STANDPUNKT
Nr. 16/92— Seite 3
Träume eines Potsdamer Eisenbahnfans „Die Eule”
Es ist zehn Minuten vor eins. Offenbar ist gerade eine Vorlesungspause. Viele Studentinnen und Studenten strömen aus dem großen Unikomplex II in Golm. Viel hat sich hier geändert. Es sind erst knapp 7 Jahre her, als 1990 die damalige Pädagogische Hochschule nach vielen Bemühungen diesen Ausbildungsbereich übernehmen konnte. Nachdem sie 1990 ihren früheren Namen„Brandenburgische Landeshochschule" zurückbekam, wurde sie der Grundstock für die 1991 gegründete Universität Potsdam. Und seitdem hat sie sich schnell zu einer Universität gemausert, die durch ihr attraktives und vielseitiges Lehrangebot namhafter Wissenschaftler, durch ihre Lage in der schönen Havellandschaft um Potsdam und die Nähe zu der Hauptstadt Berlin, durch ihren überschaubaren und geordneten Lehrbetrieb und durch die guten Lebensund Arbeitsbedingungen bei den Studenten ein begehrter Studienort ist. Auf dem Komplex II fallen die neuen Institutsgebäude und das vor wenigen Jahren errichtete Studentendorf ins Auge. Viele Studenten strömen zielgerichtet auf den Bahnhof zu, der gleich vor dem Haupteingang des Unikomplexes liegt. Ohne Treppen und ohne Unterführung kommt man auf einen erst vor zwei Jahren neu gebauten Bahnsteig. Und dort steht die„Eule”. Der Zug bietet durch sein Aussehen nicht den geringsten Anlaß für einen derartigen Namen. Er ist vielleicht ein wenig zu viel mit schrillen Farbtönen versehen. Es ist ein vierteiliger Doppelstockzug, geräumig mit breiten Eingängen. Ungehindert können Rollstuhlfahrer vom Bahnsteig aus in den Wagen fahren. Kinderwagen und Fahrräder lassen sich bequem und sicher abstellen.
Pünktlich um eins ist ein Gong zu hören. Eine freundliche Stim
me auf dem Bahnsteig und im Wageninneren kündigt die Abfahrt an. Automatisch schließen die Türen, und fast lautlos, aber mit spürbarer Beschleunigung setzt sich der Zug in Bewegung. Es istein Pendelzug, die Elektrolok schiebt gerade.
Der Name„die Eule" war schnell in aller Munde. Er ist- hier in Potsdam nicht neu und deshalb eigentlich gar nicht originell. Denn ein alter Dieseltriebwagen, der vor der„Wende" über viele Jahre als Zubringer zwischen dem Bahnhof Babelsberg und dem damaligen Hauptbahnhof seinen Dienst versah, hatte diesen Spitznamen. Jetzt könnte man diesen Namen auch akademisch verstehen, schließlich ist die Eule eine Symbolfigur für die Weisheit.
Schon nach kurzer Fahrt bremst der Zug, wir sind bereits auf dem Bahnhof Wildpark.
Ein Teil der Studenten drängt nach draußen, sie wollen zum Unikomplex I direkt hinter dem Neuen Palais. Hier liegen viele zentrale Verwaltungseinrichtungen der Uni, so noch immer das Rektorat. Schließlich geben die prächtigen alten Gebäude und die Randlage am Park Sanssouci einen würdigen Rahmen ab. Hier liegen aber auch einige Fachbereiche und Lehrgebäude und ein großer Wohnheimkomplex.
Es steigen mehr Leute ein als aus. Vor allem Touristen sind es, die sich im großen Freizeit- und Erlebnisbereich„Eisenbahn" rund um den alten Kaiserbahnhof unterhalten ließen oder vom nahen Neuen Palais und Park Sanssouci kommen und nun zum Stadtzentrum oder nach Berlin zurückfahren wollen. Bei den Einsteigenden sind offensichtlich auch viele Studenten dabei. Sie möchten möglichst schnell zum Unikomplex III am Bahnhof Griebnitzsee. Ihre Lehrveranstaltungen gehen dort weiter. Der „akademische Zeittakt", der
Beginn einer Doppelstunde ist zwischen den Komplexen I/II und dem Komplex III zeitlich versetzt. So kann man ohne große Ausfallzeiten und in Ruhe dem Lehrangebot an den verschiedenen Komplexen nachkommen. Für die Studenten sind diese Fahrten mit dem persönlichen „Semesterticket” besonders preiswert.
Schon ruckt der Zug wieder an, um kurz danach bereits wieder zu halten. Die Haltestelle hat selbstverständlich ihren alten Namen„Charlottenhof" wieder. Der nächste Halt ist der Hauptbahnhof Potsdam. Wie hat der sich in den wenigen Jahren verändert. Den großen Anstoß gab es bereits 1991, als alle Reisezüge gehobener Klasse, die Interregio-, Intercity- und Eurocityzüge mit klangvollen Namen, die von Berlin aus in Richtung Westen, Südwesten und Süden fuhren, erstmalig in Potsdam Station machten. Die damaligen Zustände auf dem Bahnhof „Potsdam Stadt" waren diesen Zügen und der Landeshauptstadt völlig unwürdig. Seit dem letzten Fahrplanwechsel ist es hier auf dem Hauptbahnhof um die großen und exklusiven Fernzüge etwas stiller geworden. Die Schnellbahnlinie von Berlin nach Hannover führt leider an Potsdam vorbei. 1992 wurde wieder die S-Bahn-Verbindung nach Berlin hergestellt, und alle 20 Minuten fährt ein Zug ab. Trotzdem drängen viele Reisende in„die Eule". Jede vierte Stunde fährt dieser„Universitätszug” nämlich nach Berlin weiter. Hinter Griebnitzsee hält er noch am Bahnhof Zoologischer Garten(dort liegt die TU Berlin) und in Zentralbahnhof Lehrter Straße(Humboldt-Uni); er endet auf dem Hauptbahnhof Berlin. Man kann durch diese Verbindung bis zum Stadtzentrum Berlin fast eine halbe Stunde Reisezeit einsparen.
Und weiter geht die Fahrt nach Griebnitzsee. Auf der dem Bahnhofsgebäude abgewandten Seite ist ein„Unibahnsteig" eingerichtet, der wieder einen ebenerdigen Weg zum Unigelände, zum Komplex II zuläßt.
Um diesen Zug mußte hart gerungen werden. Die katastrophalen Verkehrsverbindungen zwischen den drei Unikomplexen machten gewisse Studienformen und-kombinationen fast unmöglich. Mit einer großen Studentendemo war man vor den Landtag gezogen.
Die Verstopfungen der Straßen sind auch heute noch nicht viel besser geworden. So wurde dieser„Unizug" gerade von den Stadtbewohnern gern angenommen.
Der Fahrplan unseres Zuges:
Golm 13.00 Wildpark 13.05 Charlottenhof 13.08 Potsdam Hbf. BB Griebnitzsee 13:45 Bin. Zoolog. Garten 13.30 Zentralbahnhof 13.35 Berlin Hbf. 13.40
Muß das nur ein Traum sein? Eku
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