Heft 
(1.1.2019) 17
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VORGESTELLT

Nr. 17/93 Seite 9

Ein neuer Anfang im We­sten Deutschlands

Ein schwieriges Jahr in West­berlin folgte. Keine Universität wollte ihn immatrikulieren, denn ihm fehlte das Abitur. Schließlich öffnete ihm die Potsdamer Assistenz bei Prof. Sander die Tür zur Pädagogi­schen Hochschule in Wupper­tal. Begabtenprüfung hieß das Zaubermittel. Er erwies sich seines Lehrers würdig; er be­stand die Prüfung und machte in nur zwei Semestern seinen Ab­schluß als Pädagoge.

Die erste Stelle dann führte ihn in ein Erziehungsheim nach So­lingen, wo er als Lehrer und Er­zieher arbeitete undvon der Pike auf lernte. Bald erreichte ihn ein Angebot von Sander, der inzwischen in Bonn einen Lehr­stuhl innehatte. Obwohl im Be­sitz der 1. und 2. Lehrerprüfung, wäre Gerhard Liebetrau das fehlende Abitur fast noch ein­mal zum Verhängnis geworden. Mit Hilfe der exklusiven Studi­enstiftung des Deutschen Vol­kes konnte er im Alter von 33 Jahren nun endlich einrichti­ges Abitur ablegen und in Bonn ein Universitätsstudium aufnehmen. Neben der Arbeit in Solingen erwirbt er das Psycho­logiediplom, belegt Pädagogik und Philosophie, in Köln zudem Völkerkunde. Am Ende dieser Studien 1961 steht der Aufbau

des Landeserzieherseminars beim Landschaftsverband Rheinland in Viersen. 1972

folgte er dem Ruf der Evangeli­

schen Fachochschule Rhein­land/Westfalen/Lippe nach Düsseldorf/Kaiserswerth und

Bochum. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung.

Die Ausbildung und Fortbil­dung von Erziehern und Leh­tern lag Gerhard Liebetrau sein Leben lang am Herzen. Dafür hat er u. a. eine Zusatzausbil­dung als klinischer Psychologe/ Psychotherapeut und als Grup­Pendynamiker absolviert und Sich dort eingebracht, wo er die &rößten Defizite sieht: im sozia­len und emotionalen Bereich des Menschen. Stets war ihm

wichtig, die drei Seiten seiner Hochschularbeit mit praktischer Arbeit zu verbinden.

Die Gründung eines Ver­eins für soziales und emo­tionales Lernen

1984 nahm die praktische Sei­te der Arbeit so großen Raum ein, daß ich mit Absolventen meiner Fortbildungs- und Aus­bildungsgruppen einen gemein­nützigen Verein gründete. Schwerpunkt unserer Tätigkeit wurde soziales und emotionales

Lernen(SEL). An 10 Wochen- 1>) 1444-5106 168 Ya

enden und in 2 Blockseminaren, verteilt über 2 Jahre, vermittelt der Psychologe und Pädagoge seit 1980 eineTherapie für Normale. Als Therapeut habe ich festgestellt dies sage ich etwas provokant, daß psy­chisch leidende Menschen ei­gentlich nicht richtig krank sind, sie sind eher dumm zu nennen, weil sie bestimmte Din­ge in ihrem Leben nicht richtig lernen konnten, z. B. wie man liebt, wie man sich streitet, wie man sich abgrenzt, was Identität ist usw. Ich denke, dies kann man nachlernen.

Welche Philosophie steckt hin­ter all den Projekten des 66jäh­rigen?Wir möchten die Men­schen befähigen für eine andere Art, miteinander umzugehen, für eine andere Art zu werten, wann und wie ein Mensch ‚funktioniert, und zu erkennen, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht um Karriere und Gewinn­maximierung geht es, sondern um einen würdigen Umgang mit den Menschen auch mit sich selbst.

