Heft 
(1.1.2019) 06
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PUTZ 6/99

Kultur

Melange der Phantasie UNIDRAM99 eröffnete unerschöpfliche Theaterwelten

Am Ende der diesjährigen UNIDRAM-Woche vom 6. bis zum 12. Juni fiel es schwer, sich zu erinnern, womit diese eigentlich be­gann. Soviel war sicher: auf keinen Fall mit dem Blas­konzert der schnellsten Ka­pelle der Welt, der rumäni­schenFanfare Ciocarlia im Hans Otto Theater, das wegen enormen Publikums­andrangs, wegen Beinah-Ab­bruch durch die Feuerwehr und einer großartigen Atmo­sphäre alle Chancen hat, in Potsdam legendär zu werden.

UNIDRAM99 führte einmal mehr vor Augen, daß das Wört­chen ‚vollständig in der Kopp­lung mit ‚Programm weniger das Komplette meint als das Komplexe und das Permanen­te. Das vollständige, das dispa­rate Programm, war ein Füll­horn sondergleichen und wies das Erinnerungsvermögen mehr und mehr in seine Grenzen. Die Frage nach der Quantität sei deshalb schon erlaubt. Wäre eine gewisse Reduzierung des Programms dem Theatertreffen selbst nicht dienlich, auch ange­sichts bestimmter vorherrschen­der Konsumtionshaltungen?

1 love you

Die Wahrnehmung und Ver­ständnisbereitschaft selbst des geübten"Theaterzuschauers wurde auf eine harte Probe ge­stellt. Und manchmal auch auf den Kopf. Im besten Sinne, denkt man dabei an die skan­dalverdächtige Performance mit dem bezeichnenden TitelI love you des Poznaner Thea­tertriosPorywacze Cial (Theater der Menschenräuber). Daß da das Publikum mit Eiern und anderen Lebensmitteln be­worfen wurde und im Mehl­nebel versank, ließ selbiges bei­nah vergessen, in welche Irre es eigentlich geleitet und auf welch brutale Weise es Zeuge einer noch brutaleren und vollends zerstörten Mann-Frau-Bezie­hung wurde. Mit der Frage, so­ziales Experiment oder theatra­lischer Vorgang, wurde es denn

tief verunsichert, verstört und zurecht allein zurückgelassen. Wenn das passiert, macht Thea­ter Sinn. Aber der Reihe nach, fragmentarisch und assoziativ.

Paradies

Am Anfang war dasPARA­DIES beziehungsweise die Frage, wie nach der Vertrei­bung die aktuellen Befindlich­keiten theatralisch zu beschrei­ben wären. Als hätten die Ver­anstalterDeGater 87 mit ihrer neuesten Performance eine Gedächtnisbrücke errich­ten wollen, spuken einem tat­sächlich immer noch die elegi­schen und unruhigen Bilder dieser merkwürdigen Dreiecks­

Bea

mernde Videoprojektionen ab­gestorbener Ardennenwälder, während hinter unheimlichen roten Vorhängen der in Nebel gehüllte Teufel höchstpersön­lich tanzt, bevor er, weiß ge­schminkt, an einer hohen Lei­ter im Nichts verschwindet.

Lady Macbeth

Dann plötzlich tauchen Mas­ken und Puppen auf, facetten­reich, immer und immer wie­der. Düster und in sich zerris­sen etwa in der stimmungsvol­len Collage um Macht und Ein­samkeit derLady Macbeth vomFigurentheater Ulrike Andersen aus Bremerhaven; alptraumhaft, malträtiert und

Die GruppeblackSK Ywhite aus Moskau/Rußland erfreute das Publikum

mit dem BewegungstheaterBertrands Toys.

beziehung zwischen einem ver­meintlichen Pförtner und zwei Showgirls im Kopf herum. Kaleidoskopartig überlagert von verwirrenden Impressio­nen und Sequenzen suchen sie auf derStraße der Illusionen (so der Titel einer anderen In­szenierung) irgendwo ihren Platz. Orientierung jedenfalls ist da wenig. Schwingtüren führen in verschroben-schiefe oder vollends leere Guckkästen, in denen mal aggressiv quiet­schende Feldbetten, mal in spärliches Weiß gekleidete We­sen stehen, deren Bewegungen an Vögel erinnern, denen man soeben die Köpfe abschlug. In Kellerwinkeln mit skurrilen Riesentieren starrt ein Don Quichotte-Clochard auf flim­

Foto: zg.

massenhaft zu einem Schlacht­feld aufgetürmt oder in Patho­logiegläser gequetscht wie im ‚Woyzeck von AGORA aus St. Vith(Belgien), die Büchners Welt der geschundenen Kreatur nicht einfach nur neu interpre­tierte, sondern auch veränderte.

Ristorante Immortale

Oder als trübsinnig und heiter­melancholisch dreinblickende Kellnerbelegschaft eines total floppenden Restaurants, die dort auf ihren ersten Gast war­tet, der natürlich nicht kommt (Ristorante Immortale aus Essen). Nicht zu vergessen der lungenkranke, aber ungewöhn­lich verspielte Franz Kafka. En mininature und als Marionette zwischen Fiktion und Wirklich­

keit vom Teatron- Theater(Je­rusalem/Arnsberg) hin und her bewegt, trifftler in einerfArt postkommunistischen Sanato­rium des Grauens nicht nur ei­nen glatzköpfigen Raskolnikov, dessen Beil wieder aufs Blut wartet, sondern auch andere surreal-horrible Wesen, die in der Art siamesischer Zwillinge Vergangenheit und Gegenwart verkörpern. Allesamt sind sie gespenstische Erfindungen der Moskauer GruppeblackSKY white, die in perfekter Weise Theater als Schwarze Messe ze­lebrierten.

Theater an sich

All das machte das Festival mit seiner Affinität für theatralische Gegenwelten möglich wie es damit gleichermaßen eine gül­tige Definition vomTheater an sich unmöglich machte. Jede Inszenierung stand als orginäres Ganzes gleichberech­tigt neben den anderen. Jedes Stück bildete gewissermaßen ein Anti-Stück zum vorherge­henden. Wenn Konflikt als das wesentliche Moment für Thea­ter gelten kann, dann zeigte UNIDRAM 799 den ‚Konflikt der Inszenierungen exempla­risch. Der dramaturgische Bo­gen des Festivals wußte diesen auf die Spitze zu treiben, auf extreme und irritierende Weise. Das Publikum war mehr denn je involviert und aufgefordert, diesen mit auszutragen, Ver­mittlungen zu schaffen, Uner­wartetes auszuhalten. UNIDRAM, das konzeptionell (und nun schon fast traditio­nell) nonverbale Darstellungs­weisen akzentuiert, die Sprache aber dabei keineswegs ver­bannt, hat vor allem mit der Gewichtung hin zum Masken­und Figurentheater den Zu­schauern auch in diesem Jahr wieder neue Welten erschlossen und erneut bewiesen, welch sinnlichen Reiz und Reichtum das Theater bereithält. Am Ende jedenfalls glaubte man über Theater wieder mehr zu wissen und es besser zu ken­nen.... bis zum nächsten Festi­val-Jahr. Thomas Pösl, PÖK

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