PUTZ 6/99
Kultur
Melange der Phantasie UNIDRAM’99 eröffnete unerschöpfliche Theaterwelten
Am Ende der diesjährigen UNIDRAM-Woche vom 6. bis zum 12. Juni fiel es schwer, sich zu erinnern, womit diese eigentlich begann. Soviel war sicher: auf keinen Fall mit dem Blaskonzert der schnellsten Kapelle der Welt, der rumänischen„Fanfare Ciocarlia“ im „Hans Otto Theater“, das wegen enormen Publikumsandrangs, wegen Beinah-Abbruch durch die Feuerwehr und einer großartigen Atmosphäre alle Chancen hat, in Potsdam legendär zu werden.
UNIDRAM’99 führte einmal mehr vor Augen, daß das Wörtchen ‚vollständig‘ in der Kopplung mit ‚Programm‘ weniger das Komplette meint als das Komplexe und das Permanente. Das vollständige, das disparate Programm, war ein Füllhorn sondergleichen und wies das Erinnerungsvermögen mehr und mehr in seine Grenzen. Die Frage nach der Quantität sei deshalb schon erlaubt. Wäre eine gewisse Reduzierung des Programms dem Theatertreffen selbst nicht dienlich, auch angesichts bestimmter vorherrschender Konsumtionshaltungen?
1 love you
Die Wahrnehmung und Verständnisbereitschaft selbst des geübten"Theaterzuschauers wurde auf eine harte Probe gestellt. Und manchmal auch auf den Kopf. Im besten Sinne, denkt man dabei an die skandalverdächtige Performance mit dem bezeichnenden Titel„I love you“ des Poznaner Theatertrios„Porywacze Cial“ (Theater der Menschenräuber). Daß da das Publikum mit Eiern und anderen Lebensmitteln beworfen wurde und im Mehlnebel versank, ließ selbiges beinah vergessen, in welche Irre es eigentlich geleitet und auf welch brutale Weise es Zeuge einer noch brutaleren und vollends zerstörten Mann-Frau-Beziehung wurde. Mit der Frage, soziales Experiment oder theatralischer Vorgang, wurde es denn
tief verunsichert, verstört und zurecht allein zurückgelassen. Wenn das passiert, macht Theater Sinn. Aber der Reihe nach, fragmentarisch und assoziativ.
Paradies
Am Anfang war das„PARADIES“ beziehungsweise die Frage, wie nach der Vertreibung die aktuellen Befindlichkeiten theatralisch zu beschreiben wären. Als hätten die Veranstalter„DeGater 87“ mit ihrer neuesten Performance eine Gedächtnisbrücke errichten wollen, spuken einem tatsächlich immer noch die elegischen und unruhigen Bilder dieser merkwürdigen Dreiecks
Bea
mernde Videoprojektionen abgestorbener Ardennenwälder, während hinter unheimlichen roten Vorhängen der in Nebel gehüllte Teufel höchstpersönlich tanzt, bevor er, weiß geschminkt, an einer hohen Leiter im Nichts verschwindet.
Lady Macbeth
Dann plötzlich tauchen Masken und Puppen auf, facettenreich, immer und immer wieder. Düster und in sich zerrissen etwa in der stimmungsvollen Collage um Macht und Einsamkeit der„Lady Macbeth“ vom„Figurentheater Ulrike Andersen“ aus Bremerhaven; alptraumhaft, malträtiert und
Die Gruppe„blackSK Ywhite“ aus Moskau/Rußland erfreute das Publikum
mit dem Bewegungstheater„Bertrands Toys“.
beziehung zwischen einem vermeintlichen Pförtner und zwei Showgirls im Kopf herum. Kaleidoskopartig überlagert von verwirrenden Impressionen und Sequenzen suchen sie auf der„Straße der Illusionen“ (so der Titel einer anderen Inszenierung) irgendwo ihren Platz. Orientierung jedenfalls ist da wenig. Schwingtüren führen in verschroben-schiefe oder vollends leere Guckkästen, in denen mal aggressiv quietschende Feldbetten, mal in spärliches Weiß gekleidete Wesen stehen, deren Bewegungen an Vögel erinnern, denen man soeben die Köpfe abschlug. In Kellerwinkeln mit skurrilen Riesentieren starrt ein Don Quichotte-Clochard auf flim
Foto: zg.
massenhaft zu einem Schlachtfeld aufgetürmt oder in Pathologiegläser gequetscht wie im ‚Woyzeck‘ von AGORA aus St. Vith(Belgien), die Büchners Welt der geschundenen Kreatur nicht einfach nur neu interpretierte, sondern auch veränderte.
Ristorante Immortale
Oder als trübsinnig und heitermelancholisch dreinblickende Kellnerbelegschaft eines total floppenden Restaurants, die dort auf ihren ersten Gast wartet, der natürlich nicht kommt („Ristorante Immortale“ aus Essen). Nicht zu vergessen der lungenkranke, aber ungewöhnlich verspielte Franz Kafka. En mininature und als Marionette zwischen Fiktion und Wirklich
keit vom Teatron- Theater(Jerusalem/Arnsberg) hin und her bewegt, trifftler in einerfArt postkommunistischen Sanatorium des Grauens nicht nur einen glatzköpfigen Raskolnikov, dessen Beil wieder aufs Blut wartet, sondern auch andere surreal-horrible Wesen, die in der Art siamesischer Zwillinge Vergangenheit und Gegenwart verkörpern. Allesamt sind sie gespenstische Erfindungen der Moskauer Gruppe„blackSKY white“, die in perfekter Weise Theater als Schwarze Messe zelebrierten.
Theater an sich
All das machte das Festival mit seiner Affinität für theatralische Gegenwelten möglich wie es damit gleichermaßen eine gültige Definition vom„Theater an sich“ unmöglich machte. Jede Inszenierung stand als orginäres Ganzes gleichberechtigt neben den anderen. Jedes Stück bildete gewissermaßen ein Anti-Stück zum vorhergehenden. Wenn Konflikt als das wesentliche Moment für Theater gelten kann, dann zeigte UNIDRAM 799 den ‚Konflikt der Inszenierungen‘ exemplarisch. Der dramaturgische Bogen des Festivals wußte diesen auf die Spitze zu treiben, auf extreme und irritierende Weise. Das Publikum war mehr denn je involviert und aufgefordert, diesen mit auszutragen, Vermittlungen zu schaffen, Unerwartetes auszuhalten. UNIDRAM, das konzeptionell (und nun schon fast traditionell) nonverbale Darstellungsweisen akzentuiert, die Sprache aber dabei keineswegs verbannt, hat vor allem mit der Gewichtung hin zum Maskenund Figurentheater den Zuschauern auch in diesem Jahr wieder neue Welten erschlossen und erneut bewiesen, welch sinnlichen Reiz und Reichtum das Theater bereithält. Am Ende jedenfalls glaubte man über Theater wieder mehr zu wissen und es besser zu kennen.... bis zum nächsten Festival-Jahr. Thomas Pösl, PÖK
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