Heft 
(1.1.2019) 12
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Nr. 12/94-Seite 16

VORLESUNG

Euler-Vorlesung 1994 in Sanssouci

Die ersten Teilnehmer an der Euler-Vorlesung am 20. Mai hatten sich bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung im Schloßtheater des Neuen Palais, dem Ort des Geschehens, einge­funden. Die Ankündigung, daß ein international so angesehener Forscher wie Prof. Roger Penro- se von der Universität Oxford auftreten würde, schien man­chen bewogen zu haben, zeitig anzureisen. Tatsächlich füllte sich das Theater bis auf die letz­ten Plätze. Erfreulicherweise ge­hörten dem Auditorium neben Mathmatikem und Physikern, die vor allem von den Berliner Universitäten und mathemati­schen Institutionen sowie von der Universität Potsdam kamen, viele Studenten an, und das, ob­wohl es Freitag vor Pfingsten war. So wurde die Hoffnung der Veranstalter, daß mit der im ver­gangenen Jahr erstmals organi­siertenEuler-Vorlesung in Sanssouci ein herausragendes Ereignis im wissenschaftlichen Leben der Länder Berlin und Brandenburg etabliert werde, an diesem Nachmittag ganz augen­fällig durch den gefüllten Thea­tersaal aufs Schönste erfüllt.

Zur Eröffnung kamen Darbie­tungen von Studenten des Fach­bereichs Musik der Universität Potsdam zur Aufführung. Da­nach richtete Herr Stefan Brandt als Vertreter des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Branden­burg ein Grußwort an die Ver­sammlung. Der Minister, Schirmherr derEuler-Vorle­sung in Sanssouci, konnte we­gen einer gleichzeitig stattfin­denden Tagung des Wissen­schaftsrates nicht persönlich teilnehmen. Nachdrücklich wies S. Brandt darauf hin, daß der Minister sich mit seinem ganzen politischen Gewicht für den Aufbau der Universität Potsdam einsetze, der ohne eine Mathe­matisch-Naturwissenschaftli­che Fakultät auf hohem Niveau gar nicht vorstellbar ist. Die Be­wältigung dieser Aufgabe ist nicht ohne die Hilfe des Bundes möglich. Vom Wissenschaftsrat erfahre dieser Prozeß Unterstüt­

zung und Förderung. Bereits jetzt strahle von der Euler-Vor­lesung ein Glanz auf die wissen­schaftliche Welt aus. Der Jury, die den diesjährigen Vortragen­den für die Euler-Vorlesung aus­gewählt und eingeladen hat, überbrachte S. Brandt den Dank des Ministers. Der Jury gehörten an: Prof. M. Grötschel (Konrad- Zuse-Zentrum für Informations­technik Berlin), Prof. F. Hirze- bruch (Max-Planck-Institut für Mathematik Bonn) und Prof. K.- H. Hoffmann (Universität Mün-

schaftlichen und menschlichen Gewinn.

Wie im vergangenen Jahr gab es einen historischen Beitrag, der sich auf Leonhard Euler (1706 1783) bezog. Dieser bedeutend­ste Mathematiker des 18. Jahr­hunderts wirkte, einem Ruf Friedrich II. folgend, von 1741 bis 1766 in Berlin. Die Heraus­gabe seiner Werke ist zu einem Jahrhundertunternehmen ange­wachsen. Prof. H. Ch. Im Hof von der Universität Basel be­richtete in seiner Eigenschaft als

Zahlreiche Studierende und junge Wissenschaftler befanden sich unter den Zuhörern der Euler-Vorlesung 1994 im Schloß­theater des Neuen Palais. Foto: Rüffert

chen). In englischer Sprache wurde der Hauptvortragende be­grüßt. Zum Abschluß wünschte S. Brandt den Anwesenden ei­nenreichen Nachmittag mit Folgen, wobei er hinzufügte, daß er in seiner Schulzeit wohl den Wunsch verspürt habe, mehr von der Mathematik zu verstehen, aber eininnerer Wi­derstand ihn daran gehindert habe.

In Vertretung des Rektors wandte sich der Prorektor der Universität Potsdam, Herr Professor G. Kempter, in einem Grußwort an die Teilnehmer. Er brachte zum Ausdruck, welche Ehre es für die junge Potsdamer Universität be­deute, eine Veranstaltung dieses Formats auszurichten. Für die Zukunft sprach er die Hoffnung aus, daß dieEuler-Vorlesung in Sanssouci erfolgreich weiterge­führt werden könne und wünsch­te allen Versammeltenwissen­

derzeitiger Generaldirektor die­ses Editionsvorhabens über die Geschichte und den aktuellen Stand der Ausgabe der Werke Eulers, die inzwischen mehr als 70 Bände umfaßt. Besondere Schwierigkeiten bereite es, ge­eignete Bearbeiter für zwei Bän­de mit astronomischen Arbeiten Eulers zu finden. Die Zuhörer erfuhren weitere interessante Einzelheiten aus der Editions­geschichte, wie etwa von den länger zurückliegenden Versu­chen, in Rußland befindliche Manuskripte Eulers zu erhalten, die selbst im angebotenen Tausch gegen kostbare Hand­schriften Lenins nicht herausge­geben wurden. Aus einem bisher unbekannten 1748 verfaßten Brief Eulers geht hervor, daß er die in England bestehenden ge­sellschaftlichen Verhältnisse so günstig bewertete, daß er dieses Land als idealen Aufenthaltsort

für sich und seine Familie ansah. Das Archivmaterial gestattet lei­der keine definitive Aussage darüber, warum Euler dennoch nicht auf die britische Insel über­gesiedelt ist. An Prof. R. Penrose gewandt, schloß Prof. H. Ch. Im Hof mit der Frage:Was wäre aus der Mathematik in England geworden, wenn Euler tatsäch­lich dort gewirkt hätte?

Nach weiteren musikalischen Darbietungen von Studenten der Universität Potsdam ergriff Prof. F. Hirzebruch das Wort zu seiner Laudatio auf Roger Pen­rose. Zwischen Potsdam und dem wissenschaftlichen Werk von R. Penrose bestehe eine of­fensichtliche Beziehung: Pots­dam ist ein Zentrum der Gravita­tionsphysik, das mit dem Namen Albert Einsteins verbunden ist, "Und Penrose ist vor allem Gravi­tationstheoretiker. Heute ist die allgemein akzeptierte Auffas­sung über die Entstehung des Alls die Theorie vom Urknall. Die mathematische Behandlung dieserSingularität am Anfang ist vornehmlich das Werk von Penrose.

Darüber hinaus verdankt man ihm wesentliche Beiträge in ver­schiedenen anderen Gebieten, wie der Differentialgeometrie, der algebraischen Topologie, der algebraischen Geometrie, der Theorie partieller Differenti­algleichungen, der Theorie der analytischen Funktionen meh­rerer komplexer Veränderli­chen, der Theorie der Maxwell- schen Gleichungen, der Festkör­perphysik (Strukturtheorie der Kristalle). Von dem Geometer Penrose kennen viele seine nichtperiodischen Pflasterun­gen der Ebene inkites und darts. Schließlich wurde auch der Philosoph Penrose gewür­digt, dessen BuchComputer­denken. Des Kaisers neue Klei­der oder die Debatte um künstli­che Intelligenz, Bewußtsein und die Gesetze der Physik (1991 erschienene deutsche Überset­zung vonThe empereors new mind) auch denen zur Lektüre empfohlen wurde, die mitinne­ren Widerständen zur Mathe­matik zu kämpfen hatten.