FREMDSPRACHEN
Nr. 10/93— Seite 3
Fremdsprachen erlernen wie Pädagogen und Experten plädieren für
Rechnen, Lesen und Schreiben Prof. Gundi Gompf zu Gast
Das Lehren und Lernen von Fremdsprachen darf nicht den Höheren Schulen vorbehalten sein! Fremdsprachenaneignung muß überall zur Kulturtechnik wie Lesen, Rechnen und Schreiben werden. Dieses Anliegen in ganz Deutschland für jedes Kind ab Klasse 3 durchzusetzen, verfolgt Prof. Dr. Gundi Gompf seit Jahren mit großem Engagement und Enthusiasmus. Schritt für Schritt verwirklicht sie in Zusammenarbeit mit Schülern, Lehrern, Eltern und Wissenschaftlern ihr Konzept. Sie ist fest davon überzeugt, daß die eingeschlagene Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist.
1989 gründete sie den Förderverein„Kinder lernen europäische Sprachen“ e. V., dessen Vorsitzende sie ist. Die ausgebildete Englischlehrerin erhielt
1969/70 ihren ersten“ Forschungsauftrag zum Thema Fremdsprachenlernen. Ergeb
nisse gingen und gehen in Lehrplanwerke ein. Frau Gompf kam 1970 an die Goethe-Universität Frankfurt/Main, zunächst als pädagogische Mitarbeiterin, heute hat sie den Lehrstuhl „Didaktik der englischen Sprache und Literatur‘“. 1975/76 promovierte sie.
Ihre Bemühungen um den Sprachenerwerb von Kindern wurden ‚1992. mit dem. Titel
„Frau für Europa“(deutsche Kandidatin) anerkannt.
Erste Kontakte zwischen ihr und Dr. Bahls von der Abteilung Fachdidaktik des Fachbereiches Anglistik und Amerikanistik stellten sich bei der internationalen Konferenz des Fördervereins in Loccum 1990 her. In Verbindung mit dem Fachverband„Moderne Fremdsprachen“ des Landes Brandenburg luden sie am 15. Mai zum Seminar„Früher‘“ Fremdsprachenerwerb ab Klasse 3 in die Universität Potsdam ein(siehe auch nebenstehender Beitrag).
Der Fremdsprachenunterricht dürfe nicht einsetzen, wenn schon vieles verschenkt wurde, wenn auf die Schüler vieles einstürmt. Das Lernklima in der Grundschule dagegen ist für Prof. Gompf eine Ermutigung zum Erlernen von Fremdsprachen.
In Potsdam sieht die Wissenschaftlerin gute und erhaltenswerte Bedingungen für die Ausund Weiterbildung. Grundschullehrer mit dem Fach Englisch sind im Ausbildungsprogramm integriert, das sollte unbedingt fortgeführt werden. Englisch darf kein Fremdkörper im Fächerkanon sein, sondern muß mit den anderen Fächern vernetzt werden.
Dr. Barbara Eckardt
Prof. Dr. Gundi Gompf(Frankfurt/Main) engagiert sich für den
Fremdsprachenerwerb ab Klasse 3.
Foto: Eckardt
Fremdsprachen ab Klasse 3
inen Tag nach der Ankündigung des brandenburgischen Bildungsministers Resch, im Rahmen eines Schulversuches ab kommendem Schuljahr in acht Grundschulen„Begegnung mit Fremdsprachen“ ab Klasse 3 einzuführen, fand an der Universität Potsdam ein Seminar zu dieser Problematik statt. Lehrer aus Brandenburg diskutierten gemeinsam mit Fachleuten von Universitäten aus den alten und neuen Bundesländern über ‚frühen‘ Fremdsprachenerwerb, d. h. vor dem tradierten Beginn in Klasse 5. Alle Teilnehmer begrüßten, daß nach ‚wendebedingtem‘ Schweigen in Brandenburg endlich begonnen wird, Fremdsprachenerwerb ab Klasse 3(wieder) einzuführen, wenn auch in einem begrenzten Rahmen.„Die Schule muß zu Mehrsprachigkeit erziehen, weil das Leben in Europa und in Deutschland mehrsprachige Bürger aller Altersstufen voraussetzt und braucht, die mit Fremdsprachen im Alltag umgehen können“, das machte die Vorsitzende des Fördervereins, Prof. Dr. Gundi Gompf von der Goethe-Universität Frankfurt/Main, deutlich. Für Kinder finden bereits im Alltag Sprachbegegnungen verschiedener Art in einem Umfang statt, der weit über das hinausgeht, was mit dem Konzept des Schulversuches angedacht ist. Mehrsprachigkeit setzt voraus, sehr früh mit dem Erlernen von Fremdsprachen zu beginnen, die Begegnungen des Alltags aufzugreifen und weiterzuführen und eine positive Haltung gegenüber dem ‚Fremden‘ und fremden Sprachen aufzubauen. Prof. Gompf machte gleichzeitig deutlich, daß in einer Reihe europäischer Nachbarländer das Lernen einer Fremdsprache z. T. bereits seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil des Fächerkanons der Grundschule in den Klassen 3 und 4 gehört: Belgien, Luxemburg, Schweden, Finn
land, Norwegen, Österreich. Italien führte 1992 frühes Fremdsprachenerlernen verbindlich ein, Frankreich und Spanien werden dies bis 1995 flächendeckend eingerichtet haben. Zwei Bundesländer, der Freistaat Sachsen und das Saarland, haben den Lernbereich Fremdsprache seit Schuljahr 1992/93 ab Klasse 3 verbindlich eingeführt. Baden-Württemberg wird diesem Beispiel ab 1994/95 folgen; Niedersachsen, NordrheinWestfalen wollen bis 1995 Fremdsprachenbeginn ab Klasse 3 landesweit realisieren. Es ist also an der Zeit, aus dem„Dornröschenschlaf“ zu erwachen und die vielerorts im In- und Ausland im Rahmen von Schulversuchen gemachten, äußerst positiven Erfahrungen mit Fremdsprachenbeginn ab Klasse 3 sämtlichen Kindern in allen Bundesländern zu ermöglichen. Das fordert auch der Bundeselternrat in seiner Resolution vom September 1991. Angesichts dieser Fakten erscheint der Brandenburger Beginn sehr zögerlich. Wann kann es hier flächendeckenden Fremdsprachenbeginn ab Klasse 3 geben? An die Lehrer, die mit den Kindern ab Klasse 3 in der Fremdsprache arbeiten, sind hohe pädagogische, didaktisch-methodische, sprachliche und fächerübergreifende Forderungen zu stellen, machte Dr. Bahls von der Universität Potsdam deutlich. Und ganz besonders, wenn altersgemäße, spielerische Begegnungen mit der Fremdsprache zu organisieren sind. Das wird auch in Äußerungen von Lehrern aus Nordrhein-Westfalen deutlich, von wo das Brandenburger Konzept der Sprachbegegnung übernommen wurde. „Spielerisch mit einer Sprache umgehen, kann nur jemand, der sie beherrscht, der weiß, wovon er/sie spricht und welche Auswahl er/sie treffen muß und kann.“
Fortsetzung Seite 8