ETWAS FETT IST GAR NICHT SCHLECHT
Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Susanne Klaus
Etwa 15 Kilo Fett trägt ein gesunder durchschnittlicher 70-Kilo-Mensch mit sich herum. Damit könnte er gut 50 Tage lang ohne Nahrung auskommen. In Form von Kohlenhydraten gespeichert, wöge solch ein Energievorrat schon 150 Kilogramm. Fett ist nicht nur ein idealer Energiespeicher, sondem schützt auch vor Kälte und polstert den Körper ab. Daß die ungeliebten Fettzellen darüber hinaus auch noch andere Funktionen haben, erklärte Prof. Dr. Susanne Klaus, die vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung und der Uni Potsdam gemeinsam berufen wurde.
Manche Arten von Wüstenmäusen müssen zeitlebens nichts trinken— sie gewinnen alles benötigte Wasser aus dem Körperfett, denn bei der Verbrennung von Fett aus den Fettzellen wird fast doppelt soviel Wasser freigesetzt wie bei der Oxidation von Kohlenhydraten. Viele Tiere haben außerdem ein aktives Fettgewebe, das sogenannte braune Fett. In jeder braunen Fettzelle sitzen mehrere tausend Mitochondrien, die dank ihrer erstaunlichen Anzahl die Fettröpfchen in den Zellen verbrennen und dabei Wärme erzeugen. Mit einem inneren Heizdeckchen aus braunem Fett bringt der sibirische Hamster ein kleines Wunder fertig: Das Tierchen von nur 30 Gramm Körpergewicht hält dem sibirischen Winter mit 20 bis 30 Grad Kälte stand. Winterschlafende Tiere haben ihre innere Heizung im braunen Fettgewebe programmiert, so daß sie am Ende der Schlafperiode anspringt und das Tier wieder auf eine normale Körpertemperatur aufheizt. Auch Neugeborene besitzen braunes Fettgewebe. Es ist wie ein inneres Heizjäckchen unter der Haut verteilt und wärmt den kleinen Leib des Babies. Bei erwachsenen Menschen spielt braunes Fett dagegen fast keine Rolle mehr. Dabei entstehen weiße und braune Fettzellen beide aus der gleichen Vorläuferzelle, der Präadipozyte. Was genau den Ausschlag gibt bei einer Präadipozyte, ob sie sich zu braunem Fett ausbildet oder zu weißem, untersucht Susanne Klaus mit ihrer Arbeitsgruppe. Dabei will sie vor allem die spezifischen Gene ausfindig machen, in denen die jeweilige Bauanleitung beschrieben ist.
Gerade in den letzten Jahren sind Fettzellen als wichtige Produzenten von Botenstoffen für den Stoffwechsel aufgefallen. Je zahlreicher und größer die Fettzellen werden, desto mehr Leptin produzieren sie. Dieser Stoff signalisiert dem Gehirn, daß der Körper satt ist und nun Bewegung braucht. Wird dagegen zu wenig Leptin gebildet, empfindet der Organismus Hunger. In der Wildnis scheint der Leptinstoffwechsel zu funktionieren, denn die Tiere halten ihr Idealgewicht ganz ohne Waa
ge und Terror durch die Mode. Die Vermutung lag nahe, daß bei dicken Menschen der Leptnstoffwechsel gestört sei und daß LeptinTabletten beim Abnehmen helfen könnten. Dies erwies sich als voreilig- die Wunderpille gibt es nicht. Vielmehr sieht es heute danach aus, als ob die Rezeptoren, also die Empfangsstationen für den Botenstoff bei manChen Menschen nicht gut funktionieren. Der Botenstoff paßt wie ein Schlüssel ins Schlüsselloch des Rezeptors, aber er klemmt. Inzwischen versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wie die Rezeptoren bei stark übergewichtigen Menschen stimuliert werden könnten. Aber an eine Wunderpille glaubt Susanne Klaus auch für die Zukunft nicht. Ihre Botschaft an ihre Zuhörer: Ein bißchen Fett ist gar nicht so schlecht. Nach den Wechseljahren der Frauen sind die Fettzellen das einzige Organ, das noch körpereigene Östrogene liefert
Der Sibirische Hamster sucht noch bei 30 Grad Kälte im Freien nach Nahrung. Mit seiner Hülle aus braunem Fett hält er seinen Körper warm. Z9g.
