Heft 
(1.1.2019) 02
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Ausbildung

Interkulturelle Erziehung ­

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Anspruch und Wirklichkeit im Prozeß europäischer Integration

Vor wenigen Tagen fand an der Brandenburgi­schen Landeshochschule Potsdam ein 2 tägiges Colloquium zu einem umfangreichen Katalog inhaltlicher Fragen, Anforderungen und Probleme interkultureller Bildungs- und Erziehungsarbeit statt, Diese Tagung wurde auf gemeinsame Initiative des Instituts für Interkulturelle Erziehung der Freien Uni­versität Berlin und des Fachbereiches Pädagogik der Brandenburgischen Landeshochschule ins Le­ben gerufen.

Zu den ca, 30 Teilnehmern zählten Lehrerbildner, Ethnologen, Schulpraktiker, Nach­wuchswissenschaftler und Linguisten,

Erst seit knapp zwei Jahren ist interkulturelle Erzie­hung in Berlin(West) ein bildungspolitischer Schwer­punkt, obwohl gerade hier und auch in den Altbun­desländern von einer monokulturellen Gesellschaft im Herzen Europas schon längst nicht mehr die Rede sein kann.

Experten gehen davon aus, daß bereits 1990/91 mehr als eine halbe Million Menschen aus der So­wjetunion, aus Polen, Rumänien und Vietnam nach Deutschland übersiedeln werden.

Diese Situation trifft Öffentlichkeit und Fachleute, vor allem in den neuen Bundesländern, weitge­hend unvorbereitet, An den Schulen, in den Schul­klassen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR er­folgte die Begegnung der Schüler mit Kulturen, Tra­ditionen und Erfahrungen anderer Länder bisher meist in Abwesenheit von Repräsentanten dieser Kulturgruppen. Deshalb müssen schnellstens der zu

Grundstufenpadagogen zur Reform des Heimatkundeunterrichts in Brandenburg

Schwerpunkt vieler Diskussionsbeiträge von Lehrern und Erziehungswissenschaftlierh anläßlich einer Be­ratung der Arbeitsgruppe"Heimatkunde in Bran­denburg am 15.12.1990 war die Forderung nach einer forcierten, den Bedingungen im Lande ent­sprechenden Erneuerung des Heimatkundeunter­richts, Die ausgesprochen kritische Sicht auf das bisher Erreichte führte vor allem zu Schlußfolgerun­gen für

-Zielstellungen des Heimat- und Sachunterrichts, die neuen Ansprüche an die Bildung und Erziehung in der Grundstufe gerecht werden(u. a, wurde auf die Notwendigkeit der Rückführung von Kindern der Hilfsschule auf der Grundlage dieses Anspruchs verwiesen),

- eine Inhaltsstruktur, die die Orientierung am Kind und seiner Lebenswelt in den Mittelpunkt stellt, oh­ne die daraus resultierenden Ansprüche an wissen­schaftsorientiertes Eingliedern adäquater Inhalte zu vernachlässigen,

- eine Unterrichtsgestaltung, die Freiräume für Ver­fahren der Binnendifferenzierung zur individuellen Förderung jeden Kindes nach Leistungsvermögen, Methode und Arbeitstempo zuläßt ohne Aufgabe

der Forderung nach einem gemeinsamen Grund­bestand an Wissen und Können, auf dem von Klas­se zu Klasse weiter aufgebaut werden kann. Vorstellungen, die sich auf eine Rückkehr zum pro­pädeutischen Fachunterricht ab Klasse 4(z. B. in Geschichte, denkbar wären dann auch Biologie und weitere Fächer) beziehen, wurden ausnahms­los abgelehnt. Der Versuch vorgezogenen Fachun­terrichts In gesonderten Lehrgängen ab Klasse 4 erfolgte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR im Jahre 1951.

Die kritische Absage an die Verselbständigung ein­zelner fachdidaktischer Ansätze im Sachunterricht vollzog sich in den alten Bundesländern zu Beginn der 70er Jahre.

