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EIN KLISCHEE WIRD KORRIGIERT
Zur Tagung „Kabbala in der romantischen Literatur"
Am Anfang der Forschungsarbeit stand eine wissenschaftlich bedeutsame Entdeckung: unter den Gelehrten und Dichtem der deutschen Romantik herrschte ein großes Interesse an der jüdischen Mystik, der Kabbala. Dieser Sachverhalt widerspricht dem gängigen Klischee, die Aufklärung insgesamt sei judenfreundlich gewesen, die Romantik mit ihrer Rückbesinnung auf das Christliche hingegen sei durch und durch antijüdisch geprägt. Eine kleine Gruppe von israelischen, französischen und deutschen Kabbala- Forschem aus verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen geht diesem Phänomen seit mehreren Jahren nach und traf sich vom 3.-6. April.
Zur Rolle der Kabbala in der deutschen Romantik hatte man sich bereits 1991 in Kassel und 1992 in Jerusalem ausgetauscht. Für die diesjährige Tägung war mit dem Jagdschloß Glienicke an einer der Nahtstellen zwischen Potsdam und Berlin und seiner romantischen Umgebung ein Ambiente gefunden, das die etwa sechzig Tfeilneh- mer und Gäste als sehr passend und angenehm empfanden. So galt der Dank auch dafür den Veranstaltern: dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam (MMZ) und dem Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin. Beteiligt waren ferner das Centre d’ Etudes Juives an der Sorbonne und die Franz Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität/Gesamthochschule Kassel.
Die Erforschung von Kabbala in der deutschen Romantik gestaltete sich zunächst schwierig, wie zumeist, wenn verschiedene Kulturkreise, Religionen und Wissensgebiete aufeinandertreffen. Nicht zuletzt von daher, so Dr. Christoph Schulte vom MMZ, sei interdisziplinäres Arbeiten notwendig. „Die Schwierigkeit dieses Projektes lag von Beginn an darin, daß klassische Kabbala-Forscher selten genug Kenntnisse von deutscher Kulturgeschichte, Philosophie, Theologie, Wissenschaft oder gar Literatur besitzen, um kompetent Auskunft geben zu können, wo es Kabbala in der deutschen Literatur gibt. Umgekehrt verfügen die meisten deutschsprachigen und in der Mehrzahl christlichen Wissenschaftler über keine ausreichenden Kenntnisse von Judentum und speziell von Kabbala. Die beteiligten Philosophen, Historiker, Religionswissenschaftler, Kabbala-Forscher und vor allem Literaturwissenschaftler kommen aus ganz verschiedenen wissenschaftlichen und kulturellen Kontexten, sprechen zum Tfeil auch
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verschiedene Sprachen, sind aber offen für ein Voneinanderlernen.“
Entsprechend vielseitig waren die Themen in diesem Jahr. Sie reichten von der Geschichte der christlichen Kabbala (Prof. Dr. Klaus Reichert, Frankfurt am Main), der Parabel von den drei Ringen bei Abulafia und Lessing (Prof. Dr. Moshe Idel, Jerusalem), kabbalistischen Einflüssen bei Friedrich Hölderlin (Prof, Dr. Hans Dieter Zimmermann, Berlin), bei Achim von Armin und Clemens von Brentano (PD Dr, Detlef Kremer, Bielefeld) über den theoretischen Hintergrund der Kabbala-Rezeption (PD Dr. Wolfgang Neuser, Kassel) bis zur Figur des Golem in der Literatur des 19. Jahrhunderts (Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau, derzeit Halle) und zum phantastischen Erzählen in romantischen und jüdischen Tfexten (Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Potsdam). Prof, Dr. Rivka Horwitz (Beer Sheva) sprach über „The Learning of Kabbalah in the Jewish Enlightenment and the Jewish Romantic Historians of Germany“, Dr. Christoph Schulte (Potsdam) zu Salomon Maimon , Prof. Dr. Roland Goetschel (Paris) zu Samuel David Luzzatto und Prof. Dr, Christoph Daxeimüller (Regensburg) über Kabbala und Kabbalistik in der Völksliteratur. Eine gute Idee der Veranstalter war das Respon- dieren der Fachkollegen zu jedem Vortrag, das häufig neue Aspekte zum jeweiligen Thema einbrachte, mitunter gegensätzliche Positionen verdeutlichte und Zündstoff für die Diskussion lieferte. Auf die Gefahr einer Überinterpretation des Materials wies in diesem Rahmen insbesondere Prof. Dr. Marianne Awerbuch (Berlin) hin.
