Heft 
(1.1.2019) 09
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ETWAS FETT IST GAR NICHT SCHLECHT

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Susanne Klaus

Etwa 15 Kilo Fett trägt ein gesunder durch­schnittlicher 70-Kilo-Mensch mit sich her­um. Damit könnte er gut 50 Tage lang ohne Nahrung auskommen. In Form von Kohlen­hydraten gespeichert, wöge solch ein Energievorrat schon 150 Kilogramm. Fett ist nicht nur ein idealer Energiespeicher, sondem schützt auch vor Kälte und pol­stert den Körper ab. Daß die ungeliebten Fettzellen darüber hinaus auch noch ande­re Funktionen haben, erklärte Prof. Dr. Su­sanne Klaus, die vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung und der Uni Pots­dam gemeinsam berufen wurde.

Manche Arten von Wüstenmäusen müssen zeitlebens nichts trinken sie gewinnen alles benötigte Wasser aus dem Körperfett, denn bei der Verbrennung von Fett aus den Fett­zellen wird fast doppelt soviel Wasser freige­setzt wie bei der Oxidation von Kohlenhydra­ten. Viele Tiere haben außerdem ein aktives Fettgewebe, das sogenannte braune Fett. In jeder braunen Fettzelle sitzen mehrere tau­send Mitochondrien, die dank ihrer erstaun­lichen Anzahl die Fettröpfchen in den Zellen verbrennen und dabei Wärme erzeugen. Mit einem inneren Heizdeckchen aus braunem Fett bringt der sibirische Hamster ein kleines Wunder fertig: Das Tierchen von nur 30 Gramm Körpergewicht hält dem sibirischen Winter mit 20 bis 30 Grad Kälte stand. Winterschlafende Tiere haben ihre innere Heizung im braunen Fettgewebe program­miert, so daß sie am Ende der Schlafperiode anspringt und das Tier wieder auf eine nor­male Körpertemperatur aufheizt. Auch Neu­geborene besitzen braunes Fettgewebe. Es ist wie ein inneres Heizjäckchen unter der Haut verteilt und wärmt den kleinen Leib des Babies. Bei erwachsenen Menschen spielt braunes Fett dagegen fast keine Rolle mehr. Dabei entstehen weiße und braune Fettzellen beide aus der gleichen Vorläuferzelle, der Präadipozyte. Was genau den Ausschlag gibt bei einer Präadipozyte, ob sie sich zu brau­nem Fett ausbildet oder zu weißem, unter­sucht Susanne Klaus mit ihrer Arbeitsgruppe. Dabei will sie vor allem die spezifischen Gene ausfindig machen, in denen die jeweilige Bauanleitung beschrieben ist.

Gerade in den letzten Jahren sind Fettzellen als wichtige Produzenten von Botenstoffen für den Stoffwechsel aufgefallen. Je zahlreicher und größer die Fettzellen werden, desto mehr Leptin produzieren sie. Dieser Stoff signali­siert dem Gehirn, daß der Körper satt ist und nun Bewegung braucht. Wird dagegen zu wenig Leptin gebildet, empfindet der Orga­nismus Hunger. In der Wildnis scheint der Leptinstoffwechsel zu funktionieren, denn die Tiere halten ihr Idealgewicht ganz ohne Waa­

ge und Terror durch die Mode. Die Vermu­tung lag nahe, daß bei dicken Menschen der Leptnstoffwechsel gestört sei und daß Leptin­Tabletten beim Abnehmen helfen könnten. Dies erwies sich als voreilig- die Wunderpille gibt es nicht. Vielmehr sieht es heute danach aus, als ob die Rezeptoren, also die Emp­fangsstationen für den Botenstoff bei man­Chen Menschen nicht gut funktionieren. Der Botenstoff paßt wie ein Schlüssel ins Schlüs­selloch des Rezeptors, aber er klemmt. Inzwi­schen versuchen Wissenschaftler herauszu­finden, wie die Rezeptoren bei stark überge­wichtigen Menschen stimuliert werden könn­ten. Aber an eine Wunderpille glaubt Susan­ne Klaus auch für die Zukunft nicht. Ihre Bot­schaft an ihre Zuhörer: Ein bißchen Fett ist gar nicht so schlecht. Nach den Wechseljahren der Frauen sind die Fettzellen das einzige Or­gan, das noch körpereigene Östrogene liefert

