MITTELBAU
Nr. 20/92— Seite 13
Einstürzende Mittelbauten
Das Wort„Tragödie“ definierte der Leipziger Duden mit„erschreckendes‘ Ereignis‘, der Mannheimer mit„Unglück“. Was die Vereinigung der beiden Deutschländer dem akademischen Mittelbau der DDR zumutet, ist ein Unglück, das— bei so vielen anderen, spektakulären Trauerspielen ringsum— niemanden erschüttert, außer die Betroffenen. Und wieder einmal ist es eigentlich niemandes Schuld. Es waren nur zwei grundverschiedene Modelle, die ja jahrzehntelang koexistiert hatten und von denen das eine von heute auf morgen ungültig wurde.
Im Westen gilt für den akademischen Mittelbau, zumindest tendenziell, das DurchlauferhitzerModell.„Mittelbauer‘* soll um Himmels willen kein Lebensberuf sein. Die betreffenden Stellen sind überwiegend Zeitstellen, auf denen junge Wissenschaftler zeigen dürfen, was sie können... Jedenfalls bringt es zwei unbestreitbare Vorteile mit sich. Den einen hat derjenige, der diese Stellen bezahlt: Er vermeidet elegant den Schrekken aller Arbeitgeber, dauerhafte Verpflichtungen. Den anderen haben die jungen Wissenschaftler: Es werden tatsächlich immer wieder Mittelbaustellen frei, auf die sie nachrücken können. Ein von vornherein schlechtes Modell ist es nicht.
Als ein strahlendes Vorbild wirkt es aber auch nicht gerade— dazu ist es zu tief in den deplorablen Zustand der westdeutschen Hochschulen insgesamt verwickelt... Gerade in dem Augenblick, da sich die Unhaltbarkeit dieses Zustands herumzusprechen beginnt und zur Remedur wieder einmal die„Verschulung“ des Grundstudiums empfohlen wird— gerade in diesem Augenblick wird nun das mit so eklatanten Mängeln behaftete westliche System aufgepfropft, das mit seinen ganz anderen Mängeln noch nicht fertig ist...
In der DDR studierten nicht
35 Prozent eines Altersjahrgangs wie heute in der Bundesrepublik, sondern nur 14 Prozent. Ein Studienplatz zu ergattern war schwierig(und mußte mit ständigem„gesellschaftlichem“ Wohlverhalten erkauft werden). Denen, die einen gefunden hatten, wurde unablässig eingehämmert, daß sie auf Kosten des Volkes ein rares Privileg genossen, dessen sie sich nur durch strengste Studiendisziplin würdig erweisen könnten. Zudem winkte jedem jenseits des Studiums ein allzeit sicherer Arbeitsplatz. Beides, der gehörige Druck und die in Aussicht stehende Belohnung, verhinderten, daß da jemand nur versuchsweise in seinem Studium herumstocherte. Daß er es aber in der vorgeschriebenen Zeit wirklich schaffte, das war das Ergebnis einer straffen Studienorganisation, also einer starken Verschulung, in Verbindung mit einer intensiven persönlichen Betreuung.
Und diese war vor allem Sache des noch nicht so genannten Mittelbaus... Wenn die DDR-Universitäten bei allen ihren vielen und schaurigen Defekten jedenfalls keine verschlampten Massenfertigungsanlagen westdeutschen Zuschnitts waren, so lag das auch und vor allem an der Funktion, die dem Mittelbau in ihnen zufiel. Auch er wurde für die ideologische Domptierung eingespannt, auch der war kein Hort des Widerstandes; aber während man Professor praktisch nur als Genosse wurde, sammelten sich in ihm(wie auch in den Forschungsinstituten der Akademie der Wissenschaften) viele der weniger windschnittigen Typen, denen es verwehrt blieb, einen Lehrstuhl zu erklimmen. Es kann keine Rede davon sein, daß er als Berufsstand politisch pauschal kompromittiert wäre. Ein paar Zahlen zum Beleg. An der Freien Universität in Berlin West kommen in diesem Jahr auf 100 Studenten 1,5 Professoren und 4,8„Mittelbauer‘*. An
der Humboldt-Univeristät in Berlin Ost entfielen 1989 auf 100 Studenten 4,9 Professoren und Dozenten und 16,7 wissenschaftliche Mitarbeiter; heute, Ende 1992,. ist: das. Verhältnis 100:3:6,8... 1989 hatte die Humboldt-Universität 16 000 „Direkt“-Studenten, 786 Hochschullehrer und 2672 wissenschaftliche Mitarbeiter. Heute hat sie 17 300 Studenten und immerhin 527 Hochschullehrer, aber nur noch 1268 wissenschaftliche Mitarbeiter— und da das im Vergleich zur FÜ nebenan immer noch geradezu paradiesische Verhältnisse sind, werden sich die Relationen weiter verschlechtern. Oder anders gesagt: Beiden Hochschullehrern fielen von 100 Stellen bisher 33 weg, im Mittelbau aber 53. Und die HumboldtUniversität steht damit nicht allein: In allen Ostländern werden im Augenblick etwa 20 Prozent der Professoren und 60 Prozent der etwa 31 000„Mittelbauer‘“ vor die Tür gesetzt.
