KULTUR
Einig sein oder streiten?
Das Problem bestand wohl darin, daß man sich einig, zu einig, war.
Die Frage„Wie unpolitisch darf Kultur sein?“ beantworteten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Galeriecafe des Kulturhauses„Hans Marchwitza‘‘ am 2. Oktober dahingehend, daß sich Kultur und Politik in untrennbarem Zusammenhang befänden.
Vorwiegend mit„Insidern‘“ trafen sich— parallel(!) zur Lesung mit Erich Loest— die Galeristin Ute Samtleben, der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur Hinrich Enderlein, der Intendant des HansOtto-Theaters Guido Huonder, der Verleger Gunnar Porikys sowie der Moderator des Abends Dr. Alexander Dill von der Projektgruppe der Voltaire-Ausstellung. Es wurde mehr festgestellt, theoretisiert, beklagt als Konzepte bzw. Möglichkeiten für eine notwendige vielschichtige Gestaltung der Brandenburger Kulturlandschaft angeboten. Was ergibt sich beispielsweise aus der Tatsache, daß Potsdam vorrangig wegen der Parkanlagen von Sanssouci ein Touristenmagnet ist?
Einige Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, wie das Geschehen um die Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück, der Abriß des begonnenen Potsdamer Theaterneubaus und die Le
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sung Potsdamer Schauspieler in besetzten Häusern hätten den Ausgangspunkt für eine kontroverse und kreative Auseinandersetzung mit oben genannter Frage sein können.
Es wurden zwar die Themen Kultur- bzw. Kunstkonsum, Massenkultur, Kriterien für Kunstqualität gestreift, aber eben nicht wirklich diskutiert.
Streitbarer ging es dagegen am 7. Oktober auf der Probebühe des Hans-Otto-Theaters zu. Dort diskutierten Dramatiker und Schriftsteller aus sechs Ländern Osteuropas über ihre kulturelle Situation nach der Demokratisierung.
Der Blick nach Osten dürfe nicht verlorengehen, die Zusammenarbeit müsse in Zukunft auf neue Art und Weise erfol gen, so der Intendant G. Huonder.
Die Theatersäle sind fast überall leerer geworden. Die Interessen der Leute haben sich verändert. Die daraus resultierenden Konsequenzen wurden von den Gesprächspartnern unterschiedlich gezogen. Der bulgarische Gast sah es so: Wenn nach einem Erdbeben die Zahl der Theaterbesucher zurückgeht, käme man nicht zu der Schlußfolgerung, daß es sich um eine Krise des Theaters handeln würde.
Dr. Barbara Eckardt
„König der Fischer“
Einige unbedacht geäußerte, zynische Bemerkungen des New Yorker Radio-Moderators Jack Lucas(Jeff Bridges, r.) haben schreckliche Folgen. Einer seiner Zuhörer bricht zu einem blutigen Amoklauf auf. Die Karriere Jacks nimmt ein abruptes, Ende...
Am 13. 10. fand im Schloßtheater das 1. Potsdamer Forum statt, auf dem Christian Graf von Krockow einen vielbeachteten Vortrag hielt. Wir berichten in Nr. 16/91.
Monolog eines Lehrers
Erich Loest las im Kulturhaus Am Alten Markt
Ein pensionierter Lehrer, bis zur Flucht seines Sohnes über Jugoslawien nach Wuppertal Schuldirektor, zieht die Bilanz seines Lebens. Resultat ist eine sehr deutsche Biographie, bestehend aus Lüge, Kompromiß, schlechtem Gewissen und innerem Räsonnement. Sogar die Ehrlichkeit vor sich selbst fällt schwer. Die Lüge, das Verschweigen der Zugehörigkeit zur Waffen-SS, wird mit ins Grab genommen; die Kompromisse, vor allem die„Distanzierung“ von dem eigenen Sohn müssen aufgearbeitet werden: ein schmerzlicher Prozess.
Loest zeigt in seinem Text die sehr diffizile Kenntnis der Machtmechanismen im späten NS-Reich, in der Nachkriegszeit und in der vierzigjährigen DDR-Geschichte. Ein Faktum, welches nicht verwundert, kennt man die Biographie des Autors. Seit 1947 überzeugter Anhänger des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden, Mitglied der SED, nach dem 17. Juni 1953 erste Zweifel, die sich später zı deutlicher Distanz gegenüber den herrschenden Machtstrukturen entwickelten. Die Verurteilung des Autors 1957 zu einer langjährigen Zuchthausstrafe wegen konterrevolutionärer Tätigkeit sollte vor allem ein Exempel statuieren. Im Gegensatz zu Janka und Harich saß Loest seine „Strafe“ voll ab. Die sein Werk und seine Auftritte bis heute kennzeichnende Wut hat u. a. in diesem Punkt seines Lebenslaufes ihre Ursachen. Daß diese Wut nicht undifferenziertem Haß und Vergeltungssucht gleichzusetzen ist, zeigte sich in der dem Verlesen des Textes(dieser ist für eine Veröffentlichung in„Sinn und Form“ und als Hörspiel vorgesehen) folgenden Diskussion mit dem Publikum.
Loests Selbstverständnis ist das eines steten Mahners für die umfassende, nichts verdeckende Aufarbeitung unserer Vergangenheit. Daß dabei seine historischen Vergleiche und auch die damit verbundenen Vorschläge für Konfliktlösungen nicht immer überzeugend sind, mitunter sogar in die spekulativ-groteske Richtung gehen, möge man der Phantasie eines Literaten zuschreiben.
P. Görlich
Nr; 15/91