Heft 
(1.1.2019) 09
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PUTZ 9/99

Studiosi

Zeichensucher in der Großstadt

Studentin spürt jüdisches Leben in Berlin auf

Eine Studentin der Jüdi­schen Studien sammelt die Zeichen einer verlorenen Zeit in Berlin Mitte:

Der Gottesdienst in der Syna­goge in Berlin-Mitte ist gut besucht. Zumindest an diesem Freitag im November. Denn wenn es windig-kalt ist in der Oranienburger Straße, dann kommen neben den Mitglie­dern der kleinen jüdischen Ge­meinde auch Touristen und andere Neugierige in den schlichten Festraum neben dem restaurierten Gotteshaus. Ich bin auch nicht jeden Frei­tag hier, schmunzelt Uri Hart, 45 Jahre alt, jüdischen Glaubens und eingeschrieben für Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Manch­mal sitzt sie lieber um die Ecke im warmen Cafe Zosch oder zieht auf der Suche nach ver­blassenden Inschriften durch die Stadtmitte.

Vorurteil

vom reichen Juden

Mit ihrer alten Pentax hat sie seit 1989 über 500 Inschriften kleiner Schuhmacher, alter Tante-Emma-Läden oder längst vergangener Kürschner­betriebe festgehalten. Zeugen einer Zeit vor dem Beginn der Nazi-Diktatur, als das Scheu­nenviertel einerseits das Ar­menhaus Berlins und gleich­zeitig seineostjüdische En­klave war. Ein geschäftiges, arbeitssames und wenig vor­nehmes Leben breitete sich in den Straßen aus: Das Leben dieserkleinen Leute will Hart dokumentieren. Und be­sonders der Juden unter ihnen. Denn das Vorurteil, dass Ju­den reich sind, hat mich immer geärgert.

Denn Hart stammt selber aus einem Haushalt mit. be­schränkten finanziellen Mit­teln. Die Mutter ist Jüdin, aber sie habe sich keinen Deut um die Religion gekümmert, sagt sie. Hart wurde in Viersen am Niederrhein geboren, lernte Krankenschwester und kam 1975 nach Westberlin. Im Fe­bruar 1978 hängte sie den

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Schwesternkittel an den Nagel und legte die blau-gelbe Uni­form der Briefträger an. An­fang der 90-er schickte sie sich an, das Abitur an der Volks­hochschule Charlottenburg nachzuholen und schrieb sich 1993 Sauch aus Interesse an der eigenen Geschichte, für den Studiengang Jüdische Stu­dien an der Uni Potsdam ein. Doch schon 1989, gleich nach der Wende, streifte sie durch den nördlichen, von(der Staatsmacht vergessenen Teil von Berlin Mitte. Die Inschrif­tenjan den Wänden, die ein halbes Jahrhundert nicht reno­viert wurden, zogen sie fast magisch an. Damals hat sie be­gonnen, die Spuren des ver­gangenen Lebens in Mitte fest­zuhalten und die auf Putz ge­malten Inschriften einzufan­gen.

Mandelkern.

Zweite Treppe rechts Unter ihren 500 Dias, die sie seit ihrem ersten Ostspazier­gang am 4. Oktober 1989 an­gehäuft hat, interessiert Hart sich vor allem für die 40 bis 50 Fotos mit alten jüdischen Na­men. Was ist etwa ausMoritz Mandelkern. Hinterhaus, zweite Treppe rechts gewor­den? Dazu hat sie alte Leute im Haus und der Nachbarschaft gefragt, in Adressbüchern und alten Zeitungen geblättert, im Verzeichnis der jüdischen Handwerker gesucht und so­gar die alten Baupläne eingese­hen. Danach hat Mandelkern den Holocaust überstanden und auch nach dem Krieg noch oder wieder in Berlin-Ost gelebt.

Sparsame Erfolge

Doch. selbst solche sparsamen Erfolge sind selten, die Quel­lenlage ist dürftig.Ich weiß nicht mehr, wo ich recherchie­ren soll, klagt Uri, Hart. An­ders als die Geschichte der jü­dischen Kaufleute und bekann­ten Juristen sei die derklei­nen. Leute kaum erforscht. Hilfe verspricht sie sich von ei­nem SeminarQuellen zur

Das Firmensignet der ehemaligen Kartonfabrik Hermann Josefowicz (1933-1939) sowie von Daniel Kirschenbaum(1933-1935) in der Berliner

Linienstraße 158

Geschichte der Juden in Bran­denburgischen Archiven in ihrem Studium an der Uni Potsdam.

Inzwischen überlegt sie, ob sie ihre Fotos in eine Studienar­beit über die Geschichte der Menschen in der sogenannten Spandauer Vorstadt einbringen kann. Viele scheinen den Ho­locaust überlebt zu haben, zei­gen Harts Rechercheergeb­nisse. Schlüsse will sie daraus noch nicht ziehen. Vorsichtig formuliert sie:Ich versuche herauszufinden, ob jüdische Handwerker sich besser ins Ausland ‚absetzen konnten, weil ihre Arbeit dort gefragt war.

Was auch immer aus dieser Ar­beit wird: Der dokumentari­scher Wert von Uri Harts Bil­dern wächst mit jedem Tag. Fast alle Inschriften auf mei­nen 500 Bildern sind inzwi­schen zerstört, sagt sie. Jetzt

Foto: Hart

istihre Mitte Boomtown, und die grauen Hinterhöfe werden für schicke Bars und Wohnungen saniert. Die alten Inschriften haben den Investi­tionsschub in Mitte nicht über­lebt.

Die Geschichte

wirkt fort

Nur auf eine andere Art scheint die Geschichte in Mitte fortzuwirken.Wenn ich in die Synagoge gehe, dann am lieb­sten hier, sagt Hart., Denn obwohl alles längst renoviert ist Wohnungen und Restau­rants drum herum teuer und begehrt sind,muss man sich Nicht fein machen, um den Gottesdienst zu besuchen, so Hart. Das sei ganz anders als in der pikfeinen Synagoge in der Nähe vom Kudamm. Ein we­nig scheint das Scheunenvier­tel seinen Wurzeln also die Treue zu halten. mf