Heft 
(1.1.2019) 15
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KULTUR

Einig sein oder streiten?

Das Problem bestand wohl darin, daß man sich einig, zu einig, war.

Die FrageWie unpolitisch darf Kultur sein? beantworteten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Galeriecafe des KulturhausesHans Marchwitza am 2. Oktober dahingehend, daß sich Kultur und Politik in untrennbarem Zusammen­hang befänden.

Vorwiegend mitInsidern trafen sich parallel(!) zur Lesung mit Erich Loest die Galeristin Ute Samtleben, der Mini­ster für Wissenschaft, Forschung und Kultur Hinrich Enderlein, der Intendant des Hans­Otto-Theaters Guido Huonder, der Verle­ger Gunnar Porikys sowie der Moderator des Abends Dr. Alexander Dill von der Projektgruppe der Voltaire-Ausstellung. Es wurde mehr festgestellt, theoretisiert, beklagt als Konzepte bzw. Möglichkeiten für eine notwendige vielschichtige Ge­staltung der Brandenburger Kulturland­schaft angeboten. Was ergibt sich bei­spielsweise aus der Tatsache, daß Pots­dam vorrangig wegen der Parkanlagen von Sanssouci ein Touristenmagnet ist?

Einige Ereignisse der jüngsten Vergan­genheit, wie das Geschehen um die Kon­zentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück, der Abriß des begonnenen Potsdamer Theaterneubaus und die Le­

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sung Potsdamer Schauspieler in besetzten Häusern hätten den Ausgangspunkt für eine kontroverse und kreative Auseinan­dersetzung mit oben genannter Frage sein können.

Es wurden zwar die Themen Kultur- bzw. Kunstkonsum, Massenkultur, Kriterien für Kunstqualität gestreift, aber eben nicht wirklich diskutiert.

Streitbarer ging es dagegen am 7. Oktober auf der Probebühe des Hans-Otto-Thea­ters zu. Dort diskutierten Dramatiker und Schriftsteller aus sechs Ländern Osteuro­pas über ihre kulturelle Situation nach der Demokratisierung.

Der Blick nach Osten dürfe nicht verlo­rengehen, die Zusammenarbeit müsse in Zukunft auf neue Art und Weise erfol gen, so der Intendant G. Huonder.

Die Theatersäle sind fast überall leerer geworden. Die Interessen der Leute ha­ben sich verändert. Die daraus resultie­renden Konsequenzen wurden von den Gesprächspartnern unterschiedlich gezo­gen. Der bulgarische Gast sah es so: Wenn nach einem Erdbeben die Zahl der Thea­terbesucher zurückgeht, käme man nicht zu der Schlußfolgerung, daß es sich um eine Krise des Theaters handeln würde.

Dr. Barbara Eckardt

König der Fischer

Einige unbedacht geäußerte, zynische Bemerkungen des New Yorker Radio-Moderators Jack Lucas(Jeff Bridges, r.) haben schreckliche Folgen. Einer sei­ner Zuhörer bricht zu einem blutigen Amoklauf auf. Die Karriere Jacks nimmt ein ab­ruptes, Ende...

Am 13. 10. fand im Schloß­theater das 1. Potsdamer Forum statt, auf dem Chri­stian Graf von Krockow ei­nen vielbeachteten Vortrag hielt. Wir berichten in Nr. 16/91.

Monolog eines Lehrers

Erich Loest las im Kulturhaus Am Alten Markt

Ein pensionierter Lehrer, bis zur Flucht seines Sohnes über Jugoslawien nach Wuppertal Schuldirektor, zieht die Bi­lanz seines Lebens. Resultat ist eine sehr deutsche Biographie, bestehend aus Lüge, Kompromiß, schlechtem Gewissen und innerem Räsonnement. Sogar die Ehr­lichkeit vor sich selbst fällt schwer. Die Lüge, das Verschweigen der Zugehörig­keit zur Waffen-SS, wird mit ins Grab genommen; die Kompromisse, vor allem dieDistanzierung von dem eigenen Sohn müssen aufgearbeitet werden: ein schmerz­licher Prozess.

Loest zeigt in seinem Text die sehr diffi­zile Kenntnis der Machtmechanismen im späten NS-Reich, in der Nachkriegszeit und in der vierzigjährigen DDR-Geschich­te. Ein Faktum, welches nicht verwun­dert, kennt man die Biographie des Au­tors. Seit 1947 überzeugter Anhänger des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden, Mitglied der SED, nach dem 17. Juni 1953 erste Zweifel, die sich später deutlicher Distanz gegenüber den herr­schenden Machtstrukturen entwickelten. Die Verurteilung des Autors 1957 zu ei­ner langjährigen Zuchthausstrafe wegen konterrevolutionärer Tätigkeit sollte vor allem ein Exempel statuieren. Im Gegen­satz zu Janka und Harich saß Loest seine Strafe voll ab. Die sein Werk und seine Auftritte bis heute kennzeichnende Wut hat u. a. in diesem Punkt seines Lebens­laufes ihre Ursachen. Daß diese Wut nicht undifferenziertem Haß und Vergeltungs­sucht gleichzusetzen ist, zeigte sich in der dem Verlesen des Textes(dieser ist für eine Veröffentlichung inSinn und Form und als Hörspiel vorgesehen) folgenden Diskussion mit dem Publikum.

Loests Selbstverständnis ist das eines steten Mahners für die umfassende, nichts ver­deckende Aufarbeitung unserer Vergan­genheit. Daß dabei seine historischen Vergleiche und auch die damit verbunde­nen Vorschläge für Konfliktlösungen nicht immer überzeugend sind, mitunter sogar in die spekulativ-groteske Richtung ge­hen, möge man der Phantasie eines Lite­raten zuschreiben.

P. Görlich

Nr; 15/91