Heft 
(1.1.2019) 04
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EIN KLISCHEE WIRD KORRIGIERT

Zur TagungKabbala in der romantischen Literatur"

Am Anfang der Forschungsarbeit stand eine wissenschaftlich bedeutsame Ent­deckung: unter den Gelehrten und Dich­tem der deutschen Romantik herrschte ein großes Interesse an der jüdischen Mystik, der Kabbala. Dieser Sachverhalt widerspricht dem gängigen Klischee, die Aufklärung insgesamt sei judenfreundlich gewesen, die Romantik mit ihrer Rückbe­sinnung auf das Christliche hingegen sei durch und durch antijüdisch geprägt. Eine kleine Gruppe von israelischen, französischen und deutschen Kabbala- Forschem aus verschiedensten Wissen­schaftsdisziplinen geht diesem Phäno­men seit mehreren Jahren nach und traf sich vom 3.-6. April.

Zur Rolle der Kabbala in der deutschen Romantik hatte man sich bereits 1991 in Kassel und 1992 in Jerusalem ausgetauscht. Für die diesjährige Tägung war mit dem Jagdschloß Glienicke an einer der Nahtstel­len zwischen Potsdam und Berlin und sei­ner romantischen Umgebung ein Ambien­te gefunden, das die etwa sechzig Tfeilneh- mer und Gäste als sehr passend und ange­nehm empfanden. So galt der Dank auch dafür den Veranstaltern: dem Moses Men­delssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam (MMZ) und dem Institut für Allgemeine und Verglei­chende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin. Beteiligt waren ferner das Centre d Etudes Juives an der Sorbonne und die Franz Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität/Gesamthochschule Kas­sel.

Die Erforschung von Kabbala in der deut­schen Romantik gestaltete sich zunächst schwierig, wie zumeist, wenn verschiedene Kulturkreise, Religionen und Wissensgebie­te aufeinandertreffen. Nicht zuletzt von da­her, so Dr. Christoph Schulte vom MMZ, sei interdisziplinäres Arbeiten notwendig.Die Schwierigkeit dieses Projektes lag von Be­ginn an darin, daß klassische Kabbala-For­scher selten genug Kenntnisse von deut­scher Kulturgeschichte, Philosophie, Theo­logie, Wissenschaft oder gar Literatur besit­zen, um kompetent Auskunft geben zu kön­nen, wo es Kabbala in der deutschen Lite­ratur gibt. Umgekehrt verfügen die meisten deutschsprachigen und in der Mehrzahl christlichen Wissenschaftler über keine ausreichenden Kenntnisse von Judentum und speziell von Kabbala. Die beteiligten Philosophen, Historiker, Religionswissen­schaftler, Kabbala-Forscher und vor allem Literaturwissenschaftler kommen aus ganz verschiedenen wissenschaftlichen und kul­turellen Kontexten, sprechen zum Tfeil auch

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verschiedene Sprachen, sind aber offen für ein Voneinanderlernen.

Entsprechend vielseitig waren die Themen in diesem Jahr. Sie reichten von der Ge­schichte der christlichen Kabbala (Prof. Dr. Klaus Reichert, Frankfurt am Main), der Parabel von den drei Ringen bei Abulafia und Lessing (Prof. Dr. Moshe Idel, Jerusa­lem), kabbalistischen Einflüssen bei Fried­rich Hölderlin (Prof, Dr. Hans Dieter Zim­mermann, Berlin), bei Achim von Armin und Clemens von Brentano (PD Dr, Detlef Kremer, Bielefeld) über den theoretischen Hintergrund der Kabbala-Rezeption (PD Dr. Wolfgang Neuser, Kassel) bis zur Figur des Golem in der Literatur des 19. Jahrhunderts (Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau, derzeit Halle) und zum phantastischen Erzählen in romantischen und jüdischen Tfexten (Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Potsdam). Prof, Dr. Rivka Horwitz (Beer Sheva) sprach über The Learning of Kabbalah in the Jewish Enlightenment and the Jewish Romantic Historians of Germany, Dr. Christoph Schulte (Potsdam) zu Salomon Maimon , Prof. Dr. Roland Goetschel (Paris) zu Samu­el David Luzzatto und Prof. Dr, Christoph Daxeimüller (Regensburg) über Kabbala und Kabbalistik in der Völksliteratur. Eine gute Idee der Veranstalter war das Respon- dieren der Fachkollegen zu jedem Vortrag, das häufig neue Aspekte zum jeweiligen Thema einbrachte, mitunter gegensätzliche Positionen verdeutlichte und Zündstoff für die Diskussion lieferte. Auf die Gefahr einer Überinterpretation des Materials wies in diesem Rahmen insbesondere Prof. Dr. Marianne Awerbuch (Berlin) hin.

