Heft 
(1.1.2019) 05
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AZ Die deutschen Universitäten-Perspektiven nach 40 Jahren Trennung

(Fortsetzung von S. 1.)

Damit wäre das Thema eigentlich schon beendet, Aber so einfach ist das eben nicht. Frei ist sie auch dann, wenn sie etatmäßig und personalpolitisch autonom ist. Bugetäre Autonomie ist realisiert, wenn sie vom Staat uneingeschränkt Geld zur Selbstverteilung bekommt. Ein Globalhaushalt kann aber nicht empfohlen werden, weil nach sei­ner Ansicht relativ schwache Figuren die Hoch­schule verwalten. Eine personalpolitische Autono­mie sei ohnehin ein heißes Eisen. Die Freiheit der Forschung beruht auf der Freiheit des Wissenschaft­lers und schließt die freie Themenwahl seiner Arbeit ein. Davon konnte in der ehemaligen DDR keine Rede sein. Dort hat man mit Tagediebereien dem Wissenschaftler seine Zeit gestohlen und vielfach verhindert, das zu erforschen, was er selbst für rich­tig und wichtig hielt. Im übrigen zeichnete Prof, Simon auch ein ziemlich düsteres Bild vom Zustand der Universitäten in den Altländern und empfahl, allerdings nicht unwidersprochen, daß in den neu­en Ländern statt Universitäten lieber Fachhoch­schulen gegründet werden sollten. In der kontro­versen Diskussion kam deutlich zum Ausdruck: Wenn die Situation teilweise so bedrohlich ist wie sie dargestellt wurde- ein Zwischenrufer:*Sie ist schlim­mer- dann muß man die Verantwortlichen in den neuen Ländern unbedingt warnen, ein solches Sy­stem anzustreben(Prof, Gallwas, München, Dr. Mei­er, Tutzing). Prof. Nowak fragte zu recht besorgt: Wenn schon dieKolonialherren nicht wissen, wie es bei ihnen weitergehen soll, was sollen dann erst dieGartenzwerge machen? Die Mehrzahl war sich einig: So nützlich, zweckmäßig und&kono­misch eine Fachhochschule auch sein mag, eine Universität kann sie nicht ersetzen. Universitäten mit ihren historischen Erfahrungen und ihrer Bedeu­tung, mit der Vielfalt und Breite ihrer Aufgaben sind in europäischen Ländern mit hoher Kultur unverzichtbar.

Das Vormittagsprogramm des zweiten Tages be­stritten Prof, Dr. Dr. Nowak, Kirchen- und Literatur­historiker von der Universität Leipzig(Hochschule im Spannungsfeld politischer Zwecke und wissen­schaftlicher Verantwortung), Prof. Dr. Schmutzer, Physiker, Rektor der Universität Jena("Probleme und Stand beim Demokratisierungsprozeß der Frie­drich-Schiller-Universität") und Prof, Dr. Dr. Reinsch­ke, Mathematiker, Kybernetiker und Industrietech­Niker von der Akademie der Wissenschaften Dres­den und Hochschule Cottbus("Die Bewältigung der Vergangenheit als Voraussetzung für die geisti­ge Erneuerung der Hochschule). Sie gaben einen Überblick über die an ihren Einrichtungen stattge­fundenen Veränderungen zur Demokratisierung und entlarvten schonungslos die Machenschaften des vom Volke gestürzten Regimes. Prof, Nowak berichtete unter anderem über eine Wissenschaft­lergruppe aus Konstanz, die nach Besuchen an ostdeutschen Hochschulen zu dem vernichtenden Urteil einer"geistigen Ruinenlandschaft als Folge der totalitären SED- Herrschaft kam. Die Erträge in den politischen Wissenschaften waren äußerst bescheiden, sind jetzt wertlos geworden und ha­ben lediglich nur noch historische Bedeutung. Bei den Geisteswissenschaften gab es nur größere Er­folge in einigen*Orchideenfächern, wie z. B. Agyptologie, Sinologie, Niederlandistik u. a., deren Wachstum in geschützten Nischen möglich war, da sie dort von Anordnungen des ehemaligen Ministe­

riums für Hoch- und Fachschulwesen unbeeinflußt blieben.(Der Rezensent vermag nicht zu beurtei­len, ob die Baden-Württemberger in jedem Falle recht haben).

Die Diskussionen offenbarten es immer wieder: Ab­wicklung ist das Reizwort der Zeit, ein hoch­schulpolitischer Befreiungsschlag, eine Radikalthe­rapie zur Erneuerung durch vermeindliche"Neoko­lonisatoren. Der Wille zur Selbstreinigung auf dem Boden der ehemaligen DDR war und ist an den Hochschulen durchaus vorhanden, aber in aller Regel begleitet von unzureichender Kompetenz. Während man in Jena und IImenau damit gut vorangekommen ist, ist die Situation in Leipzig ge­radezu entmutigend. Noch schlimmer wurde sie für die TU Dresden geschildert; hier ruhen die Hoffnun­gen auf einen Neubeginn nach Ansicht des Physi­kers Dr. Müller ausschließlich auf dem Mittelbau, was wohl nicht ausreichend ist. Ahnlich sieht es Prof, Reinschke, für den in Sachsen der akademische Bereich einschließlich der Studenten durchweg versagt habe. Noch im Winter 89/90 habe er ge­glaubt, daß es den freiheitlich- demokratischen

