Heft 
(1.1.2019) 12
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Novitäten bei Suhrkamp

Der wohl bedeutendste deutsche Belletristikverlag, der Suhrkamp Verlag in Frankfurt/M, wies ein beein­druckendes geisteswissenschaftliches Programm auf der Leipziger Buchmesse aus, auf das ich im folgenden, selbstverständlich nur punktuell, einge­hen möchte, Spektakulär und teilweise heftige Kritik auslösend, so präsentiert der bekannte Germanist Hans Meyer seine*Der Turm von Babel betitelten *Erinnerung(en) an eine Deutsche Demokratische Republik, Es ist kein objektivierendes Werk der Ge­schichtsschreibung, vielmehr ein ausgesprochen selektives wie subjektives Erinnerungsbuch, daß das Werden und Vergehen eines historischen Gebildes zurückverfolgt und an einzelnen Figuren(Pieck, Grotewohl, Becher, Ulbricht) exemplifiziert, beson­ders aber die Sphäre von Kultur und Literatur einer genaueren Erinnerungsarbeit unterzieht. Den Ausgangspunkt seiner Betrachtungsweise um­schreibt der Autor folgendermaßen! Beim Anblick jener ebenso grausamen wie unverständigen und starrsinnigen altern Männer, die in wenigen Stunden nicht bloß entmachtet waren, sondern sich durch Rücktritt zu entmachten hatten, scheint es leicht zu sein, das Personal dieses Staates und der ihm vor­ausgehenden sowjetischen Besatzungszone auch moralisch und charakterologisch vom Ende her zu deuten. Das darf nicht geschehen.

Einem der herausragendsten französischen Philoso­phen unseres Jahrhunderts ist Didier Eribons Biogra­phie gewidmet: Michel Foucault,

Eribon geht chronologisch und werkimmanent dem Facettenreichtum des Foucaultschen Werkes nach und deckt die prägenden intellektuellen Ein­flüsse(Hegel, Freud, Marx, Heidegger, Niet zsche)auf. Diffizil werden die Koordinaten des Den­kens bei Foucault"Wahnsinn", Macht,*Sexuali­tät und*Wort, ausgelotet und mit den Theorien anderer französischer Philosophen(Levi-Strauss, La­can, Althusser, Barthes) konfrontiert, Keine Biogra­

Bücher

phie im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr der Versuch, verschiedene strukturelle Ebenen der zeitbedingten Grenzen von Kunst zu konkretisieren, bestimmt Norbert Elias Text"Mozart, Zur Soziologie eines Genies, Der vom Verfasser gesetzte Kontext ist durch die Begriffe Sublimationsprozeß und Un­zeitigkeit gekennzeichnet; Musik sublimiert eine ver­lorene Kindheit, die Konzentration der gesamten Energie auf die Kunst; Unzeitigkeit kennzeichnet Mozarts um eine Generation zu früh versuchte Eta­blierung als freier Künstler, aber auch die Musik

MLLEL

LEIPZIGER BUCHMESSE

Aufklärung und Technik. Grundprobleme einer Et­hik der Technik überschreibt Heiner Hastedt seine Studie, die einerseits das Umreißen einer aufkläreri­schen, neu systematisierten Technikphilosophie be­absichtigt, andererseits aber auch vor allem den Entwurf einer Ethik der Technik vorantreiben will, Besonders hervorzuheben ist an dieser Arbeit das Bemühen des Verfassers um Anwendungsorien­tiertheit seiner Theoreme.

Eine Untersuchung zur Wissenschaftsgeschichte legt Rudolf Stichweh vor:*Der frühmoderne Staat und die europäische Universität, Die Absicht der einzelnen Studien des Buches ist es, die Position der Universität in der Differenzierungsgeschichte der

europäischen Gesellschaft näher zu bestimmen. Dabei werden vom Verfasser die fundamentalen Umbrüche in der Entwicklung der europäischen Universitäten herausgearbeitet und besonders jene vom 16. bis an das Ende des 18, Jahrhunderts her­ausgehoben. Unter dem Titel*Aesthetica wird ei­ne neue Buchreihe, herausgegeben von Karl-Heinz Bohrer, innerhalb der"edition suhrkamp erschei­nen. Ausgangspunkt für Bohrer ist dabei die Feststel­lung, daß sich seit dem 19. Jahrhundert in Deutsch­land Kunsttheorie und Literaturwissenschaft perma­nent entweder im Schatten der Geschichts­philosophie(Hegel) und der Literaturgeschichte (Heym, Gervinus) oder im Banne der Geistes-, Ide­en- und Sozialgeschichte bewegt haben. Bohrers Konzept versucht wieder, bei Fr. Schlegel und des­sen um 1800 konzipierter Poetologie("Gespräch über die Poesie) anzuschließen, was für ihn u.a. die Entdeckung des ästhetisch Inkommensurablen gegenüber dessen Universalisierung bedeutet. Die ersten vier Texte liegen nun vor:"Asthetik und Rhetorik, Lektüren von Paul de Man(hrsg. von K.H. Bohrer); Paul de Man:*Die Ideologie des Astheti­schen; Gerard Genettes Theorie zum Hypertext und seinen Hypotext, betitelt alsPalimpsest; Julia Kristevas Abhandlung"Mächte des Grauens. Ein Versuch über den Abscheu, Geplant sind für die nähere Zukunft Texte von Delenze, Bloom und Der­rida. Auch damit erfolgt eine weitere und interes­sante Profilierung des wissenschaftlichen Zweiges bei Suhrkamp. Mit dieser dritten und damit letzten Folge des"Rundgangs über die Leipziger Buch­messe soll der sich vor allem in die Geisteswissen­schaften gerichtete Exkurs beendet werden.(unter Verwendung von: Suhrkamp, Programm-Vorschau 1991/1; Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Pro­grammvorschau Mai 199 1-Oktober 1991)