Kabbala-Rezeption

Geboten wurde eine große Fülle an Ttext- material, an Gedanken zu Einzelelementen der Kabbala wie zu ihrer Rezeption durch deutsche Dichter und Philosophen, insbe­sondere in Berliner Kreisen. Erörtert wur­den Fragen des Anknüpfens an der Traditi­on christlicher Aneignung und Übersetzung der Kabbala in der Renaissance und im Barock sowie ihrer geringen Resonanz in der jüdischen Aufklärung und die Gründe für dieses Phänomen. Diskutiert wurde fer­ner die Rückwirkung der romantischen Kabbala-Rezeption auf die jüdische Wieder­entdeckung der Kabbala im zwanzigsten Jahrhundert.

Mit einem heftig diskutierten Beitrag trat Moshe Idel hervor, der als angesehenster Kabbala-Forscher gilt. Idel hat herausgefun­den, daß die sogenannte Ringparabel Les- sings in einer fast parallelen Erzählung von Abraham Abulafia, einem Kabalisten des 13. Jahrhunderts, enthalten ist. Die dortige

Parabel ist einem Mann namens Nathan der Weise gewidmet. Das legt nahe, daß Les­sing Kenntnis von dieser Erzählung hatte und sie weiter verwandte. Allerdings konn­te Idel als einziges Indiz für seine Vermu­tung die Existenz einer Handschrift des Abulafia-Tfextes in Berlin anführen.

.Wiederentdeckung der Kabbala

1996 will man sich erneut treffen und unter dem MottoNeo-Romantik und Kabbala weiter arbeiten. Unter diesem Thema wer­den dann Autoren wie Franz Rosenzweig, Martin Buber, Gustav Landauer, Margarete Susman und Chaim Bloch , die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts jüdische Mystik wiederentdeckten, im Mittelpunkt stehen. Interessant ist hier, so Christoph Schulte,daß diese Wiederentdeckung zum Tfeil vermittelt über die christliche Roman­tik vonstatten geht. Diese Autoren beziehen sich auf die Romantik als Literaturperiode gegenüber der Klassik und finden dann in der romantischen Literatur Kabbalistisches wieder. Hier haben wir also ein Parallel­phänomen: Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts sind es hauptsächlich christ­liche Autoren, die zur Kabbala finden - jü­dischen ist sie noch bekannt; Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts - in der Neo- Romantik - ist es so, daß viele deutsche Ju­den keinen Zugang mehr zu den hebräi­schen Quellen haben und jüdische Autoren über eine allgemeine Romantikbegeiste­rung die Kabbala wiederfinden.

Erlebte Interdisziplinarität

Unter den Tfeilnehmern der Tägung waren erfreulicherweise viele Studenten der er­sten Semester aus Potsdam und Berlin. Sie hatten Gegenheit, interdisziplinäres Vorge­hen praktisch zu erleben, die Wertigkeit richtiger Fragestellungen zu erkennen und überhaupt in ein durch Spaß an der Sache gekennzeichnetes akademisches Leben einzutauchen. Sie haben vielleicht empfun­den, was Eveline Goodman-Thau an dieser Tägung wichtig war: Wieder ist ein Stück jüdisches Denken mit einem Stück Abend­land zusammengekommen. Gerade wenn wir über Literatur reden, reden wir darüber, wie die Menschen sich selbst und ihre Lebenswelt beschreiben, wie Geschichte und Biographie sich in der Literatur kreu­zen. Denn wenn es heute keine Juden mehr gibt in den europäischen Ländern, dann stehen diese Sagen und Legenden viel­leicht als ein sehr zentrales und fundamen­tales historisches Dokument, welches zwar in seiner Historizität nicht immer wahr ist, aber die Wahrheit eines jeden einzelnen ausdrückt. De.

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