IM GESPRÄCH
Insofern interessiert mich das Innovationskolleg an Ihrer Universität. Das globale Computernetz bietet erstmalig die Möglichkeit, daß Wissenschaftler in Echtzeit Forschungsergebnisse miteinander austauschen können. Zwar arbeiten Wissenschaftler schon seit Hunderten von Jahren zusammen, aber jetzt ist die Zeitspanne zwischen der Entstehung einer Idee und ihrer Diskussion auf Hunderte von Millisekunden reduziert.
PUTZ: Was sind die Folgen dieser Möglichkeit?
Mayer-Kress: Es ist klar, daß sich im Moment neue Strukturen herausbilden. Meines Erachtens befinden wir uns in einem revolutionären Übergang in bezug auf die Informa- tionsgesellschaft. Charakteristisch dafür sind u. a. Wachstumsgeschwindigkeiten bei der Vernetzung von 20-30 Prozent je Monat. Die Computer werden menschenfreundlicher, ihre Benutzung bedarf keiner technischen Vorkenntnis. Entscheidende Fragen auf dem Markt sind solche der einfachen Bedienung und der Schnelligkeit der Kommunikation.
PUTZ: Worin sehen Sie die negativen Begleiterscheinungen dieser positiven Entwicklung?
Mayer-Kress: Es ist ja bekannt, daß die organisierte Kriminalität das globale Informations- und Kommunikationssystem schon seit einigen Jahren extensiv nutzt. Beispielhaft ist das Rauschgift-Kartei in Kolumbien zu nennen, das einen eigenen Nachrichten- sateliten starten wolte, um der Überwachung durch Geheimdienste zu entgehen. Mißbrauch ist nicht nur Folge solcher Entwicklungen, sondern mitunter auch Schrittmacher.
PUTZ: Welche Auswirkungen kann die neue Kommunikationsmöglichkeit auf ein Studium oder andere Bereiche haben?
Mayer-Kress: Wahrscheinlich wird es eine Umorientierung im Studium geben: Die Tendenz, sich mehr Methoden als Fakten anzueignen, wird sich verstärken. Fremdsprachen spielen eine große Role. Englisch ist Standard. Wichtig ist die Organisation des Gelernten. Ich würde Studenten von Anfang an zu einer elektronischen Arbeitsweise raten, zum Anlegen von Netzwerken, von Informationskarteien.
Entscheidend bei vielen Anwendungen ist die Vernetzbarkeit. In den USA ist Internet das A und O. Mit seiner Benutzung lassen sich enorme Zeit, auch Papier und Porto sparen. Meine Korrespondenz läuft zu über 90 Prozent elektronisch ab. Massive Folgen sind für die Wirtschaft zu erwarten. So kann ein Kleinbetrieb in Potsdam direkt auf dem Weltmarkt Marketing betreiben. Dadurch werden viele Zwischenhändler ausgeschaltet, auch Informationskanalisierung wird vermieden. Völig neue Märkte lassen sich erschießen.
Es wird Umschichtungen von Arbeitskräften geben. Mehr traditionel ausgerichtete Berufsschichten sind auf dem lokalen Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Neue Konkurrenz kann aus Südafrika oder Rußland erwachsen. In Rußland haben wir derzeit das weltweit stärkste Wachstum an Informationssystemen. Die Prozesse der Umschichtungen werden sehr schnei verlaufen.
PUTZ: Verbindet sich bei der Benutzung moderner Kommunikation nicht auch der Spieltrieb des Menschen mit moderner Methodik?
Mayer-Kress: Statistisch ist nachgewiesen, daß sich Jugendlche mit der Welt am längsten und intensivsten über Computerspiele
auseinandersetzen. Natürlch findet auch Mißbrauch durch Anbieter über bilige Gewaltspiele statt, aber der Markt ist offen für diesen Vermittlungsweg wichtiger Informationen an Jugendlche. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Eine amerikanische Softwarefirma, mehrfach ausgezeichnet, hat Spiele im Angebot, die Kindern auf spielerische Weise sehr realistische Probleme von Städten vermitteln. In der Role des Bürgermeisters werden sie mit Problemen der Umwelt und des Verkehrs, der Kriminalität und des Budgets, der Industrieansiedlung usw. konfrontiert. Auf der Basis dieses Spiels wurden inzwischen Simulationsmodele entwickelt, die sich großer Belebtheit in der Wirtschaftswissenschaft und bei der Städteplanung erfreuen. - Für die mir bekannt gewordenen Kriminalitätprobleme in Potsdam leßen sich mit HUfe der Komplexitätstheorie und entsprechender Simulationsmodele in- teligente und kreative Lösungsvorschläge finden.
PUTZ: Sie waren 1983 in der deutschen Friedensbewegung aktiv, ein Jahr später gingen Sie in das Atomwaffenforschungszentum Los Alamos. Könnten Sie etwas zu Ihren dortigen Arbeiten sagen?
Mayer-Kress: Ich habe mir die Frage gesteht, kann man nichtlineare Forschung und Chaosforschung vieleicht auch positiv auf atomare Fragen anwenden. Es war die Zeit, in der in den USA strategische Verteidigungssysteme wie SDI eine sehr große Role spielten. Unser Model solte die Antwort der Sowjets auf derartige Rüstungsanstrengungen ermitteln. Die Simulationen erbrachten starke Instabiltäten im Bereich der Wirtschaft und Sicherheit. Das Risiko eines atomaren Erstschlages war im Grunde unkalkulierbar
geworden! Die entsprechenden Publikationen haben bis ins Pentagon hinein starke Resonanz gefunden und sicher mit einen Um- denkungsprozeß bewirkt. Heute ist ales komplexer und komplizierter, und viele amerikanische Strategen denken wehmütig an die „gute alte Zeit" des kalten Krieges zurück, wo ales so einfach und überschaubar war...
PUTZ: Würden Sie aus Ihrem komplexen Herangehen an so unterschiedlche Wissenschaftsfragen auch eine gesellschaftliche Prognose wagen?
Mayer-Kress: Die einzige Prognose würde ich dahingehend geben, daß die Einführung von Strukturen nötig ist, die die Verwaltung einer komplexen Geselschaft vereinfachen. Dazu gehören sicher viele Anwendungen der Komplexitätstheorie. Die Entscheidungsträger müssen sich der komplexen Regelungsmechanismen bewußt werden. Simulationen und Informationsysteme können dabei hilfreich sein.
Prof. Di. Gottfried Mayer-Kress vom Center for Complex Systems Research des Beckmann Institutes an der Universität von Illinois beantwortete Fragen nach der Chaosforschung, neuer Kommunikationsmöglichkeiten und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Foto: Derdack
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PUTZ 2/95
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