Heft 
(1939 - 1940) 1
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zu deuten, die sich beim endgültigen Abtauen des Eises bildeten, und zwei Erscheinungen waren und sind es, die immer von neuem als Spuren dieser Riesengewässer gedeutet werden: Das sind einmal die Seenketten, die gelegentlich ja wirklich den Eindruck machen, als wäre hier ein alter Fluß von ungeheurem Ausmaß geflossen und habe nach seinem Versiegen die Seen als Trümmer seines Bettes zurückgelassen. Zweitens ist es das Havelländische Luch, dieses weite, heute vermoorte Tal, das zwischen das Tal der Spree oberhalb Spandau und der Elbe unterhalb Havelberg so auffällig verbindend eingeschoben ist, Haß es ohne weiteres einleuchtet, hier habe einst ein Strom aus dem Spreetale seinen Weg nach Havelberg zur Elbe genommen. Was lag näher, als diesen Strom sich in der Zeit des Abschmelzens zu denken. Schien es doch selbstverständlich, daß damals größere Wassermassen als zuvor und hernach über dieses Gelände abgeflossen sein müßten. Dazn mögen auch Erinnerungen an biblische Sintfluterzählungen getreten sein. Zwar spricht die Bibel nirgends von der Mark; aber man übertrug natürlich das, was vom Morgeulaude gesagt war, auch auf die Heimat.

Und doch hätten mindestens die Fachleute stutzig werden müssen bei der Frage, warum denn weder das Havel- ländische Luch, noch die Seen ketten der Prig - nitz von den heutigen Flüssen benutzt werden. Die Seen der Ostprignitz liegen zwischen der Jägelitz und der Dosse, aber keiner von beiden Flüssen durchströmt sie, und vor dem Havelländischen Luch biegt die Havel und Spree im weiten Bogen nach Süden, um erst wieder kurz vor Havelberg in das Tal des Luches zurückzukehren. Welche Kräfte konnten denn veranlassen, daß, nachdem so viel stärkere Wassermassen sich hier Wege gebahnt hatten, die kleineren Nachfolgegewässer nach dem Abtauen nicht deren vorbereitete Betten benutzten, sondern sich eigene daneben gruben?

Tatsächlich müssen wir heute feststellen, daß es keine ein­leuchtenden Ursachen für diese Veränderungen gibt. Die weit­aus natürlichere Annahme ist die, daß im Augenblicke des Eis­freiwerdens des märkischen Bodens sichsafortdasheutige Gewässernetz gebildet hat.

Man hat durch eine besondere Annahme versucht, die alte Theorie zu halten. Es z^igt sich nämlich, daß überall dort, wo eines der sogenanntenUrstromtäler" heute nicht mehr von einem Flusse benutzt wird, die Ablenkung durch eine Seen- kette erfolgt, wie bei Spandau die Kette der Havelseen es ist, die die Havel und die Spree aus dem Havelläudischen Luch ablenkteu.