Nr. 16/92— Seite 4
PERSPEKTIVEN
Kontakte zu osteuropäischen
Hochschulen werden intensiviert Mit Prof. Mende im Gespräch
In der PUZ 7/92 ist Prof. Mende schon einmal vorgestellt worden. Er ist für fünf Jahre nach Potsdam gekommen und leitet hier den Lehrstuhl für Vergleichende und Historische Pädagogik sowie die Cottbusser Außenstelle der Universität Potsdam. Aus der damaligen kurzen Vorstellung ergaben sich für die PUZ Fragen, denen sich der Gastprofessor gern stellte.
PUZ: Wie sieht die Perspektive der Cottbusser Außenstelle aus? Was wird mit den dort arbeitenden KollegInnen?
Prof. Mende: Ich bin der Leiter der dortigen Einrichtung und habe somit die Ausbildung der immatrikulierten zukünftigen Primarstufenlehrer zu verantworten. Bis 1996 soll es die Außenstelle geben. Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Überführung einer bisherigen Fachschulausbildung in eine Ausbildung mit universitärem Standard. Die Lehre wird gesichert, bis die letzten Studenten ihre erste Staatsprüfung ablegen können. Eine hohe Qualität der Ausbildung bis zum Schluß gewährleisten zu können, hat unbedingte Priorität.
Das Problem ist nur, daß uns verständlicherweise bereits jetzt gute KollegInnen verlassen, wenn ihnen die Chance eines anderweitigen„Neuanfangs" geboten wird.
In Cottbus gibt es 500 StudentInnen in der Lehrerausbildung. Neuimmatrikulationen werden nicht mehr vorgenommen. Es ist ein auslaufendes Modell. Die Mitarbeiter wissen, daß 1996 Schluß ist. Formal-rechtliche Probleme bei der Umwandlung von Dauerarbeitsverträgen in Zeitverträge sind noch zu lösen.
Eine sicher nicht ganz einfache Aufgabe für das hiesige Personaldezernat.
PUZ: Das Potsdamer Modell der Lehrerbildung ist bereits häufiger erwähnt worden. Wie würden Sie die Spezifik dieses Modells beschreiben?
Prof. Mende: Ausschlaggebend dabei ist, daß es für die westdeutsche Tradition neu ist. Die enge Verzahnung von praktischer und theoretischer Ausbildung ist der Kernpunkt. Die Theorievermittlung soll berufsbezogen erfolgen. Es wird stärker nach der beruflichen Relevanz für Lehrer gefragt. Mit Blick auf die ehemalige DDR muß man sagen, daß es eine Rückerinnerung an ihre Ausbildungsstrukturen, natürlich nicht an Inhalte darstellt.
Hier in Potsdam schwebt uns eine studienorganisatorische Neuigkeit vor. Vielleicht kann man ein studienintegriertes Eingangssemester organisieren. Qualitativ wäre das dann wirklich etwas Neues. Die Frage ist nur, wie es in. der Prüfungsordnung verankert wird. Sie muß ja die Grundlage bilden.
An der Universität Potsdam wirkt seit kurzer Zeit Prof. Dr. Bayer. Er ist der Vorsitzende der Kommission Lehrerbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften. Der Gründungssenat hat ihn an die Hochschule geholt, um als Senatsbeauftragter für Lehrerbildung den Prozeß der Umsetzung des Potsdamer Modells verantwortlich zu leiten.
PUZ: Sie engagieren sich sehr für die Wiederbelebung von Beziehungen zu Hochschulen in den ehemaligen sozialistischen Ländern. Welche kon
kreten Kontakte gibt es aus der Sicht des Pädagogen, und mit welchen Inhalten werden sie ausgefüllt?
Prof. Mende: Den Anstoß dafür gab mir Prof. Mitzner, der sich in einem Gespräch dahingehend äußerte, die einmal aufgebauten Beziehungen nicht vernachlässigen zu wollen. Die intensivsten Kontakte gibt es zu Polen, genauer Zielona Göra. Zum Beispiel sichert eine Kollegin von dort den Bereich Grundschulpädagogik in Cottbus ab.
In Gesprächen mit den polnischen Wissenschaftlern suchen und entwickeln wir gemeinsame Ausbildungselemente in der Lehrerbildung. Gedacht ist ebenfalls an eine Ausbildung für interkulturelle Erziehung. Ein vorbereitendes Seminar dazu fand in der Woche vom 26.30. 10. in Cottbus mit an dem Projekt beteiligten Studenten und Dozenten statt. Des weiteren wird regelmäßig ein Dozentenseminar mit ca. 10 polnischen und 10 deutschen Lehrerbildnern abgehalten. Anfang Dezember sprechen wir miteinander zum Thema:„Veränderungen in der Schule und daraus entstehende Konsequenzen. für die Lehrerbildung”. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Tatsache, daß die Radikalität des Umbruchs in Polen und in den neuen Bundesländern in gleicher Weise vorhanden ist.
Lockere Kontakte werden zu Opole und weiteren polnischen Städten unterhalten. Die Verbindung zu Minsk und St. Petersburg soll ebenfalls wieder intensiviert werden.
Für das Gespräch herzlichen Dank.
Die Fragen stellte P. Görlich.
„Das Modell der Gutsherrschaft. Zur sozialen Funktionsweise frühneuzeitlicher Agrargesellschaften"
Unter diesem Generalthema veranstaltet die Arbeitsgruppe der Max-Planck-Gesellschaft „Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen", die seit dem 1. Januar 1992 an der Universität Potsdam beheimatet ist und unter der Leitung von Prof. Dr. Jan Peters steht, in der Zeit vom 11.—-13. März 1993 in Potsdam eine Tagung mit internationalen Gästen. Die Tagung versteht sich als Fortsetzung eines Kolloquiums in Potsdam(10.6. 92) sowie einer Sektionsversammlung auf dem Historikertag in Hannover (25.9. 92) und soll im interdisziplinären Ansatz die soziale Funktionsfähigkeit, mentale Prägekraft und Geschichtsmächtigkeit der im westlichen Ostelbien in der Frühen Neuzeit dominierenden Formen von gutsherrschaftlich bestimmten Agrargesellschaften zum Gegenstand haben. Dabei wird besonderes Augenmerk auf den Meinungsaustausch zwischen ost- und westdeutschen, aber auch ausländischen Tagungsteilnehmern gelegt. Einerseits wird damit die räumlich weite Betrachtung der sozialen Gutsherrschaftsentwicklung gewährleistet, andererseits steht in mehreren der angekündigten Beiträge das Umfeld Potsdam-Berlin als„brandenburgisches Kernland" im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Da die Wechselwirkungen im Spannungsfeld zwischen den Städten Berlin/Potsdam und deren gutsherrschaftlich geprägtem Umland nicht ohne Einfluß auf die Geschichte der Stadt Potsdam geblieben sind, folglich auch die entsprechenden Stadt-Land-Beziehungen im Blickfeld der Teilnehmer stehen werden, soll die Veranstaltung auch als ein Beitrag zur 1000Jahr-Feier der Stadt Potsdam verstanden werden. Für weitere Informationen steht Ihnen gern Dr. Thomas Rudert zur Verfügung(Tel.: 9 71.07.63):