Heft 
(1.1.2019) 02
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IM GESPRÄCH

Insofern interessiert mich das Innovations­kolleg an Ihrer Universität. Das globale Com­puternetz bietet erstmalig die Möglichkeit, daß Wissenschaftler in Echtzeit Forschungs­ergebnisse miteinander austauschen können. Zwar arbeiten Wissenschaftler schon seit Hunderten von Jahren zusammen, aber jetzt ist die Zeitspanne zwischen der Entstehung einer Idee und ihrer Diskussion auf Hunder­te von Millisekunden reduziert.

PUTZ: Was sind die Folgen dieser Möglich­keit?

Mayer-Kress: Es ist klar, daß sich im Mo­ment neue Strukturen herausbilden. Meines Erachtens befinden wir uns in einem revolu­tionären Übergang in bezug auf die Informa- tionsgesellschaft. Charakteristisch dafür sind u. a. Wachstumsgeschwindigkeiten bei der Vernetzung von 20-30 Prozent je Monat. Die Computer werden menschenfreundlicher, ihre Benutzung bedarf keiner technischen Vorkenntnis. Entscheidende Fragen auf dem Markt sind solche der einfachen Bedienung und der Schnelligkeit der Kommunikation.

PUTZ: Worin sehen Sie die negativen Be­gleiterscheinungen dieser positiven Entwick­lung?

Mayer-Kress: Es ist ja bekannt, daß die or­ganisierte Kriminalität das globale Informa­tions- und Kommunikationssystem schon seit einigen Jahren extensiv nutzt. Beispiel­haft ist das Rauschgift-Kartei in Kolumbien zu nennen, das einen eigenen Nachrichten- sateliten starten wolte, um der Überwa­chung durch Geheimdienste zu entgehen. Mißbrauch ist nicht nur Folge solcher Ent­wicklungen, sondern mitunter auch Schritt­macher.

PUTZ: Welche Auswirkungen kann die neue Kommunikationsmöglichkeit auf ein Studium oder andere Bereiche haben?

Mayer-Kress: Wahrscheinlich wird es eine Umorientierung im Studium geben: Die Ten­denz, sich mehr Methoden als Fakten anzu­eignen, wird sich verstärken. Fremdsprachen spielen eine große Role. Englisch ist Stan­dard. Wichtig ist die Organisation des Ge­lernten. Ich würde Studenten von Anfang an zu einer elektronischen Arbeitsweise raten, zum Anlegen von Netzwerken, von Informa­tionskarteien.

Entscheidend bei vielen Anwendungen ist die Vernetzbarkeit. In den USA ist Internet das A und O. Mit seiner Benutzung lassen sich enorme Zeit, auch Papier und Porto spa­ren. Meine Korrespondenz läuft zu über 90 Prozent elektronisch ab. Massive Folgen sind für die Wirtschaft zu erwarten. So kann ein Kleinbetrieb in Potsdam direkt auf dem Welt­markt Marketing betreiben. Dadurch werden viele Zwischenhändler ausgeschaltet, auch Informationskanalisierung wird vermieden. Völig neue Märkte lassen sich erschießen.

Es wird Umschichtungen von Arbeitskräften geben. Mehr traditionel ausgerichtete Be­rufsschichten sind auf dem lokalen Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Neue Konkur­renz kann aus Südafrika oder Rußland er­wachsen. In Rußland haben wir derzeit das weltweit stärkste Wachstum an Informati­onssystemen. Die Prozesse der Umschich­tungen werden sehr schnei verlaufen.

PUTZ: Verbindet sich bei der Benutzung moderner Kommunikation nicht auch der Spieltrieb des Menschen mit moderner Me­thodik?

Mayer-Kress: Statistisch ist nachgewiesen, daß sich Jugendlche mit der Welt am läng­sten und intensivsten über Computerspiele

auseinandersetzen. Natürlch findet auch Mißbrauch durch Anbieter über bilige Ge­waltspiele statt, aber der Markt ist offen für diesen Vermittlungsweg wichtiger Informa­tionen an Jugendlche. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Eine amerikanische Soft­warefirma, mehrfach ausgezeichnet, hat Spiele im Angebot, die Kindern auf spieleri­sche Weise sehr realistische Probleme von Städten vermitteln. In der Role des Bürger­meisters werden sie mit Problemen der Um­welt und des Verkehrs, der Kriminalität und des Budgets, der Industrieansiedlung usw. konfrontiert. Auf der Basis dieses Spiels wur­den inzwischen Simulationsmodele entwic­kelt, die sich großer Belebtheit in der Wirt­schaftswissenschaft und bei der Städte­planung erfreuen. - Für die mir bekannt ge­wordenen Kriminalitätprobleme in Potsdam leßen sich mit HUfe der Komplexitätstheorie und entsprechender Simulationsmodele in- teligente und kreative Lösungsvorschläge finden.

PUTZ: Sie waren 1983 in der deutschen Frie­densbewegung aktiv, ein Jahr später gingen Sie in das Atomwaffenforschungszentum Los Alamos. Könnten Sie etwas zu Ihren dortigen Arbeiten sagen?

Mayer-Kress: Ich habe mir die Frage ge­steht, kann man nichtlineare Forschung und Chaosforschung vieleicht auch positiv auf atomare Fragen anwenden. Es war die Zeit, in der in den USA strategische Verteidi­gungssysteme wie SDI eine sehr große Role spielten. Unser Model solte die Antwort der Sowjets auf derartige Rüstungsanstrengun­gen ermitteln. Die Simulationen erbrachten starke Instabiltäten im Bereich der Wirtschaft und Sicherheit. Das Risiko eines atomaren Erstschlages war im Grunde unkalkulierbar

geworden! Die entsprechenden Publikatio­nen haben bis ins Pentagon hinein starke Resonanz gefunden und sicher mit einen Um- denkungsprozeß bewirkt. Heute ist ales kom­plexer und komplizierter, und viele amerika­nische Strategen denken wehmütig an die gute alte Zeit" des kalten Krieges zurück, wo ales so einfach und überschaubar war...

PUTZ: Würden Sie aus Ihrem komplexen Herangehen an so unterschiedlche Wissen­schaftsfragen auch eine gesellschaftliche Prognose wagen?

Mayer-Kress: Die einzige Prognose würde ich dahingehend geben, daß die Einführung von Strukturen nötig ist, die die Verwaltung einer komplexen Geselschaft vereinfachen. Dazu gehören sicher viele Anwendungen der Komplexitätstheorie. Die Entscheidungsträ­ger müssen sich der komplexen Regelungs­mechanismen bewußt werden. Simulationen und Informationsysteme können dabei hilf­reich sein.

Prof. Di. Gottfried Mayer-Kress vom Center for Complex Systems Research des Beckmann Institutes an der Universität von Illinois beantwortete Fragen nach der Chaosforschung, neuer Kommunikations­möglichkeiten und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Foto: Derdack

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