Wissenschaft aktuell
PUTZ 1-2/00
Land der Extreme
Potsdamer und indische Wissenschaftler auf Kooperationskurs
Indien ist den meisten von uns als Land alter Kulturen und Religionen einerseits, aber auch als Land mit extremen sozialen Gegensätzen und ungebremstem Bevölkerungswachstum andererseits bekannt. Vielleicht hat der Subkontinent gerade wegen seiner riesigen ökonomischen und sozialen Probleme hervorragende Wissenschaftler hervorgebracht.
Für die Physik stehen solche Namen wie Netaji S. Bose, einem Begründer der modernen Quantentheorie, und Meg- hnad N. Saha, der die Astronomie bereichert hat. Nach beiden Wissenschaftlern sind in Calcutta, der Hauptstadt Westbengalens, Institute benannt, die durch ihre Arbeiten internationale Beachtung gewonnen haben. Diese Institute richteten kürzlich ein Diskussi- (Jnsmeeting zum Thema „Material Research Using Accelerator Facilities“ aus. Gegenstand war die Nutzung von Beschleunigern für die physikalische Forschung. Dazu waren rieben zahlreichen indischen
Teilnehmern Gäste aus Europa, Kanada und Japan geladen.
Prof. Dr. Ullrich Pietsch, Professor für Strukturanalyse an der Universität Potsdam, führte dabei in die Methode der Röntgenbeugung mittels Synchrotronstrahlung ein.
Bei diesem Treffen kam es auch zu ersten indisch-deutschen Kooperationen. So bahnt sich eine Zusammenarbeit zwischen Prof. Pietsch und seinen Mitarbeitern mit Prof. Dr. Milan Sanyal vom Saha Institut of Nuclear Phy- sics an. Der indi- sehe Wissenschaftler ist ein international anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Röntgenstreuung dünner Schichten. Die indischen und deutschen Physiker führten bereits gemeinsame Messungen zum Verständnis der lateralen Korrelationseigenschaffen an Grenzflächen dünner organi- scher Schichten aus und stellten Berechnungen dazu an.
Im März wird ein Mitarbeiter der Potsdamer Gruppe Strukturanalyse Calcutta besuchen,
um dort bei der Präparation von dünnen Schichten mittels der Langmuir-Blodgett Methode zu unterstützen. Erste gemeinsame Publikationen sind konzipiert.
Dass Indien tatsächlich das Land der Gegensätze ist, erlebt man direkt vor der Haustür des Calcuttaer „High-Tech“ Instituts. Nur wenige Schritte hat der Besucher zu überwinden, bis er einen Bambussteg
überquerend eines der ärmsten Viertel der Millionenstadt erreicht. Bedrückende Armut und extreme Luftverschmutzung auf der einen Seite des Kanals und Millionen Rupien teure Investitionen für Kristallzuchtapparaturen und einen neuen Ionenbeschleuniger auf der anderen Seite sind anschauliche Charakteristika des indischen Weges.
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Armenviertel wie hier gehören genauso zum heutigen Indien wie hochmoderne Industrie- und Forschungsanlagen. Foto: privat
Biotechnologie im Speckgürtel
Virtuelles Unternehmen geplant
Der südliche Berliner Speckgürtel soll zu einem Zentrum der Biotechnologie werden. In den Räumen des Fraunhofer- Instituts für Biomedizinische Technik in Potsdam-Rehbrücke wird im Sommer ein interdisziplinäres Zentrum für die Entwicklung von „Bio- Chips“ aufgebaut. Angestoßen wurde dies vom Institut für Biochemie der Universität Potsdam im Rahmen des „In- noRegio“ - Wettbewerbs.
Das Zentrum sollen Firmen, Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen aus Brandenburg und Berlin gemeinsam nutzen. Aktuelle Studien gehen von einem künftigen weltweiten Markt für BioChips von mehr als 10 Mrd. US $ aus.
Ziel ist es, mit Produkten aus der Region mindestens ein Prozent des Weltmarktes zu erobern.
Das BioChip-Center soll der erste Schritt zu einem „virtuellen Unternehmen“ sein. Die mehr als 30 Industrie-, Forschungs-, Ausbildungs- und Finanzinstitute werden je nach Auffragslage und Entwicklungsbedarf zusammen arbeiten. Vorläufiger Arbeitstitel des Netzwerkes ist „Innoregio-In- itiative Biohybrid-Technolo- gien“.
Bedeutsam sind BioChips vor allem für die Biotechnologie und Medizin. Nach Angaben des Vereins für Bioanalytische Forschung e.V. in Luckenwalde werden sie für schnelle genetische Tests bei Men
schen, Tieren und Nutzpflanzen wie Erbkrankheiten, Krebs und genetisch veränderten Lebensmittel eingesetzt. Außerdem sollen sie die Entwicklung neuer Medikamente „revolutionieren“. Weitere wichtige Einsatzgebiete sind analytische Anwendungen in der klinischen Chemie (Blutzuckermessung, Krebsdiagnose) und die Lebensmittelanalytik.
Die Biotechnologie braucht teure Forschungs- und Produktionsanlagen. „In einer Garagenfirma sind diese High- Tech-Produkte nicht herstellbar“, sagt Frank Bier vom Fraunhofer-Institut. Ein einzelnes Unternehmen, so Bier, könne sie kaum her Vorbringen. PUTZ
Neu bewilligt
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in Bonn fördert die Herausgabe des Werkes „Kalkül und Prestige“ von Jürgen Angelow, Privatdozent am Historischen Institut der Universität Potsdam. Das Buch mit dem Untertitel „Der Zweibund am Vorabend des Ersten Weltkrieges“ untersucht die Entwicklung der deutsch-österreichisch/ungarischen Allianz im Hinblick auf den späteren gemeinsamen Eintritt in den Krieg.
Umfang: 18.200 DM Institut: Historisches Institut
Von: DFG
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