Nr. 17/93— Seite 8
VORGESTELLT
Student Nr. 1 an der Brandenburgischen_Landeshochschule
Gerhard Liebetrau ist in der Lutherstadt Eisleben geboren, verlebte den größten Teil seiner Kindheit und Jugend im brandenburgischen Städtchen Baruth, wo sein Vater Buchdrukker war. 1951° hat ‚der: heute 66jährige Psychologieprofessor als Student die DDR verlassen— unfreiwillig— und erst 1971, zur Beerdigung des Vaters, wieder besucht. Wenn Gerhard Liebetrau davon spricht, daß sich mit dem Jahre 1989 seine Biografie geschlossen hat, merkt man ihm noch 4 Jahre nach dem Mauerfall die innere Bewegung an. Mit der Universität Potsdam und ihrer Vorgängerin verbinden ihn Erinnerungen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können.
Gerhard Liebetrau war der erste eingeschriebene Student an der 1948 gegründeten Brandenburgischen Landeshochschule. Sein kurzer Lebensweg bis zur Aufnahme eines Studiums ähnelte dem vieler Altersgenossen: Mitglied und Engagement in der Hitlerjugend, Soldat mit 17, der Gang durch Buchenwald hinterläßt einen„fürchterlichen Schock“, wie insgesamt das Gefühl entsteht,„wie unheimlich wir mißbraucht worden sind“. Diese Erfahrungen, gepaart mit großem Idealismus, ließen ihn nur im Marxismus eine Alternative sehen.
Nach einer dreimonatigen Ausbildung zum Neulehrer und wegen guter Leistungen verkürzter Praxiszeit in einer Schule in Finsterwalde stößt der junge Lehrer schnell an die Grenzen seines Wissens. Er bewirbt sich um ein Hochschulstudium in Berlin, erhält aber eine Einladung nach Potsdam, wo man ihm mitteilt, er sei im Volksbildungsministerium als Studentenreferent vorgesehen. Das eröffneten ihm der spätere Rektor der Landeshochschule Arno Müller, der Historiker Werner
Ein deutscher Lebenslauf
Meyer und der von der Sowjetischen Militäradministration mit dem Aufbau der Brandenburgischen Landeshochschule betreute Otto Singer, Leiter der Abteilung Wissenschaft
Volksbildungsministerium.
im
anderes statt.“ Für eine wahrheitsgemäße Darstellung der Hochschulvergangenheit plädiert er generell. Und er mahnt Eile an und nennt Namen bereitwilliger, noch mit ihm verbundener Ehemaliger.
Prof. Dr. Gerhard Liebetrau gehörte zu den ersten Studenten der 1948 gegründeten Brandenburgischen Landeshochschule. Bis zu seinem unfreiwilligen Weggang aus der DDR 1951 belegte er die Fächer Psychologie, Pädagogik und Philosophie. Nach dem 9. November 1989 nahm der Wissenschaftler sofort Kontakt nach Potsdam auf, wo er dem Fachbereich Psychologie bei der Neuprofilierung zur Seite stand.
Als er die erste studentische Bürgerschaft der Brandenburgischen Landeshochschule zusammenstellte, hat Gerhard Liebetrau die Gelegenheit genutzt, sich als Nr. 1 in das von ihm zu führende Matrikelbuch einzutragen. Vehement wehrt er sich gegen die Darstellung in der Hochschulchronik, wo von der Arbeit einer Zulassungskommission die Rede ist.„Die Zulassungskommission war der sowjetische Major Stern in Berlin-Karlshorst, zu dem ich mit den Akten fuhr und der ‚Ja oder Nein‘ sagte. Sonst fand nichts
Foto: Rüffert
Glückliche und glücklose Semester in Potsdam
Dies war eine der starken Irritationen, die der Student Liebetrau nach dem Neuanfang im Osten Deutschlands erlebte. Die Erlebnisse in der Nazizeit und nächtelange Diskussionen mit seinem aus Westdeutschland gekommenen und sehr gesellschaftskritisch eingestellten Zimmergenossen Günther Bode schärften seine Wahrnehmung und Bewertung.„Das Tragen der Blauhemden und überhaupt das Aufleben des ganzen Personenkults, den ich hinter mir hat
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te“, machte ihm zu schaffen. Hinzu kam der ihm mögliche Blick hinter die Kulissen:„Erneut wurde politisch gewertet, nicht nach wissenschaftlicher Qualifikation. Meine Zweifel nahmen immer mehr zu. Mein Freund Günther war inzwischen Mitglied der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, und wir bildeten so eine Art Widerstandsgruppe, wobei das Wort eigentlich zu hoch gegriffen ist.“ Die Mitglieder der Gruppe, zu der im weiten Sinne auch der 1951 verhaftete und hingerichtete Werderaner Student Achim Trübe gehörte, klebten die sogenannten„F“-Zettel(= Freiheit), holten für Examenskandidaten Fachliteratur aus Westberlin oder verschickten George Orwells Bücher im Umschlag der Verfassung der DDR.
Jeder Absolvent dieser Zeit
| wird die enge Verbundenheit zwischen den Kommilitonen,
das wissenschaftliche Engage
| ment seiner Generation und die | vorzüglichen Lehrer rühmen.
Auch die möglichen Fächer und Kombinationen lassen spätere Studenten aufhorchen. G. Liebetrau belegte Psychologie, Pädagogik und Philosophie; nebenbei hörte er Kunstgeschichte bei Prof. Willy Kurth, dem damaligen Direktor von Schlösser und Gärten Potsdam.
Mitten im Studium und beginnend mit wissenschaftlichen Projekten— Liebetrau arbeitet als Hilfsassistent(Assistenten gab es noch nicht) bei dem hochverehrten Lehrer und Gelehrten Prof. Sander— fliegt die Gruppe 1951 auf. Nach einer schlimmen Nacht bei der Stasi verläßt er im 6. Semester die DDR. Er hätte bleiben können, doch um den Preis von Spitzeldiensten. Als erstes sollte er den schon früher gen Westen gegangenen und ihm freundschaftlich verbundenen Günther Bode zurückholen. Gleich vielen anderen ist Gerhard Liebetrau der Weggang aus der brandenburgischen Heimt schwer gefallen.