.. . :l : . .
WIDER DAS VERGESSEN
Im Moses-Medelssohn-Zentrum entsteht Archiv der Erinnerung
50 Jahre nach der Befreiung der von Deutschen errichteten Konzentrationslager in Europa und dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland gibt es naturgemäß immer weniger Menschen, die sich als Zeitzeugen an die damaligen Greueltaten erinnern und den Nachgeborenen davon erzählen können. Um diesem Verlust zu begegnen, aber auch um eine ganz andere Form der Geschichtsdokumentation mit ihren spezifischen Wirkungsweisen zum Tragen zu bringen, wird derzeit am Moses- Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) an der Potsdamer Universität ein Videoprojekt durchgeführt, das ein Archiv der Erinnerung an den Holocaust aufbauen soll. Dies geschieht gemeinsam mit dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies der Yale Universität/USA.
Schulen aufzuzeigen, und er ist für eine Diskussion mit denjenigen, die behaupten, daß es Auschwitz nie gegeben hätte. „Nur so“, erklärte Dittberner, „wäre eine echte Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland möglich.“
Authentische Orte nutzen
Eine einzigartige Chance dafür sieht er auch dann, daß im Lande der Täter noch viele Originalstätten der Gewaltherrschaft existierten. Hier bedürfe es keines künstlichen Denkmals - wie es z.B. in Washington/ USA oder in Yad Vashem/Israel sinnvoll wäre -, um an die Greueltaten zu ennnern. Von einem millionenteuren Denkmal am Potsdamer Platz in Berlin hält der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, deren Haushalt so kurz nach dem feierlich begangenen Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager drastisch gekürzt werden soll, folglich überhaupt nichts, Solange die authentischen Orte des Genozids aufgrund fehlender Gelder verfallen, solange sollten auch keinerlei öffentliche Mittel in künstlerisch gestaltete künstliche Erinnerungsstätten gesteckt werden.
Wann beginnt ein Werteverfall?
Unabhängig davon rief Jürgen Dittberner die Sozialwissenschaftler zur Entwicklung einer „Lehre der Kunst des Bewahrens demokratischer Kultur“ auf. Wie war es denn möglich, daß ein solch drastischer Kulturverfall einer hochentwickelten Nation, wie sie Deutschland Anfang der 30er Jahre darstellte, geschah? Und vor allem: Wie fängt solch ein Verfall an? Was kann man - auch heute - tun, um so etwas zu verhindern? Worin bestehen folglich die Grundwerte, die jede Gesellschaft haben muß, damit sie unanfällig ist gegenüber ähnlich verbrecherisch angelegten Systemen? Zu solchen, gerade in Deutschland elementaren, Forschungen rief Dittberner nicht nur Politikwissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Historiker und Wirtschaftswissenschaftler auf - damit auch auf Dauer etwas bleibt nach den 50. Jahrestagen der Befreiung.
Hg.
BERENTSEN ZU GAST
Zu Gast beim Potsdamer Geographischen Kolloquium war kürzlich Prof. Dr. W Berent- sen von der Umversity of Connecticut/USA. Er sprach über Wirtschaftliche Einflüsse auf die Landschaften der USA 1 . Geographische Kolloquia haben in Potsdam eine lange Tradition. Sie bildeten und bilden ein Podium für die Vorstellung aktueller Forschungsergebnisse in den verschiedensten Bereichen der Geographie. Neben Potsdamer Geographen traten dabei auch namhafte Physio- und Anthropogeographen des In- und Auslandes auf, K.Z.
Finanziert von derVW-Stiftung, sind seit Juni dieses Jahres rund 20 Interviewer - darunter Studierende der FU Berlin und der Uni Potsdam, Mitarbeiter des MMZ, Dozenten der Potsdamer Universität und therapeutische Spezialisten - damit beschäftigt, lebensgeschichtliche Gespräche mit Überlebenden der Shoah aus Berlin und Brandenburg zu führen. Wichtig ist uns dabei", so Eva Lezzi aus dem MMZ, „daß die Interviewpartner möglichst viel selber erzählen. Wir haben folglich keinen festen Fragenkatalog. “ Durchschnittlich drei bis vier Stunden dauere denn auch solch ein Gespräch, in dem sich der Interviewer Zeit für die ganze Person, einschließlich des Vorhers und Nachhers des Terrors, nehmen soll.
