Heft 
(1.1.2019) 20
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MITTELBAU

Nr. 20/92 Seite 13

Einstürzende Mittelbauten

Das WortTragödie definierte der Leipziger Duden miter­schreckendes Ereignis, der Mannheimer mitUnglück. Was die Vereinigung der beiden Deutschländer dem akademi­schen Mittelbau der DDR zumu­tet, ist ein Unglück, das bei so vielen anderen, spektakulären Trauerspielen ringsum nieman­den erschüttert, außer die Be­troffenen. Und wieder einmal ist es eigentlich niemandes Schuld. Es waren nur zwei grundver­schiedene Modelle, die ja jahr­zehntelang koexistiert hatten und von denen das eine von heute auf morgen ungültig wurde.

Im Westen gilt für den akademi­schen Mittelbau, zumindest ten­denziell, das Durchlauferhitzer­Modell.Mittelbauer* soll um Himmels willen kein Lebensbe­ruf sein. Die betreffenden Stel­len sind überwiegend Zeitstel­len, auf denen junge Wissen­schaftler zeigen dürfen, was sie können... Jedenfalls bringt es zwei unbestreitbare Vorteile mit sich. Den einen hat derjenige, der diese Stellen bezahlt: Er vermeidet elegant den Schrek­ken aller Arbeitgeber, dauerhaf­te Verpflichtungen. Den ande­ren haben die jungen Wissen­schaftler: Es werden tatsächlich immer wieder Mittelbaustellen frei, auf die sie nachrücken kön­nen. Ein von vornherein schlech­tes Modell ist es nicht.

Als ein strahlendes Vorbild wirkt es aber auch nicht gerade dazu ist es zu tief in den deplorablen Zustand der westdeutschen Hochschulen insgesamt verwic­kelt... Gerade in dem Augen­blick, da sich die Unhaltbarkeit dieses Zustands herumzuspre­chen beginnt und zur Remedur wieder einmal dieVerschulung des Grundstudiums empfohlen wird gerade in diesem Augen­blick wird nun das mit so ekla­tanten Mängeln behaftete west­liche System aufgepfropft, das mit seinen ganz anderen Män­geln noch nicht fertig ist...

In der DDR studierten nicht

35 Prozent eines Altersjahrgangs wie heute in der Bundesrepu­blik, sondern nur 14 Prozent. Ein Studienplatz zu ergattern war schwierig(und mußte mit stän­digemgesellschaftlichem Wohlverhalten erkauft werden). Denen, die einen gefunden hat­ten, wurde unablässig eingehäm­mert, daß sie auf Kosten des Volkes ein rares Privileg genos­sen, dessen sie sich nur durch strengste Studiendisziplin wür­dig erweisen könnten. Zudem winkte jedem jenseits des Stu­diums ein allzeit sicherer Arbeits­platz. Beides, der gehörige Druck und die in Aussicht stehende Belohnung, verhinderten, daß da jemand nur versuchsweise in seinem Studium herumstocher­te. Daß er es aber in der vorge­schriebenen Zeit wirklich schaff­te, das war das Ergebnis einer straffen Studienorganisation, al­so einer starken Verschulung, in Verbindung mit einer intensiven persönlichen Betreuung.

Und diese war vor allem Sache des noch nicht so genannten Mit­telbaus... Wenn die DDR-Uni­versitäten bei allen ihren vielen und schaurigen Defekten jeden­falls keine verschlampten Mas­senfertigungsanlagen westdeut­schen Zuschnitts waren, so lag das auch und vor allem an der Funktion, die dem Mittelbau in ihnen zufiel. Auch er wurde für die ideologische Domptierung eingespannt, auch der war kein Hort des Widerstandes; aber während man Professor praktisch nur als Genosse wurde, sammel­ten sich in ihm(wie auch in den Forschungsinstituten der Akade­mie der Wissenschaften) viele der weniger windschnittigen Typen, denen es verwehrt blieb, einen Lehrstuhl zu erklimmen. Es kann keine Rede davon sein, daß er als Berufsstand politisch pauschal kompromittiert wäre. Ein paar Zahlen zum Beleg. An der Freien Universität in Berlin West kommen in diesem Jahr auf 100 Studenten 1,5 Professo­ren und 4,8Mittelbauer*. An

