Nr. 10/94 - Seite 12
POLITIK AUS ERSTER HAND
„Allerdings ist die Zukunft noch nicht gewonnen“
Otto Graf Lambsdorff sprach vor zukünftigen Politik- und Wirtschaftswissenschaftlern
Die Angebote innerhalb der Reihe „Politik aus erster Hand“ zählen sicherlich zu den Höhepunkten des Universitätslebens. Für die Veranstaltung am 4. Mai gilt dies im besonderen. Diesmal trat als Gast Dr. Otto Graf Lambsdorff ans Rednerpult, der sich anschließend auch den Fragen des fast ausnahmslos studentischen Publikums stellte. Der Ex-Wirtschaftsminister und heutige wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfrakti- on blieb in seinem Metier. Er äußerte sich zur wirtschaftlichen Zukunft des vereinigten Deutschlands. Schon nach kurzer Zeit,
werbsfähigkeit und habe sich den Anforderungen der weltweiten Arbeitsteilung angepaßt. Hingegen werde erst jetzt deutlich, welches Maß der Zerrüttung die Wirtschaft der DDR angenommen hatte. Wie für viele andere, so gab es auch für Lambsdorff zur deutsch-deutschen Währungsunion weder eine politische noch eine ökonomische Alternative. Ein Resultat war, daß die DDR-Wirtschaft „praktisch ohne Anpassungszeit dem weltweiten Wettbewerb ausgesetzt“ wurde. „Dem war sie nicht gewachsen“, so der frühere Minister.
Die Schlußfolgerungen waren
»I i? t
„Wirtschaftliche Zukunft im vereinten Deutschland“ lautete das Thema des Vortrages von Otto Graf Lambsdorff
Foto: Rüffert
sich schnell der Gefahr einer „Durchhalterede“ entledigend, hatte der Politiker den Saal in ein Hauptseminar für Wirtschaftstheorie verwandelt. Er selbst übernahm dabei den Part des Ökonomie-Hochschullehrers. Bevor sich Lambsdorff gegenwärtigen Prozessen und zukünftigen Chancen und Problemen der deutschen Wirtschaftslage widmete, charakterisierte er die Ausgangsbedingungen in beiden Teilen Deutschlands, die durch tiefgreifende Unterschiede gekennzeichnet seien. So verfüge der Westen trotz einiger Schwachstellen über eine relativ hohe internationale Wettbe-
eindeutig: für die neuen Bundesländer wurde eine grundlegende strukturelle Erneuerung notwendig, die nicht in kurzer Zeit realisierbar ist. Die Bundesregierung kam nicht umhin, diese Prozesse mit außergewöhnlich hohen Transferleistungen zu befördern (1994 mit 130 Mrd. DM). Auch Otto Graf Lambsdorff bekannte, daß trotz aller Fortschritte der Anpassungsprozeß im Osten noch bei weitem nicht abgeschlossen ist.
Es gäbe aber für die deutsche Wirtschaft eine „außerordentlich günstige Perspektive“. „Sie liegt darin, daß sich die internationalen Märkte weiter öffnen, die
Wirtschaftsräume erweitern und sich die internationale Arbeitsteilung vertieft. Und sie liegt darin, daß auch die neuen Bundesländer nach der Anpassung über eine grundemeuerte Infrastruktur und über einen modernen Kapitalstock verfügen werden, dessen Strukturen ebenso wie im Westen auf die Bedingungen offener Märkte ausgerichtet sind.“ Daß es bis dahin noch ein weiter Weg ist, konstatierte auch der FDP-Politiker. Er sprach von einer Schocktherapie im Osten, die allerdings den Vorteil hätte, „daß sich schneller wettbewerbliche Strukturen herausbilden können, als in anderen Reformländern Mittel- und Osteuropas ..."
Im zweiten Abschnitt seiner Rede untersuchte Lambsdorff Chancen und Hemmnisse der westdeutschen Wirtschaft am Anfang der 90er Jahre, die sich seiner Meinung nach zu dem Zeitpunkt in sehr guter Verfassung präsentierte. Nach der durch die Inlandsnachfrage der Wiedervereinigungszeit verspäteten Rezession ist für den Politiker die Ausgangslage 1994 wieder günstiger. Er machte dies an verschiedenen Punkten deutlich: der verbesserten Weltwirtschaftslage, der erfolgreichen GATT-Runde, der Lohnentwicklung, den Steuersätzen für gewerbliche Einkommen, dem abgeschwächten Preisauftrieb, den Zinsen am Kapitalmarkt und dem gesenkten Diskontsatz der Bundesbank. Aber: „Trotz aller Konjunkturschwalben wäre es falsch, sich nun in Wohlgefallen zurückzulehnen.“ Besonders der hohe Arbeitslosensockel erweise sich als gravierendes Problem. „Dies ist gerade im Hinblick auf die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern eine schwere Hypothek.“ Patentrezepte, so Lambsdorff, gibt es nicht. Das Problem besteht seiner Auffassung nach in den zu hohen Gesamtkosten der Arbeit in
Deutschland, es werde hier über die Verhältnisse gelebt. Eine Kehrtwende sei unverzichtbar. So müßten die Lohnabschlüsse der folgenden Jahre eindeutig unter der Produktivitätsentwicklung liegen. Lohn und Produktivität stünden derzeit in keinem guten Verhältnis, im übrigen weder in Ost noch in West. Eine starke Lohndifferenzierung müsse erreicht werden, sowohl hinsichtlich der Qualifikation als auch regionaler, sektoraler und betrieblicher Unterschiede. Daneben gelte es, die „Staatswirtschaft“ (54% des Bruttoinlandproduktes werden durch staatliche Ausgaben bewegt) zurück- zudrängen. Hier benannte Otto Graf Lambsdorff vier Komponenten: Ausgabeneinsparung, Steuersenkungen, Privatisierung, Deregulierung. Das habe u. a. Subventionsabbau und eine Steuerreform ebenso zur Folge wie weitreichende Privatisierungsmaßnahmen (Post, Telekom, kommunale Dienstleistungen etc.).
Gelänge dies alles, werde die marktwirtschaftliche Ordnung weiter bewahrt und gestärkt, könne die Zukunft gewonnen werden. Mir allerdings kam das Wort „sozial“ in den Ausführungen zur Marktwirtschaft zu selten vor.
Petra Görlich
Gastvorlesung
Am Mittwoch, dem 25. Mai 1994, 11.00 Uhr c.t., spricht Prof. Dr. Paul Münch, Universität Essen, im Historischen Institut zum Thema: „Wie aus Menschen Schwarze, Gelbe, Rote und Weiße wurden. Zur Geschichte der rassistischen Ausgrenzung über die Hautfarbe.“
Der Gastvortrag wird gehalten im Hörsaal 113 des Hauses 11, Universitätskomplex Am Neuen Palais.