—mollige Frauen haben daher ein geringeres Osteoporose-Risiko und erleben die Wechseljahre in abgemilderter Form. Überhaupt haben Frauen Glück: Bei den meisten lagert sich das Fett im Hüftbereich ab, und dieser „birnenförmige Körpertyp“ ist kein Risikofaktor für Herz-Kreislaufkrankheiten. Nur der Bierbauch(apfelförmiger Typ) setzt der Gesundheit zu. ar
ERKUNDUNG VON ERDBEBENURSACHEN
Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Michael Weber
Im Rahmen einer gemeinsamen Professur für Geophysik mit dem GeoForschungsZentrum Potsdam, hielt Prof. Dr. Michael Weber am 19. November seine Antrittsvorlesung über neue Methoden zur seismischen Erkundung von Scherzonen. Scherzonen sind Verwerfungen, an denen sich die Erdkrusten relativ zueinander bewegen, was Erdbeben verursachen kann.
Foto: privat
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Erdbeben können verheerende Auswirkungen haben. So wird geschätzt, daß infolge des Tiangshan Bebens von 1976 in China mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen. 1995 verursachte das Beben in Kobe, Japan, Sachschäden von etwa 100 Milliarden DM. Das stärkste bekannte Beben, das Chile-Beben von 1960, setzte etwa die zehnmillionenfache Energiemenge der Hiroshima-Bombe frei.
Die kalifornische San Andreas Verwerfung, an der Grenze zwischen der Pazifischen und Nordamerikanischen Platte, ist das bekannteste Beispiel einer Scherzone. Genaugenommen handele es sich um ein ganzes System von Scherzonen, erläuterte Weber. Mit Aufzeichnungen der Herdlokationen von Erdbeben lassen sich Karten der Scherzonen erstellen. Diese Beobachtungen müssen allerdings über viele Jahre hinweg geführt
werden. Eine andere Möglichkeit bietet die seismische Tomographie: Aus den Laufzeitunterschieden von seismischen Wellen lassen sich Rückschlüsse über die Ausdehnung und Struktur der Scherzonen ziehen. Die Laufzeitdifferenzen sind aber oftmals zu gering, um ein zuverlässiges Abbild des Untergrundes zu erhalten.
Um die Kartierung von Scherzonensystemen zu verbessern, kombiniert Michael Weber mehrere seismische Verfahren, darunter auch das von ihm mitentwickelte arrayseismologische Verfahren. In der Arrayseismologie wird die flächenhafte Verteilung seismischer Stationen und Erdbeben ausgenutzt, so daß aus den Überlagerungseffekten Information gewonnen werden kann.
Bei den Experimenten dienen künstliche Mini-Erdbeben(Sprengungen) als Quellen der seismischen Energie. In einem ersten Schritt wird die Scherzonenstruktur grob abgebildet. Die weitere Auflösung der dreidimensionalen Struktur der Scherzone erfordert schließlich eine flächenhafte Anordnung von Quellen und Aufnehmern in Form von sogenannten Arrays. Analysen der Polarisationsrichtung der teleseismischen Scherwellen liefern Informationen über Konvektionströmungen im Erdmantel und erlauben damit Rückschlüsse auf die dynamischen Ursachen großer Scherzonen. Michael Weber und seinen Mitarbeiter werden voraussichtlich als nächstes im Rahmen einer Initiative des GeoForschungsZentrums die Struktur und Dynamik der Scherzone am Toten Meer in Israel genauer erkunden. Georg Rümpker
PUTZ 9/98
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