Heft 
(1.1.2019) 05
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dd Vergangenheitsbewältigung- aber wie?

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; WO ist unser VERGANGENHEIT

geblieben.@

PRUFUNG EINMAL ANDERS

Man ist ja seit einiger Zeit bereit, die verrücktesten Sachen zu tolerieren. Aber daß irgendwann auch einmal der Spaß aufhört, ist wohl jedem klar.

So geschehen den Studenten des 3. Studienjahres des FB Technische Bildung. Es stand die Abschluß­prüfung im Fach Maschinentechnik an(verant­wortlich WB Technische Systeme des FB). Normaler­weise ist eine mündliche Prüfung eine sich kontinu­jerlich wiederholende Sache im Leben eines Stu­denten und auch kein Grund, darüber einen Artikel zu verfassen. Was speziell diese anbelangt, sind wir in bezug auf die vorgefallenennetten Begeben­heiten jedoch anderer Meinung.

Ort des Geschehens war das Außenobijekt des FB in Eiche. Da man nicht in der Lage war, in dem vorgesehenen Prüfungsraum für eine annehmbare Zimmertemperatur zu sorgen, fanden die ersten Prüfungen in der Teeküche der dort arbeitenden Lehrkräfte statt. Da kam es dann auch schon mal vor, daß ein Kollege die Prüfung störte, um von den Prüfenden zu erfahren, was er diesen zum Frühstück aus dem Konsum mitbringen könne. Da der Prü­fungsraum dann doch eine normale Zimmertem­peratur vorzuweisen hatte, wurde er schließlich ge­nutzt, Außer, daß während der Prüfung die Reine­machefrau mal*kurz störte, um etwas zu holen, einer der Prüfenden gebeten wurde, sein Auto wegzufahren, welches im Wege stand, er den Raum verließ und es wegfuhr, ein ausgewachsener Schäferhund vorbeischaute- vielleicht um zu se­hen, ob denn auch alles rechtens ist- und die

Nr.05/97

Standpunkte

Wieder einmal wurde auch an unserer Hochschule ein bißchen Vergangenheitsbewältigung betrie­ben:

Sicher haben es Viele so wie ich, wenn überhaupt, erst bemerkt, als jemand zum 15. Januar Blumen dorthin legte, wo früher eine Liebknecht-Büste stand. Ich weiß nicht, wer die Büste herunterge­nommen hat(übrigens in den Weihnachtsferien, also rechtzeitig vor dem Ermordungstag), aber na­türlich stellt sich mir die Frage, warum wir uns(in einem sozialdemokratisch regierten Land) des al­ten Sozialdemokraten und Demokraten nicht mehr erinnern sollen und wer das Recht hat, dies zu bestimmen. Die Namensänderung der Hochschule ist nachvollziehbar und sie wurde öffentlich begrün­det, aber den Sturz einer kleinen Büste eines großen Denkers halte ich für fragwürdig, unwürdig, krieche­risch. Ich denke, in einem Hause, das Intellekt pfle­gen soll, müßten wir intellektueller, sorgfältiger und ehrlicher mit der eigenen Vergangenheit umge­hen, statt uns ihrer allgemeinen Verdrängung in diesem Land anzuschließen,

Wolfram Meyerhöfer 12/312

Fotos: Rüffert(1), Meyerhöfer(2)

Prüfungsdauer von festgelegten 30 min bei einigen Studenten bis auf 60 min ausgedehnt wurde, verlie­fen die Prüfungen"recht normal. Ob man diese Vorfälle tolerieren sollte, kann jeder für sich selbst entscheiden. Uns erscheinen solche Dinge jedoch schwer verständlich, da im Gebäude in der Hegel­allee ohne weiteres ein ordentlicher, sauberer Raum zu Verfügung gestanden hätte. Dort wäre es auch nicht laufend zu Störungen gekommen.

