Heft 
(1.1.2019) 17
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Nr. 17/93 Seite 10

NACHBETRACHTUNG

Kein Tagungsbericht, sondern kritische Anmerkung!

3. Brandenburger Symposium am 27. Oktober 1993 an der Universität Potsdam zum Thema:Gleichberechtigung- was können Hochschulen und Forschungs­einrichtungen für die Chancengleichheit von Frauen im Beruf leisten?

Mit dieser Thematik setzte der Veranstalter, das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Bran­denburg, die Reihe der Bran­denburger Symposien fort. Die Brandenburger Symposien sol­len den Prozeß der Hochschul­und Forschungsplanung im Land Brandenburg begleiten, unterstützen und dokumentie­ren.

Die sehr konkrete Fragestellung des Symposiums antizipierte die Vorstellung, daß wenigstens konzeptionelle Überlegungen im Verlauf der Tagung deutlich werden. Um es vorweg zu neh­men, diese Erwartungen WUur­den nicht eingelöst!

Vielleicht war die Fragestellung schon wenig durchdacht ge­wählt, denn aus meiner Sicht sollten Hochschulen in die Ver­antwortung genommen werden, wenn es um die Chancengleich­heit von Mitarbeiterinnen in al­len Ebenen der Hochschulen geht. Für Chancengleichheit der Frauen im Beruf etwas zu lei­sten, dafür fühlen sich Hoch­schulen derzeit gar nicht zustän­dig. Dabei können Hochschu­len, kann Wissenschaft durch­aus etwas für die Durchsetzung der Gleichstellung von Mann und Frau in allen gesellschaftli­chen Ebenen tun, indem durch Geschlechterforschung in den Fachdisziplinen die Strukturen von Geschlechtsverhältnissen analysiert und beschrieben wer­den.

Lediglich in einem Referat wur­de auf konkrete empirische Er­gebnisse zurückgegriffen. Frau Dr. Anke Burkhart von der Pro­jektgruppe Hochschulfor­schung Berlin/Karlshorst refe­rierte zum Thema: ‚,Studentin­nen und Akademikerinnen vor und nach der Wende Statisti­sches zur Ausbildung und Be­rufstätigkeit. Frau Burkhart

verwies auf ein Querschnitts­projektFrauen an den Hoch­schulen in den neuen Bundes­ländern, das als Besonderheit aufweist, daß dieFrauenfrage in folgende Problemstellungen eingebettet ist: Wandel in den Ausbildungsprofilen; Hoch­schulzugang; Studienberatung und Studierverhalten; Personel­le Erneuerung; Übergangspro­zesse von Hochschulabsolven­ten; Auswärtige Wissenschafts­beziehungen mit Mittel- und Osteuropa. Grundaussagen des Referates waren: Gleichstellung von Frauen war als Staatsaufga­be in beiden deutschen Staaten in den Verfassungen verankert. Tatsächliche Gleichstellung von Mann und Frau war den­noch nicht realisiert. Obwohl die Frauen in der DDR einen hohen Grad an wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht hatten, waren ihre Aufstiegsmöglich­keiten in Führungspositionen ebenso gering wie in der Bun­desrepublik. In beiden Hoch­schulsystemen waren Frauen in den oberen akademischen Sta­tusgruppen nicht angemessen vertreten. Im Unterschied zur Bundesrepublik waren Frauen bei den Studierenden und im akademischen Mittelbau der Hochschulen der DDR stärker repräsentiert. Diese und andere Forschungsergebnisse der Pro­

jektgruppe Hochschulfor­schung sind nachzulesen in: Beiträge zur Hochschulfor­

schung 3-1993, herausgegeben vom Bayrischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung.

Aus der Sicht der Universität Potsdam war der Beitrag von Frau Prof. Dr. Ute Frevert, Uni­versität Konstanz, von Bedeu­tung. In ihrem BeitragFrauen­forschung Königsweg oder Sackgasse thematisierte sie ei­nige Aspekte über das Für und

Wider von Frauenforschungs­professuren. Nach 10 Jahren in­stitutioneller Frauenforschung sprach sie sich eher gegen die­ses Modell aus und betonte viel­mehr, daß_KGeschlechterfor­schung als integraler Bestand­teil in den jeweiligen Fachdiszi­plinen entwickelt werden sollte. Frau Frevert polemisierte gegen die Empfehlung der Branden­burgischen Landeskommission für Hochschulen und For­schungseinrichtungen, die zwar die Einrichtung von Frauenpro­fessuren an den Hochschulen befürwortet, aber weitere Orientierungen über die struk­turelle Anbindung dieser Pro­fessuren nicht gibt.

Ebenso kritisch analysierte Frau Frevert den Ausschreibungstext der Potsdamer Universität für die C4-ProfessurFrauenfor­schung mit dem Schwerpunkt, Struktur, Spezifik und Ge­schichte von Geschlechterbe­ziehungen. Die Breite der Aus­schreibung ohne feste Fachan­bindung war der Hauptkritik­punkt.

Zum Schluß einige kritische Bemerkungen zur Podiumsdis­kussion, die prominent zusam­mengesetzt war: Carola Vv. Braun, Vorsitzende der F.D.P., Landesverband Berlin; Prof. Dr. Doris Janshen, Universität/ GH Essen; Prof. Dr. Marlis Dürkop, Präsidentin der Hum­boldt Universität zu Berlin; Prof. Dr. Klaus Landfried, Vi­zepräsident der HRK, Präsident der Universität Kaiserslautern; Ulrike Staake, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Brandenburg; Dr. Antje Zapf, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Potsdam sowie eine Studentin der Technischen Uni­versität Cottbus. Die Leitung der Podiumsdiskussion hatte Lea Rosh, Direktorin des NDR Landesfunkhaus Niedersach­

sen. Als Einstieg in die Diskus­sion forderte Frau Rosh die be­teiligten Frauen auf zu benen­nen, welche Qualifikation not­wendig war, um in diese höhere Positionen zu gelangen.

Wer konkrete(thematische) Be­züge zum Thema des Symposi­ums erwartet hatte, sah sich ge­täuscht. Unmut im Publikum machte sich verstärkt breit, als Frau Rosh die einzige Branden­burgerin, die auf eine DDR­Frauensozialisation zurück­blickt, immer dann unterbrach, wenn diese ihren gleichberech­tigten Zugang zu allen Ebenen von Bildung und beruflicher Entwicklung als zentralen Le­benswert beschrieb und ihre Entwicklung als selbstverständ­lich empfand. Die sich daraus ergebende Diskussion machte unterschiedliche Positionen in der Bewertung der Gleichstel­lung von Frauen in der DDR deutlich, die nicht ausdiskutiert wurden. Die aktuelle Situation von Wissenschaftlerinnen wur­de mehrfach thematisiert, aber von der Moderatorin als nicht wünschenswertes Thema fal­lengelassen.

Was bringen den Frauen solche Podiumsdiskussionen? In der frauenpolitischen Diskussion leisten sie kaum noch einen konstruktiven Beitrag, wenn nicht konkrete Politikangebote gemacht werden, wenn nicht über den allgemein angeeigne­ten Erkenntnisstand hinausge­gangen wird.

Monika Stein

Sprecherin der Landeskonfe­renz der Gleichstellungsbeauf­tragten an Brandenburge! Hochschulen