PUTZ 9/99
Wissenschaft aktuell
Leben ohne Tugenden?
Im Gespräch mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps
Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht von Betrug, Gewalt und Korruption hören. Oft wird der Werteverfall in unserer Gesellschaft beklagt und diskutiert. Das Vermitteln von Tugenden scheint unmodern geworden zu sein. PUTZRedakteurin Dr. Barbara Eckardt unterhielt sich mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps über die Aktualität preußischer Tugenden. Der Professor am Historischen Institut der Uni ist Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam und Vorsitzender der „Gesellschaft für Geistesgeschichte e.V.“. Im Rahmen der kürzlich stattgefundenen Jahrestagung dieser Gesellschaft, die sich mit Leitbildern der wilhelminischen Gesellschaft befasste, stand das Thema preußische Tugenden zur Diskussion. PUTZ: Für„Die:Zeit“-Herausgeberin Dr. Marion Gräfin Dönhoff zählen Ehre, Zuverlässigkeit, Verantwortung und Loyalität zu den preußischen Tugenden. Können Sie dem zustimmen?
Schoeps: Gräfin Dönhoff hat ganz sicherlich Recht mit ihrer Definition der preußischen Tugenden. Mit Tugenden wie Zuverlässigkeit, Verantwortung und Loyalität kann ich etwas anfangen, nicht jedoch mit dem Begriff Ehre. Die„Ehre“ scheint mir eine Wertvorstellung des 17. und 18. Jahrhunderts, an dem sich insbesondere der preußische Adel orientierte. Was mich beschäftigt, sind eher bürgerliche Wertvorstellungen. wie: Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit. Diese Begriffe werden meist„Sekundärtugenden“ genannt. Das mag zutreffen. Ich habe allerdings Probleme damit, zwischen Primär- und Sekundärtugenden zu unterscheiden. An den Sekundärtugenden haben sich frühere Generationen durchaus orientiert. Im übrigen sollte man vielleicht nur
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von Tugenden und nicht unbedingt von preußischen Tugenden sprechen.
PUTZ: Die Durchsetzung dieser Tugenden führte aber letztlich auch zur Errichtung von Konzentrationslagern. Schoeps: Das ist richtig. Aber dafür können Tugenden als solche nicht verantwortlich gemacht werden. Wer sich den bürgerlichen Tugenden verschrieben hat, muß nicht unbedingt gleich jemand sein, der Tugenden mißbraucht. Andererseits, wie immer man das Problem wendet, letztlich
Dass Politiker heute bei Fehlverhalsondern
ten nicht zurücktreten, nicht selten geradezu aus dem Amt getragen werden müssen, kritisiert Prof. Dr. Julius H. Schoeps.
Foto: Fritze
geht es um die Frage, ob eine Gesellschaft irgendwelcher Tugenden bedarf oder nicht. Ich bin vielleicht, was diese Frage angeht, etwas altmodisch, als ich glaube, dass jede Gesellschaft eines Koordinatensystems bedarf, an dem sich die Menschen orientieren können. PUTZ: Von Denis Diderot stammt der Satz:„Jede Tugend, jedes Laster hat seine Zeit und kommt einmal aus der Mode.“
Schoeps: Die Tugenden, über die wir sprechen, sind ohne Frage alle sehr zeitgebunden. Sie sind nicht ohne weiteres auf die heutige Zeit übertragbar. Heute spricht man beispielsweise nicht mehr unbedingt von Ehre, sondern eher
von Würde.(Inhaltlich, so meine ich, ist damit das Gleiche gemeint. Man muss nur prüfen, wie mit den Begrifflichkeiten heute umgegangen wird. Die Menschenwürde ist heute sicherlich genauso verletzbar wie seinerzeit die Ehre der Adligen.
PUTZ: Kann man in einer Zeit des so oft beklagten Werteverfalls überhaupt noch von Tugenden sprechen?
Schoeps: Das ist eine Frage, die mich auch sehr beschäftigt. Kann eine Gesellschaft ohne Werte überhaupt funktionieren? Ich glaube, das geht nicht. Die Wertvorstellungen müssen zu jeder Zeit neu definiert und diskutiert werden. Nur dann kann der Einzelne zu einer Orientierung finden. Es gibt heute zwei Werte, die man
dem Tugendkatalog zurech-_
nen kann: Solidarität und ToJeranz. meine ich damit. Ich gebe jedoch zu, dass beide Begriffe ziemlich nebulös sind. Am ehesten könnte man sagen, dass mit dem heutigen Begriff „Solidarität“ so etwas wie„Gerechtigkeit“ gemeint ist, PUTZ: Oft wird beklagt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Verantwortung praktisch nicht mehr übernommen wird. Teilen Sie die damit verbundenen Sorgen?
Schoeps: Wenn ein Politiker heute korrupt ist oder nicht mehr die Verantwortung dafür übernimmt, wenn in seinem Ministerium Gelder veruntreut oder verschwendet worden sind, ist das bedenklich. Das war im alten Preußen vielleicht ein bisschen anders: Dort übernahm ein Minister die Verantwortung und nahm unter Umständen seinen Hut. Er hatte es allerdings auch leichter, denn er konnte sich auf seine Güter zurückziehen. Während die heute in der Politik Agierenden auf das Geld, das sie verdienen, angewiesen sind. Das scheint mir eines der Hauptprobleme zu sein. Wird heute ein Politiker. bei einem Fehlverhalten ertappt, tritt er nicht freiwillig zurück, son
dern muss geradezu aus dem Amt getragen werden. PUTZ: Das! heißt, Jes Sgeht auch um die Vermittlung von Tugenden.
Schoeps: Selbstverständlich. Ich meine, man muss die Debatte darüber führen. Beim Zusammenleben in einer Familie beispielsweise geht es auch nicht ohne eine„Hausordnung“ ab. Darüber müssen sich die Familienmitglieder Gedanken machen. Das heißt nicht, dass man alles als gegeben hinnehmen muß. Aber es ist notwendig, über bestimmte Werte nachzudenken. Denn nur gelebte Werte ermöglichen das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft. PUTZ: Fast sprichwörtlich ist ja die Berlin-brandenburgische Toleranz. Für Sie ist das ein Mythos?
Schoeps: Ich bin sehr skeptisch, wenn man den frederizianischen Toleranzbegriff als Vorbild für unsere heutige Zeit beschwört. Schon damals war er eine Fiktion. Von Toleranz redeten auch damals immer nur die, die ihrer bedurften. Warum sollten diejenigen, die Macht haben, tolerant sein? Das sind alles Mythen der borussischen Geschichtsschreibung. Im Vergleich zu anderen Herrschern in anderen Ländern seiner Zeit war Friedrich II. zwar vergleichsweise tolerant. Aber bei‘ genauer Betrachtung waren es meistens Nützlichkeitserwägungen, die im Preußen Friedrichs II. als Toleranz ausgegeben wurden. PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.
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