Die Verantwortlichen sollten mal darüber nach­denken. Den nachfolgenden Studenten wünschen wir jedenfalls mehr Glück,

Pt 88

Anmerkung der Redaktion:

In einem Gepräch mit Herrn Dr. J. Kleinert aus der AbteilungTechnische Systeme teilte er uns fol­gendes mit:

Zum Zeitpunkt der Prüfungsgespräche herrschte Kohlenknappheit, demzufolge waren die Räume sehr kalt. Im Interesse der Studenten wollte man annehmbare Prüfungsbedingungen schaffen, des­halb seiman in den wärmsten Raum, die Teeküche, ausgewichen. Dadurch seien Störungen nicht zu vermeiden gewesen, nicht zuletzt auch durch die unangemeldete Kohlenlieferung.

Dr. B. Eckardt

urn(he

A DEE

Recht- Fertigung

Ich tat doch schließlich meine Pflicht,

zum Märtyrer taugte ich wirklich nicht,

denn hätte ich damals nein gesagt

zu Dingen, die nicht rechtens warn,

wie wäre man dann mit mir verfahrn?

Der Posten weg, die Auslandsreise,

die Dienstfahrt in das NSW,

der Studienplatz für unsren Sohn,

das Sonderkontingent für unsren neuen PKW,

Nein wirklich, verstehn Sie nicht was ich meine? Man tut mir unrecht, wenn man mir mißtraut,

es ging doch letztlich um die eigne Haut. Natürlich war ich ab und zu dagegen.

Wogegen? Nun beispielsweise gegen"glasnost in der DDR,

Sie sehen doch wohin es Gorbatschow gebracht hat,

pardon, Sie haben recht, dies Argument liegt etwas quer.

Gleichwohl, ich bin ganz stolz, ein Querdenker

zu sein,

das zeigt Format, ich bin flexibel,

es fällt mir leicht ein Beispiel meiner

Wandlung ein.

Und was war vorher, fragen Sie?

Nun ja, ob Leitungsposten ob Parteivorstand ­

ich war für meinen Klassenstandpunkt wohl be­kannt.

Jedoch, Sie werden es nicht glauben, aber es

ist wahr ­

ich übte stets auch konstruktiv Kritik ­

doch nur, wenns wirklich nicht gefährlich

für mich war.

So glaubten mir die einen meine Treue,

die andern lobten meinen Mut,

und keiner kannte die verborgne Seite,

doch die bezahlte meine Dienste gut.

Ich tat auch da nur meine Pflicht,

verraten habe ich meine Kollegen wirklich nicht, natürlich mußte ich Berichte schreiben, besonders wenns um Klassenfeinde ging,

doch konnte ich nur so die mir gemäße Politik betreiben,

mein Image pflegen, an dem so vieles andre hing.

Was sagen Sie? Ich sei ein schäbiger Opportunist gewesen?

Das müßten Sie mir aber erst beweisen,

in meiner Akte kann man nichts mehr lesen, was ich gewesen bin, ist nicht bewiesen,

für mich ist die Vergangenheit vorbei,

die Gegenwart will kompetente Leute,

was soll denn da mißgünstiges Geschrei nach Fairness und nach Sauberkeit?

Ich bin wie immer mit mir selbst im reinen, also was soll Ihre Gerechtigkeitsbesessenheit?

So so, Sie sagen, Sie sind ganz und gar dagegen, Sie wollen Transparenz und Offenheit,

gewiß, gewiß, das wollen wir doch alle,

ich verstehe gar nicht Ihre kleinliche Be­troffenheit,

wie kann man denn nur gegen Fortschritt sein? mein Weg nach oben ist schon wieder eben, und ich bin sicher- ich bin nicht allein.

Und- falls Sie mir ins Lenkrad greifen ­Gerichtsurteile müssen reifen, es gibt genug von meiner Sorte,

drum sparen Sie sich weitre Worte,

Und sehn Sie- ich glaube, ich sagte es schon ­moralische Skrupel sind Illusion,

Sie begreifen es offenbar wieder zu spät: Erfolg hat nur der, der die Zeit versteht.

Hiltrud Wedde . FB Anglistik/Amerikanistik