AUF DER SUCHE NACH ÄSTHETISCHEN ANTWORTEN
Kunst- und Dokumentationsausstellung zum Jubiläum der Menschenrechtserklärung
Ist es möglich, Unfaßbares wie Folter, Erniedrigung, Unterdrückung mit ästhetischen Mitteln sinnlich erfahrbar werden zu lassen? Daß dies durchaus zu vermitteln ist, beweisen die Exponate einer Ausstellung zum Jubiläum der Menschenrechtserklärung.
Am 10. Dezember 1998 jährt sich zum 50. Mal die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Das Menschenrechtszentrum der Uni nahm dies zum Anlaß, ein vielfältiges Jahresprogramm zu initiieren. Es enthält auch eine Kunst- und Dokumentationsausstellung. Gemeinsam mit dem Studiengang Kunst entstand ein nicht alltägliches interdisziplinäres Projekt. Dessen Reiz besteht im Nebeneinander von juristischen Dokumentationen, Texttafeln zu Wurzeln, Bedeutung und Auswirkungen der Erklärung sowie künstlerischen Arbeiten. Dieses Experiment forderte nach Ansicht von Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett die beteiligten Studierenden dazu auf,„die Frage nach der sozialen Funktion und politischen Relevanz von Bildender Kunst im eigenen Erfahrungsprozeß neu zu überdenken“. Wichtiges Anliegen war es ihr dabei, eigene Wege und individuelle Sichten zuzulassen.
Nachdem der Direktor des Menschenrechtszentrums, Prof. Dr. Eckart Klein, bei der Leiterin der Hauptklasse Malerei im Institut für Grundschulpädagogik mit seiner Idee auf positive Resonanz stieß, begann die Auseinandersetzung mit dem Thema Menschenrechte in verschiedenen Ateliers. Überlegungen standen im Raum, welche
Individuelle Sicht auf das Thema Menschenrechte:„Wer im Glashaus sitzt...”
IE VERBOT | Folter
|
Nicht Dekoration„trockener" Texte, sondern künstlerische Auseinandersetzung mit der Menscher
rechtserklärung, hier zum Artikel Folterverbot, ist das Anliegen der Ausstellung.
Artikel künstlerisch zu gestalten, welche Farben wirkungsvoll einsetzbar sind, welche Symbole, Formen Verwendung finden sollten. Schließlich entschied man sich dafür, die Themen Folterverbot, Meinungsfreiheit, Wahlrecht, Recht auf Arbeit, Recht auf Eigentum und Menschenpflichten künstlerisch umzusetzen. Die Studierenden um Meike Aissen-Crewett und Winfried Grössel aus dem Institut für Grundschulpädagogik sowie den Berliner Bildhauer Paul Göbel dokumentierten diese geistige Auseinandersetzung, den Entstehungsprozeß ihrer Arbeiten. Deshalb enthält die Schau in werktagebuchartigen Berichten Vorentwürfe, Annäherungswege. So gestaltet sich der Prozeß der Suche nach ästhetischen Antworten für den
Foto: Fritze
Foto: Fritze
Betrachter nachvollziehbar. Deutlich werde dabei sowohl das Ringen um die Theme als auch die aufgetretenen Zweifel und LC sungsvorschläge.„Wir sahen natürlich die große Gefahr, daß Kunst zur Dekoration der Texte verkommen könnte“, schildert Meike Aissen-Crewett ihre Befürchtungen. Es ist fi sie deshalb„Kunst als Ernstfall“. Mittelpunkt der Exposition bildet ein im Raum frei liegender Glasscherbenhaufer
’ der Gewaltanwendung assoziiert. Glasspli
ter sind verstreut, Pflastersteine liegen auf dem Boden, daneben ein Stück Papier m:t der Bemerkung ‚Wer im Glashaus sitzt.. Bewußt provozierend auch der mit Beinen von Barbiepuppen und verkitschten Geger ständen drapierte Tisch.
Die enstandenen Kunstwerke(abstrakt Grafik, farbige Malerei, Objekte) zeigen 1'ı unterschiedlicher Weise, daß die Ergebni: se des Prozesses der Auseinandersetzung äußerst sehenswert sind und zum Nacl denken anregen. Individuelle Handschri ten sind unverkennbar.
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten. Sie sind mit Vernun’t und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen“. Da dies im Artikel 1 der Menschenrechtserklärung Dargelegte in vielen Teilen der Welt nicht Realität ist, weiß jeder. Mit ihren Mitteln verweist die Ausstellung auch auf die se Diskrepanz von Vision und Wirklichkeit.
Nachdem die Exposition im Potsdamer Stadthaus und im Uni-Komplex Am Neuen Palais Station machte, ist sie nun bis zum 9. Dezember im Foyer des Hauptgebäudes im Uni-Komplex Griebnitzsee zu sehen.
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