Dr. I. Frohne

erwartenden Migrationsbewegung entsprechen­de konzeptionelle Programme für künftige Lehrer­bildung und-fortbildung entwickelt und umgesetzt werden. Angesichts der fortschreitenden europä­ischen Integration werden Lehrer gebraucht, die die kulturelle und sprachliche Vielfalt und Differen­ziertheit im Schulalltag sehen und stützen können, die Integration begreifen in der Toleranz gegen­über abweichendem Verhalten, für die Begeg­nung mit anderen Kulturen zu etwas Erstrebenswer­tem wird und nicht Ängste, Unverständnis und Ab­wehr hervorruft. Hinsichtlich solcher Grund­haltungen und Fähigkeiten registrieren wir gegen­wärtig sowohl bei Lehrern als auch bei Lehrerbild­nern ein großes Defizit,

Vor diesem Hintergrund leistete das Colloquium einen wichtigen Beitrag zur"Ost--West Verständi­gung über Grundzüge interkultureiler Erziehung und Bildung. Interkulturelle Erziehung ist zu begreifen als ein Prinzip der Gestaltung von Schule, der Organi­sation des Unterrichts, Sie soll nicht Anpassung an, sondern Integration der ethnischen Minioritäten in unserer Gesellschaft bewirken. Sie kann also nicht allein auf eine Stärkung der Ich-Identität der Ange­hörigen der Minderheit gerichtet sein, sondern muß zugleich auch die Mehrheitsgruppe für andere Kulturausprägungen sensibilisieren. Inhaltlich wa­ren die Diskussionsbeiträge sehr verschiedenartig angelegt. Gesprochen wurde u. a. über interkultu­reile Erziehung als wissenschaftlichen Forschungs­gegenstand, als Unterrichtsprinzip und Thema der

Lehrerfortbildung, aber auch zu Grundfragen zwei­sprachiger Alphabetisierung bis hin zu Veränderun­gen traditioneller Erziehungsmuster für türkische Kin­der in der Migration, Diese Themenbreite ermög­lichte den Tagungsteilnehmern die Sicht auf Weite und Differenziertheit von Problemfeldern, vermittel­te Erfahrungen und Erfolge, aber auch Imtümer und Grenzen interkultureller Erziehung. Empirische Be­funde von Projekten zu einer interkulturellen Schule in Berlin(West), aber auch die durch eine Westber­liner Grundschullehrerin skizzierten spezifischen Auf­gaben und Probleme der Unterrichtsführung In ei­ner multiethnischen Schulklasse In Kreuzberg setz­ten deutliche Impulse, um Anforderungen für Leh­rerbildung und-fortbildung an der BLH neu zu defi­Nieren. Beide teilnehmenden Seiten bekräftigten die Absicht, die begonnene Zusammenarbeit fort­zusetzen und weiter zu vertiefen. Der Fachbereich Pädagogik strebt an, gegenstandsbezogene Infor­mationen und Erfahrungen der alten, aber auch der neuen Bundesländer so in der pädagogischen Ausbildung zu verwerten, daß perspektivisch der Anspruch interkultureller Erziehung als immanenter Grundsatz für alle Ausbildungszweige durchgesetzt werden kann, Bereits im Frühjahr 1991 sollen zwei Seminarzyklen den Lehrerstudenten die Möglich­keit geben, sich gezielter auch auf das gemeinsa­me Unterrichten und Erziehen von einheimischen und ausländischen Schülern vorzubereiten,

Andreas Seidel FB Pädagogik

Lehrerbildung einmal anders

"Miteinander auf Geben und Nehmen angelegt, so lautete eine Schlagzeile in der Schwäbischen Zeitung vom 26.11.1990 anläßlich des Besuchs von vier Mitarbeitern des Fachbereichs Technische Bil­dung der Brandenburgischen Landeshochschule an der Pädagogischen Hochschule Weingarten in Baden-Württemberg.

Wiedergegeben wurde hiermit nicht nur die Mei­nung des Rektors der PH, Prof, Gartenschläger, der hervorhob:"Die Zusammenarbeit zwischen Hoch­schulen in Ost und West ist auf Geben und Nehmen ausgerichtet. Reflektiert wird hierin auch die Mei­nung von Hochschullehrern der Lehrgebiete Haus­wirtschaft/Textiles Werken/ Technik der PH Wein­garten und von Hochschullehrern sowie wissen­schaftlichen Mitarbeitern unseres Fachbereiches, Die Kontakte zwischen den Hochschulen wurden unmittelbar nach der Wende geknüpft. Im Mittel­punkt standen zunächst gegenseitige Informatio­nen in Potsdam über die Ausbildung von Lehrern für den Bereich Arbeit/Wirtschaft/Technik bzw. für Po­Iytechnik im Zusammenhang mit der weiteren Schulentwicklung.

