VORGESTELLT
Nr. 17/93— Seite 9
Ein neuer Anfang im Westen Deutschlands
Ein schwieriges Jahr in Westberlin folgte. Keine Universität wollte ihn immatrikulieren, denn ihm fehlte das Abitur. Schließlich öffnete ihm die Potsdamer Assistenz bei Prof. Sander die Tür zur Pädagogischen Hochschule in Wuppertal. Begabtenprüfung hieß das Zaubermittel. Er erwies sich seines Lehrers würdig; er bestand die Prüfung und machte in nur zwei Semestern seinen Abschluß als Pädagoge.
Die erste Stelle dann führte ihn in ein Erziehungsheim nach Solingen, wo er als Lehrer und Erzieher arbeitete und„von der Pike auf lernte“. Bald erreichte ihn ein Angebot von Sander, der inzwischen in Bonn einen Lehrstuhl innehatte. Obwohl im Besitz der 1. und 2. Lehrerprüfung, wäre Gerhard Liebetrau das fehlende Abitur fast noch einmal zum Verhängnis geworden. Mit Hilfe der exklusiven Studienstiftung des Deutschen Volkes konnte er im Alter von 33 Jahren nun endlich ein„richtiges“ Abitur ablegen und in Bonn ein Universitätsstudium aufnehmen. Neben der Arbeit in Solingen erwirbt er das Psychologiediplom, belegt Pädagogik und Philosophie, in Köln zudem Völkerkunde. Am Ende dieser Studien 1961 steht der Aufbau
des Landeserzieherseminars beim Landschaftsverband Rheinland in Viersen. 1972
folgte er dem Ruf der Evangeli
schen Fachochschule Rheinland/Westfalen/Lippe nach Düsseldorf/Kaiserswerth und
Bochum. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung.
Die Ausbildung und Fortbildung von Erziehern und Lehtern lag Gerhard Liebetrau sein Leben lang am Herzen. Dafür hat er u. a. eine Zusatzausbildung als klinischer Psychologe/ Psychotherapeut und als GrupPendynamiker absolviert und Sich dort eingebracht, wo er die &rößten Defizite sieht: im sozialen und emotionalen Bereich des Menschen. Stets war ihm
wichtig, die drei Seiten seiner Hochschularbeit mit praktischer Arbeit zu verbinden.
Die Gründung eines Vereins für soziales und emotionales Lernen
„1984 nahm die praktische Seite der Arbeit so großen Raum ein, daß ich mit Absolventen meiner Fortbildungs- und Ausbildungsgruppen einen gemeinnützigen Verein gründete. Schwerpunkt unserer Tätigkeit wurde soziales und emotionales
Lernen(SEL).“ An 10 Wochen- 1>) 1444-5106 168 Ya
enden und in 2 Blockseminaren, verteilt über 2 Jahre, vermittelt der Psychologe und Pädagoge seit 1980 eine„Therapie für Normale. Als Therapeut habe ich festgestellt— dies sage ich etwas provokant—, daß psychisch leidende Menschen eigentlich nicht richtig krank sind, sie sind eher dumm zu nennen, weil sie bestimmte Dinge in ihrem Leben nicht richtig lernen konnten, z. B. wie man liebt, wie man sich streitet, wie man sich abgrenzt, was Identität ist usw. Ich denke, dies kann man nachlernen.‘“
Welche Philosophie steckt hinter all den Projekten des 66jährigen?„Wir möchten die Menschen befähigen für eine andere Art, miteinander umzugehen, für eine andere Art zu werten, wann und wie ein Mensch ‚funktioniert‘, und zu erkennen, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht um Karriere und Gewinnmaximierung geht es, sondern um einen würdigen Umgang mit den Menschen— auch mit sich selbst.“
Doch als. Weltverbesserer versteht sich der Psychologieprofessor nicht. Die Gründung seines Instituts hat auch ihm selbst geholfen, seinen Platz in der bundesdeutschen Gesellschaft zu finden.„Nicht, daß ich glaube, die Gesellschaft verändern zu können, aber ich habe keine Wahl. Ich habe drüben versucht, mich politisch einzugliedern. Das ist mir nicht gelungen.
Mit meiner Vergangenheit ge
als Student der
Potsdam, den 1.November 1948
Aschscaul Hr.ı.
Unter dem Rektorat von ARTHUR BAUMGARTEN Dr. jur, ordentlichem Professor der Philosophie
ist heute Gerhard Liebe trau aus Potadam-Babelsberg.
Pädagogischen in die Brandenburgische Landeshochschule aufgenommen und
durch Handschlag feierlich auf ihre Ordnung verpflichtet worden.
Fakultät
Der Rektor
ZV MM ee Marlers
KaGmbH Poster
G. Pam, 30a
Zu den sorgsam gehüteten Dokumenten von Gerhard Liebetrau gehört die Immatrikulationsurkunde. Sie weist ihn als
Studenten Nr. 1 aus.
lingt es mir nicht mehr, so richtig schön zu glauben und mitzumachen. Als Mensch mit politischem Selbstverständnis habe ich eine Atlernative gesucht, nur zugucken kann ich nicht. Das Institut ist meine Alternati
6
ve.
Zurück nach Potsdam und Baruth
Nach dem Mauerfall ließ Gerhard Liebetrau keine Zeit verstreichen. Er besuchte seine alte Schule, brachte Bücher mit, hielt Vorträge für die Lehrer und die Baruther.
Auch am Neuen Palais sprach er vor. Die Gunst der Stunde kam ihm zugute: Erste Helfer wurden mit viel Vertrauen, Zeit und Aufmerksamkeit bedacht. Sein spezielles Interesse galt dem Fachbereich Psychologie. Wissenschaftliche Beratung, Vorlesungsreihen zur im Osten stark verdrängten Tiefenpsychologie, praxisorientierte Angebote zur Familientherapie, zur Einführung in die Spieltheorie und weitreichende Verbindungen hatte er im Gepäck, vor allem aber Vorurteilslosigkeit und Verständnis für hiesige Menschen.
Voller Hochachtung spricht er von den Potsdamer Kollegen und dem guten Klima unter den Psychologen an der jungen Universität.„Das ist in erster Linie das Verdienst von Bärbel
Kirsch(der Geschäftsführenden Direktorin), einer hochqualifizierten Frau großartigen Formats. Wenn ich sehe, wie mit den Leuten umgegangen wird, tut mir das sehr weh. Manchmal frage ich mich, wie die Leute, die über andere befinden, sich verhalten hätten, hätten sie hier gelebt. Seinerzeit gehörte ich zur Evaluierungskommission, und es ärgert mich wahnsinnig, daß die Übernahme der Mitarbeiter hängt und hängt. Was den Kollegen hier zugemutet wird, finde ich geradezu unmenschlich. Wie wir Westler hier mit Menschen umgehen, steht uns ganz schlecht zu Gesicht...!“ Es könnte nicht verwundern, wenn ein„politischer Flüchtling“ aus der DDR nach der unerwarteten Einheit Menschen seiner Heimat mit Bitternis und Zorn begegnen würde. Doch stattdessen Unterstützung und Dankbarkeit für die Möglichkeit zu helfen.„Ja, eine solche Reaktion wäre auch denkbar‘, räumt Gerhard Liebetrau nachdenklich ein,„aber nicht für mich. Ich habe zu starke Wurzeln hier und bin von meinem Werdegang zu differenziert, um so oberflächlich zu sein.“
Regine Derdack (Aufgeschrieben nach einem
Gespräch mit Prof. Gerhard Liebetrau.)