TITEL
„JETZT STEHT DIE ZUKUNFT DES LANDES AUF DEM SPIEL"
Der Hochschulpolitische Ratschlag in Potsdam versammelte erstmals alle Interessengruppen
Am 30. April 1997 möchte die brandenburgische Landesregierung einen aktualisierten Hochschulentwicklungsplan unter Berücksichtigung der Studienangebote Berlins vorlegen können. Um sich bei dessen Erstellen rechtzeitig mit allen betroffenen und in diesem Zusammenhang ausschlaggebenden Gruppen in Verbindung zu setzen, veranstaltete das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) am 18. Dezember vergangenen Jahres an der Universität Potsdam einen sogenannten Hoch- schulpolitischen Ratschlag. Und der „Rat“, der dabei seitens der Vertreter von Hochschulen, Gewerkschaften, Untemehmensverbänden und Landtagsabgeordneten den Repräsentanten des MWFK mit auf den Weg gegeben wurde, soll nun auch wirklich in den neuen Hochschulentwicklungsplan einfließen.
Man darf also gespannt sein auf das Ergebnis - gingen doch die Positionen der offiziellen Redner und Diskutanten mitunter stark auseinander: So erklärte der Staatssekretär des MWFK, Prof. Dr. Friedrich Buttler, in seiner Rede „zwischen Baum und Borke“, daß das Ziel, 34,400 flächenbezogene Studienplätze in Brandenburg aufcubauen, bestehen bleibe. Allerdings könne dieses Ziel nur zeitlich verzögert, bei deutlichen Profilierungen der Hochschulen und einer teilweisen Umwidmung von Personal- in Investitionsmittel erreicht werden. Genau das bezeichneten der Vorsitzende der Brandenburgischen Lndesrektorenkonferenz, Prof. Dr. Helmut Knüppel, und sein Stellvertreter, Prof. Dr. Hans N. Weiler, jedoch als unmöglich. Schon jetzt bilde Brandenburg das Schlußlicht unter allen 16 Bundesländern, wenn es um die Ausgaben für die Hochschulen gehe. Auch seien die Hochschulhaushalte nicht ausfinanziert, würden ständige Stellensperren und neue Sparauflagen den weiteren Aufbau erschweren oder gar ganz vereiteln. Sie stimmten zwar der dnngenden Notwendigkeit von baulichen Investitionen zu, machten aber deutlich, daß sie nicht aus Personalmitteln finanziert werden könnten. Sehr erfreut aufgenommen wurde vor diesem Hintergrund das Bekenntnis des Vorsitzenden im Wissenschaftsausschuß des Landtages, Dr. Klaus-Dietrich Krüger, daß Brandenburg sich einen Anteil von sechs Prozent des Landeshaushaltes für die Bereiche Wissenschaft und Forschung leisten müßte (im Gegensatz zu aktuell lediglich 4,6 Prozent). Für das Erreichen dieses Zieles versprach sich Dr. Krüger - trotz teils großer Probleme in einzelnen Wahlkreisen - einzusetzen. Um den Lesern der PUTZ einen möglichst originalgetreuen Eindruck des Hochschulpolitischen Ratschlags zu vermitteln, sind nachfolgend konzentrierte Zusammenfassungen der offiziellen Reden veröffentlicht. Hg.
Prof. Dr. Friedrich Buttler, Staatssekretär des MWFK:
Die brandenburgische Hochschulpolitik sieht sich in den kommenden Jahren vor zwei gegensätzlich erscheinende Herausforderungen gestellt: Wie kann die Lei-
Prof. Dr. Friedrich Buttler Foto: Fritze
stungsfähigkeit der Hochschulen erhöht werden? Wie kann sparsamer gewirtschaf- tet werden, um der Haushaltslage Rechnung zu tragen? Die nachfolgenden Thesen weisen die Richtung, die nach Auffassung des MWFK eingeschlagen werden sollte:
1. Der Aufbau der Hochschulen hat zentrale Bedeutung für die Landesentwicklung. Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technologietransfer sind entscheidende Grundlagen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, für die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Pflege des kulturellen Erbes,
2. Die Hochschulplanung der 1. Legislaturperiode ist unter den gegenwärtigen finanzpolitischen Bedingungen des Landeshaushalts und der möglichen Bundesmitfinanzierung nach dem Hochschulbauförderungsgesetz HBFG nur bei deutlicher zeitlicher Streckung umsetzbar. Das Aufbauziel für die bestehenden Hochschulen kann frühestens bis 2005/2006 erreicht werden. Die Hochschulen sind in einer finanziell höchst kritischen Lage.
3. Zur Verwirklichung der zeitlich gestreckten Hochschulplanung ist es aus der Sicht des MWFK nötig, den Haushaltsansatz für 1997 in der Mittelfristigen Finanzplanung mindestens gleich zu halten. Auch unter dieser Randbedingung ist die Fortsetzung des Hochschulaufbaus nur bei gleichzeitiger Profilierung möglich. Der in der Hochschulplanung der 1. Legislaturperiode angelegte Ausgabenanstieg ist nicht erreichbar. Zwischenzeitliche Personaleinsparungen sollen den Anstieg der jährli
chen Investitionen auf den Korridor von 225 Mio DM ermöglichen.
4. Strukturveränderungen betreffen gleichrangig mit den Aufbauprioritäten die Hochschulorganisation. Die Veränderung der Hochschulorganisation wird den Hochschulen zugesagt. Dabei soll unter Ausschöpfung der Möglichkeiten des Hochschulrahmengesetzes HRG (mit oder ohne Novelle) das Brandenburgische Hochschulgesetz unverzüglich novelliert werden. Die Vorbereitungen dazu sind mit der Landesrektorenkonferenz bereits angelaufen.
5. Den Entwurf des Hochschulentwicklungsplanes erhält die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur zur Abstimmung. Berlin wird seine Hochschulstrukturplanung in entsprechender Weise mit Brandenburg abstimmen.
Prof. Dr. Helmut Knüppel, Vorsitzender der Brandenburgischen Landesrektorenkonferenz:
Das Wissenschaftsministerium geht in seinen Thesen davon aus, daß es bis zum Jahr 2000 keinen Aufwuchs für die Hochschulen des Landes geben wird. Die Leistungsfähigkeit der Hochschulen ist jedoch zukünftig nur zu sichern, wenn mit entsprechenden Strukturmaßnahmen die Autonomie der Hochschulen gestärkt wird, der Leistungswettbewerb zwischen den Hochschulen indikatorengebundene Finanzzuwendungen nach sich zieht und die Evaluation der Lehre erfolgt. Die Hochschulen brauchen die Zusammenbindung von Entscheidung und Verantwortung, effiziente Leitungsgremien und wirksame Kontrolle. Dies geht nur über Dezentralisierung und Deregulierung. Auf diesem Hintergrund sehen die Hochschulen in den Thesen für die Durchführung von Strukturmaßnahmen eine wichtige Diskussionsbasis.
Die Rektoren stimmen mit dem Minister darüber überein, daß größere Spielräume für Investititonen geschaffen werden müssen. Angesichts der Unterfinanzierung im sächlichen Bereich und der besonderen Probleme im personellen Bereich ist jedoch kaum zu erwarten, daß hier durch Einsparungen
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Prof. Dr. Helmut Knüppel Foto: FHP
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