Heft 
(1.1.2019) 11
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TEENS EEE

Vernunft oder blinder Wille? Die Modernität

Für enge Beziehungen

Am 15. Mai fand an der Brandenburgischen Lan­deshochschule, Am Park Babelsberg 14, ein Vor­trag mit Professor Rosecrance von der University of California, Los Angeles, statt. Die Veranstaltung wurde vom Fachbereich Politikwissenschaft, in Zu­sammenarbeit mit dem Amerika Haus Berlin, ge­sponsort.

Auch wenn der Titel dieses Vortrages,Die Rolle der USA im Europa des 21. Jahrhunderts, ein wenig in die Zukunft greift, so wurde doch schnell klar, daß der Grundstein für ein prosperierendes Morgen schon heute gelegt werden muß. Und so ist auch eine der Thesen von Professor Rosecrance, daß nur in einer Beziehung der Zusammenarbeit eine siche­re Zukunft für die Vereinigten Staaten und für Euro­pa möglich ist.

Eine der Fragen, die sich für die Regierung der USA derzeit stellt, die sich allerdings auch uns stellen sollte, ist die künftige wirtschaftliche, politische und Nicht zuletzt militärische Rolle, die die Vereinigten Staaten in Zukunft spielen werden. Professor Rose­crance sieht drei Möglichkeiten einer künftigen Ent­wicklung.

- Vollständiger Abzug aller amerikanischen Trup­pen aus Europa und dem Großteil der Welt, Also eine Wiederbelebung des amerikanischen Iso­lationismus.

- Die Weiterführung der europäisch- amerika­Nischen Politik, wie vor dem Ende des Ost-West Konflikts,

- Eine veränderte Rolle der USA, indem sie Europa als gleichberechtigten Partner anerkennt.

Sowohl aus der Geschichte Europas als auch auf Grund der wachsenden wirtschaftlichen Inter­dependenz der Industrienationen ist für Prof, Rose­crance nur die letzte der Optionen- also eine veränderte Rolle der USA- erstrebenswert...

Der Vortrag von Prof. Rosecrance zeigte, daß eine größere Zusammenarbeit Europas und der Verei­nigten Staaten auch für die Hochschule nur von Vorteil sein kann.

M. Johnson Fachbereich Politikwissenschaft

Rendezvous a Paris

Als wir, die 10 Glücklichen, die die Ehre hatten, die Hauptstadt der Mode und der Malerei zu be­suchen, nach 15 Stunden Zugfahrt in der ver­regneten französischen Metropole ankamen, träumten wir zunächst einmal von schönem Wetter, Die ersten beiden Tage war unser Hoffen vergeb­lich. Aber statt der französischen Sonne lernten wir Lehrerstudenten und Lehrkräfte der Ecole Normale dInstituteurs sowie Kommilitonen aus Brüssel und Karlsruhe kennen. Und wenn der Regen auch dafür sorgte, daß der Fotoapparat in der Jugend­herberge blieb, ließen wir uns die berühmten Se­henswürdigkeiten nicht entgehen. Der Louvre, die Katakomben, Notre Dame und Sacre Coeur sind ja auch von innen sehenswert. Als dann die Sonne vom 3. Tag an ihr Bestes gab, zeigten sich auch Straßenmusikanten, Bouquinisten und Schauspie­ler. Wiesen, Parks und Straßencafes präsentierten sich wie im Reiseprospekt. Bei all der Pracht wurden wir allerdings auch sehr negativ überrascht. Stadt­teile nicht weit vom Zentrum entfernt, erinnern an Kreuzberg oder verfallene Altbaugebiete. Dort le­ben vor allem Ausländer aus den ehemaligen Ko­lonien. Keiner von uns hatte bisher so viel Schmutz auf den Straßen und so viel Bettler in den Metro-Zü­gen gesehen....

Unsere französischen Gastgeber boten uns ein um­fangreiches und vielseitiges Programm. Am mei­sten begeisterte uns der Besuch einer Bil­dungseinrichtung, in der Krippe, Kindergarten und Grundschule kombiniert sind. Die offene At­mMosphäre im Unterricht, die ideenreiche Ausgestak tung der Räume und nicht zuletzt die freundliche Aufgeschlossenheit der Lehrer und Schüler ließen diesen Vormittag zu einem besonders schönen Er­lebnis werden.