Finanziell unterstützt durch den Deutschen Akade­Mischen Austauschdienst wurden nun im Winterse­mester gegenseitige einwöchige Gruppenbesu­Che gestaltet,

Dabei wurden jeweils vor Ort die unterschiedlichen Studienordnungen und Lehrkonzeptionen durch die Fachvertreter vorgestellt und erläutert, konnten Lehrveranstaltungen direkt besucht werden. Darüber hinaus wurden Studenten bei ihrer schul­praktischen Tätigkeit begleitet,

Von besonderem Interesse war für unsere Potsda­mer Kollegen der Besuch des Staatlichen Seminars für Schulpraktische Ausbildung in Meckenbeuren, das die 2. Phase der Lehrerbildung gestaltet, Wenn über die Zielfunktion von Lehrerbildung zwi­schen den Hochschullehrern auch weitgehend einheitliche Auffassungen bestehen, so zeigten die Besuche an den Hochschulen doch deutliche Un­terschiede in der Gestaltung des Weges zum Ziel, Techniklehrerausbildung ist an unserer Hochschule nach wie vor noch stark ingenieurwissenschaftlich orientiert. Auf der Basis einer soliden mathematisch­naturwissenschaftlich-technischen Grundlagen­ausbildung werden den Studenten besonders im Hauptstudium im Wahlpflichtbereich Speziali­sierungen auf den Gebieten Elektrotechnik/Elek­tronik/Steuerungs- und Regelungstechnik, Maschi­nen- und KFZ- Technik sowie Fertigungstechnik an­geboten, Parallel hierzu erwirbt der Student Wissen und Können in der Fachdidaktik/ Fachmethodik, Anders in Weingarten!

Eine klare Trennung zwischen Vorlesungen, Semi­naren sowie Ubungen/Praktika entfällt weitgehend ebenso wie die ausschließliche Bindung der

Lehrgebiete an klassische Fachwissenschaften, Verfolgt wird ein mehrperspektivischer und inte­grativer Ansatz der Lehre, Dieser Ansatz schließt die Fachdidaktik in die einzelnen Lehrgebiete mit ein, erhebt sie öft gar zum Ausgangspunkt der Betrach­

tungen. Damit wird der Bezug zur Schule zentrieren­des Glied, treten die Fachwissenschaften mehr in den Hintergrund. Uber Vor- und Nachteile der ein­zelnen Konzepte sollte sich der Leser selbst ein Urteil bilden, Offensichtlich ist es schwer, wenn nicht gar unmöglich, einen Ansatz zu favorisieren. Auch den

Teilnehmern an den Besuchen war dies nicht mög­

lich. Deshalb soll zumindest in der weiteren Zusam­

mMmenarbeit auf diesem Gebiet versucht werden,

Bewahrenswertes zu erhalten und voneinander zu

lernen. Fachliche Kompetenz und Schulbezug

schließen sich nicht aus, sondern bedingen einan­der in der Lehrerbildung.

Vereinbart wurden für die weitere Zusammenarbeit

folgende Arbeitsschwerpunkte:

= Lehrkonzeptionelle Arbeit mit verstärkter Aus­richtung auf handlungsorientierte Lehrveran­staltungen(Praktika/Ubungen/Laborpraktika), wobei insbesondere Lehrveranstaltungen allgemeintechnischen Charakters in den Mittel­punkt treten sollen.

= Entwicklung eines Konzepts für integrative Lehr­veranstaltungen in bezug auf naturwissen­schaftlich-technische Inhalte und ihre didak­tisch-methodische Aufbereitung für den Schul­unterricht,

- Gemeinsame Veröffentlichungen zum Kom­plex Arbeit/ Wirtschaft/ Technik und Allgemein­bildung.

= Unterstützung unseres Fachbereichs bei der Konzipierung der Lehreraus- und-fortbildung im Rahmen der Hauswirtschaft und mit Bezug auf haushälterische Bildung im Schulunterricht,

Entsprechend der finanziellen Möglichkeiten sollen

Studenten und Dozentenaustausche diese kon­

zeptionellen Arbeiten begleiten,

Doz. Dr. sc. B. Meier Geschäftsführender Direktor des FB Technische Bildung

Nr.02/91