Heft 
(1.1.2019) 06
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WIDER DAS VERGESSEN

Im Moses-Medelssohn-Zentrum entsteht Archiv der Erinnerung

50 Jahre nach der Befreiung der von Deutschen errichteten Konzentrationslager in Eu­ropa und dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland gibt es natur­gemäß immer weniger Menschen, die sich als Zeitzeugen an die damaligen Greuelta­ten erinnern und den Nachgeborenen davon erzählen können. Um diesem Verlust zu begegnen, aber auch um eine ganz andere Form der Geschichtsdokumentation mit ihren spezifischen Wirkungsweisen zum Tragen zu bringen, wird derzeit am Moses- Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) an der Potsdamer Uni­versität ein Videoprojekt durchgeführt, das ein Archiv der Erinnerung an den Holocaust aufbauen soll. Dies geschieht gemeinsam mit dem Fortunoff Video Archive for Holo­caust Testimonies der Yale Universität/USA.

Schulen aufzuzeigen, und er ist für eine Dis­kussion mit denjenigen, die behaupten, daß es Auschwitz nie gegeben hätte.Nur so, erklärte Dittberner,wäre eine echte Aufar­beitung der Geschichte des Nationalsozia­lismus in Deutschland möglich.

Authentische Orte nutzen

Eine einzigartige Chance dafür sieht er auch dann, daß im Lande der Täter noch viele Originalstätten der Gewaltherrschaft existierten. Hier bedürfe es keines künstli­chen Denkmals - wie es z.B. in Washington/ USA oder in Yad Vashem/Israel sinnvoll wäre -, um an die Greueltaten zu ennnern. Von einem millionenteuren Denkmal am Potsdamer Platz in Berlin hält der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstät­ten, deren Haushalt so kurz nach dem fei­erlich begangenen Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager drastisch gekürzt werden soll, folglich überhaupt nichts, So­lange die authentischen Orte des Genozids aufgrund fehlender Gelder verfallen, solan­ge sollten auch keinerlei öffentliche Mittel in künstlerisch gestaltete künstliche Erin­nerungsstätten gesteckt werden.

Wann beginnt ein Werteverfall?

Unabhängig davon rief Jürgen Dittberner die Sozialwissenschaftler zur Entwicklung einerLehre der Kunst des Bewahrens de­mokratischer Kultur auf. Wie war es denn möglich, daß ein solch drastischer Kultur­verfall einer hochentwickelten Nation, wie sie Deutschland Anfang der 30er Jahre dar­stellte, geschah? Und vor allem: Wie fängt solch ein Verfall an? Was kann man - auch heute - tun, um so etwas zu verhindern? Worin bestehen folglich die Grundwerte, die jede Gesellschaft haben muß, damit sie unanfällig ist gegenüber ähnlich verbreche­risch angelegten Systemen? Zu solchen, gerade in Deutschland elementaren, For­schungen rief Dittberner nicht nur Politik­wissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Historiker und Wirtschaftswissenschaftler auf - damit auch auf Dauer etwas bleibt nach den 50. Jahrestagen der Befreiung.

Hg.

BERENTSEN ZU GAST

Zu Gast beim Potsdamer Geographischen Kolloquium war kürzlich Prof. Dr. W Berent- sen von der Umversity of Connecticut/USA. Er sprach über Wirtschaftliche Einflüsse auf die Landschaften der USA 1 . Geographi­sche Kolloquia haben in Potsdam eine lan­ge Tradition. Sie bildeten und bilden ein Podium für die Vorstellung aktueller For­schungsergebnisse in den verschiedensten Bereichen der Geographie. Neben Potsda­mer Geographen traten dabei auch nam­hafte Physio- und Anthropogeographen des In- und Auslandes auf, K.Z.

Finanziert von derVW-Stiftung, sind seit Juni dieses Jahres rund 20 Interviewer - darun­ter Studierende der FU Berlin und der Uni Potsdam, Mitarbeiter des MMZ, Dozenten der Potsdamer Universität und therapeuti­sche Spezialisten - damit beschäftigt, le­bensgeschichtliche Gespräche mit Überle­benden der Shoah aus Berlin und Branden­burg zu führen. Wichtig ist uns dabei", so Eva Lezzi aus dem MMZ,daß die Inter­viewpartner möglichst viel selber erzählen. Wir haben folglich keinen festen Fragenka­talog. Durchschnittlich drei bis vier Stun­den dauere denn auch solch ein Gespräch, in dem sich der Interviewer Zeit für die gan­ze Person, einschließlich des Vorhers und Nachhers des Terrors, nehmen soll.

