Vermeintlichen Anlaß dafür bot das Stück „Der Stellvertreter", das mit einem Ihbu brach. Für den großen Kritiker Friedrich Luft hingegen begann damit das deutsche Drama der Nachkriegszeit endlich Weltgeltung zu erlangen, nachdem bis dahin die Vertreter des Absurden Theaters die Bühne beherrschten. Mit Hochhuths „Stellver- teter“ - aber auch mit Stücken von Peter Weiss und Heinar Kipphardt - etablierte sich nun endgültig das politisch-aufklärerische Dokumentartheater. Die dem zugrundeliegende Poetologie einer im Schiller- schen Sinne „Schaubühne als moralische(r) Anstalt“ erweist sich für den Dichter auch heute noch als verbindlich.
Der Anspruch seines in Potsdam gewählten Themas erscheint übermächtig. Hochhuth
Eine Potsdamer Thgeszeitung empfahl den Schriftsteller Gert Neumann als „Schuld der Woche". Einerseits wurde dabei ignoriert, daß sein Erstlingswerk den Titel „Schuld der Woche“ (1979) trägt, andererseits aber vermochte diese quasi hellseherische Verwechslung vorwegzunehmen, was sich Ende April im lesecafe der Uni in Golm ereignen sollte.
Es waren sehr wenige, die sich den anspruchsvollen, weil sprachphilosophisch- skeptischen ffexten Gert Neumanns nicht verschließen wollten. Wahrscheinlich muß man als Veranstalter derartiger Abenteuer mit zwei Dutzend Mutigen zufrieden sein, die eben nicht dem Imperativ der 90er, „Alles, was Spaß macht“, folgen und sich dem, was man gemeinhin als intellektuelle Selbstbefriedigung bezeichnet, öffnen. Gert Neumann ist einer, der sich seine Sprache erst erfinden mußte, bevor er in der Lage war, sich über die Welt zu äußern. Er war an das Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig gegangen, um sich seiner Existenz als Schriftsteller zu vergewissern, erst einmal einer zu werden. Schlechterdings sah er sich aber plötzlich von anderen vor die Aufgabe gestellt, den künst
weiß um die Kalamität dieses Zustandes. So erfolgte denn auch eingangs das Bekenntnis zur sehr subjektiven Auswahl aus 2400 Jahren Literatur- und Theatergeschichte. Der Gastdozent breitete vor den Zuhörern einen umfänglichen Teppich komplexer literarischer und dramaturgischer Beziehungen aus. Dabei polemisierte er beharrlich gegen Auffassungen, die den Rückzug auf den autonomen Raum der Kunst proklamieren, da, so Hochhuth, „die Abneigung gegen die Weltpolitik keinesfalls vor ihren Folgen schützt“. Weite Rekurse zog der Redner bis hin in die antiken Anfänge der klassischen Tragödie, bereits hier in den unterschiedlichen Wurzeln des Ästhetischen aus dem Musikalischen und des Dramatischen aus dem Geschichtlichen sein Plädoyer für
DIE SCHULD DER WOCHE
Gert Neumann las im lesecafe
das politische Drama beginnend. Hochhuth selbst versteht sich als Aufklärer. Die besondere Hinneigung zu Lessing und dessen dramatischem Werk ist nur ein Indiz dafür. Verbot und Zensur begreift der Schriftsteller als „Ehrenbezeigung“ für Literatur. Wie Peter Weiss bekennt auch er sich zu einer Ästhetik des Widerstands. Im Zusammenhang mit der Uraufführung des „Stellver- treter(s)” hat dies der Publizist Fritz J. Raddatz in seinem Sammelband „Summa imuria oder durfte der Papst schweigen?“ eindrucksvoll dokumentiert. In der Vorlesung nun berief sich der Gast nachdrücklich auf eine Hauptfunktion von Kunst: die stetige und konsequente Kontrolle der Macht. So begreift er auch die eigenen dramatischen Tfexte, möchte sie derart auf der Bühne realisiert und gespielt sehen. Vielleicht sogar auch demnächst im „Berliner Ensemble“? Die Chancen dafür stehen jedenfalls angesichts des scheinbar perfekten Kaufs der Einrichtung gut. EG.
Der 1931 geborene Rolf Hochhuth zählt zu den Ausnahmegestalten in der deutschen Literaturlandschaft. Zahlreiche Erzählungen und Essays stammen aus seiner Feder. Weltgeltung jedoch erwarb er durch vielgespielte und oftmals umstrittene Theaterstücke (wie z.B. „Der Stellvertreter“, 1963; „Soldaten", 1967; „Juristen", 1979). Ausgehend von der Grundthese, daß die Geschichte durch das Eingreifen des einzelnen gestaltbar ist, handeln die Texte zumeist von der moralischen Verantwortung des Individuums im politischen Umfeld. Foto: Rüffert
lerisch-schöpferischen Widerspruch anzutreiben, der in einer ästhetischen Diskussion „Was ist schön?“ - unangemessen als Frage oder „zu intim“, auch für Neumann - gipfelte. Verweigerung, die letztlich seinen Rausschmiß aus dem Institut und seinen Ausschluß aus der SED provozierte und dem gelernten Schlosser den Weg des Arbeiters neben dem des nicht- öffentlichen Schriftstellers gebot. Und Widerstand muß in seiner Konsequenz nicht Gefängnis bedeuten - dazu brauchte es wohl nicht viel, für Neumann war es die Gratwanderung: Arbeiter und Intellektueller, Öffentlichkeit und Privatheit, schuldig gewordene und eigene Sprache. Ohnehin war ihm die Konsequenz, als Systemgegner verhaftet zu werden und allem als solcher zu gelten, ebenso eindeutig linear wie verpflichtend; die Verantwor
tung eines oppositionellen Verweigerers wollte und konnte er nicht übernehmen. Für ihn bestand die Schwierigkeit darin, nicht ins Gefängnis gehen zu müssen. Den Fakt der letztlich doch erfolgten Verhaftung ist Neumann zu erzählen noch imstande. Der Rest ist Schweigen.
Neben den Veröffentlichungen „Die Klan- destinität der Kesselreiniger“ und „Übung jenseits der Möglichkeiten“ arbeitet er seit vielen Jahren an einem Stück, das er in Graz (und Graz ist nicht Deutschland) inszenieren wird, und davon, versprach er uns, wird man hören.
Manuela Böhm/Mandy Gänsel
PUTZ 5/95
Der Schriftsteller Gert Neumann (links) stellte sich als weiterer Gast im Uni- „lesecafe“ ein. Foto: Rüffert
EIN DRAMATIKER AUF DEM KATHEDER
Rolf Hochhuth begann Vorlesungsreihe an Potsdamer Uni
Der Skandal war nicht unbedingt eingeplant, wurde jedoch immer dankbar in seiner Publikumswirksamkeit hingenommen. Allemal beinhalteten Rolf Hochhuths Geschichtsdramen nicht nur Brisanz und Aktualität, sie provozierten vehement. Der in diesem Sommersemester eine Gastvorlesung „Politik in der Literatur“ an der Philosophischen Fakultät I der Potsdamer Universität haltende Autor legte stets Wunden frei, noch mehr, er stach tief in sie hinein. Harmonisches und selbstgefälliges Theater war seine Sache nie. Geschichte fungierte bei ihm nicht als ästhetische Spielwiese, sondern befragte gnadenlos auch die Gegenwart. Altbundeskanzler Ludwig Erhard honorierte dies 1963 mit der Titulierung „Pinscher“ für ihn und gleichsam andere kritische Schriftsteller.
r
Seite 28