Doch als. Weltverbesserer ver­steht sich der Psychologiepro­fessor nicht. Die Gründung sei­nes Instituts hat auch ihm selbst geholfen, seinen Platz in der bundesdeutschen Gesellschaft zu finden.Nicht, daß ich glau­be, die Gesellschaft verändern zu können, aber ich habe keine Wahl. Ich habe drüben ver­sucht, mich politisch einzuglie­dern. Das ist mir nicht gelun­gen.

Mit meiner Vergangenheit ge­

als Student der

Potsdam, den 1.November 1948

Aschscaul Hr.ı.

Unter dem Rektorat von ARTHUR BAUMGARTEN Dr. jur, ordentlichem Professor der Philosophie

ist heute Gerhard Liebe trau aus Potadam-Babelsberg.

Pädagogischen in die Brandenburgische Landeshochschule aufgenommen und

durch Handschlag feierlich auf ihre Ordnung verpflichtet worden.

Fakultät

Der Rektor

ZV MM ee Marlers

KaGmbH Poster

G. Pam, 30a

Zu den sorgsam gehüteten Dokumenten von Gerhard Liebe­trau gehört die Immatrikulationsurkunde. Sie weist ihn als

Studenten Nr. 1 aus.

lingt es mir nicht mehr, so rich­tig schön zu glauben und mitzu­machen. Als Mensch mit politi­schem Selbstverständnis habe ich eine Atlernative gesucht, nur zugucken kann ich nicht. Das Institut ist meine Alternati­

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ve.

Zurück nach Potsdam und Baruth

Nach dem Mauerfall ließ Ger­hard Liebetrau keine Zeit ver­streichen. Er besuchte seine alte Schule, brachte Bücher mit, hielt Vorträge für die Lehrer und die Baruther.

Auch am Neuen Palais sprach er vor. Die Gunst der Stunde kam ihm zugute: Erste Helfer wur­den mit viel Vertrauen, Zeit und Aufmerksamkeit bedacht. Sein spezielles Interesse galt dem Fachbereich Psychologie. Wis­senschaftliche Beratung, Vorle­sungsreihen zur im Osten stark verdrängten Tiefenpsychologie, praxisorientierte Angebote zur Familientherapie, zur Einfüh­rung in die Spieltheorie und weitreichende Verbindungen hatte er im Gepäck, vor allem aber Vorurteilslosigkeit und Verständnis für hiesige Men­schen.

Voller Hochachtung spricht er von den Potsdamer Kollegen und dem guten Klima unter den Psychologen an der jungen Uni­versität.Das ist in erster Linie das Verdienst von Bärbel

Kirsch(der Geschäftsführenden Direktorin), einer hochquali­fizierten Frau großartigen For­mats. Wenn ich sehe, wie mit den Leuten umgegangen wird, tut mir das sehr weh. Manchmal frage ich mich, wie die Leute, die über andere befinden, sich verhalten hätten, hätten sie hier gelebt. Seinerzeit gehörte ich zur Evaluierungskommission, und es ärgert mich wahnsinnig, daß die Übernahme der Mitar­beiter hängt und hängt. Was den Kollegen hier zugemutet wird, finde ich geradezu unmensch­lich. Wie wir Westler hier mit Menschen umgehen, steht uns ganz schlecht zu Gesicht...! Es könnte nicht verwundern, wenn einpolitischer Flücht­ling aus der DDR nach der un­erwarteten Einheit Menschen seiner Heimat mit Bitternis und Zorn begegnen würde. Doch stattdessen Unterstützung und Dankbarkeit für die Möglich­keit zu helfen.Ja, eine solche Reaktion wäre auch denkbar, räumt Gerhard Liebetrau nach­denklich ein,aber nicht für mich. Ich habe zu starke Wur­zeln hier und bin von meinem Werdegang zu differenziert, um so oberflächlich zu sein.

Regine Derdack (Aufgeschrieben nach einem

Gespräch mit Prof. Gerhard Liebetrau.)