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(1.1.2019) 03
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PROF. DR. DAGMAR KLOSE HIELT IHRE ANTRITTSVORLESUNG

Vom Dualismus unseres Erinnerns

Neue fragen an das Erinnern stellte Prof. Dr. Dagmar Klose aus dem Historischen Institut der Philosophischen Fakultät I in ihrer Antrittsvorlesung zum Thema: .Vorn Dualismus unseres Erinnerns - Reflexio­nen an Geschichtsbewußtsein und Be- wußtseinsgeschichte.Erinnem interpre­tierte sie dabei als Interaktion zwischen Innen- und Außenwelt und Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zu­kunft.

So versteht Dagmar Klose in Anlehnung an Lothar SteinbachBewußtseinsgeschichte als etwas Individuelles, alsdiachrones Gewahrwerden von biographischem Zeit­erleben'. Davon ausgehend beschreibt sie Bewußtsein, Geschichte und Biographie in ihrer Verflechtung als tragende Säulen die­ser Problematik. Für weitere theoretisch­empirische Arbeiten hält die Wissenschaft­lerin solche forschungsmethodischen An­sätze für sinnvoll, die ein aktives Mensch- Umwelt-Verhältnis zugrunde legen wie etwa die sowjetische kulturhistorische Schule und die konstruktivistische Entwicklungs­psychologie.

In diesem Zusammenhang machte sie dar­auf aufmerksam, daß das Individuum Ei­genwahrheiten entwickelt, sich die Vergan­genheit schafft, die es braucht und damit eine innere Symmetrie zwischen Vergan­genheit und Zukunft auszubalancieren ver­sucht, um mit diesem Gleichgewicht in der Gegenwart leben zu können. Somit seien dem Bewußtsein und der Erinnerung einer­seits ein Maß an wachsender Distanz eigen, mit der Neigung, Angenehmes zu verstär­ken und Schmerzhaftes abzuschwächen. Andererseits würden diese Eigenwahrhei­ten die Fähigkeit besitzen, sich ständig umzustrukturieren.

Im zweiten Iteil ihrer Vorlesung belegte Dagmar Klose anhand von textlich und bild­lich gefaßten Erinnerungen, die sich auf schulisch vermittelte, historische Aneig­nungsgegenstände bezogen, wie Vorstel­lungen aus der Gegenwart der individuel­len Lebenswelt in die Vergangenheit proji­ziert werden. Bei Erinnerungen von Er­wachsenen in und nach Umbruchsituati­onen, wie sie die Deutschen in diesem Jahr­hundert mehrmals erlebten, habe die Psy­che zwei Möglichkeiten: Entweder bleibe die veränderte Innen- und Außenwelt ambi­valent, was kaum zielgerichtetes Handeln ermögliche. Oder sie suche die Möglich­keit, ein neues Gleichgewicht herzustellen, indem sie Elemente der neuen Außenwelt in die bestehende Struktur einbaut, Vergan­genes umschichtet und die innere Struktur dem neu anpaßt.

Der Prozeß des Erinnerns impliziert zum einen generationsspezifische Aspekte, weil nach Kloses Meinung der Zeitpunkt des erlebten Umbruchs auf der Lebensachse eines Menschen von nicht zu unterschät­zender Relevanz ist. Zum anderen sei er vom Entwicklungsspielraum eines Men­schen in der neuen sozialen Situation ab­hängig. Je größer dieser ist, so formulierte die Historikerin weiter, desto freier könne er sich mit seiner Vergangenheit auseinander­setzen, desto ehrlicher könne er sich erin­nern. Und: Je souveräner das Individuum ist, desto origineller wird es mit den Verän­derungen umgehen. Petra Beetz

Mit Reflexionen zu Geschichtsbewußtsein und Bewußtseinsgeschichte befaßte sich Dagmar Klose in ihrer Antrittsvorlesung. Foto: Tribukeit

Geschichte des Universitätsgeländes wird erforscht ;

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Eine studentische Projektgruppe an der Universität Potsdam ist seit kurzem damit befaßt, die Entwicklung des Präsidiums des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in den Jahren 1938- 1945 zu untersuchen. Das ehemalige Präsidialgebäude des DRK befindet sich in der Au- gust-Bebel-Straße 89, einem der heutigen Standorte der Universität Potsdam. Der Bau nahe dem S-Bahnhof Griebnitzsee, der 1928 für das Deutsche Rote Kreuz errichtet wurde, be­herbergte später für mehr als drei Jahrzehnte die Akademie für Staats- und Rechtswissen­schaften der DDR. Seit 1991 sind hier die Juristische Fakultät sowie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Potsdamer Universität untergebracht. Ziel des vom Studentenrat geförderten Projektes ist es, Material für eine Ausstellung an der Universität zusammenzutragen. Wer Hinweise zur Geschichte des Hauses und seiner Nutzer für den genannten Zeitraum geben kann, möchte sich bitte über den Lehrstuhl Frauenforschung an den Projektleiter Markus Wicke wenden (Ttelefon: 0331/977 3235, 977-3390).

mt./Foto: Rüffert

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PUTZ 3/95