Heft 
(1.1.2019) 05
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Vermeintlichen Anlaß dafür bot das StückDer Stellvertreter", das mit einem Ihbu brach. Für den großen Kritiker Friedrich Luft hingegen begann damit das deutsche Drama der Nach­kriegszeit endlich Weltgeltung zu erlangen, nachdem bis da­hin die Vertreter des Absurden Theaters die Bühne beherrsch­ten. Mit HochhuthsStellver- teter - aber auch mit Stücken von Peter Weiss und Heinar Kipphardt - etablierte sich nun endgültig das politisch-aufkläreri­sche Dokumentartheater. Die dem zugrun­deliegende Poetologie einer im Schiller- schen SinneSchaubühne als moralische(r) Anstalt erweist sich für den Dichter auch heute noch als verbindlich.

Der Anspruch seines in Potsdam gewählten Themas erscheint übermächtig. Hochhuth

Eine Potsdamer Thgeszeitung empfahl den Schriftsteller Gert Neumann alsSchuld der Woche". Einerseits wurde dabei igno­riert, daß sein Erstlingswerk den Titel Schuld der Woche (1979) trägt, anderer­seits aber vermochte diese quasi hellsehe­rische Verwechslung vorwegzunehmen, was sich Ende April im lesecafe der Uni in Golm ereignen sollte.

Es waren sehr wenige, die sich den an­spruchsvollen, weil sprachphilosophisch- skeptischen ffexten Gert Neumanns nicht verschließen wollten. Wahrscheinlich muß man als Veranstalter derartiger Abenteuer mit zwei Dutzend Mutigen zufrieden sein, die eben nicht dem Imperativ der 90er,Al­les, was Spaß macht, folgen und sich dem, was man gemeinhin als intellektuelle Selbstbefriedigung bezeichnet, öffnen. Gert Neumann ist einer, der sich seine Sprache erst erfinden mußte, bevor er in der Lage war, sich über die Welt zu äußern. Er war an das Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig gegangen, um sich sei­ner Existenz als Schriftsteller zu vergewis­sern, erst einmal einer zu werden. Schlech­terdings sah er sich aber plötzlich von an­deren vor die Aufgabe gestellt, den künst­

weiß um die Kalamität dieses Zustandes. So erfolgte denn auch eingangs das Bekenntnis zur sehr subjektiven Auswahl aus 2400 Jahren Literatur- und Theatergeschichte. Der Gastdo­zent breitete vor den Zuhörern einen umfänglichen Teppich komplexer literarischer und dra­maturgischer Beziehungen aus. Dabei polemisierte er beharr­lich gegen Auffassungen, die den Rückzug auf den autonomen Raum der Kunst prokla­mieren, da, so Hochhuth,die Abneigung gegen die Weltpolitik keinesfalls vor ihren Folgen schützt. Weite Rekurse zog der Red­ner bis hin in die antiken Anfänge der klas­sischen Tragödie, bereits hier in den unter­schiedlichen Wurzeln des Ästhetischen aus dem Musikalischen und des Dramatischen aus dem Geschichtlichen sein Plädoyer für

DIE SCHULD DER WOCHE

Gert Neumann las im lesecafe

das politische Drama beginnend. Hochhuth selbst versteht sich als Aufklärer. Die beson­dere Hinneigung zu Lessing und dessen dramatischem Werk ist nur ein Indiz dafür. Verbot und Zensur begreift der Schriftstel­ler alsEhrenbezeigung für Literatur. Wie Peter Weiss bekennt auch er sich zu einer Ästhetik des Widerstands. Im Zusammen­hang mit der Uraufführung desStellver- treter(s) hat dies der Publizist Fritz J. Raddatz in seinem SammelbandSumma imuria oder durfte der Papst schweigen? eindrucksvoll dokumentiert. In der Vorle­sung nun berief sich der Gast nachdrück­lich auf eine Hauptfunktion von Kunst: die stetige und konsequente Kontrolle der Macht. So begreift er auch die eigenen dra­matischen Tfexte, möchte sie derart auf der Bühne realisiert und gespielt sehen. Viel­leicht sogar auch demnächst imBerliner Ensemble? Die Chancen dafür stehen je­denfalls angesichts des scheinbar perfek­ten Kaufs der Einrichtung gut. EG.

Der 1931 geborene Rolf Hochhuth zählt zu den Ausnahmegestalten in der deutschen Literatur­landschaft. Zahlreiche Erzählungen und Essays stammen aus seiner Feder. Weltgeltung jedoch erwarb er durch vielgespielte und oftmals um­strittene Theaterstücke (wie z.B.Der Stellver­treter, 1963;Soldaten", 1967;Juristen", 1979). Ausgehend von der Grundthese, daß die Ge­schichte durch das Eingreifen des einzelnen gestaltbar ist, handeln die Texte zumeist von der moralischen Verantwortung des Individuums im politischen Umfeld. Foto: Rüffert

lerisch-schöpferischen Widerspruch anzu­treiben, der in einer ästhetischen Diskussi­onWas ist schön? - unangemessen als Frage oderzu intim, auch für Neumann - gipfelte. Verweigerung, die letztlich seinen Rausschmiß aus dem Institut und seinen Ausschluß aus der SED provozierte und dem gelernten Schlosser den Weg des Arbei­ters neben dem des nicht- öffentlichen Schriftstellers gebot. Und Wi­derstand muß in seiner Kon­sequenz nicht Gefängnis be­deuten - dazu brauchte es wohl nicht viel, für Neumann war es die Gratwanderung: Arbeiter und In­tellektueller, Öffentlichkeit und Privatheit, schuldig gewordene und eigene Sprache. Ohnehin war ihm die Konsequenz, als Systemgegner verhaftet zu werden und al­lem als solcher zu gelten, ebenso eindeu­tig linear wie verpflichtend; die Verantwor­

tung eines oppositionellen Verweigerers wollte und konnte er nicht übernehmen. Für ihn bestand die Schwierigkeit darin, nicht ins Gefängnis gehen zu müssen. Den Fakt der letztlich doch erfolgten Verhaftung ist Neumann zu erzählen noch imstande. Der Rest ist Schweigen.

Neben den VeröffentlichungenDie Klan- destinität der Kesselreiniger undÜbung jenseits der Möglichkeiten arbeitet er seit vielen Jahren an einem Stück, das er in Graz (und Graz ist nicht Deutschland) inszenie­ren wird, und davon, versprach er uns, wird man hören.

Manuela Böhm/Mandy Gänsel

PUTZ 5/95

Der Schriftsteller Gert Neumann (links) stellte sich als weiterer Gast im Uni- lesecafe ein. Foto: Rüffert

EIN DRAMATIKER AUF DEM KATHEDER

Rolf Hochhuth begann Vorlesungsreihe an Potsdamer Uni

Der Skandal war nicht unbedingt eingeplant, wurde jedoch immer dankbar in seiner Publikumswirksamkeit hingenommen. Allemal beinhalteten Rolf Hochhuths Geschichts­dramen nicht nur Brisanz und Aktualität, sie provozierten vehement. Der in diesem Sommersemester eine GastvorlesungPolitik in der Literatur an der Philosophischen Fakultät I der Potsdamer Universität haltende Autor legte stets Wunden frei, noch mehr, er stach tief in sie hinein. Harmonisches und selbstgefälliges Theater war seine Sache nie. Geschichte fungierte bei ihm nicht als ästhetische Spielwiese, sondern befragte gnadenlos auch die Gegenwart. Altbundeskanzler Ludwig Erhard honorierte dies 1963 mit der TitulierungPinscher für ihn und gleichsam andere kritische Schriftsteller.

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