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VORLESUNG
Euler-Vorlesung 1994 in Sanssouci
Die ersten Teilnehmer an der Euler-Vorlesung am 20. Mai hatten sich bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung im Schloßtheater des Neuen Palais, dem Ort des Geschehens, eingefunden. Die Ankündigung, daß ein international so angesehener Forscher wie Prof. Roger Penro- se von der Universität Oxford auftreten würde, schien manchen bewogen zu haben, zeitig anzureisen. Tatsächlich füllte sich das Theater bis auf die letzten Plätze. Erfreulicherweise gehörten dem Auditorium neben Mathmatikem und Physikern, die vor allem von den Berliner Universitäten und mathematischen Institutionen sowie von der Universität Potsdam kamen, viele Studenten an, und das, obwohl es Freitag vor Pfingsten war. So wurde die Hoffnung der Veranstalter, daß mit der im vergangenen Jahr erstmals organisierten „Euler-Vorlesung in Sanssouci“ ein herausragendes Ereignis im wissenschaftlichen Leben der Länder Berlin und Brandenburg etabliert werde, an diesem Nachmittag ganz augenfällig durch den gefüllten Theatersaal aufs Schönste erfüllt.
Zur Eröffnung kamen Darbietungen von Studenten des Fachbereichs Musik der Universität Potsdam zur Aufführung. Danach richtete Herr Stefan Brandt als Vertreter des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg ein Grußwort an die Versammlung. Der Minister, Schirmherr der „Euler-Vorlesung in Sanssouci“, konnte wegen einer gleichzeitig stattfindenden Tagung des Wissenschaftsrates nicht persönlich teilnehmen. Nachdrücklich wies S. Brandt darauf hin, daß der Minister sich mit seinem ganzen politischen Gewicht für den Aufbau der Universität Potsdam einsetze, der ohne eine Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät auf hohem Niveau gar nicht vorstellbar ist. Die Bewältigung dieser Aufgabe ist nicht ohne die Hilfe des Bundes möglich. Vom Wissenschaftsrat erfahre dieser Prozeß Unterstüt
zung und Förderung. Bereits jetzt strahle von der Euler-Vorlesung ein Glanz auf die wissenschaftliche Welt aus. Der Jury, die den diesjährigen Vortragenden für die Euler-Vorlesung ausgewählt und eingeladen hat, überbrachte S. Brandt den Dank des Ministers. Der Jury gehörten an: Prof. M. Grötschel (Konrad- Zuse-Zentrum für Informationstechnik Berlin), Prof. F. Hirze- bruch (Max-Planck-Institut für Mathematik Bonn) und Prof. K.- H. Hoffmann (Universität Mün-
schaftlichen und menschlichen Gewinn“.
Wie im vergangenen Jahr gab es einen historischen Beitrag, der sich auf Leonhard Euler (1706 — 1783) bezog. Dieser bedeutendste Mathematiker des 18. Jahrhunderts wirkte, einem Ruf Friedrich II. folgend, von 1741 bis 1766 in Berlin. Die Herausgabe seiner Werke ist zu einem Jahrhundertunternehmen angewachsen. Prof. H. Ch. Im Hof von der Universität Basel berichtete in seiner Eigenschaft als
Zahlreiche Studierende und junge Wissenschaftler befanden sich unter den Zuhörern der Euler-Vorlesung 1994 im Schloßtheater des Neuen Palais. Foto: Rüffert
chen). In englischer Sprache wurde der Hauptvortragende begrüßt. Zum Abschluß wünschte S. Brandt den Anwesenden einen „reichen Nachmittag mit Folgen“, wobei er hinzufügte, daß er in seiner Schulzeit wohl den Wunsch verspürt habe, mehr von der Mathematik zu verstehen, aber ein „innerer Widerstand“ ihn daran gehindert habe.
In Vertretung des Rektors wandte sich der Prorektor der Universität Potsdam, Herr Professor G. Kempter, in einem Grußwort an die Teilnehmer. Er brachte zum Ausdruck, welche Ehre es für die junge Potsdamer Universität bedeute, eine Veranstaltung dieses Formats auszurichten. Für die Zukunft sprach er die Hoffnung aus, daß die „Euler-Vorlesung in Sanssouci“ erfolgreich weitergeführt werden könne und wünschte allen Versammelten „wissen
derzeitiger Generaldirektor dieses Editionsvorhabens über die Geschichte und den aktuellen Stand der Ausgabe der Werke Eulers, die inzwischen mehr als 70 Bände umfaßt. Besondere Schwierigkeiten bereite es, geeignete Bearbeiter für zwei Bände mit astronomischen Arbeiten Eulers zu finden. Die Zuhörer erfuhren weitere interessante Einzelheiten aus der Editionsgeschichte, wie etwa von den länger zurückliegenden Versuchen, in Rußland befindliche Manuskripte Eulers zu erhalten, die selbst im angebotenen Tausch gegen kostbare Handschriften Lenins nicht herausgegeben wurden. Aus einem bisher unbekannten 1748 verfaßten Brief Eulers geht hervor, daß er die in England bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse so günstig bewertete, daß er dieses Land als idealen Aufenthaltsort
für sich und seine Familie ansah. Das Archivmaterial gestattet leider keine definitive Aussage darüber, warum Euler dennoch nicht auf die britische Insel übergesiedelt ist. An Prof. R. Penrose gewandt, schloß Prof. H. Ch. Im Hof mit der Frage: „Was wäre aus der Mathematik in England geworden, wenn Euler tatsächlich dort gewirkt hätte?“
Nach weiteren musikalischen Darbietungen von Studenten der Universität Potsdam ergriff Prof. F. Hirzebruch das Wort zu seiner Laudatio auf Roger Penrose. Zwischen Potsdam und dem wissenschaftlichen Werk von R. Penrose bestehe eine offensichtliche Beziehung: Potsdam ist ein Zentrum der Gravitationsphysik, das mit dem Namen Albert Einsteins verbunden ist, "Und Penrose ist vor allem Gravitationstheoretiker. Heute ist die allgemein akzeptierte Auffassung über die Entstehung des Alls die Theorie vom Urknall. Die mathematische Behandlung dieser „Singularität am Anfang“ ist vornehmlich das Werk von Penrose.
Darüber hinaus verdankt man ihm wesentliche Beiträge in verschiedenen anderen Gebieten, wie der Differentialgeometrie, der algebraischen Topologie, der algebraischen Geometrie, der Theorie partieller Differentialgleichungen, der Theorie der analytischen Funktionen mehrerer komplexer Veränderlichen, der Theorie der Maxwell- schen Gleichungen, der Festkörperphysik (Strukturtheorie der Kristalle). Von dem Geometer Penrose kennen viele seine nichtperiodischen Pflasterungen der Ebene in „kites“ und „darts“. Schließlich wurde auch der Philosoph Penrose gewürdigt, dessen Buch „Computerdenken. Des Kaisers neue Kleider oder die Debatte um künstliche Intelligenz, Bewußtsein und die Gesetze der Physik“ (1991 erschienene deutsche Übersetzung von „The empereor’s new mind“) auch denen zur Lektüre empfohlen wurde, die mit „inneren Widerständen“ zur Mathematik zu kämpfen hatten.