Heft 
(1.1.2019) 13
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Nr. 13/93 Seite 14

KONTROVERSES

Undeutscher Geist gegen deutschen Ungeist

Eine notwendige Auseinandersetzung auch an der Universität Potsdam

Als Reaktion auf die in der PUZ 12/93 abgedruckte Leserzuschrift von Karsten Lange erhielten wir folgenden Beitrag von Martin Rainer.

Weht an der Universität Potsdam ein frischer Wind, ein Geist aufbrechen­der gesellschaftlicher Neuorientie­rung, vom nationalen Egoismus zur internationalen Solidarität und zu globalem Bewußtsein, vom maßlo­sen Konsum zur Sicherung der Lebensgrundlagen, von höherem Lebensstandard zu höherer Lebens­qualität, von nationaler und europäi­scher Einfalt zu kultureller Vielfalt? Ist sie eine Universität, die sich als eine Keimzelle der überfälligen ge­sellschaftlichen Veränderungen in Mitteleuropa versteht?

Diese Fragen erscheinen sicherlich als zu früh gestellt, wollte man be­reits kurze Zeit nach ihrer Gründung eine Bewertung vollziehen. Was man sich aber bereits jetzt fragen kann und muß, insbesondere dieje­nigen, denen das Schicksal der Uni­versität am Herzen liegt, ist erstens, ob eine Vorreiterrolle der Universi­tät für gesellschaftliche Verände­rungen als klares Ziel vor Auen steht, und zweitens, wie die Chan­cen stehen, bzw. mit welchen Wi­derständen man rechnen muß, wenn man eine Hochschulpolitik betrei­ben will, die gesellschaftliche Neu­orientierung beinhaltet.

Ich vertrete die These, daß erstens, diejenigen, die eine aktive Rolle der Universität für politische Reformen oder nötigenfalls eine Revolution a priori ablehnen, einen entscheiden­den Teil derträgen Masse bilden, vor deren Unterschätzung zweitens diejenigen gewarnt sein sollen, die den guten Willen haben, sich für eine Universität als Keimzelle neuer Politik einzusetzen. An dieser Stelle möchte ich an Elias Canetti erin­nern, der die Problematik der Ver­bindung vonMasse und Macht in einem gleichnamigen Werk einge­hend analysiert hat. Darüber hinaus versuche ich im folgenden aufzuzei­gen, wie sich derdeutsche Un­geist, insbesondere durchVer­massung unter dem Deckmantel derDemokratie, effektiv ausbrei­tet.

Als Beispiel wähle ich die Studie­rendenschaft der Universität Pots­

dam, eine große Masse. Aber eigent­lich ist es doch nur ein winzig klei­ner Teil der Studierenden, deröf­fentliche Wechselwirkung zeigt. Der statistische Mittelwert deröf­fentlichen Wechselwirkung dieses kleinen Teils gibt, obwohl er mögli­cherweise nicht repräsentativ ist, das Kollektivbildder Studieren­den an der Universität Potsdam. Die Studierenden lassen sich somit als Masse durch den kleinen Teil versklaven, indem sie mehr­heitlich keineöffentliche Wechsel­wirkung zeigen. Die Motive hier­für sind weithin bekannt: Bequem­lichkeit, Selbstgenügsamkeit etc. Diese könnte man akzeptieren, wenn der Status quo annehmbar wäre. Da er dies jedoch nicht ist, ergibt sich die Notwendigkeit zum Handeln, zuröffentlichen Wech­selwirkung. Wer darauf verzichtet, dessen Interessen gehen unter. Ins­besondere hat die Untergruppeder ausländischen Studenten bisher auf eine notwendige und eigentlich selbstverständliche Vertretung ihrer Interessen verzichtet. Dies hat nun in jüngster Zeit dazu geführt, daß ich gegenüber den übermächtigen Ei­geninteressender deutschen Stu­denten, d. h. deren kleinen StuRa, der die Masse(nicht-)repräsentiert, keine Aktivitäten durchsetzen

konnte, die diesem kleinen Teil nicht paßten, unter anderem z. B. ein

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Seminar über den kurdischen Frei­staat im Irak im Rahmen einesFrie­densfestes. Sämtliche Argumente dafür blieben unberücksichtigt. Der StuRa verlegte sich von der sachli­chen Diskussion auf dieVerfah­rensebene, auf welcher dann ver­sucht wurde, mirVerfahrensfeh­ler gegenüber dem StuRa anzu­dichten. Darüber hinaus wurde zyni­scherweise behauptet, man wäre ja grundsätzlich dafür, aber aufgrund emotionaler Vorbehalte gegen den Antragsteller wegen der Verfah­rensweise in diesem Fall doch dage­gen, insbesondere auch nur 1 Mark Reisekonstenzuschuß zu gewähren (dabei werden pro Semester Tau­sende DM für Disco und ähnliches verbraucht). Andere Stimmen er­klärten einfach, daß man auf einem Friedensfest in Potsdam auswärtige Referenten nicht brauche. Eine der­artige bornierte Selbstzufriedenheit, mit der hierzulande bestimmte Krei­se darauf bestehen, ihre eigene Sup­pe zu kochen, sogar wenn es sich um einFriedensfest handelt, er­scheint mir ein typisch deutsches Phänomen. An der hier gerade dar­gestellten Episode erkennt man wei­tere Beispieledeutschen Un­geists. Die Verlagerung eines Di­sputs von der inhaltlichen auf die Verfahrensebene, hinweg von pri­mären sachlichen Argumenten zum Sekundären, ist ein weithin geübtes

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Gesellschaftsspiel, insbesondere in der deutschen Bürokratie. Lippenbekenntnisse für eine Sache (des guten Tons wegen), aber gleichzeitig harte Sachentscheidun­gen dagegen, dies wird von deut­schen Politikern vielfach prakti­ziert. Jene heuchlerischen Praktiken sind die gleichen, wie die desjeni­gen, der behauptet, Deutschland sei ausländerfreundlich, aber das Asyl­recht einschränkt, damit der Lebens­standard in Deutschland erhalten bleibt. Solchemdeutschen Unge­ist, multipliziert mitschweigen­der Duldung der Masse, gilt es also entschieden zu begegnen. Der Ver­such, dieKritische Masse für das Ausländerreferat mittels Vollver­sammlung zu erreichen, ist am 23. 7. 1993 gescheitert. Wo unter Normal­bedingungen noch eine realpoliti­sche Zusammenarbeit angesagt wäre, bleigt beimassenmäßiger Unterlegenheit nur noch Distanzie­rung. Dementsprechend bin ich noch am gleichen Tag aus dem Stu­dentenrat ausgetreten. Glücklicherweise gibt es ja noch andere Gremien der Universität. All denen, denen die Universität am Herzen liegt, wünsche ich viel Mut zuundeutschem Geist. Merke:Quod licet bovi, non decet Tovi. Potsdam, den 21. 7. 1993 Martin Rainer(Ex-StuRa)

Bezirksdirektion Berlin|

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