WISSENSCHAFT AKTUELL.
Die Dynamik der elektrischen Aktivität des gesunden menschlichen Herzens, dargestellt als Phasenraumporträt. Oben: die gesamte Aktivität. Unten: Ausschnittsvergrößerung. Die Abbildung basiert auf einer neuen Einbettungstechnik und Rauschunterdrückung. zg.
mit Vorträgen oder Workshop-Iteilnahmen. Im wesentlichen, erklärt der Gast, werde in Maryland auf mit Potsdam vergleichbarer Ebene gearbeitet. Und doch gäbe es Unterschiede. Während man in der brandenbur- gischen Landeshauptstadt die Forschung breiter, anwendungsbezogener betreibe, erfolge in Maryland eher die Beschäftigung mit den mathematischen Grundlagen. In seiner Heimat konzentriere sich der Wissenschaftler gemeinsam mit seinen Mitstreitern auf die Analyse grundlegender Prinzipien, die allen Systemen gleich seien. Hier im Märkischen spiele vielmehr die Auseinandersetzung mit elementaren Eigenschaften von Chaos in ganz speziellen Systemen eine Rolle, freilich nicht ohne an den „Fundamenten" der Nichtlinearen Dynamik zu rühren.
Chaosforschung ist vielfältig angelegt. So überschneiden sich heute häufig die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen: Mathematiker studieren biologische Gesetzmäßigkeiten, Physiker packen die Probleme der Neurophysiologie an; Neurophysiolo- gen büffeln Mathematik, Grebogi versucht, das Phänomen an einem Beispiel zu erläutern. „Chaos beschäftigt sich mit allem, was in gewisser Weise in komplizierten Systemen auftaucht.“ Als einen Traum beschreibt er die Kontrolle des Wetters. Die Vorstellungen gingen dahin, mit kleinen Störungen in der Atmosphäre Regen und Sonne beeinflussen zu können, Absehbar gelinge dies jedoch nicht. Und das, obwohl an einfacheren Modellsystemen bereits 1990 eine Methode gefunden wurde, komplizierte Systeme zu beherrschen.
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Der Mathematiker Celso Grebogi wurde 1947in Brasilien geboren. In Rio de Janeiro studierte er Chemische Technologie und erhielt gleichsam das Diplom auf dem Fachgebiet Physik. An der Universityof Maryland, USA, studierte er später Plasmaphysik und promovierte zu einem entsprechenden Thema. An die Promotion schloß sich ein dreijähriger Aufenthalt als Postdoc. an der University of California, Berkeley. Hier begann auch die Beschäftigung mit Problemen der Nichtlinearen Dynamik. Nach dieser Zeit erfolgte die Rückkehr nach Maryland, wo er heute schließlich als Professor im Mathematik-Department arbeitet. Über 100 Publikationen weisen ihn als internationalen Forscher aus. Foto: Rüffert
„Die meisten biologischen Systeme - und auch sehr viele physikalische - sind unstetig, inhomogen und unregelmäßig“ schrieben Bruce West (Physiker der Universität von Kalifornien) und Ary Goldberger (Professor an der Harvard Medical School) in einem Artikel im American Scientist. Damit gehören sie zu denjenigen Forschern, die eine gewagte neue Perspektive entwickeln: „Der Aufbau und das Verhalten lebendiger Systeme sind in ihrer Variabilität und Kompliziertheit gleichermaßen dem Chaos wie einem regelmäßigen Muster nahe.“
Der Naturwissenschaftler Grebogi verweist auf zwei mögliche Anwendungen. Zum einen seien kleine Mikroprozessoren (dem Herzschrittmacher ähnlich) in der Entwicklung, die die Fünktion des Organs aufnehmen und bei Schwierigkeiten durch gezielte, kleine Störungen den regelmäßigen Herzschlag bewirken. Die Umkehrung geschehe bei der Behandlung von Epilepsie.
Ein übliches Elektroenzephalogramm vom menschlichen Gehirn zeige zwei Zustände: geordnete und ungeordnete Perioden. Im Falle einer epileptischen Attacke sehe das Elektroenzephalogramm sehr, sehr geordnet aus. Das wiederum zwänge zur Herstellung eines chaotischen Zustands. In beiden Vorgängen mache sich das gleiche erforderlich: eine durch minimale Einflüsse von außen erfolgende Veränderung der Beschaffenheit des Systems.
„Derzeit", so der amerikanische Mathematiker, „gibt es über 100 verschiedene Experimente bezüglich der technologischen Anwendung zur Kontrolle des Chaos“. Dabei stelle dies von den mathematischen Ideen her nichts Neues dar. Gegenwärtig vollziehe sich lediglich deren Gebrauch auf eine neue Art von Problemen.
Die Herausforderungen der modernen Zeit nimmt er gern an - wie auch seine Potsdamer Kollegen, EG.
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PUTZ 3/95