Wissenschaft aktuell
Weichen neu stellen
PUTZ 9/99
Wissenschaftler fordern Umdenken bei der Ökosteuer
Die zweite Stufe der Ökosteuerreform ist beschlossen. Das Gesetz, das ihr volles InKraft-Treten 2003 plant, hat soeben den Bundestag passiert. Der Frage, ob das nun von den Politikern abgesegnete Konstrukt auch Modellcharakter für Europa besitzt, ist ein Expertenteam um Prof. Dr. J.J. Paul Welfens(Universität Potsdam) und Prof. Dr. Bernd Meyer (Universität Osnabrück) nachgegangen. Die Wissenschaftler sagen: Nein.
In einer für das Europäische Parlament angefertigten Studie vom Europäischen Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen(EIIW) e.V., Potsdam, wird Deutschland nur teilweise zur Nachahmung empfohlen. Das Meyer-Welfens-Konzept baut auf eine innovationsorientierte Ökosteuerreform, weicht damit in wichtigen Punkten vom vorhandenen Ansatz der rot-grünen Regierung ab. Favorisiert wird nicht die existierende Stromsteuer von zwei Pfennigen pro Kilowattstunde, sondern eine CO2-abhängige Besteuerung der Energieträger. Auch die Verminderung von Lohnnebenkosten mit dem Ziel des Erreichens von mehr Beschäftigung sehen die Wissenschaftler kritisch.„Aus Simulationsrechnungen wissen
wir um die bestehende Gefahr einer Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums aufgrund eben dieser einfachen Ökosteuerreform“, erklärt Welfens dazu. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, setzen die beiden Ökonomen verstärkt auf den Innovationsförderungsaspekt.
Möglicher Königsweg
Die Experten haben durchgerechnet, was bei einer anderen Verteilung des Ökosteueraufkommens passiert. Sie kommen zu dem Schluss, dass etwa 15 Prozent des Ökosteueraufkommens in erhöhte Ausgaben für Forschung und Entwicklung fließen sollten. So steige nach ihrer Ansicht das Wirtschaftswachstum, und es gäbe längerfristig einen positiven Einnahmeeffekt.„Man würde zwar mit einer aufkommensneutralen, innovationsorientierten Reform starten, am Schluss aber stünden sogar Möglichkeiten der Steuersenkung“, so der Potsdamer Fachmann.
Das Modell könnte ein K6önigsweg in der Wirtschaftspolitik sein, meinen die am Gutachten Beteiligten. Dass es bei den deutschen Ausgaben für Innovationen seit Jahren hakt, belegen die Zahlen. Die Quote für Forschung und EntwickJung(F& E)list von 2,9 im
Bäume bedeuten Leben. Damit sie
auch im nächsten Jahrtausend in voller Pracht gedeihen können, wollen Wissenschaftler aus Potsdam und Osnabrück eine veränderte Öpkosteuerpolitik. Sie soll nicht nur für eine bessere Umwelt, sondern auch für mehr Beschäftigung sowie größeres Wirtschaftswachstum sorgen. Foto: Archiv
Jahr 1989 auf 2;3(1998) ge; sunken.„Das bedeutet. eine falsche Weichenstellung in der Forschungspolitik“, Kkonstatiert Welfens. Durch den jetzt publizierten Vorschlag ließen sich dagegen bis 2004 etwa sechs Milliarden DM zusätzlich für F&E mobilisieren, man käme etwa auf eine Quote von drei Prozent. Ein Wert, der seit der deutschen Einheit nicht mehr erreicht worden sei.
Das Forscherteam hofft(trotz Bundestagsbeschluss auf Kor
rekturen in Deutschland. Insbesondere der Bundesverband der deutschen Industrie(BDI) hat sich in der Vergangenheit immer wieder skeptisch gegenüber dem avisierten rot-grünen Modell gezeigt. Mit der innovationsorientierten Ökosteuer glaubt man nun, jene argumentative Verweigerungshaltung aufbrechen zu können.
Dialog statt Verweigerung
„Der Dialog zwischen der Wissenschaft, den Verbänden, der Öffentlichkeit und der Wirtschaftspolitik muss in Gang kommen“, meint der Uni-Wissenschaftler.„Das wird nicht über Nacht geschehen.“ Lohnen würde sich jedoch ein Blick über die Grenzen hinweg. Steuerpolitisch hätten seit langem die skandinavischen Länder und auch die Niederlande die Weichen in die nach seiner Ansicht richtige Richtung gestellt. Auch beim verringerten CO2-Ausstoß gäbe es Fortschritte. Die Schweiz und Großbritannien verzeichnen, allerdings als einzige in Europa, im Vergleich zu 1990 einen konkreten Trend nach unten. Anlaß genug für die Wissenschaftler weiter lam Problem dran zu bleiben:„Das Thema Ökosteuer wird uns noch jahrelang beschäftigen“, meint(auch Welfens: Trotz durch die Vereinigung erfolgter Rückläufigkeit klimaschädlicher Emissionswerte sind wir in Deutschland nicht aus dem
Biohybrid-Initiative gewinnt
Die Initiative„Biohybrid Technologie“ ist von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, mit dem Titel„Inno-Regio“ ausgezeichnet worden.
In dem„Anwendungsverbund Biohybride Technologien Potsdam-Luckenwalde“ haben sich 16 Unternehmen, sechs Forschungseinrichtungen und neun regionale Partner zusammengeschlossen., Die Uni Potsdam hat die Koordination
übernommen. Ziel ist es, in der Region eine Innovationskette von der Schule über die Hochschulen, Forschung, Entwicklung und Fertigung zu schaffen. Die Forschungsministerin unterstützt nun mit 200.000,- DM die achtmonatige Ausarbeitung eines Detailplanes für die Koordination des Verbundes in den kommenden fünf Jahren.
Biochips und Biocomputer Das junge Fachgebiet Biohybride Technologien integriert biologische Funktionen in die Mikroelektronik und Mikrosy
stemtechnik. In der Region und besonders im Biotechnologiepark Luckenwalde gibt es bereits eine Reihe von Forschungseinrichtungen und Firmen der Biohybrid-Techologie, die internationales Renommee besitzen.
Unternehmer und Forscher bemühen sich nun vereint, Produkte wie Biochips herzustellen und in kurzer Zeit auf den Markt zu bringen. Biochips sind Flächen aus Silizium oder Glas, auf denen Stücke der Erbsubstanz(DNA) oder Proteine aufgebracht werden. Die Proteine oder die DNA können mit den anderen Sub
Schneider.“ P.G. stanzen| reagieren. S Je Sinach Wechselwirkung mit diesen
Proben lassen sich Erbkrankheiten diagnostizieren, Aussagen über den Gesundheitszustand eines Körpers treffen oder auch Veränderungen in Lebensmitteln feststellen. Außerdem lassen sich so neue Wirkstoffe für die Pharmaindustrie auf ihre Wirksamkeit testen. Langfristig könnte die Kooperation auch der Entwicklung von Biocomputern dienen, bei denen Informationen statt mit Elektronen mit Molekülen gespeichert werden.
mf
19