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(1.1.2019) 05
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denen scheint es sicher zu stehen- zählen bekanntlich Vielfalt, Kontraste und Extre­me. Davon hat das diesjährige Festival noch mehr gewagt als in den Jahren zuvor. Und es hat auch ebensoviel gewonnen. Und damit ist nicht nur die Neugier ande­rer großer Festivalveranstalter in Europa, z.B. des berühmten, beinahe schon klassi­schen Sommerfestivals in Avignon, ge­meint. Gemeint sind vor allem ein Mehr an Überraschungen, Entdeckungen, an Irrita­tionen, Suggestionen und Phantasie glei­chermaßen wie an streitbaren Auffassun­gen, pulsierender Lebendigkeit und Atmo­sphäre. Das Festivalprogramm wirkte in allen Punkten überaus professionell und von hoher künstlerischer Qualität und Ori­ginalität. Unter dem Schwerpunkt, Tenden­zen von Bildertheater und Performance aufzuzeigen, ließ sich eine theatralische Mixtur subsumieren, die Zeit und Wahr­nehmung voll und ganz beanspruchte und die die Vorstellungen bzw. Begrifflich­keiten von Theater nicht nur produktiv ge­geneinander, sondern gegebenenfalls auch gänzlich in Frage stellte. Bekanntlich flicht dem Mimen niemand Kränze. Das Publikum jedoch dankte dem Veranstalter DeGater98 und seinen Part­nern mit großem und herzlichem Interes­se für das breitgefächerte Spektrum an theatralischen Möglichkeiten. Aber wohl auch dafür, daß dieses Theatertreffen vor allem ein Kommunikations- und Interak­tionsmodell darstellt, das in Zeiten mini­mierter und limitierter Wahrnehmung von Gruppen oder einzelnen identitätsstiftend wirkt, und zwar in einem kulturell übergrei­fenden Sinne.

UNIDRAM ist mittlerweile fünf Jahre alt (oder jung). Eigentlich setzt da allmählich diejenige Routine ein, die solche Veranstal­tungen dann langweilig werden läßt. Davon war nichts zu spüren. UNIDRAM nach fünf Jahren ist so erfrischend neu wie im ersten Jahr. Und das spricht sich allmählich her­um, nicht zuletzt in den Weiten Osteuropas. Denn kaum irgendwo sonst kann man einen solchen Querschnitt modernen(osteuropäi­schen) Theaters erleben, sich innerhalb einer Woche derart konzentriert, intensiv und darüber hinaus moderat und kritisch in fachkundigen Diskussionen und Gesprä­chen mit diesem Medium konfrontieren und die Reibungsflächen spüren, die das Theater gerade im Medienzeitalter offenzu­legen vermag. Kann UNIDRAM diesen An­spruch halten, ist es nur eine Frage der Zeit, wann dieses Theatertreffen zu einem der bedeutenderen Festivals in Deutschland avanciert. In den neuen Ländern ist es das schon jetzt!Ein Glücksfall im Festival­trubel, so die Einschätzung eines Kritikers. Und ob Trubel oder Kritiker, beides ist be­kanntlich erheblich. Mitusch

IM LABYRINTH DER ZAHLEN

Zwei Wegweiser für Mitdenker

Können auch Laien einen Einblick in mo­derne Mathematik gewinnen? Diese Frage würden die beiden amerikanischen Ma­thematiker John Horton Conway und Ri­chard K. Guy sicherlich mitJa beantwor­ten. Mit ihrem BuchZahlenzauber haben sie eine Sammlung einfach zu verstehen­der Probleme vorgelegt, deren Lösung je­doch die erstaunlichen Eigenschaften von Zahlen aufdeckt.