Der Sibirische Hamster sucht noch bei 30 Grad Kälte im Freien nach Nahrung. Mit seiner Hülle aus braunem Fett hält er seinen Körper warm. Z9g.

mollige Frauen haben daher ein geringeres Osteoporose-Risiko und erleben die Wechsel­jahre in abgemilderter Form. Überhaupt ha­ben Frauen Glück: Bei den meisten lagert sich das Fett im Hüftbereich ab, und dieser birnenförmige Körpertyp ist kein Risikofak­tor für Herz-Kreislaufkrankheiten. Nur der Bierbauch(apfelförmiger Typ) setzt der Ge­sundheit zu. ar

ERKUNDUNG VON ERDBEBENURSACHEN

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Michael Weber

Im Rahmen ei­ner gemeinsa­men Professur für Geophysik mit dem Geo­ForschungsZen­trum Potsdam, hielt Prof. Dr. Michael Weber am 19. Novem­ber seine An­trittsvorlesung über neue Methoden zur seismischen Erkundung von Scherzonen. Scherzonen sind Verwerfungen, an denen sich die Erdkrusten relativ zueinander be­wegen, was Erdbeben verursachen kann.

Foto: privat

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Erdbeben können verheerende Auswirkun­gen haben. So wird geschätzt, daß infolge des Tiangshan Bebens von 1976 in China mehr als 250.000 Menschen ums Leben ka­men. 1995 verursachte das Beben in Kobe, Japan, Sachschäden von etwa 100 Milliarden DM. Das stärkste bekannte Beben, das Chi­le-Beben von 1960, setzte etwa die zehn­millionenfache Energiemenge der Hiro­shima-Bombe frei.

Die kalifornische San Andreas Verwerfung, an der Grenze zwischen der Pazifischen und Nordamerikanischen Platte, ist das bekann­teste Beispiel einer Scherzone. Genauge­nommen handele es sich um ein ganzes System von Scherzonen, erläuterte Weber. Mit Aufzeichnungen der Herdlokationen von Erdbeben lassen sich Karten der Scherzo­nen erstellen. Diese Beobachtungen müssen allerdings über viele Jahre hinweg geführt

werden. Eine andere Möglichkeit bietet die seismische Tomographie: Aus den Laufzeit­unterschieden von seismischen Wellen las­sen sich Rückschlüsse über die Ausdeh­nung und Struktur der Scherzonen ziehen. Die Laufzeitdifferenzen sind aber oftmals zu gering, um ein zuverlässiges Abbild des Un­tergrundes zu erhalten.

Um die Kartierung von Scherzonensystemen zu verbessern, kombiniert Michael Weber mehrere seismische Verfahren, darunter auch das von ihm mitentwickelte arrayseis­mologische Verfahren. In der Arrayseismo­logie wird die flächenhafte Verteilung seis­mischer Stationen und Erdbeben ausge­nutzt, so daß aus den Überlagerungseffekten Information gewonnen werden kann.

Bei den Experimenten dienen künstliche Mini-Erdbeben(Sprengungen) als Quellen der seismischen Energie. In einem ersten Schritt wird die Scherzonenstruktur grob abgebildet. Die weitere Auflösung der drei­dimensionalen Struktur der Scherzone er­fordert schließlich eine flächenhafte Anord­nung von Quellen und Aufnehmern in Form von sogenannten Arrays. Analysen der Polarisationsrichtung der teleseismischen Scherwellen liefern Informationen über Konvektionströmungen im Erdmantel und erlauben damit Rückschlüsse auf die dyna­mischen Ursachen großer Scherzonen. Michael Weber und seinen Mitarbeiter wer­den voraussichtlich als nächstes im Rah­men einer Initiative des GeoForschungs­Zentrums die Struktur und Dynamik der Scherzone am Toten Meer in Israel genau­er erkunden. Georg Rümpker

PUTZ 9/98

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