Kräften gelingen würde, sich aus eigener Kraft von innen heraus zu erneuern. Die Abwicklung sei nötig gewesen, denn sie beschleunige den Reinigungs­prozeß und zerstöre nicht(Prof, Köhler, Rektor der TU Ilmenau). Durch diesen harten Schnitt erwächst die Chance, wieder eine leistungsfähige Universität zu werden(Prof. Schmutzer). In der regen Ausspra­che zu diesem brisanten Thema wurden zahlreiche Ergänzungen aus dem Auditorium gegeben und einige auf Fehlinformation basierende Unklarheiten bei den Vertretern der alten Länder ausgeräumt. Wiederholt ging es auch um die Berufungsfrage. Die Berufung der Professoren ist für eine Universität die entscheidende Möglichkeit zur Erhöhung oder Senkung ihres Ansehens und ihrer Qualität(Dr. Lan­ge, Generalsekretär der Hoch­schulrektorenkonferenz). Die Auswahl ist unbedingt

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zu objektivieren, man darf sie nicht einem Gutach­tergremium allein überlassen. Schließlich kennt man als verheerende Folge der"Familisierung und Parteidurchdringung an den ostdeutschen Hoch­schulen die unseelige Praxis der Hausberufungen, die vielerorts zur Einschränkung des Kandidaten­kreises und zurgezielten Auswahl(sprich Aus­klammerung befähigter Leute), vielfach zum Mittel­maß und zum Schmoren im eigenen Saft führten. Die Kompetenz, die fachliche Qualität und die mo­ralische Integrität müssen die wichtigsten, wenn nicht die einzigsten, Kriterien zur Berufung eines Hochschullehrers sein. Prof, Simon wies jedoch auf ein gravierendes Problem hin:"Die guten Leute von hier gehen nicht rüber, weil sie dort zu wenig ver­dienen und die guten von drüben kommen zu uns, um hier mehr zu verdienen. Da liegt der Hase im Pfeffer! Bei Berufungen, so forderte Prof. Dähne (Chemiker, ehemalige ADW, Berlin) unter Beifall, sollte man jetzt den gestandenen Leuten eine Chance einräumen, die aus politischen Gründen im SED-Staat in den letzten 30 Jahren bereits auf der Warteschleife gesessen haben. Um der wissen­schaftlichen Trägheit mancher etablierter Professo­ren besser vorzubeugen, Zitat von Prof. Meier, Ver­waltungsjurist an der Universität Frankfurt/M.:"Ich kenne einige Ordinarien meines Fachgebietes, die Idioten sind- wurde auch eine Berufung auf Zeit diskutiert, dann aber bitte in West und Ost. Einigkeit herrschte in einem Punkt: Es ist für den Osten nicht gut, das Universitätssystem des Westens einfach abzukupfern. Die wachsende, noch junge Demo­kratie an den Hochschulen der neuen Länder sollte nicht diskreditiert werden, es sollte keine"Neokolo­nisation durch Uberstülpen westdeutscher Model­le erfolgen. Dr. Wolff(Präsident der Universität Bay­reuth) sieht die Gefahr des Uberstülpens nicht, da es im Westen Deutschlands kein einheitliches Sy­stem gibt, sondern vielmehr auf Landesebene ver­schiedene Rahmenmodelle, innerhalb deren sich die Universitäten bewegen und diesen Rahmen gut oder schlecht ausfüllen. Jede Hochschulleitung kann sich ja frei für ein bestimmtes Modell entschei­den. Das Problem liegt darin zu erkennen, wer ein guter oder schlechter Ratgeber ist. Hier muß in der Tat ein gemeinsamer Maßstab gefunden werden, *.,.denn diejenigen, die in den Osten einmarschie­ren wollen, sind meist jene, die hier im Westen nichts geworden sind. Vor diesen ist zu warnen, so Wolff, Als Versuch eines Resümees läßt sich sagen: Die Hochschulen in den neuen Ländern müssen nach der babylonischen Gefangenschaft mehr als nur eine Stätte der Ausbildung und Qualifizierung sein. Zum Fachberufswissen gehören Bildung und Kultur und zur Lehre die Forschung. Die künftige Hoch­schulpolitik in Deutschland muß mehr sein als die bloße Übertragung westdeutscher Universitäts-Mo­delle auf den Osten des Landes. Noch durchziehen im vereinigten Deutschland tiefe Gräben die aka­demische Landschaft. Die deutschen Hochschul­lehrer und Wissenschaftler müssen sich erst wieder verstehen lernen, eine gemeinsame Sprache fin­den, bevor sie gemeinsam Perspektiven ausden­ken können. Die Bemühungen beider Seiten in die­se Richtung sind erfreulicherweise unverkennbar. Die Begegnungen in Tutzing waren dazu ein lobens­werter Beitrag.

Dr. Rammelt