Bodens, und statt des dem Dorfe zugehörigen Arbeiters kommen Fremde, die zu keiner Gemeinschaftsbildung gelangen, da sie — Außenstehende gegenüber einer seelisch und sozial geschlossenen Besitzergruppe — sich nicht einzuleben vermögen, sondern sie wandern ab und werden durch andere ersetzt. Einen sprechenden Ausdruck findet dieser Wandel darin, daß im Jahre 1882 zum erstenmal eine Bauernhochzeit in Kuhbier gefeiert wird, zu der die Arbeiter nicht eingeladen werden. Das Dorf ist keine Gemeinschaft mehr.
Es ist nicht möglich, im Rahmen einer kurzen Besprechung all die vielen in dem Buch anklingenden Fragen zu erörtern. Eine überaus wichtige Rolle in dem langsamen Verfall der Dorfgemeinschaft spielt die wachsende Kinderarmut der Bauern. War der Durchschnitt der älteren Zeit je vier Kinder aus. eine Bauernehe, so ging er in einer kaum überwundenen Gegenwart auf 1,6 Kind auf eine Ehe zurück. Diese Zahl genügte nicht mehr, um die Bauernhöfe mit Erben zu besetzen. Nur ganz wenige alte Familien haben sich im Mannesstamm erhalten, eine ganze Anzahl der Höfe wird heute durch die Schwiegersöhne verwaltet. Auch das bedeutet eine wachsende Ueber- fremdung.
Die soziale Umschichtung, die wachsende Kluft zwischen Bauern und Arbeiter, die sich sowohl blutmäßig wie materiell auftut, all die Spannungen und Schwierigkeiten, die daraus erwachsen, sind, wie wir wissen, nicht eine Sonderangelegenheit des Dorfes Kuhbier. Hier sind nur einmal von berufener Hand diese Zustände klar herausgestellt. Sie gehörten mit zu den ernstesten Notständen, an denen wir litten und die den Bestand unseres Volkes gefährdeten. Das Dritte Reich ist an ihnen nicht vorübergegangen. Stella Seeberg weist in ihrer Schlußzusammenfassung auf die beginnende Bildung einer neuen Gemeinschaft mit anderen Grundlagen, im weiteren Rahmen. Schon vorher sagt sie einmal, nach den Bedingungen des modernen Lebens wird man vermuten dürfen, daß eine so enge Bindung der Dorfgeineinschaft wie nach dem 30jährigen Kriege oder noch um 1813 den kommenden Geschlechtern nicht mehr beschieden sein wird. Dafür wird ihre Angleichung an die anderen Prignitzer, ja, vielleicht an die anderen Deutschen größer werden und so über die Dorfgemeinschaft hinaus die Idee der Volksgemeinschaft an Kraft gewinnen. Die Wege, die der Nationalsozialismus zu einer stärkeren Bindung auch in der Schicksalsgemeinschaft eines Dorfes einschlagt, find ein Ausgleich der allzu großen Unterschiede der Lebensbedmgungen der einzelnen Glieder des Dorfganzen, wieder stärkere Bindung an den Boden und Erhöhung der Kinderzahl.