Außer den vier Grundrechenarten setzen die Autoren keine mathematische Vorbil­dung voraus, wohl aber die Lust am Kno­beln und Mitdenken. Leider sind die Skiz­zen und Bilder in der Mehrzahl recht schlicht und nach Art technischer Zeich­nungen kunstlos ins Buch gesetzt. Ein klei­ner Tippfehler wie zum Beispielviele stattvier(S. 230) schafft kurzfristig Ver­wirrung und läßt vermuten, daß das Werk in Eile Korrektur gelesen wurde. Gut die Hälfte des Buches ist allein den ganzen Zahlen vorbehalten, dem Rechnen mit Bil­dern, den in Intelligenztests so beliebten Zahlenfolgen und den berühmtenZahlen­familien.

Wieviele Möglichkeiten gibt es zum Bei­spiel, eine Anzahl von Gepäckstücken an­zuordnen? Alle Taschen können auf einen einzigen Haufen gepackt werden oder auf mehrere kleinere Haufen oder einzeln ne­beneinander stehen. Die Antwort auf die Kofferfrage geben dieBellschen Zahlen. Ein andererHaufen Probleme, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, läßt sich mit denCatalanschen Zahlen lösen. Am berühmtesten sind je­doch die Fibonacci-Zahlen geworden, die den Nachwuchs in der n-ten Generation eines

Kaninchenpaares beziffern. Die Fibonacci­Zahlen kommen überall in der Natur vor, nicht nur bei der Vermehrung von Kanin­chen. So zeigen die Autoren, daß die An­zahl von Spiralen bei Tannenzapfen, Kak­teen, Ananasfrüchten oder Sonnenblumen eine Fibonacci-Zahl sein muß und daß auch die Anordnung von Blattsprossen bei den meisten Pflanzen dem Fibonacci-Ge­setz folgt.

Die zweite Hälfte des Buches wird deutlich komplizierter und verlangt vom Leser Durchhaltevermögen, Bleistift und Papier: Es geht um Tricks beim Kartenmischen, um die imaginären Zahlen, um das Rätsel der Transzendenz und der Unendlichkeit. Die­ses Buch ist eine Fundgrube für Lehrer und Lehrerinnen, die nach spannenden Proble­men suchen, die sich mit einfachen Mitteln lösen lassen und dabei echtes mathemati­sches Denken herausfordern. Auch Men­schen, die sich gerne zum Nachdenken anregen lassen und Spaß am Tüfteln ha­

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Zahlenzauber

Von natürlichen imaginären und anderen Zahlen

MN iw Or

Birkhäuser

ben, werden hier auf ihre Kosten kommen Allen anderen, Schülern wie Erwachsenen, die eine etwas entspanntere Lektüre über die Wunder im Reich der Zahlen suchen, sei derZahlenteufel empfohlen. Sein Ver fasser Hans Magnus Enzensberger ist eben kein Mathematiker, sondern ein sprachge waltiger Literat, der gerne Geschichten er­zählt. Wie er jedoch selbst schreibt, hat er viele Anregungen aus der englischen Ori­ginalfassung desZahlenzauber-Buchs in sein Kopfkissenbuch für Kinder und Er­wachsene,die vor der Mathematik Angst haben, übernommen. Der Zahlenteufel er scheint dem verschreckten Schüler Robert im Traum und führt ihn durch Felder von Hasenpärchen, die immer neue Junge krie­gen, an Zahlenpyramiden vorbei bis in das Reich der Primzahlen, der Wurzeln und ver­blüffender Zahlenspiele. Damit gelingt es Robert sogar, eine langwierige Rechenauf­gabe seines fürchterlichen Mathelehrers Dr. Bockel in Null Komma nichts zu lösen. Große Worte wie Unendlichkeit und Cantorstaub fallen in den letzten Kapiteln. Dieses Buch macht großen Spaß, auch wegen der fantasievollen Illustrationen von Roberts Träumen. Es läßt sich gut vorlesen und könnte Eltern und Kinder zu gemeinsa­men Zahlenspielen anregen. ar

John H. Conway, Richard K. Guy: Zahlen­zauber- von natürlichen, imaginären und anderen Zahlen, Birkhäuser Verlag, Basel, 343 S., 58 DM.

Hans Magnus Enzensberger: Der Zah­lenteufel Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben, Carl Hanser Verlag, München, 263 S., 39,90 DM.

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