Kabbala-Rezeption
Geboten wurde eine große Fülle an Ttext- material, an Gedanken zu Einzelelementen der Kabbala wie zu ihrer Rezeption durch deutsche Dichter und Philosophen, insbesondere in Berliner Kreisen. Erörtert wurden Fragen des Anknüpfens an der Tradition christlicher Aneignung und Übersetzung der Kabbala in der Renaissance und im Barock sowie ihrer geringen Resonanz in der jüdischen Aufklärung und die Gründe für dieses Phänomen. Diskutiert wurde ferner die Rückwirkung der romantischen Kabbala-Rezeption auf die jüdische Wiederentdeckung der Kabbala im zwanzigsten Jahrhundert.
Mit einem heftig diskutierten Beitrag trat Moshe Idel hervor, der als angesehenster Kabbala-Forscher gilt. Idel hat herausgefunden, daß die sogenannte Ringparabel Les- sings in einer fast parallelen Erzählung von Abraham Abulafia, einem Kabalisten des 13. Jahrhunderts, enthalten ist. Die dortige
Parabel ist einem Mann namens Nathan der Weise gewidmet. Das legt nahe, daß Lessing Kenntnis von dieser Erzählung hatte und sie weiter verwandte. Allerdings konnte Idel als einziges Indiz für seine Vermutung die Existenz einer Handschrift des Abulafia-Tfextes in Berlin anführen.
.Wiederentdeckung“ der Kabbala
1996 will man sich erneut treffen und unter dem Motto „Neo-Romantik und Kabbala“ weiter arbeiten. Unter diesem Thema werden dann Autoren wie Franz Rosenzweig, Martin Buber, Gustav Landauer, Margarete Susman und Chaim Bloch , die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts jüdische Mystik wiederentdeckten, im Mittelpunkt stehen. Interessant ist hier, so Christoph Schulte, „daß diese Wiederentdeckung zum Tfeil vermittelt über die christliche Romantik vonstatten geht. Diese Autoren beziehen sich auf die Romantik als Literaturperiode gegenüber der Klassik und finden dann in der romantischen Literatur Kabbalistisches wieder. Hier haben wir also ein Parallelphänomen: Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts sind es hauptsächlich christliche Autoren, die zur Kabbala finden - jüdischen ist sie noch bekannt; Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts - in der Neo- Romantik - ist es so, daß viele deutsche Juden keinen Zugang mehr zu den hebräischen Quellen haben und jüdische Autoren über eine allgemeine Romantikbegeisterung die Kabbala wiederfinden. “
Erlebte Interdisziplinarität
Unter den Tfeilnehmern der Tägung waren erfreulicherweise viele Studenten der ersten Semester aus Potsdam und Berlin. Sie hatten Gegenheit, interdisziplinäres Vorgehen praktisch zu erleben, die Wertigkeit richtiger Fragestellungen zu erkennen und überhaupt in ein durch Spaß an der Sache gekennzeichnetes akademisches Leben einzutauchen. Sie haben vielleicht empfunden, was Eveline Goodman-Thau an dieser Tägung wichtig war: Wieder ist ein Stück jüdisches Denken mit einem Stück Abendland zusammengekommen. Gerade wenn wir über Literatur reden, reden wir darüber, wie die Menschen sich selbst und ihre Lebenswelt beschreiben, wie Geschichte und Biographie sich in der Literatur kreuzen. Denn wenn es heute keine Juden mehr gibt in den europäischen Ländern, dann stehen diese Sagen und Legenden vielleicht als ein sehr zentrales und fundamentales historisches Dokument, welches zwar in seiner Historizität nicht immer wahr ist, aber die Wahrheit eines jeden einzelnen ausdrückt.“ De.
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