PUTZ 9/99
Auf dem Weg zur Weltspitze
Uni-Wissenschaftler mit Studie über Sportinternatsschüler
Weltmeister werden und zugleich die Schule schaffen, scheint ein schwieriges Unterfangen. Manchen gelingt beides nicht. Das alte Verbundsystem_Sportinternat —-Sportschule- Training gleich nebenan hat in Potsdam jedoch vor und nach der Wende 1989 Titelträger en masse hervorgebracht. Ob es aber wirklich die ideale Konstellation darstellt, untersucht gegenwärtig ein Forscherteam um Prof. Dr. Jürgen Beckmann aus dem Institut für Sportwissenschaft der Uni Potsdam.
In der vom Kölner Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderten Studie„Leistungsund Persönlichkeitsentwicklung von_Sportinternatsschülern“ wollen die Experten wissen, wie sich die sportliche, aber auch die schulische Leistungsfähigkeit der Sportschüler im Wohnheim entwickelt, welche Persönlichkeitsmerkmale sie auszeichnen. Dabei:setzen ‚sie Daten von Schülern des Sportinternats, zu Hause wohnender Sportschüler und Kids sowie Jugendlicher einer nicht sportbezogenen Vergleichsschule zueinander in Beziehung. Mit dem Papier sollen nicht zuletzt Grundlagen geklärt werden, auf denen die Förderung des sportlichen Nachwuchses in den nächsten Jahren passieren kann... Und das: hat seinen Grund: Extensität und Intensität der Trainingsmaßnahmen steigen kontinuierlich an.„Bis zu 30 Stunden pro Woche sind auch im Nachwuchsbereich keine Seltenheit mehr“, weiß Beckmann. Damit stehen die jungen Athleten vor immensen Anforderungen.
Die Studie
Insgesamt drei Erhebungen sind bis März 2000 geplant. Wenn alles klappt, soll allerdings die gemeinsame Arbeit der Psychologen, Soziologen und Trainingswissenschaftler zunächst bis 2002 weitergehen. Im einzelnen nutzen die
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Wissenschaftler gleich mehrere Methoden, sich den Entwicklungsverläufen der Jugendlichen zu nähern. Es werden sowohl Klassenstufen untereinander als auch verschiedene Jahrgangsstufen verglichen. Befragungen erfolgen jedoch nicht nur unter den Schülern,
Pa
zur Unselbständigkeit. Das Problem birgt Zündstoff.
Erste Ergebnisse Ausgewertet haben die UniWissenschaftler bislang die erste Erhebungswelle.„Von den sportlichen antropometrischen gibt es
Werten her keine
Wissenschaft aktuell
ter,„gibt es Abfolgen bei der Selbstmotivierung. Das Leistungsmotiv unterscheidet sich beispielsweise über die Klassenstufen hinweg kaum. Kontinuierlich höhere Werte finden sich dagegen ab dem 15. Lebensjahr im Bereich volitionaler Fertigkeiten.“ Bei der Herausbildung der Selbstmotivierungsfähigkeiten existierten demnach zwei Wellen: die erste zögerliche mit 15/16 Jahren und die ihr folgende in den höheren Klassen. Das belegten
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Über 700 Schüler lernen derzeit an der Potsdamer Sportschule„Friedrich Ludwig Jahn“. Das dazugehörige Internat am Luftschiffhafen ist eine Nachfolgeeinrichtung des Internats der früheren Kinder- und Jugendsportschule, die in enger Verzahnung mit dem damaligen Armeesportclub(ASK) ein bedeutendes Zentrum des Nachwuchslei
stungssports der ehemaligen DDR darstellte.
sondern ebenfalls unter Internats-Pädagogen, Lehrern, Trainern, sogar Eltern. Bisher gelaufene Analysen berücksichtigen 408 Probanden.
Pro und Kontra
Die Wissenschaftler um Beckmann und seine verantwortliche Mitarbeiterin Annett Fischer stützen sich bei ihrer Suche nach. Fakten und deren Ursachen auf das sogenannte ressourcentheoretische Modell, das die zeitliche und energiemäßige Begrenztheit von Kräften beinhaltet.„Verantwortungsvoll lassen sich Nachwuchstalente an. den. Leistungssport nur heranführen, wenn man genau dieses zu untersuchende Dreier-System schafft“, sagt er deshalb. Doch das sehen nicht alle Fachleute so. Kritiker: sprechen. von Ghettoisierung und Erziehung
großen Überraschungen“, konstatiert Beckmann. Anders sei dies im psychologischen Bereich.„Nach den gegenwärtig vorhandenen Ergebnissen liegen die Internatsschüler hier über den Werten der übrigen Probanden“, erklärt: der. Psychologe. Damit meint er insbesondere die positivere Entwicklung des Willens und der Selbstbestimmtheit. Man beobachte bei diesen Jugendlichen eine bessere Selbstregulierungs- und-motivierungsfähigkeit.
Für die psychologische Grundlagenforschung besitzt die Studie nach Ansicht Beckmanns ebenfalls große Bedeutung. Vor allem wegen der phasenweisen Entwicklung in der Volition, auf die ein Vergleich der Schüler im Querschnitt der Altersstufen. verweist.„Oflensichtlich“, so der Projekt-Lei
Foto: Tribukeit
die jetzt gesammelten Persönlichkeitsdaten fast minutiös.
Vertrauen aufgebaut
Jene Zusammenarbeit zwischen den Uni-Forschern und der Potsdamer Sportschule klappt nach Meinung aller Beteiligten heute gut. Das war nicht immer so. Unter den Lehrern, Internats-Pädagogen und auch Trainern herrschte anfangs durchaus Mißtrauen. Vorbehalte mußten deshalb zunächst abgebaut werden. „Es galt, Vertrauen. aufzubauen“, erinnert sich Beckmann. Rückmeldungen über das Gefundene gehörten heute längst zur Tagesordnung. Mit den gewonnenen Erkenntnissen wolle das Team den an der Schule Tätigen Hilfe bei ihrer weiteren Arbeit geben.„Das soll! auch so bleiben“, versichert der Uni-Professor. P.G.