P. Görlich

Canaletto der Mark- in einer Neuerscheinung vorgestellt

Mit einem Kunstband von Edit Trost über Eduard Gaertner(1801-1877) bietet der HenschelVerlag Berlin in diesem Jahr eine Neuerscheinung an, die das bemerkenswerte künstlerische Schaffen dieses Berliner Architekturmalers würdigt. Seine Bilder und Handzeichnungen werden vor allem denjenigen ansprechen, der sich für die berlinisch-preußische Geschichte, für das Berlin des Biedermeier und der Zeit des Vormärz interessiert. Denn mit der Schilde­rung der künstlerischen Entwicklung Eduard Gaert­ners gibt Edit Trost gleichzeitig Einblick in die Zeitge­schichte nach den Befreiungskriegen und vermit­telt interessante kulturgeschichtliche Kenntnisse, Er­zählerisch werden Begebenheiten aus dem kultu­reilen Leben der Stadt dargestellt, man ahnt, was die besondere Berliner Atmosphäre ausgemacht haben kann. Die Ausstattung mit zahlreichen Abbil­dungen, zum großen Teil farbig, trägt dazu bei. Eduard Gaertner nimmt unter den Landschafts­und Vedutenmalern des 19. Jahrhunderts(Maximi­lian Roch, Wilhelm Barth, Wilhelm Brücke, J.H. Hint­ze, Carl Friedrich Wilhelm Klose) einen hervoragen­den Platz ein. 1906 nannte ihn Hugo von Tschudi in seinem Geleitwort zum Katalog der Jahrhundert­ausstellung der Berliner Museen den*Canaletto der Mark. Mit äußerster Sorgfalt malte er in seinen Bildern bedeutende Gebäude, Straßen und Plätze der Stadt Berlin, sehr geschickt in der perspek­tivischen Wiedergabe. Auch die Staffage wurde Nicht vergessen. Unermüdlich arbeitend, schuf

Gaertner eine große Zahl von Gemälden, die ne­ben ihrer künstlerischen Bedeutung als Zeitdoku­mente ersten Ranges anzusehen sind. Dazu gehört auch das sechsteilige Panoramabild von Berlin, das Gaertner 1834 vom Dach der Friedrichwerder­schen Kirche malte, Der Band wird durch viele Zeichnungen und durch die Einbeziehung von Aus­zügen aus den Tagebüchern des Künstlers berei­Chert. Edit Trost vermittelt damit auch Einblicke in den Schaffensprozeß, Eduard Gaertner fand nicht nur im Berliner Biedermeier sein Arbeitsfeld, mehre­re Reisen führten ihn nach Paris, Petersburg und Moskau, nach Prag und Breslau. Studien entstan­den gleichfalls in der Mark Brandenburg, die er wiederholt durchkreuzte. So verdanken wir ihm ne­ben den Berliner Stadtansichten auch Bilder aus Potsdam(Garnisonkirche 1840) und dem umgebenden Havelland. Stimmungsvolle Land­schaftsbilder gibt es auch aus den späteren Le­bensjahren des Künstlers, Die Genauigkeit seiner

Nr. 12/91

Architekturmalerei, das perfekte Beherrschen der Perspektive und die Fähigkeit, auch als Porträtma­ler Beachtliches zu leisten, brachten ihm schon zu Lebzeiten Anerkennung ein. Mit dieser Monogra­phie liegt nun ein Kunstband vor, der als Beitrag zur Darstellung der Berliner Malerei des vorigen Jahr­

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hunderts angesehen werden kann. Edit Trost: Edu­ard Gaertner, 128 S., 98 Abb., davon 43 mehrfarbig, 39.80 DM

R. Sauer Bereich Kultur

. Eduard (Gaertner

Im Schloßtheater wieder Aufführungen

Nach einer anderthalbjährigen Pause kann das Potsdamer Hans-Otto-Theater nun wieder im Schloßtheater des Neuen Palais spielen. Schau­spieldirektor Gert Jurgons gab dazu mit der Premie­re von Friedrich Schillers Lustspiel"Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen nach Picard einen heiteren Auftakt. Der dynamische, anpassungsfä­hige Selicour wird kurz vor dem Höhepunkt seiner erschwindelten Karriere doch noch zu Fall ge­bracht. Schiller schließt sarkastisch sein Stück mit dem Satz, daß es Gerechtigkeit doch nur auf der Bühne gäbe...

Patrick Süskinds Welterfolgsstück"Der Kontrabaß war die zweite Premiere der Potsdamer Bühne im Schloßtheater am 17.Mai, gleichfalls in der Regie von Gert Jurgons. Der aus Film und Fernsehen be­kannte Schauspieler Jürgen Mai läßt mit der Ge­schichte des tragikomischen Kontrabassisten, der sein Instrument liebt und haßt, einen anspruchsval­len Theaterabend erwarten.

(aus Pressemitteilung)