Wissenschaft aktuell
PUTZ 9/99
Keine Chance
für krumme Rücken
Vermessung der Wirbelsäule vermeidet Haltungsschäden
Die Schüler haben das natürlich immer schon gewusst: Schule macht krank. Zumindest für den Rücken ist das stundenlange Sitzen im Klassenraum genauso schlecht wie Stunden im Fernsehsessel oder vor dem Computer. „Gerade bei Kindern führt zu wenig Bewegung zu Rückenerkrankungen“, sagt Dr. Marco Schmidt, Wissenschaftler am Institut für Sportmedizin der Uni Potsdam und einer der beiden diesjährigen Träger des mit 10000 DM dotierten
Marco Schmidt: Rücken an Rücken mit vorbildlichem Rücken Foto: Fritze
„Professor Hannes Schobert Preises“. Schmidt erhielt die Auszeichnung für eine objektivierte Methode zur Vermessung der Wirbelsäulenform, die helfen soll, Abweichungen von der gesunden Rückenform früher zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln. Der Schobert-Preis wird einmal im Jahr von der Damp Holding AG für herausragende Arbeiten junger Sportmediziner vergeben.
Früherkennung Um die Haltungsabweichungen zu begutachten, verfügten
die Mediziner bisher nur über ein sehr grobes Instrumentarium: Auch die Schüler wurden bisher mit dem 1889 entwickelten Haltungsmodell von Franz Staffel eingestuft. Staffel kannte lediglich den hohlen, flachen und runden Rücken. Das Idealmaß bildet bei ihm der harmonische Rücken: Die Wirbelsäule ist in Höhe der Brust nur leicht gerundet, und durch die leichte Beckenkippung ensteht eine mäßige Krümmung der Lendenwirbelsäule nach vorn, sojdassädie Wirbelsäule insgesamt die Form eines schmalen 5S“ hat. Doch für die Früherkennung von Form- und Haltungsschwächen sind solche groben Merkmale nicht ausreichend. Die Ärzte können Fehler oft erst erkennen, wenn der Patient schon Schmerzen hat. Das ist allerdings oft zu spät, der Schaden schon irreparabel.
Konturmessverfahren Marco Schmidt hat daher mit einem Konturmessverfahren zunächst die Wirbelsäulen von 85 brandenburgischen Schülerinnen und 87 Schülern im Alter von 15 Jahren vermessen. Dabei wurde die äußere Wirbelsäulenkontur mit einer mobilen Sensorik abgefahren, wobei aus den gemessenen Wegeund Winkeldaten im Computer eine entsprechende Kurvatur erzeugt wurde.
Das Bild der so entstandenen Kontur des Rückens ist zwar anschaulich, doch die Daten müssen für die wissenschaftliche Auswertung weiter aufbereitet werden. Charakteristisch sind etwa die Länge der Wirbelsäule, die Tiefe der Krümmungen und die Lage des Umkehrpunktes zwischen dem unterschiedlichen Krümmungsrichtungen der Wirbelsäule.
Schmidt fasst daher den gesamten Datensatz zu wenigen Punkten zusammen und vereinheitlicht diese abgeleiteten Messwerte noch einmal. Dar
aus ergeben sich zunächst elf Merkmale, mit denen sich Form und Statik der Wirbelsäule beschreiben lassen. Die während seiner Untersuchung entstandene Software„UpSpine 1.0“ führt die standardisierte geometrische Auswertung automatisch aus.
Motivation
für Patienten
Mit der Software und dem Konturmessgerät„Triflexometer“ lassen sich beginnende Haltungsabweichungen schon früher erkennen.„Die Störung kann Pbereitstida sein wenn noch gar nichts weh tut“, sagt Schmidt. Doch die neue Diagnostik dient nicht nur der Prävention. Objektive Messungen bieten anders als die groben Abschätzungen nach Franz Staffels Methode von 1889 eine Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten. Auch lassen sich die Auswirkungen von Fehlhaltung etwa wie langes Sitzen- besser beschreiben und der Erfolg verschiedener Therapien und Haltungsschulungen genauer dokumentieren. So kann nicht nur der Arzt den Erfolg seiner Behandlung kontrollieren. Es fällt ihm auch leichter seine Patienten zu motivieren, wenn er ihnen Sühre Keinen aber wichtigen Fortschritte in der langwierigen Therapie aufzeigen kann. mf
Korrektur
In den Beitrag„Elektrosounds vom Telegrafenberg“ der Ausgabe PUTZ 8/99 hat sich bedauerlicherweise der Fehlerteufel eingeschlichen. Prof. Dr. Frank Scherbaum arbeitet im Institut für Geowissenschaften der Universität Potsdam, das seinen Sitz nicht wie gemeldet auf dem Telegrafenberg, sondern in Golm ‚hat. PUTZ
Wissenschaftspreis an Schüttemeyer
Am 1. Dezember 1999 wurde der Wissenschaftspreis des Deutschen Bundestages zwei Bewerbern je zur Hälfte zuerkannt: Privatdozentin Dr. Suzanne S. Schüttemeyer aus der Wirtschafts- und Sozialwissen
Foto: privat
schaftlichen Fakultät der Universität Potsdam und Dr. Arnd Uhle, Bonn. Der Preis wird für hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet der politik-, rechts- und geschichtswissenschaftlichen Parlamentarismusforschung verliehen. Wissenschaftler sollen damit zu intensiverer Beschäftigung mit Fragestellungen aus dem Bereich des Parlaments angeregt werden.
Dr. Schüttemeyer erhielt die Auszeichnung für ihre 1998 veröffentlichte Arbeit„Fraktionen im Deutschen Bundestag. Empirische Befunde und theoretische Folgerungen“. Darin analysiert die Politikwissenschaftlerin die Binnenstruktur und die Funktionen der Bundestagsfraktionen und ordnet dies in theoretische Fragestellungen der Repräsentation ein.
Seit Oktober 1997 vertritt die 45-jährige Suzanne Schüttemeyer die Professur für das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Potsdam. Sie studierte Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg. Die Wissenschaftlerin promovierte und habilitierte sich an der Universität Lüneburg. B.E.
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