Nr. 13/92— Seite 2
INFORMATIONEN
DAS AKTUELLE INTERVIEW
Die PUZ nutzte die Gelegenheit und stellte dem Bundesbildungsminister vor seiner Heimreise einige Fragen.
PUZ: Welche Gründe, Heır Minister, haben Sie an die Universität Potsdam geführt?
Prof. Ortleb: Es gehört zu meinem Amt, daß ich mich in Sachen Hochschulpolitik vor Ort kundig mache. So ist es einer der vielen Besuche, die ich den Universitäten und Fachhochschulen der Bundesrepublik Deutschland abgestattet habe. PUZ: Ist man im Bildungsministerium angesichts der Probleme, die in der Hochschullandschaft in den neuen Ländern bestehen, mit der bisherigen Entwicklung in Brandenburg und insbesondere in Potsdam zufrieden?
Prof. Ortleb: Ich denke, daß man in Brandenburg sehr geschickt versucht, Neuerungen einzufüh
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Die Ausgabe 14/92 der Universitätszeitung erscheint am 12. Oktober 1992.
Redaktionsschluß: 29. 9. 1992
ren, daß z. B. das Potsdamer Modell der Lehrerbildung, über das wir uns heute verständigt haben, eine besondere Rolle spielt. Hier werden Eigenständigkeiten erhalten, die das besondere Fachgepräge dieser Universität ausmachen.
PUZ: Was würden Sie einem Jugendlichen mit Hochschulreife, der in Potsdam studieren möchte, anraten?
Prof. Ortleb: Er sollte die guten Chancen einer hier sicherlich noch sehr individuellen Ausbildung sehen und suchen, und er sollte auch versuchen, aus dem Spektrum der hiesigen Angebote zu wählen und zu wägen. Natürlich kann ich einem Studierenden auch hier nur Fleiß anraten, um die Regelstudienzeit einzuhalten.
PUZ: Darf ich Sie um ein Resümee Ihres Besuches an der Potsdamer Universität bitten und fragen, welche Eindrücke Sie mit nach Hause nehmen?
Prof. Ortleb: Ich glaube, daß sich hier in Potsdam vieles bewegt. Mich hat das Engagement der hiesigen Hochschullehrer und Mitarbeiter beeindruckt. Aus meiner Sicht war dieser Besuch auch deshalb informativ, weil ich ja maßgeblich versuche, das Hochschulerneuerungsprogramm voranzutreiben, vor allem in Hinsicht der finanziellen Wirkung dieses Programms. Ich habe mich davon überzeugen können, daß manches hier neue Gerät schon eine Folge der Umsetzung dieses Programms ist, und es freut mich zu sehen, daß seine Auswirkungen auch in Potsdam sichtbar geworden sind. Auch glaube ich, daß es in Potsdam eine sehr lebendige Universität werden kann, auch wenn die Studentenzahlen eine Größenordnung annehmen werden, daß man dann hier leider die Idylle vermissen wird.
PUZ: Vielen Dank Herr Minister.
(Die Fragen für PUZ stellte Dr. Rolf Rammaelt.)
„In den neuen Ländern gibt es viel Elan“
Sich vor Ort ein Bild zu machen, auch zur Wirkung des Hochschulerneuerungsprogramms, war der vom Bildungsminister benannte Grund für seinen Besuch am 22. Juli. Prof. Mitzner informierte seinen„Professorenkollegen‘‘ Rainer Ortleb zunächst über Erfolge und Schwierigkeiten im hiesigen Neugründungsprozeß. Er verhelte nicht, daß ihm die Verlangsamung der Überleitung des Mittelbaus in eine sichere Personalsituation zur Zeit am meisten Sorgen bereitet. Schwierig sei momentan auch die Bauplanung, weniger das Bauen selbst. Von den positiven Veränderungen u. a. der Modernisierung von Gebäuden und Hörsälen, der Ausrüstung mit wissenschaftlichen Großgeräten und der Ausstattung mit Fach- und Studienliteratur, konnte sich der Minister bei einem Rundgang selbst überzeugen.
Eine größere Gesprächsrunde bot Vertretern verschiedener Fachbereiche sowie Studenten Gelegenheit zu einer Erörterung hochschulpolitischer Fragen. Mehrere Professoren mahnten in diesem Rahmen die ausstehende Grundordnung der Universität als Voraussetzung für mehr Demokratie und Autonomie, eine Beschleunigung der Berufungsverfahren und eine baldige Überleitung des Hochschulpersonals an. Sie erklärten ihr Verständnis für eine solide Gründungsarbeit, waren sich aber auch darin einig, daß Motivation und Belastbarkeit von Mitarbeitern und Studenten äußerst strapaziert sind und noch länger anhaltende unsichere Personalverhältnisse der Produktivität der Universität entgegenstehen. Die Studenten beklagten vor allem den langen Weg der Bürokratie und die mangelnde Transparenz der Arbeit des Gründungssenats. Die vom Staatssekretär Prof. Dittber
ner angebotenen Erklärungsmuster, man handele so zügig wie möglich und im Verhältnis zu den alten Ländern werde sehr schnell berufen, fanden wenig Akzeptanz.
Bundesminister Ortleb zeigte Verständis für die Befindlichkeit der Universitätsmitarbeiter und hob die Leistungsfähigkeit ostdeutscher Hochschulen hervor. Es gelte, so Ortleb, spezifische Profile auszubilden und dabei nicht dem bundesdeutschen Durchschnitt zu folgen. In diesem Kontext berichtete der Gründungsrektor über Potsdamer Besonderheiten, so die umfangreiche und enge Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und ein besonderes Modell der Lehrerbildung, das Interesse beim Bildungsminister fand.
Insgesamt war der Minister zuversichtlich, daß die Strukturierung der ostdeutschen Hochschulen zum Herbst deutlich wird und sie im Wettbewerb eine Chance haben. Tagtäglich„kämpfe ich gegen die verbreitete Ansicht an, der Osten isteine wissenschaftliche Wüste‘‘. In den neuen Ländern„gibt es viel Elan, und manch namhafter Wissenschaftler kommt bewußter hierher‘‘. Daß auch Potsdam für Fachleute ein begehrter Standort ist, konnte Prof. Mitzner anhand der Reaktion auf die bisherigen 90 Ausschreibungen für Professuren illustrieren.
Die Aussagen des Ministers, daß auch er manche Personalevaluierung— bei aller genereller Bejahung des Prozesses— als zu grundsätzlich empfinde und Hochschulmitarbeiter auch ein gesundes Selbstbewußsein brauchen, wurden in Potsdam mit Genugtuung aufgenommen. Regine Derdack