Heft 
(1.1.2019) 01
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PUTZ 1-2/00

Wissenschaft aktuell

Gleiche Partner?

Studie zur Fusion von Berlin und Brandenburg

Tritt Berlin dem Land Brandenburg bei oder umge­kehrt? Nein, weder noch. Bei der Länderfusion handelt es sich um ein Zusammengehen zweier gleichberechtigter Partner. Mit diesen und an­deren bündigen Slogans wurde 1996 für die Vision eines gemeinsamen Bundes­landes Berlin-Brandenburg geworben. Jetzt flackert die Diskussion um einen zweiten Fusions-Versuch erneut auf. Dabei scheint über die Par­teien der beiden Parlamente hinweg Einigkeit über viele Vorteile für die zwei Bundes­länder zu bestehen.

Der Erfolg eines zweiten Refe­rendums wird jedoch nicht zu­letzt davon abhängen, inwie­weit den Interessen, Erwartun­gen und Befürchtungen insbe­sondere der Brandenburger in der Neuauflage einesEhe- Vertrages und in der Diskus­sion um eine Fusion Rechnung getragen wird. Dieser Schluß läßt sich aus einer Studie des Instituts für Psychologie der Universität Potsdam ziehen, in der 250 wahlberechtigte Bür­ger beider Länder kurz vor dem Referendum und einige Monate danach befragt wur­den. In Übereinstimmung zu den Ergebnissen des Referen­dums stimmte auch innerhalb dieser Stichprobe eine Mehr­heit der Brandenburger gegen eine Fusion 1999 oder 2002. Prinzipiell befürwortete je­doch eine Mehrheit innerhalb beider Bundesländer eine Fu­sion zu einem späteren Zeit­punkt.

Berliner Dominanz befürchtet

Entgegen dem Versuch der beiden Landesregierungen, ihre Bürger zu überzeugen, daß die Fusion eineFusion gleichberechtigter Partner darstellt, schrieben die Befrag­ten beider Bundesländer Berlin einen höheren Status zu und stimmten darin überein, dass Berlin das gemeinsame Bun­desland dominieren würde. Während die Minorität der Brandenburger ihre soziale

Identität als bedroht ein­schätzte, überwogen unter den Berlinern als Mitglieder der Majorität die erwarteten Vor­

zierten sich die Berliner weni­ger stark mit ihrem Bundes­

land und bezogen die Vorteile auf die gesamte Gruppe. Nach­

gleich mit dem anderen Part­ner im Mittelpunkt steht, son­dern der Vergleich mit dritten Gruppen. Dabei sollten die Vorteile wesentlich stärker als bisher betont werden, unter­streichen sie. Auf jeden Fall aber sollten möglichst viele Bürger frühzeitig in die Pla­

"Würde eines der beiden Bundesländer die Politik in einem gemeinsamen Bundesland dominieren?"

100

Angabe in Prozent

80

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20

Berlin Brandenburg p Keines

0

Urteiler: Brandenburger

Urteiler: Berliner

Die in der Umfrage kurz vor und nach der gescheiterten Länderfusion 1996 Befragten beider Bundesländer schrii - ben Berlin einen vermuteten höheren Status zu.

teile einer Fusion. Für die Psy­chologen ist jenes Verhalten kein Zufall. Immer dann, wenn eine Minorität befürchtet, durch eine Fusion weiter an Status und Einfluß zu verlie­ren, läßt sich aus der Theorie der sozialen Identität eine klare Vorhersage ableiten: In einer solchen Situation ist zu erwarten, dass sich die Mitglie­der der Minorität stärker mit ihrer Gruppe identifizieren als die Mitglieder der Majorität und stärker gruppenbezogen als individuell reagieren. Ge­nau dieses Muster wurde in der Studie auch beobachtet: Vor dem Referendum identifizier­ten sich die Brandenburger stärker mit ihrem Bundesland, unterstrichen die Statusunter­schiede zwischen den beiden Bundesländern und machten ihre Einstellung zur Fusion vornehmlich von den Vor- und Nachteilen für ihre eigene Gruppe abhängig.

Soziale Identität wichtig

Im Gegensatz dazu identifi­

dem das Referendum geschei­tert war, reduzierten sich die Unterschiede im Status ebenso wie die Flomogenitätseffekte. Darüber hinaus werteten die Brandenburger ihr eigenes Bundesland und damit ihre so­ziale Identität nach dererfol­greichen Abwehr einer Fu­sion wieder auf. Die Ergeb­nisse der Studie belegen somit, dass Aspekte der sozialen Iden­tität einen wesentlichen Ein­fluß auf die Akzeptanz geplan­ter Fusionen haben können. Das muss nach Ansicht der Uni-Wissenschaftler auch in der jetzigen Debatte seine Berücksichtigung finden.

Frühe

Bürgerbeteiligung

Zukünftige Versuche einer Fu­sion könnten demnach davon profitieren, Rivalitäten zwi­schen den beiden Bundeslän­dern frühzeitig zu minimieren. Eine effektive Strategie, so die Psychologen, könnte darin be­stehen, eine Identifikation mit dem neuen Bundesland zu er­leichtern, indem nicht der Ver­

nung einer Fusion eingebun den werden. Zu vermeiden sei der Eindruck, dass ein be stimmtes Abstimmungsergeb nis politisch nicht opportun wäre.

Dr. Torsten Reimer / Institut für Psychologie

Eine Darstellung der Unter suchung mit dem TitelVo- ting on a merger of two Sta­tes. ,Equal partners 1 but un equal responses kann unter reim@rz. uni-potsdam, dt oder Tel.: 0331/9772845 angefordert werden.

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