Das Interesse war und ist trotz einer mitunter hohen psychischen Belastung der Betroffenen groß: persönliche Kontaktaufnahmen, aber auch Anzeigen in jüdischen Gemeindeblättern und anderen Publikationsorganen erbrachten in kurzer Zeit bereits zahlreiche Gesprächspartner. Rund 70 Interviews sollen bis Ende 1996 geführt werden. Wir sind auf jeden Fall nach wie vor offen für weitere Interessenten, die sich aus dem Kreis heute in Berlin und Brandenburg lebender Juden einschließlich der sogenannten Mischlinge' zusammensetzen und in irgendeiner Form von der Shoah betroffen waren“, erklärte Eva Lezzi dazu.
Erste Ergebnisse sind aber bereits Ende dieses Jahres zu erwarten. Präsentieren möchten sie die beiden Projektleiterinnen Eva Lezzi und Cathy Gelbin sowie der Direktor des MMZ, Prof. Dr. Julius H. Schoeps, im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin; parallel dazu werden die videogeführten Interviews dann auch Teil des „Fortunoff Video Archive(s) for Holocaust “testimonies“ der Yale Universität sein, wobei sowohl in Deutschland als auch in den USA einzelne Videobänder (nach Genehmigung der Interviewpartner) öffentlich zugänglich gemacht werden sollen.
Das Fortunoff Video Archive gibt es seit 1982. Damals begannen Prof Dr. Geoffrey Hartman, Professor für Englisch und vergleichende Literaturwissenschaft an der Yale Universität, Prof. Dr. Dori Laub, Psycho
analytiker und Psychiater in Yale u.a., Zeugen des Holocaust zu befragen. 3.500 Gespräche haben die beiden und in liierten Projekten mitarbeitende Wissenschaftler bislang geführt. Gemeinsam ist ihnen der Wünsch, den Holocaust ebenfalls in Form einer mündlichen Geschichtsdokumentation zu erfassen. „Gerade die Subjektivität der Schilderungen entzieht sich der spröden Faktizität herkömmlicher Historisie- rung", erklärte Geoffrey Hartman bei einem kürzlichen Besuch in Potsdam. Daß das emotionale Erleben einer älteren Frau, die auf dem Bildschirm mit den Tränen kämpft, indem sie schildert, wie ihr im Warschauer Ghetto ihr Baby entrissen wurde, z.B. heutigen Schülern die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft weit nachhaltiger zu vermitteln vermag als eine Tbxtseite im Geschichtsbuch, dürfte unstrittig sein. Auch hat Hartman bereits die Erfahrung gemacht, daß die Interviewten häufig noch nie vorher ausführlich über ihre persönlichen Erfahrungen gesprochen hätten, Viele von ihnen wollten sich deshalb gegen Ende ihres Lebens einem größeren Personenkreis mitteilen. Folglich, so der Wissenschaftler, seien die in den Gesprächen geäußerten Erzählungen und Schilderungen auch nicht primär Duplikationen von bereits Geschriebenem und Festgehaltenem. - Damit dürfte der Aufbau eines Archivs der Erinnerung an die Shoah in bester Tradition der „Oral History“, der mündlichen Geschichtsdokumentation, stehen.
Hg.
NOCH OFFEN FÜR INTERESSENTEN
Heute in Berlin und Brandenburg lebende Juden, die in irgendeiner Weise von der Shoah betroffen waren und sich an einem Videoprojekt des MMZ zum Aufbau eines Archivs der Erinnerung an den Holocaust beteiligen möchten, mögen sich bitte mit Eva Lezzi oder Cathy Gelbin unter “felefon 0331/28 09 40 in Verbindung setzen.
PUTZ 6/95
Seite 11