In Diskussionsrunden zum Bildungswesen und zur Stadtentwicklung von Paris erhielten wir trotz eini­ger sprachlicher Schwierigkeiten interessante Infor­mationen. Unsere Gastgeber fragten uns beson­ders nach der Umgestaltung des Bildungswesens in den neuen Bundesländern.

Wir möchten an dieser Stelle Herrn Prof, Gzik und Frau Prüfer für die Organisation, Vorbereitung bzw. Betreuung unserer Reise herzlich danken.

Anke Barth MG 88.2 Dorit Hellige Goo 88

Schopenhauers.

Ein Dialog im Frankfurter*Englischen Hof um 1840: Sie essen ja für zehn?!;"Ich denke auch für zehn!,

Der so antwortete, war Arthur Schopenhauer (17.02.1788- 21.09.1860),"der alte knurrende Pu­del(F. Liszt).

Was ist aus dem oeuvre dieses absonderlichen, aber eigentlich sehr menschlichen und wohl auch sympathischen Philosophen bekannt?

Man weiß von seiner(theoretischen!) Aversion ge­gen die Frauen, dem*kurzbeinigen, breithüftigen Geschlecht, als*instrumentum diaboli, seinem Haß auf Hegel und die*Universitätsphilosophen, dem Pudel Atma; vom Philosophen Schopenhauer den tiefenPessimismus undIrrationalismus, bestenfalls kennt man noch die"Aphorismen zur Lebensweisheit.

Eberhard Fromm,(ehemals) Professor der Gewi­Akademie beim ZK der SED, versucht, in das*Den­ken gegen die Zeit des(ehemaligen)"Ideologen der Bourgeoisie einzuführen.

Seine Biographie über den"Vordenker des Pessi­mMismus ist unter zwei Aspekten gerade für(ehe­malige) DDR-Bürger lesenswert: 1."Tradition offi­zieller Philosophiegeschichtsschreibung(= Kritik) ist noch sehr lebendig und damit wird 2. Schopenhau­er in einer(uns gut)"verständlichen Form vorge­stellt,

Fromm stellt die Etappen in Schopenhauers Leben in das weltgeschichtliche Theater zwischen Fran­zösischer Revolution(hier war er, Schopenhauer, ein Jahr alt!) und die Revolution von 1848- wir können uns orientieren, weil diese Daten Eckdaten auch in jedem kleinen Heimatmuseum waren,

Arthur SCHOPENHAUER

Über den Willen in der

Natur

Aber Schopenhauer interessieren diese Geschehnisse nicht, die revolutionäre"Canaille belästigt ihn nur. Das Hegelsche Paradigma des "Zeitgeistes ist hier unzutreffend; ein Philosoph ist nicht nur Sprachrohr des Weltgeistes, sein Werk trägt(nach einer Sentenz Fichtes) auch den Cha­rakter seines Schöpfers in sich.

Diesesubjektive Seite(würden wir sagen) ist ge­genüber derObjektivität(was immer das auch seil) in der Biographie m.E. unzulässig vernach­lässigt. Die zwei, für Schopenhauers Philosophie entscheidenden Dinge, seine Persönlichkeit(die gekennzeichnet ist v.a. durch leidenschaftliches Temperament, starke Sensibilität für eigenes und fremdes Leid und der Seligkeit des Erkennens sowie des künstlerischen Genusses) und seine Bekannt­schaft mit dem indischen Denken werden nur an­gerissen, ja der Aneignungsprozess der indischen Philosophie gar als"geborgte Weisheiten mißver­standen; der ideengeschichtliche*Ort Schopen­hauers somit kaum beleuchtet. Ein weiteres Mißver­ständnis beruht auf dem Dilemma"Grundfrage der Philosophie: ist Schopenhauer nun Idealist(wenn ja, welcher Ordnung) oder Materialist? Fromm stellt ihn(mit Hilfe Lenins, via Berkeley) zu den*subjekti­ven Idealisten; ein sehr problematisches Unterfan­gen, weiß man doch um den*Materialismus Schopenhauers(vgl. hierzu die Arbeiten von A. Schmidt).