der Humboldt-Univeristät in Berlin Ost entfielen 1989 auf 100 Studenten 4,9 Professoren und Dozenten und 16,7 wissenschaft­liche Mitarbeiter; heute, Ende 1992,. ist: das. Verhältnis 100:3:6,8... 1989 hatte die Humboldt-Universität 16 000 Direkt-Studenten, 786 Hoch­schullehrer und 2672 wissen­schaftliche Mitarbeiter. Heute hat sie 17 300 Studenten und immer­hin 527 Hochschullehrer, aber nur noch 1268 wissenschaftli­che Mitarbeiter und da das im Vergleich zur nebenan im­mer noch geradezu paradiesische Verhältnisse sind, werden sich die Relationen weiter verschlech­tern. Oder anders gesagt: Beiden Hochschullehrern fielen von 100 Stellen bisher 33 weg, im Mittel­bau aber 53. Und die Humboldt­Universität steht damit nicht al­lein: In allen Ostländern werden im Augenblick etwa 20 Prozent der Professoren und 60 Prozent der etwa 31 000Mittelbauer vor die Tür gesetzt.

Daß trotz steigender Studenten­zahlen nur noch weniger als die Hälfte von ihnen gebraucht wer­den, ist aber nur die eine Zumu­tung. Die andere ist das Durch­lauferhitzer-Modell.Wissen­schaftliche Mitarbeiter" in der DDR war das ein völlig norma­ler, völlig honoriger Beruf, für den sich einer irgendwann ent­schied, um dann dabei zu blei­ben. In dieser Form wird er heute abgeschafft. Nur noch zwanzig Prozent aller Mittelbaustellen sollen nach der Vorstellung des Berliner Senats unbefristet sein, also unter Umständen Lebens­stellungen; achtzig Prozent der Mittelbauer aber sollen nach ein paar Jahren irgendwo ver­schwinden. Die absolute Soll­Zahl ist an der Humboldt-Uni­versität schon heute erreicht; den Anteil an unbefristeten Stellen aber muß sie in den nächsten drei Jahren von heute noch 78 Pro­zent auf 20 Prozenthinunter­fahren. Praktisch heißt das: ent­lassen, entlassen, entlassen.

Dabei ist jenes magische 80:20, das der Humboldt-Universität abverlangt wird, ein Verhältnis, wie es den meisten westdeut­schen Hochschulen erspart blieb. An der Freien Universität bei­spielsweise gilt heute noch eine andere Zahl: 65:35.

Erst mehr als die Hälfte wegra­tionalisiert; dann achtzig Prozent der Übriggebliebenen befristet, das heißt nach ein paar Jahren durch Jüngere ersetzt; und, falls sich künftig auch die Gruppe der Dozenten um die immer knap­per werdenden Stellen im Mit­telbau mitraufen muß, die Zahl noch einmal halbiert 1995 also wird aus dem alten Mittelbau der DDR bis auf ein paar verspreng­te Überlebenskünstler niemand mehr an einer Hochschule tätig, wird ein ganzer Berufsstand abgewickelt sein...

Eine menschliche Seite hat diese Sache auch. Nicht vergessen werde ich ein Gespräch mit Physikern der Humboldt-Univer­siıtät, die mir schilderten, wie sie sich über ein Jahr lang quasi hauptamtlich damit befaßt hat­ten, ihre Professorenkollegen fachlich undmenschlich(was in diesem Zusammenhang im­merpolitisch heißt) zu beur­teilen und so letztlich zu ent­scheiden, wer bleiben darf und wer nicht. Ich fragte, ob diese Sichtung nun auch auf den Mit­telbau ausgedehnt wird. Und einer der Herren antwortete mit fast tränenbebender Stimme: Nein, das können wir doch nicht! Wir haben die Zeit nicht! Wir wollen aber auch nicht! Es liefe ja darauf hinaus, daß wir viele Kollegen auf die Straße setzen, mit denen wir jahre- oder jahr­zehntelang zusammengearbeitet haben und denen trotz allen Suchens weder fachlich noch politisch der mindeste Vorwurf zu machen ist! Das wäre doch schmutzige Arbeit!

(Einstürzende Mittelbauten von Dieter E. Zimmer in: Die Zeit vom 27. 11. 92, S. 41)