so wäre es dennoch falsch, daraus zu schließen, daß der Brauch dort seinen Ursprung habe: Cs liegen ihm vielmehr gemeinindogermanische Vorstellungen zugrunde, die ein Jahres-

gefchehen in nördlichen Breiten voraussetzen. Nach den neueren Forschungen sind ja sehr alte starke Beziehungen des vorderen Orients mit Europa gerade für die Steinzeit festgestellt. Der älteste Beleg des Schiffskarrens für Europa wohlgemerkt innerhalb eines Festzuges, d. h. also als Volksbrauch findet

WSW

Die Situla von Watsch mit Karnevalsbildern.