Zu den Postulaten DDR-deutscher Philosophie­geschichte gehörte die Einheit von Werk- und Wir­kungsgeschichte, Hat man(erinnert sei an den*Fall Nietzsche) teilweise die Wirkungsgeschichte über (und vor) das Werk gestellt, versucht, Fromm beides ausgewogen darzustellen und knüpft hierbei z.T. an Mehring und Lukacs an. Tiefer hätte ich mir jedoch das Kapitel*Vom Krisenerlebnis bis zur Postmoder­ne gewünscht- und, für eine marxistische Analyse,

zu der sich Fromm expressis verbis bekennt, den Enilog:"Schopenhauer und Marx,

Alles in allem wurde ich das Gefühl nicht los, etwas eilig Entstandenes zu lesen- das muß kein Nachteil sein, nimmt man es als das, was es ist(Und wohl auch sein will): kurze Einführung in Leben und Werk, Nach dieser Lektüre sollte man jedoch unbedingt das zweite Buch zur Hand nehmen:Uber den Willen in der Natur. Es ist Fromm und dem Dietz-Ver­lag zu danken, daß sie dieses und nicht die(wohl eher dem"Zeitgeist entsprechenden)"Aphoris­men herausgegeben haben. Das kurze Büchlein von 1836, sechzehn Jahre nach dem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung erschienen, gibt die beste Einführung in Schopenhauers Denken ­von ihm selbst. In Anlehnung an Schopenhauer kann diese Schrift als*Ariadnefaden(von den Einzelwissenschaften gesponnen) gelten, der ins Labyrinth Schopenhauer führt.

Schopenhauer stand, alseinziger Kantianer, vor dem gleichen Problem wie der Königsberger: Wie ist nach derKritik der reinen Vernunft eine Ethik möglich? Kant löste das Problem mit einer Setzung, die seine bisherigen Erkenntnisse z.T. negierte. Schopenhauer erkannte diesen Antagonismus: Kant läßt, nachdem die theoretische Vernunft am Ende ist, seinen,... kategorischen Imperativ als deus ex machina auftreten, und meint ihn gelöst zu haben, indem erdie Realität alles Daseins und die Wurzel der gesamten Natur in den Willen legt

(S. 163). Kants numinoses"Ding an sich wird zum "Willen, der die Welt ist, die Dinge selbst sind*Er­scheinungen oder, so Schopenhauerbesser: Vor­stellung. Der*Ur-Wille objektiviert sich in 3 Stufen: 1. im Unorganischen(mechanisch wirkende Ursa­che), der"Grundbaß, 2. im Organischen(als Reiz), die"Mittelstimme und 3. im Bewußtsein(als Motiv), der führenden, bedeutungsvollen Melodie. So ist das Gehirn nichts anderes als das Organ des*Wil­lens zum Erkennen-"der blinde Wille hat sich eine Fackel angezündet. Alles was ist, hat Willen, 1.5. eines beständigen Unbefriedigtseins, ist Knecht­schaft unter den Willen.

Ziel aber ist"Verneinung des Willens, die gänzliche Willenslosigkeit, die Abtötung aller Triebe- und da­mit der Eingang ins Nirvana. Die Kunst, hierbei be­sonders die Musik, gibt(besonderen Menschen!) die Möglichkeitinteresselos zu schauen, man steigt über den Bereich des Individuellen und seine

Arthur Schopenhauer

S

MSCHOPENHAUER

Begierden empor und verweilt befriedigt im Genuß, "Uber den Willen in der Natur versucht, das System Schopenhauers mit den neuesten Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften aber auch Linguistik, Indologie und Sinologie zu untermauern und ist sicher auch unter dem Blickwinkel des an der Ge­schichte und Rezeption seiner Fachwissenschaft Interessierten gut zu lesen. Besonders anregend ist sein System für ästhetische, psychologische und ethische Fragestellungen, schärfte er doch den Blick für die"düsteren Seiten des Lebens und über­wand damit den flachen Optimismus der Aufklä­rung. Das Bemühen um eine Lebenskunst, die ent­täuschungsfest macht in der"geistigen Ratlosigkeit der Zeit(Schmidt), spricht an und hilft beim*Wei­terdenken.

Arthur Schopenhauer: Über den Willen in der Natur; Dietz 1991

Eberhard Fromm: Arthur Schopenhauer: Vordenker des Pessimismus; Dietz 1991

K. Freyberg Institut für Philosophie

Nr. 11/91