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Novitäten bei Suhrkamp
Der wohl bedeutendste deutsche Belletristikverlag, der Suhrkamp Verlag in Frankfurt/M, wies ein beeindruckendes geisteswissenschaftliches Programm auf der Leipziger Buchmesse aus, auf das ich im folgenden, selbstverständlich nur punktuell, eingehen möchte, Spektakulär und teilweise heftige Kritik auslösend, so präsentiert der bekannte Germanist Hans Meyer seine*Der Turm von Babel” betitelten *Erinnerung(en) an eine Deutsche Demokratische Republik”, Es ist kein objektivierendes Werk der Geschichtsschreibung, vielmehr ein ausgesprochen selektives wie subjektives Erinnerungsbuch, daß das Werden und Vergehen eines historischen Gebildes zurückverfolgt und an einzelnen Figuren(Pieck, Grotewohl, Becher, Ulbricht) exemplifiziert, besonders aber die Sphäre von Kultur und Literatur einer genaueren Erinnerungsarbeit unterzieht. Den Ausgangspunkt seiner Betrachtungsweise umschreibt der Autor folgendermaßen!” Beim Anblick jener ebenso grausamen wie unverständigen und starrsinnigen altern Männer, die in wenigen Stunden nicht bloß entmachtet waren, sondern sich durch Rücktritt zu entmachten hatten, scheint es leicht zu sein, das Personal dieses Staates und der ihm vorausgehenden sowjetischen Besatzungszone auch moralisch und charakterologisch vom Ende her zu deuten. Das darf nicht geschehen.”
Einem der herausragendsten französischen Philosophen unseres Jahrhunderts ist Didier Eribons Biographie gewidmet: Michel Foucault,
Eribon geht chronologisch und werkimmanent dem Facettenreichtum des Foucaultschen Werkes nach und deckt die prägenden intellektuellen Einflüsse(Hegel, Freud, Marx, Heidegger, Niet zsche)auf. Diffizil werden die Koordinaten des Denkens bei Foucault"Wahnsinn", Macht”,*Sexualität” und*Wort”, ausgelotet und mit den Theorien anderer französischer Philosophen(Levi-Strauss, Lacan, Althusser, Barthes) konfrontiert, Keine Biogra
Bücher
phie im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr der Versuch, verschiedene strukturelle Ebenen der zeitbedingten Grenzen von Kunst zu konkretisieren, bestimmt Norbert Elias’ Text"Mozart, Zur Soziologie eines Genies”, Der vom Verfasser gesetzte Kontext ist durch die Begriffe Sublimationsprozeß und Unzeitigkeit gekennzeichnet; Musik sublimiert eine verlorene Kindheit, die Konzentration der gesamten Energie auf die Kunst; Unzeitigkeit kennzeichnet Mozarts um eine Generation zu früh versuchte Etablierung als freier Künstler, aber auch die Musik
MLLEL
LEIPZIGER BUCHMESSE
“Aufklärung und Technik. Grundprobleme einer Ethik der Technik” überschreibt Heiner Hastedt seine Studie, die einerseits das Umreißen einer aufklärerischen, neu systematisierten Technikphilosophie beabsichtigt, andererseits aber auch vor allem den Entwurf einer Ethik der Technik vorantreiben will, Besonders hervorzuheben ist an dieser Arbeit das Bemühen des Verfassers um Anwendungsorientiertheit seiner Theoreme.
Eine Untersuchung zur Wissenschaftsgeschichte legt Rudolf Stichweh vor:*Der frühmoderne Staat und die europäische Universität”, Die Absicht der einzelnen Studien des Buches ist es, die Position der Universität in der Differenzierungsgeschichte der
europäischen Gesellschaft näher zu bestimmen. Dabei werden vom Verfasser die fundamentalen Umbrüche in der Entwicklung der europäischen Universitäten herausgearbeitet und besonders jene vom 16. bis an das Ende des 18, Jahrhunderts herausgehoben. Unter dem Titel*Aesthetica” wird eine neue Buchreihe, herausgegeben von Karl-Heinz Bohrer, innerhalb der"edition suhrkamp” erscheinen. Ausgangspunkt für Bohrer ist dabei die Feststellung, daß sich seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland Kunsttheorie und Literaturwissenschaft permanent entweder im Schatten der Geschichtsphilosophie(Hegel) und der Literaturgeschichte (Heym, Gervinus) oder im Banne der Geistes-, Ideen- und Sozialgeschichte bewegt haben. Bohrers Konzept versucht wieder, bei Fr. Schlegel und dessen um 1800 konzipierter Poetologie("Gespräch über die Poesie”) anzuschließen, was für ihn u.a. die “Entdeckung des ästhetisch Inkommensurablen gegenüber dessen Universalisierung” bedeutet. Die ersten vier Texte liegen nun vor:"Asthetik und Rhetorik, Lektüren von Paul de Man”(hrsg. von K.H. Bohrer); Paul de Man:*Die Ideologie des Asthetischen”; Gerard Genettes Theorie zum Hypertext und seinen Hypotext, betitelt als”Palimpsest”; Julia Kristevas Abhandlung"Mächte des Grauens. Ein Versuch über den Abscheu”, Geplant sind für die nähere Zukunft Texte von Delenze, Bloom und Derrida. Auch damit erfolgt eine weitere und interessante Profilierung des wissenschaftlichen Zweiges bei Suhrkamp. Mit dieser dritten und damit letzten Folge des”"Rundgangs” über die Leipziger Buchmesse soll der sich vor allem in die Geisteswissenschaften gerichtete Exkurs beendet werden.(unter Verwendung von: Suhrkamp, Programm-Vorschau 1991/1; Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Programmvorschau Mai 199 1-Oktober 1991)
