STUDENTEN
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IAESTE LOKALKOMITEE POTSDAM GEGRÜNDET
IAESTE (International Association for the Exchange of Students for Technical Experience) ist ein internationales Praktikantenvermittlungsprogramm, das 1948 gegründet wurde und heute in ca. 60 Ländern vertreten ist.
Mit IAESTE haben Studenten der naturwissenschaftlichen Fachrichtungen die Möglichkeit, in Firmen und Forschungsinstituten des Auslandes wichtige Praxiserfahrungen zu sammeln, die besonders bei der späteren Bewerbung von Vorteil sind.
Außerdem erfordert die weltweite Verzahnung der Wirtschaftsräume Akademiker, die nicht nur ihr jeweiliges Fach beherrschen, sondern Kenntnisse im Umgang mit fremden Kulturen einbringen.
Die Praktikumsdauer beträgt in aller Regel zwei bis sechs Monate, beginnend in den Monaten Juli/August. Der Unterhalt, den der Praktikant erhält, deckt etwa die Kosten ab, die während des Praktikums durch Miete, Essen und Kultur anfallen. Für die Reise in das Gastland werden Fahrkostenzuschüsse gewährt.
Organisationsform von IAESTE
Eine Besonderheit von IAESTE ist die Organisationsform des Vermittlungsprogramms:
Sitz der Zentrale von IAESTE ist im Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn. An den Universitäten und Fachhochschulen des Landes sind im Gegensatz zu vielen anderen Austauschprogrammen jedoch Studentengruppen - sog. Lokalkomitees - für die Organisation verantwortlich. Dies ermöglicht
- Mitarbeiter werden gesucht -
ein schnelles und unkompliziertes Arbeiten bei der Vermittlung und Betreuung von Praktikanten. Die Lokalkomitees der Universitäten sind nur dem IAESTE Nationalkomitee in Bonn gegenüber rechenschaftspflichtig, wodurch bei der Organisation viel Universitätsbürokratie erspart bleibt. Wenn engagierte Studenten fehlen, wird das IAESTE-Programm von den Akademischen Auslandsämtern der Universitäten und Fachhochschulen mitbetreut.
Aufgaben des Lokalkomitees
An der Universität Potsdam organisierte bisher Frau Bürger vom Akademischen Auslandsamt die Praktikantenvermittlung über IAESTE. Sie war stets bemüht, interessierte Studenten für die
Ralph Stömmer
Gründung eines Lokalkomitees zu finden (siehe PUZ 4/93), doch viele Kommilitonen meiden lieber Arbeit und Verantwortung. Mitte Februar dieses Jahres gründete Ralph Stömmer, Student im Fachbereich Physik, ein IAESTE Lokalkomitee Potsdam. Aufgabe war zunächst die „Installation“ des laufenden Programms an der Universität: Räumlichkeiten und Zugang zu Informationstechnologie (Telefon, Fax, Computer, Kopierer) mußten gefunden und das offizielle Einverständnis des Nationalkomitees in Bonn über die Neugründung eingeholt werden.
Die Studenten der Universität Potsdam, die sich für Praktikumsplätze im Ausland beworben hatten, wurden vom Akademischen Auslandsamt kurzerhand in das Lokalkomitee umgeleitet.
Frank Machurig
Im März meldete sich Frank Machurig, Student im Fachbereich Mathematik, als weiterer Mitarbeiter von IAESTE. Hauptaufgabe des Lokalkomitees ist neben der Vermittlung von Studenten vor allem die Betreuung ausländischer Praktikanten an den Instituten der Universität. Hierfür wird ein Sommerprogramm, das Fahrten, Besichtigungen, Radtouren, Wanderungen bis hin zu Kino- und Kneipenabenden umfaßt, erstellt. Für diese Aktivitäten stehen dem Lokalkomitee ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung. Ein anderes Tätigkeitsfeld ist Öffentlichkeitsarbeit: obwohl IAESTE zu den Non-Pro- fit-Organisationen zählt, ist Marketing nach innen und außen unerläßlich. Nach innen, um in Form von Informationsabenden, Diashows und Aushängen die Studenten und Fachbereiche auf IAESTE aufmerksam zu machen. Nach außen, um in Form von direkten Anschreiben, auf Messen und Firmenkontaktmessen Arbeitsmöglichkeiten für Auslandspraktikanten einzuwerben. Dabei leistet das IAESTE Nationalkomitee mit professionellem Werbe- und Informationsmaterial ausreichend Hilfestellung. Voraussetzung für diese Tätigkeiten sind jedoch genügend Mitarbeiter im Lokalkomitee.
Über den Tellerrand blicken
Im Sommer ‘94 leisten vier Studenten der Universität Potsdam ihre Praktika in den Ländern England, Rußland, Amerika und Ukraine ab. Insgesamt hatten sich nur zwölf Interessenten um einen Auslandsaufenthalt beworben. Dabei gilt das Prinzip: wenig Bewerber - hohe Wahrscheinlichkeit für einen Praktikumsplatz bei IAESTE nicht unbedingt! Die Zuteilung von Auslandsplätzen bei der Platztauschkonferenz in Bonn ist auch proportional der Anzahl der Bewerbungen je Universität.
Die geringe Resonanz bei Potsdamer Studenten der naturwissenschaftlichen Fachrichtungen erklärt sich nicht durch die fehlende Motivation, das Studium mit Praxiserfahrungen zu ergänzen. Verantwortlich für die geringen Bewerberzahlen sind vor allem das Desinteresse, über den fachlichen Tellerrand zu blicken und die Unbequemlichkeiten, die Bewerbungen für Auslandsaufenthalte mit sich bringen, als da wären: Sprachzeugnisse, Nachweise für fachliche Qualifikation, inhaltliche Vorbereitung auf die Tätigkeit im Ausland, Reisevorbereitungen, Bewerbungsbürokratie und vieles mehr.
Ein weiteres Problem ist der träge Informationsfluß an der Universität. Regelmäßige Informationsveranstaltungen des Auslandsamtes werden von Studenten und Dozenten der naturwissenschaftlichen Fachrichtungen spärlich besucht, offizielle Aushänge werden kaum beachtet. An einem Praktikum interessierte Studenten wissen vieles nur vom Hören-Sagen und melden sich im Lokalkomitee erst, wenn es zu spät ist. Viele Studenten wissen nicht, daß das Berufsbild des Akademikers seit einigen Jahren einem radikalen Wandel unterliegt: Vor kurzem waren noch Spezialisten die Bewerber mit den größten Berufschancen, in Zukunft werden Hochschulabgänger mit breitem Fortsetzung S. 12