Heft 
(1925) 2/3
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eine wirkliche, herzhafte Großmutter vor uns, wie sie in den wohlhabenden Bürgerhäusern unserer kleinen Stadt damals gelebt haben mögen. Sie ist noch rüstig und schaffensfroh, aber doch eine rundliche, gedrungene Matrone. Das breite, freundliche Gesicht drückt behagliches Wohlwollen aus und ihre Hände fassen und halten sicher den jungen Nachwuchs. Reinlich aber matronen­haft umfällt das weiße Kopf- und Schultertuch ihre Stirn und in dem Unter­gewand prägen sich derb die eckigen Falten jener Spätgotik aus. Die Riesche deckt den Hals in feinen Falten. Die kleine Maria, ein Buch in der Hand, trägt ein langes Gewand, das die Füße verhüllt, das kleine Jesuskind ist nackt, hat ein lockiges Krausköpfchen, und die Hand des abgebrochenen Armes hat sicher früher einen Apfel gehalten. Es ist schade, daß das kleine herzhafte Kunstwerk, nachdem man es rauh von seiner ehemaligen Stelle verstoßen hatte, nicht unverletzt geblieben ist. Die Nase der heiligen Anna ist abgeschlagen und ebenso wie schon erwähnt, beide Hände und ein Stück des rechten Armes von dem Jesusknaben. Auch von der ehemaligen Bemalung sind nur ganz spärliche Spuren erhalten, etwas weiß und rot in dem Untergewand der heiligen Anna, und in seinen Falten ein tiefes Braunschwarz. Aber es ist uns doch ein lebendiger Zeuge vergangener Zeit geblieben, in dem ein gesundes Wirklichkeits­gefühl die Heilige aus der Wirklichkeit herausgestaltet.

Gleichfalls altem Klosterbesitz entstammt das TemperagemäldeDie Ver­kündigung". Die Bildfläche hat eine Höhe von 80 cm und eine Breite von 86 cm, das Bild ist auf eine Holzplatte gemalt, die mehrfach geborsten, jetzt wieder sorgfältig zusammengeleimt ist. Rechts kniet die Jungfrau Maria in einen: Betstuhl, der im Verhältnis zu ihrer Größe viel zu klein erscheint und den richtig in den Raum hineinzustellen, es dem Künstler an Fähigkeit gebrach. Nicht aber gebrach es ihm an dem starken inneren Miterleben des Vorganges, den er darstellte. Diese Maria hatte er in Gedanken zu dem Heiligtun:, in dem sie ihr Gebet verrichtete, begleitet. Er wußte, trotzdem er ihr einen Sternmantel um die Schultern legte, daß sie eine demütige, schaffensfreudige Magd im Hause war, aber wenn sie zun: Gebet ging, so zog sie die derben Holzpantinen, in denen sie sonst ihrer Arbeit nachging, aus, und stellte sie säuberlich unter die Bank neben dem Betstuhl. Auf der Bank standen die mächtigen, in Schweins­leder gebundenen und mit Spangen verschlossenen Heiligenschriften und Haus­postillen. Sie aber hatte ihr tägliches Gebetbuch genommen und es vor sich aufgeschlagen zu ihrer stillen, von niemand belauschten Andacht. Traulich um­gaben sie die Dinge der kleinen Kapelle. In der Nische über der Bank standen die kleinen Krüge für Oel und Salben und der zweiarmige Leuchter, der am rauhen Wintermorgen entzündet werden mußte, wenn sie noch vor der Arbeit ihr Gebet verrichten wollte, darunter hing eine beschriebene Tafel Der Boden war säuberlich mit weißen und rotbraunen Fliesen ausgelegt. Und in diesen Raum, in dem sie sich selbst am reinsten und beruhigsten fand, tritt der Engel. Der Heiligenschein, den sie vielleicht schon lange getragen, sängt an zu leuchten und über ihr schwebt die Taube des Geistes. Der Engel kommt nicht in dem stürmischen Flug, wie wir ihn Wohl von anderen Bildern kennen. Zwar, sein Gewand ist bewegt, und der nach außen gewendete Fuß zeigt noch, daß er erst in diesem Augenblick niedergekniet ist. Aber er ist doch ein stiller Bote seines Gottes, der ohne lärmende Pose hereintritt und seinen Auftrag ausrichtet. In seiner linken Hand hält er das Spruchband mit der Verkündigung Jve Oraciu und den Lilienzweig. Die Rechte hat er ein wenig erhoben. Ueber seiner Stirn schwebt ein Kreuz. Maria, von ihrem aufgelösten, welligen Haar umflossen, kniet vor den: Betschemel, beide Hände über der Brust gekreuzt. Auch sie nimmt die Botschaft ganz still auf, ohne Erschrecken, nur wie in ruhigem Horchen. Weder das Angesicht Marias, noch des Engels entsprechen irgend einem Schön­heitsideal. Es sind stille Gesichter von wehmütigem, beinahe schmerzlichem Ausdruck, in denen sich das, was sich begibt, ganz innerlich und ganz verborgen spiegelt. Auch in den Farben hat der Künstler die größte Zurückhaltung geübt. Das Nntergewand der Maria ist braunrot, der Mantel darüber weiß mit roten