P. Görlich
“Canaletto der Mark”- in einer Neuerscheinung vorgestellt
Mit einem Kunstband von Edit Trost über Eduard Gaertner(1801-1877) bietet der HenschelVerlag Berlin in diesem Jahr eine Neuerscheinung an, die das bemerkenswerte künstlerische Schaffen dieses Berliner Architekturmalers würdigt. Seine Bilder und Handzeichnungen werden vor allem denjenigen ansprechen, der sich für die berlinisch-preußische Geschichte, für das Berlin des Biedermeier und der Zeit des Vormärz interessiert. Denn mit der Schilderung der künstlerischen Entwicklung Eduard Gaertners gibt Edit Trost gleichzeitig Einblick in die Zeitgeschichte nach den Befreiungskriegen und vermittelt interessante kulturgeschichtliche Kenntnisse, Erzählerisch werden Begebenheiten aus dem kultureilen Leben der Stadt dargestellt, man ahnt, was die besondere Berliner Atmosphäre ausgemacht haben kann. Die Ausstattung mit zahlreichen Abbildungen, zum großen Teil farbig, trägt dazu bei. Eduard Gaertner nimmt unter den Landschaftsund Vedutenmalern des 19. Jahrhunderts(Maximilian Roch, Wilhelm Barth, Wilhelm Brücke, J.H. Hintze, Carl Friedrich Wilhelm Klose) einen hervoragenden Platz ein. 1906 nannte ihn Hugo von Tschudi in seinem Geleitwort zum Katalog der Jahrhundertausstellung der Berliner Museen den*Canaletto der Mark”. Mit äußerster Sorgfalt malte er in seinen Bildern bedeutende Gebäude, Straßen und Plätze der Stadt Berlin, sehr geschickt in der perspektivischen Wiedergabe. Auch die Staffage wurde Nicht vergessen. Unermüdlich arbeitend, schuf
Gaertner eine große Zahl von Gemälden, die neben ihrer künstlerischen Bedeutung als Zeitdokumente ersten Ranges anzusehen sind. Dazu gehört auch das sechsteilige Panoramabild von Berlin, das Gaertner 1834 vom Dach der Friedrichwerderschen Kirche malte, Der Band wird durch viele Zeichnungen und durch die Einbeziehung von Auszügen aus den Tagebüchern des Künstlers bereiChert. Edit Trost vermittelt damit auch Einblicke in den Schaffensprozeß, Eduard Gaertner fand nicht nur im Berliner Biedermeier sein Arbeitsfeld, mehrere Reisen führten ihn nach Paris, Petersburg und Moskau, nach Prag und Breslau. Studien entstanden gleichfalls in der Mark Brandenburg, die er wiederholt durchkreuzte. So verdanken wir ihm neben den Berliner Stadtansichten auch Bilder aus Potsdam(Garnisonkirche 1840) und dem umgebenden Havelland. Stimmungsvolle Landschaftsbilder gibt es auch aus den späteren Lebensjahren des Künstlers, Die Genauigkeit seiner
Nr. 12/91
Architekturmalerei, das perfekte Beherrschen der Perspektive und die Fähigkeit, auch als Porträtmaler Beachtliches zu leisten, brachten ihm schon zu Lebzeiten Anerkennung ein. Mit dieser Monographie liegt nun ein Kunstband vor, der als Beitrag zur Darstellung der Berliner Malerei des vorigen Jahr
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hunderts angesehen werden kann. Edit Trost: Eduard Gaertner, 128 S., 98 Abb., davon 43 mehrfarbig, 39.80 DM
R. Sauer Bereich Kultur
. Eduard (Gaertner
Im Schloßtheater wieder Aufführungen
Nach einer anderthalbjährigen Pause kann das Potsdamer Hans-Otto-Theater nun wieder im Schloßtheater des Neuen Palais spielen. Schauspieldirektor Gert Jurgons gab dazu mit der Premiere von Friedrich Schillers Lustspiel"Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen” nach Picard einen heiteren Auftakt. Der dynamische, anpassungsfähige Selicour wird kurz vor dem Höhepunkt seiner erschwindelten Karriere doch noch zu Fall gebracht. Schiller schließt sarkastisch sein Stück mit dem Satz, daß es Gerechtigkeit doch nur auf der Bühne gäbe...
Patrick Süskinds Welterfolgsstück"Der Kontrabaß” war die zweite Premiere der Potsdamer Bühne im Schloßtheater am 17.Mai, gleichfalls in der Regie von Gert Jurgons. Der aus Film und Fernsehen bekannte Schauspieler Jürgen Mai läßt mit der Geschichte des tragikomischen Kontrabassisten, der sein Instrument liebt und haßt, einen anspruchsvallen Theaterabend erwarten.
(aus Pressemitteilung)