PUTZ 9/99
Studiosi
Zeichensucher in der Großstadt
Studentin spürt jüdisches Leben in Berlin auf
Eine Studentin der Jüdischen Studien sammelt die Zeichen einer verlorenen Zeit in Berlin Mitte:
Der Gottesdienst in der Synagoge in Berlin-Mitte ist gut besucht. Zumindest an diesem Freitag im November. Denn wenn es windig-kalt ist in der Oranienburger Straße, dann kommen neben den Mitgliedern der kleinen jüdischen Gemeinde auch Touristen und andere Neugierige in den schlichten Festraum neben dem restaurierten Gotteshaus. „Ich bin auch nicht jeden Freitag hier“, schmunzelt Uri Hart, 45 Jahre alt, jüdischen Glaubens und eingeschrieben für Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Manchmal sitzt sie lieber um die Ecke im warmen Cafe Zosch oder zieht auf der Suche nach verblassenden Inschriften durch die Stadtmitte.
Vorurteil
vom reichen Juden
Mit ihrer alten Pentax hat sie seit 1989 über 500 Inschriften kleiner Schuhmacher, alter Tante-Emma-Läden oder längst vergangener Kürschnerbetriebe festgehalten. Zeugen einer Zeit vor dem Beginn der Nazi-Diktatur, als das Scheunenviertel einerseits das Armenhaus Berlins und gleichzeitig seine„ostjüdische Enklave“ war. Ein geschäftiges, arbeitssames und wenig vornehmes Leben breitete sich in den Straßen aus: Das Leben dieser„kleinen Leute“ will Hart dokumentieren. Und besonders der Juden unter ihnen. „Denn das Vorurteil, dass Juden reich sind, hat mich immer geärgert.“
Denn Hart stammt selber aus einem Haushalt mit. beschränkten finanziellen Mitteln. Die Mutter ist Jüdin, aber sie habe sich keinen Deut um die Religion gekümmert, sagt sie. Hart wurde in Viersen am Niederrhein geboren, lernte Krankenschwester und kam 1975 nach Westberlin. Im Februar 1978 hängte sie den
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Schwesternkittel an den Nagel und legte die blau-gelbe Uniform der Briefträger an. Anfang der 90-er schickte sie sich an, das Abitur an der Volkshochschule Charlottenburg nachzuholen und schrieb sich 1993 Sauch aus Interesse an der eigenen Geschichte, für den Studiengang Jüdische Studien an der Uni Potsdam ein. Doch schon 1989, gleich nach der Wende, streifte sie durch den nördlichen, von(der Staatsmacht vergessenen Teil von Berlin Mitte. Die Inschriftenjan den Wänden, die ein halbes Jahrhundert nicht renoviert wurden, zogen sie fast magisch an. Damals hat sie begonnen, die Spuren des vergangenen Lebens in Mitte festzuhalten und die auf Putz gemalten Inschriften einzufangen.
Mandelkern.
Zweite Treppe rechts Unter ihren 500 Dias, die sie seit ihrem ersten Ostspaziergang am 4. Oktober 1989 angehäuft hat, interessiert Hart sich vor allem für die 40 bis 50 Fotos mit alten jüdischen Namen. Was ist etwa aus„Moritz Mandelkern. Hinterhaus, zweite Treppe rechts“ geworden? Dazu hat sie alte Leute im Haus und der Nachbarschaft gefragt, in Adressbüchern und alten Zeitungen geblättert, im Verzeichnis der jüdischen Handwerker gesucht und sogar die alten Baupläne eingesehen. Danach hat Mandelkern den Holocaust überstanden und auch nach dem Krieg noch oder wieder in Berlin-Ost gelebt.
Sparsame Erfolge
Doch. selbst solche sparsamen Erfolge sind selten, die Quellenlage ist dürftig.„Ich weiß nicht mehr, wo ich recherchieren soll“, klagt Uri, Hart. Anders als die Geschichte der jüdischen Kaufleute und bekannten Juristen sei die der„kleinen. Leute“ kaum erforscht. Hilfe verspricht sie sich von einem Seminar„Quellen zur
Das Firmensignet der ehemaligen Kartonfabrik Hermann Josefowicz (1933-1939) sowie von Daniel Kirschenbaum(1933-1935) in der Berliner
Linienstraße 158
Geschichte der Juden in Brandenburgischen Archiven“ in ihrem Studium an der Uni Potsdam.
Inzwischen überlegt sie, ob sie ihre Fotos in eine Studienarbeit über die Geschichte der Menschen in der sogenannten Spandauer Vorstadt einbringen kann. Viele scheinen den Holocaust überlebt zu haben, zeigen Harts Rechercheergebnisse. Schlüsse will sie daraus noch nicht ziehen. Vorsichtig formuliert sie:„Ich versuche herauszufinden, ob jüdische Handwerker sich besser ins Ausland ‚absetzen konnten, weil ihre Arbeit dort gefragt war.“
Was auch immer aus dieser Arbeit wird: Der dokumentarischer Wert von Uri Harts Bildern wächst mit jedem Tag. „Fast alle Inschriften auf meinen 500 Bildern sind inzwischen zerstört“, sagt sie. Jetzt
Foto: Hart
ist„ihre“ Mitte Boomtown, und die grauen Hinterhöfe werden für schicke Bars und Wohnungen saniert. Die alten Inschriften haben den Investitionsschub in Mitte nicht überlebt.
Die Geschichte
wirkt fort
Nur auf eine andere Art scheint die Geschichte in Mitte fortzuwirken.„Wenn ich in die Synagoge gehe, dann am liebsten‘ hier“, sagt Hart., Denn obwohl alles längst renoviert ist Wohnungen und Restaurants drum herum teuer und begehrt sind,„muss man sich Nicht fein machen, um den Gottesdienst zu besuchen“, so Hart. Das sei ganz anders als in der pikfeinen Synagoge in der Nähe vom Ku’damm. Ein wenig scheint das Scheunenviertel seinen Wurzeln also die Treue zu halten. mf