Heft 
(1.1.2019) 10
Einzelbild herunterladen

WERKST AUGESPRACH

Nr. 10/94-Seite 13

Eine Reise ins Ungewisse

Pavel Kohout zu Gast im Institut für Slavistik der Universität Potsdam

Pavel Kohout stand im Werkstattgespräch Rede und Antwort.

Foto: Tribukeit

Mit dem tschechischen Drama­tiker und Romancier Pavel Ko­hout konnte einer der renom­miertesten europäischen Gegen­wartsautoren und großen Zeit­kritiker für ein intensives Fach­gespräch im Institut für Slavistik gewonnen werden. Das als Werkstattgespräch apostrophier­te Zusammentreffen von Schrift­steller und Fachpublikum (so wurde es von Kohout zu Recht bezeichnet) entwickelte sich sehr schnell zu einem anregenden Dialog. Kohout selbst setzte mit seinen prägnanten und literarisch einfühlsamen Anfangsbemer­kungen die Akzente der Diskus­sion.

Kohout kann auf ein ähnliches Schicksal wie Wolf Biermann verweisen: beide waren über­zeugte Parteigänger des Kom­munismus (P.K. durch die Er­fahrungen Weltwirtschaftskrise und Münchner Abkommen, W.B. durch den Tod des Vaters in Auschwitz). Und ebenso wie beim bekannten DDR-Dissiden- ten waren es die konkreten Er­fahrungen mit dem real existie­renden Stalinismus, bei Kohout in der Armee, die sie zum offe­nen Widerspruch, später Wider­stand trieben und zu ungewoll­ten Exilanten werden ließen. Im Gegensatz zu Biermann hat sich Kohout jedoch nicht häuslich in der Märtyrerecke eingerichtet. Seine Antwort auf den Gang der Geschichte ist weiterhin eine li­terarische. Dies widerspricht nicht einer gewissen ironisch gebrochenen Distanz zum Phä­nomen Geschichte, wenn der Prager Autor Revolutionen zwar meistens als gerechtfertigt, nie aber als gerecht kennzeichnet. So rückten dann logischerweise Probleme des literarischen Schaffens immer mehr in den Mittelpunkt des Werkstatt­gesprächs. Kohout verstand es brilliant, sein ganz eigenes künst­lerisches Schaffen und die Art und Weise ästhetischer Reali­sierung im Zusammenhang mit der spezifisch tschechischen Li­

teraturgeschichte darzustellen. Vor dem von ihm geschätzten Fachpublikum plauderte er dann auch schon einmal aus der inti­men Welt des einsamen Schrei­bens. Das erstreckte sich von ganz banalen Fragen der Organisation des Schreibens bis hin zu den künstlerischen Fragestellungen. Kohout bezeichnet sich selbst als sehr disziplinierten Schreiber. Die Zeit des Schreibens pro Seite läßt sich genau bemessen, gesetzte Termine werden über Jahre hin­weg präzise eingehalten, ohne die Hilfe komplizierter Computersy­steme. Wichtiger jedoch sind für Kohout die ästhetischen Prämis­sen. Theoretische Vorgaben für das Romanschreiben lehnt er grundsätzlich ab. Romane zu schreiben bedeutet, etwas zu er­fahren, was man auch als Autor noch nicht weiß. Ganz deutlich wird die Ablehnung des klassi­schen und kritisch-realistischen Erzählens im 19. und 20. Jahr­hundert mit dem integralen Be­standteil des allwissenden Erzäh­lers. Für Kohout ist die didakti­sche Funktion der Prosa suspekt. Er erkundet als Erzähler Varian­ten sehr verschiedener Situatio­nen, der Ausgang der Handlung ist nie a priori gesetzt. Im Prozeß des Schreibens findet sich der Handlungsstrang. Das Schreiben ist gleichsam eine Reise ins Un­gewisse!

Auch thematisch ist dieseRei­se nicht vorbestimmt. Der tsche­

chische Dichter läßt sich nicht festlegen. Er bohrt sich, so seine Aussage im Gespräch, nicht un­endlich tief in die immer gleiche Problematik.

Kohout ist allen Themen gegen­über offen; vielleicht erklärt dies seinen langanhaltenden interna­tionalen Erfolg und die vielen Übersetzungen. Vielleicht liegt die Ursache aber auch in seiner Konsequenz, Literatur und Thea­ter als Spiel zu betrachten.

Der Dramatiker Kohout ist durch die österreichische Kulturge­schichte geprägt. Seine Welt ist Hofmannsthals Welt als Bühne, nicht das deutsche Theater der Belehrung, Weltverbesserung und Indoktrination. Praktische Schlußfolgerung ist für den Re­gisseur und Dramatiker Kohout, die deutschen Bühnen zu mei­den. Man versteht zumindest die­se Haltung zu dem Zeitpunkt, da er seinedramatischen Vorbil­der benennt: E. O'Neill und Friedrich Dürrenmatt, letzterer vor allem mit seiner Tragik­komödieDer Besuch der alten Dame.

Bei aller Liebe zum literarischen Detail, das Gespräch endete mit einer einfachen wie logischen Definition des für Kohout so ty­pischen Schreibverständnisses. Erverriet seinem Publikum:Ein Schriftsteller beginnt ein Schrift­steller zu sein, wenn er aufhört, ein Richter zu sein.

P. Görlich

Deutscher

Hochschul-

Verband

Beste Aussichten für wissenschaftlichen Nachwuchs

In den Jahren 1995 bis 1999 werden jährlich durchschnittlich 790 und in den Jahren 2000 bis 2004 jährlich 1057 Professoren aus Altersgründen ausscheiden, beschreibt der Generalsekretär des Wissenschaftsrates, Dr. Win­fried Benz, die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der neuesten Ausgabe von Forschung & Lehre.

Bereits jetzt sei die Zahl der Ha­bilitationen in den einzelnen Fä­chern viel zu gering, um in den kommenden Jahren im Sinne der Bestenauslese aus dem Vollen schöpfen zu können. 1992 seien einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes zufolge 1308 Ha­bilitationen abgeschlossen wor­den, 13 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Ingenieurwissen­schaften mit 56 Habilitationen sowie die Rechts-, Wirtschafts­und Sozialwissenschaften mit 113 Habilitationen blieben dabei weit hinter dem Durchschnitt zurück.

Daß die Universitäten schon heu­te in vielen Fällen nicht in der Lage sind, Professorenstellen adäquat wiederzubesetzen, liege u. a. an den langen Qualifika­tionsphasen. Das durchschnitt­liche Habilitationsalter betrage derzeit 39,4 Jahre. Nur die Ma­thematiker stellten bereits mit den 34jährigen ihre stärkste Jahr­gangsgruppe. Alarmierend sei die Zunahme der Habilitierten von 45 Jahren und älter; für die Jahrgänge 1989 bis 1991 zehn Prozent. Nicht weniger als 129 der 1989 bis 1991 Habilitierten seien 50 Jahre und älter gewe­sen. Presseinformation

Deutscher Hochschulverband