Daß trotz steigender Studentenzahlen nur noch weniger als die Hälfte von ihnen gebraucht werden, ist aber nur die eine Zumutung. Die andere ist das Durchlauferhitzer-Modell.„Wissenschaftliche Mitarbeiter"— in der DDR war das ein völlig normaler, völlig honoriger Beruf, für den sich einer irgendwann entschied, um dann dabei zu bleiben. In dieser Form wird er heute abgeschafft. Nur noch zwanzig Prozent aller Mittelbaustellen sollen nach der Vorstellung des Berliner Senats unbefristet sein, also unter Umständen Lebensstellungen; achtzig Prozent der „Mittelbauer‘ aber sollen nach ein paar Jahren irgendwo verschwinden. Die absolute SollZahl ist an der Humboldt-Universität schon heute erreicht; den Anteil an unbefristeten Stellen aber muß sie in den nächsten drei Jahren von heute noch 78 Prozent auf 20 Prozent„hinunterfahren“. Praktisch heißt das: entlassen, entlassen, entlassen.
Dabei ist jenes magische 80:20, das der Humboldt-Universität abverlangt wird, ein Verhältnis, wie es den meisten westdeutschen Hochschulen erspart blieb. An der Freien Universität beispielsweise gilt heute noch eine andere Zahl: 65:35.
Erst mehr als die Hälfte wegrationalisiert; dann achtzig Prozent der Übriggebliebenen befristet, das heißt nach ein paar Jahren durch Jüngere ersetzt; und, falls sich künftig auch die Gruppe der „Dozenten“ um die immer knapper werdenden Stellen im Mittelbau mitraufen muß, die Zahl noch einmal halbiert— 1995 also wird aus dem alten Mittelbau der DDR bis auf ein paar versprengte Überlebenskünstler niemand mehr an einer Hochschule tätig, wird ein ganzer Berufsstand abgewickelt sein...
Eine menschliche Seite hat diese Sache auch. Nicht vergessen werde ich ein Gespräch mit Physikern der Humboldt-Universiıtät, die mir schilderten, wie sie sich über ein Jahr lang quasi hauptamtlich damit befaßt hatten, ihre Professorenkollegen fachlich und„menschlich‘“(was in diesem Zusammenhang immer„politisch“ heißt) zu beurteilen und so letztlich zu entscheiden, wer bleiben darf und wer nicht. Ich fragte, ob diese Sichtung nun auch auf den Mittelbau ausgedehnt wird. Und einer der Herren antwortete mit fast tränenbebender Stimme: Nein, das können wir doch nicht! Wir haben die Zeit nicht! Wir wollen aber auch nicht! Es liefe ja darauf hinaus, daß wir viele Kollegen auf die Straße setzen, mit denen wir jahre- oder jahrzehntelang zusammengearbeitet haben und denen trotz allen Suchens weder fachlich noch politisch der mindeste Vorwurf zu machen ist! Das wäre doch schmutzige Arbeit!
(„Einstürzende Mittelbauten‘“‘ von Dieter E. Zimmer in: Die Zeit vom 27. 11. 92, S. 41)