Das Interesse war und ist trotz einer mitun­ter hohen psychischen Belastung der Be­troffenen groß: persönliche Kontaktaufnah­men, aber auch Anzeigen in jüdischen Ge­meindeblättern und anderen Publikations­organen erbrachten in kurzer Zeit bereits zahlreiche Gesprächspartner. Rund 70 In­terviews sollen bis Ende 1996 geführt wer­den. Wir sind auf jeden Fall nach wie vor offen für weitere Interessenten, die sich aus dem Kreis heute in Berlin und Brandenburg lebender Juden einschließlich der soge­nannten Mischlinge' zusammensetzen und in irgendeiner Form von der Shoah betrof­fen waren, erklärte Eva Lezzi dazu.

Erste Ergebnisse sind aber bereits Ende dieses Jahres zu erwarten. Präsentieren möchten sie die beiden Projektleiterinnen Eva Lezzi und Cathy Gelbin sowie der Di­rektor des MMZ, Prof. Dr. Julius H. Schoeps, im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin; parallel dazu werden die video­geführten Interviews dann auch Teil des Fortunoff Video Archive(s) for Holocaust testimonies der Yale Universität sein, wo­bei sowohl in Deutschland als auch in den USA einzelne Videobänder (nach Genehmi­gung der Interviewpartner) öffentlich zu­gänglich gemacht werden sollen.

Das Fortunoff Video Archive gibt es seit 1982. Damals begannen Prof Dr. Geoffrey Hartman, Professor für Englisch und ver­gleichende Literaturwissenschaft an der Yale Universität, Prof. Dr. Dori Laub, Psycho­

analytiker und Psychiater in Yale u.a., Zeu­gen des Holocaust zu befragen. 3.500 Ge­spräche haben die beiden und in liierten Projekten mitarbeitende Wissenschaftler bislang geführt. Gemeinsam ist ihnen der Wünsch, den Holocaust ebenfalls in Form einer mündlichen Geschichtsdokumenta­tion zu erfassen.Gerade die Subjektivität der Schilderungen entzieht sich der sprö­den Faktizität herkömmlicher Historisie- rung", erklärte Geoffrey Hartman bei einem kürzlichen Besuch in Potsdam. Daß das emotionale Erleben einer älteren Frau, die auf dem Bildschirm mit den Tränen kämpft, indem sie schildert, wie ihr im Warschauer Ghetto ihr Baby entrissen wurde, z.B. heu­tigen Schülern die Grausamkeiten der na­tionalsozialistischen Gewaltherrschaft weit nachhaltiger zu vermitteln vermag als eine Tbxtseite im Geschichtsbuch, dürfte unstrit­tig sein. Auch hat Hartman bereits die Er­fahrung gemacht, daß die Interviewten häu­fig noch nie vorher ausführlich über ihre persönlichen Erfahrungen gesprochen hät­ten, Viele von ihnen wollten sich deshalb gegen Ende ihres Lebens einem größeren Personenkreis mitteilen. Folglich, so der Wissenschaftler, seien die in den Gesprä­chen geäußerten Erzählungen und Schilde­rungen auch nicht primär Duplikationen von bereits Geschriebenem und Festgehal­tenem. - Damit dürfte der Aufbau eines Ar­chivs der Erinnerung an die Shoah in bester Tradition derOral History, der mündli­chen Geschichtsdokumentation, stehen.

Hg.

NOCH OFFEN FÜR INTERESSENTEN

Heute in Berlin und Brandenburg le­bende Juden, die in irgendeiner Weise von der Shoah betroffen waren und sich an einem Videoprojekt des MMZ zum Aufbau eines Archivs der Erinne­rung an den Holocaust beteiligen möchten, mögen sich bitte mit Eva Lezzi oder Cathy Gelbin unterfelefon 0331/28 09 40 in Verbindung setzen.

PUTZ 6/95

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