Heft 
(1.1.2019) 09
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PUTZ 9/99

Wissenschaft aktuell

Leben ohne Tugenden?

Im Gespräch mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht von Betrug, Gewalt und Korruption hören. Oft wird der Werte­verfall in unserer Gesell­schaft beklagt und disku­tiert. Das Vermitteln von Tugenden scheint unmodern geworden zu sein. PUTZ­Redakteurin Dr. Barbara Eckardt unterhielt sich mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps über die Aktualität preußi­scher Tugenden. Der Profes­sor am Historischen Institut der Uni ist Direktor des Mo­ses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Stu­dien an der Universität Pots­dam und Vorsitzender der Gesellschaft für Geistesge­schichte e.V.. Im Rahmen der kürzlich stattgefundenen Jahrestagung dieser Gesell­schaft, die sich mit Leitbil­dern der wilhelminischen Gesellschaft befasste, stand das Thema preußische Tu­genden zur Diskussion. PUTZ: FürDie:Zeit-Her­ausgeberin Dr. Marion Gräfin Dönhoff zählen Ehre, Zuver­lässigkeit, Verantwortung und Loyalität zu den preußischen Tugenden. Können Sie dem zustimmen?

Schoeps: Gräfin Dönhoff hat ganz sicherlich Recht mit ihrer Definition der preußischen Tu­genden. Mit Tugenden wie Zuverlässigkeit, Verantwor­tung und Loyalität kann ich et­was anfangen, nicht jedoch mit dem Begriff Ehre. DieEhre scheint mir eine Wertvorstel­lung des 17. und 18. Jahrhun­derts, an dem sich insbeson­dere der preußische Adel ori­entierte. Was mich beschäftigt, sind eher bürgerliche Wertvor­stellungen. wie: Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit. Diese Be­griffe werden meistSekun­därtugenden genannt. Das mag zutreffen. Ich habe aller­dings Probleme damit, zwi­schen Primär- und Sekundär­tugenden zu unterscheiden. An den Sekundärtugenden ha­ben sich frühere Generationen durchaus orientiert. Im übri­gen sollte man vielleicht nur

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von Tugenden und nicht un­bedingt von preußischen Tu­genden sprechen.

PUTZ: Die Durchsetzung dieser Tugenden führte aber letztlich auch zur Errichtung von Konzentrationslagern. Schoeps: Das ist richtig. Aber dafür können Tugenden als solche nicht verantwortlich ge­macht werden. Wer sich den bürgerlichen Tugenden ver­schrieben hat, muß nicht un­bedingt gleich jemand sein, der Tugenden mißbraucht. Andererseits, wie immer man das Problem wendet, letztlich

Dass Politiker heute bei Fehlverhal­sondern

ten nicht zurücktreten, nicht selten geradezu aus dem Amt getragen werden müssen, kritisiert Prof. Dr. Julius H. Schoeps.

Foto: Fritze

geht es um die Frage, ob eine Gesellschaft irgendwelcher Tu­genden bedarf oder nicht. Ich bin vielleicht, was diese Frage angeht, etwas altmodisch, als ich glaube, dass jede Gesell­schaft eines Koordinatensy­stems bedarf, an dem sich die Menschen orientieren können. PUTZ: Von Denis Diderot stammt der Satz:Jede Tu­gend, jedes Laster hat seine Zeit und kommt einmal aus der Mode.

Schoeps: Die Tugenden, über die wir sprechen, sind ohne Frage alle sehr zeitgebunden. Sie sind nicht ohne weiteres auf die heutige Zeit übertrag­bar. Heute spricht man bei­spielsweise nicht mehr unbe­dingt von Ehre, sondern eher

von Würde.(Inhaltlich, so meine ich, ist damit das Glei­che gemeint. Man muss nur prüfen, wie mit den Begriff­lichkeiten heute umgegangen wird. Die Menschenwürde ist heute sicherlich genauso ver­letzbar wie seinerzeit die Ehre der Adligen.

PUTZ: Kann man in einer Zeit des so oft beklagten Wer­teverfalls überhaupt noch von Tugenden sprechen?

Schoeps: Das ist eine Frage, die mich auch sehr beschäftigt. Kann eine Gesellschaft ohne Werte überhaupt funktionie­ren? Ich glaube, das geht nicht. Die Wertvorstellungen müssen zu jeder Zeit neu definiert und diskutiert werden. Nur dann kann der Einzelne zu einer Orientierung finden. Es gibt heute zwei Werte, die man

dem Tugendkatalog zurech-_

nen kann: Solidarität und To­Jeranz. meine ich damit. Ich gebe jedoch zu, dass beide Be­griffe ziemlich nebulös sind. Am ehesten könnte man sagen, dass mit dem heutigen Begriff Solidarität so etwas wieGe­rechtigkeit gemeint ist, PUTZ: Oft wird beklagt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Verantwortung prak­tisch nicht mehr übernommen wird. Teilen Sie die damit ver­bundenen Sorgen?

Schoeps: Wenn ein Politiker heute korrupt ist oder nicht mehr die Verantwortung dafür übernimmt, wenn in seinem Ministerium Gelder veruntreut oder verschwendet worden sind, ist das bedenklich. Das war im alten Preußen vielleicht ein bisschen anders: Dort übernahm ein Minister die Verantwortung und nahm un­ter Umständen seinen Hut. Er hatte es allerdings auch leich­ter, denn er konnte sich auf seine Güter zurückziehen. Während die heute in der Po­litik Agierenden auf das Geld, das sie verdienen, angewiesen sind. Das scheint mir eines der Hauptprobleme zu sein. Wird heute ein Politiker. bei einem Fehlverhalten ertappt, tritt er nicht freiwillig zurück, son­

dern muss geradezu aus dem Amt getragen werden. PUTZ: Das! heißt, Jes Sgeht auch um die Vermittlung von Tugenden.

Schoeps: Selbstverständlich. Ich meine, man muss die De­batte darüber führen. Beim Zusammenleben in einer Fa­milie beispielsweise geht es auch nicht ohne eineHaus­ordnung ab. Darüber müssen sich die Familienmitglieder Gedanken machen. Das heißt nicht, dass man alles als gege­ben hinnehmen muß. Aber es ist notwendig, über bestimmte Werte nachzudenken. Denn nur gelebte Werte ermöglichen das Zusammenleben von Men­schen in einer Gesellschaft. PUTZ: Fast sprichwörtlich ist ja die Berlin-brandenburgische Toleranz. Für Sie ist das ein Mythos?

Schoeps: Ich bin sehr skep­tisch, wenn man den frederi­zianischen Toleranzbegriff als Vorbild für unsere heutige Zeit beschwört. Schon damals war er eine Fiktion. Von Toleranz redeten auch damals immer nur die, die ihrer bedurften. Warum sollten diejenigen, die Macht haben, tolerant sein? Das sind alles Mythen der borussischen Geschichtsschrei­bung. Im Vergleich zu anderen Herrschern in anderen Län­dern seiner Zeit war Friedrich II. zwar vergleichsweise tole­rant. Aber bei genauer Be­trachtung waren es meistens Nützlichkeitserwägungen, die im Preußen Friedrichs II. als Toleranz ausgegeben wurden. PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.

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