KONTAKTE
Nr. 17/93— Seite 11
In den neuen deutschen Bundesländern von der Wichtigkeit wissenschaftlicher Kontakte nach Osteuropa zu sprechen, hieße Eulen nach Athen tragen. In der ehemaligen DDR waren derartige Verbindungen tägliches Brot, wenn auch schon damals der Teufel oft im Detail steckte. Ehe der Gast begrüßt werden Konnte; waren finanzielle und bürokratische Hindernisse jeder Schattierung zu bewältigen. Schwierigkeiten wurden oft durch persönlichen Einsatz hiesiger Wissenschaftler und Verwaltungsangestellter überwunden, und manch über Jahre und Jahrzehnte gewachsene menschliche Bindung hat auch der neuen Situation in Deutschland nach 1989 und den schwierigen Bedingungen des restlichen zerfallenden Ostblocks standgehalten. Vielfach existieren Kontakte auf Sparflamme oder sind nur verschüttet.
Für viele in Osteuropa mit Bildung und Wissenschaft Befaßte ist Deutschland jetzt in mehrfacher Hinsicht interessant. So möchte man sich über den Übergang eines Landes zur Marktwirtschaft und die Folgen für Wissenschaft und Forschung ebenso informieren wie einen möglichst umfangreichen Austausch von Professoren und Studenten vereinbaren. Dabei üben technisch gut ausgerüstete deutsche Hochschulen große AnZiehung aus. Austausch ist nach wie vor an konkrete ProJekte gebunden, deren wissenschaftliche Qualität mehr denn je hohen Kriterien genü8°n muß und beiden Partnern Nutzen bringen sollte.
In die gekennzeichnete Rich
tung ging auch ein Gedankenaustausch zwischen dem belorussischen Vizepremier, Michail I. Demtschuk, dem Staatssekretär im Brandenburgischen Wissenschaftsministerium, Frank E. Portz, dem Gründungsrektor und Wissenschaftlern der Universität Potsdam am 21.10.1993 in der Universität. Wie der Staatssekretär ausführte, habe das Land Brandenburg großes Interesse, die bisher bescheidenen Kontakte zur Republik Belarus zu intensivieren. Man wünsche Kontakte in beide Richtungen und werde an
konkreten Projekten das fi-|
nanziell Machbare ausloten. Der belorussische Vizepremier, von Hause aus Physiker und bis 1988 in der Wissenschaft tätig gewesen, traf an der Universität Potsdam auf traditionelle Osteuropakontakte, auch zu seinem Land. Seit Mitte der 70er Jahre existieren Verbindungen zur heutigen Pädagogischen Universität Minsk, vor allem von seiten der hiesigen Fachbereiche Slavistik, Pädagogik und Geographie. 1992 wurde ein Kooperationsvertrag zwischen den beiden Hochschulen abgeschlossen. Es besteht Interesse an der Weiterführung bestehender Verbindungen, aber auch an neuen Kontakten, z. B. zur Belorussischen Universität.
Der Gründungsrektor, Prof. Dr. Mitzner, betrachtete die Zusammenkunft als Rahmmen für weitere Kontakte. „Das arme Land Brandenburg“, so der Rektor,„habe vor allem ein intellektuelles Potential anzubieten‘. Erfahrungen könnten wir in erster Linie beim Übergang zu ei
nem neuen wirtschaftlichen System und zu dabei vermeidbaren Fehlern bieten. So gebe es spezifische positive Eigenheiten alter Strukturen, die erhaltenswert seien.
Prof. Dr. Witt, Dr. Wyschkon und Dr. Viehrig berichteten
wie in der Slavistik, allerdings ohne Studentenaustausch, konnte Dr. Viehrig in der Geographie berichten. Der Fachbereich signalisierte Interesse an gemeinsamen Projekten zur Waldschadensfeststellung mittels Geofernerkundung, denkt aber an eine Zusammenarbeit auf universitärer
* Ebene.
Im Rahmen einer mehrtägigen Reise durch das Land Brandenburg besuchte der Vizepremier der Republik Belarus am 23.10. auch die Universität
Potsdam. Michail I. Demtschuk ist von Hause aus Physiker und war bis 1988 in der Wissenschaft tätig. Danach hat er sich drei Jahre mit Fragen von Bildungseinrichtungen befaßt.„Noch immer“, so Michail I. Demtschuk,„freue ich mich, wenn ich Universitäten einen Besuch abstatten kann.“
Foto: Rüffert
über bereits laufende bzw. den Minskern angebotene Projekte. Die Pädagogische Universität Minsk und der FB Slavistik arbeiten z. Z. an einer Geschichte der russischen Sprache in mehreren Teilen und an einem Buch über die Wortbildung des Russischen. In beiden Fällen sind die Adressaten Nichtrussen.
Über ähnlich gute Kontakte
Zu den Möglichkeiten, die das Lehrerbildungsnetzwerk der EG für eine Zusammenarbeit mit osteuropäischen Partnern enthält, äußerte sich der Pädagoge Dr. Wyschkon. Im Rahmen dieses Projektes könnten Studenten Teile ihres Studiums in 2 Ländern absolvieren, was die Chance bietet, Sprache und Kultur von zwei Ländern gut zu kennen. Potsdam hat der Pädagogischen Universität Minsk zur Beteiligung ein konkretes Angebot unterbreitet und wartet auf Antwort.
Das Treffen der belorussischen Staatsvertreter, von Angehörigen der Brandenburgischen Landesregierung und der Universität Potsdam war trotz der Kürze der Zeit sehr arbeitsintensiv und von konkreten Projekten bestimmt. Alle Beteiligten benannten ihre Möglichkeiten und die erforderlichen_Voraussetzungen. So ist zu hoffen, daß es bald zu weiteren gemeinsamen Vorhaben kommen wird. Der aus Anlaß des Besuches unterzeichnete Kooperationsvertrag zwischen der Republik Belarus und dem Land Brandenburg setzt den Rahmen dafür.
Regine Derdack