PUTZ 1-2/00
Wissenschaft aktuell
Gleiche Partner?
Studie zur Fusion von Berlin und Brandenburg
„Tritt Berlin dem Land Brandenburg bei oder umgekehrt? Nein, weder noch. Bei der Länderfusion handelt es sich um ein Zusammengehen zweier gleichberechtigter Partner.“ Mit diesen und anderen bündigen Slogans wurde 1996 für die Vision eines gemeinsamen Bundeslandes Berlin-Brandenburg geworben. Jetzt flackert die Diskussion um einen zweiten Fusions-Versuch erneut auf. Dabei scheint über die Parteien der beiden Parlamente hinweg Einigkeit über viele Vorteile für die zwei Bundesländer zu bestehen.
Der Erfolg eines zweiten Referendums wird jedoch nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit den Interessen, Erwartungen und Befürchtungen insbesondere der Brandenburger in der Neuauflage eines „Ehe- Vertrages“ und in der Diskussion um eine Fusion Rechnung getragen wird. Dieser Schluß läßt sich aus einer Studie des Instituts für Psychologie der Universität Potsdam ziehen, in der 250 wahlberechtigte Bürger beider Länder kurz vor dem Referendum und einige Monate danach befragt wurden. In Übereinstimmung zu den Ergebnissen des Referendums stimmte auch innerhalb dieser Stichprobe eine Mehrheit der Brandenburger gegen eine Fusion 1999 oder 2002. Prinzipiell befürwortete jedoch eine Mehrheit innerhalb beider Bundesländer eine Fusion zu einem späteren Zeitpunkt.
Berliner Dominanz befürchtet
Entgegen dem Versuch der beiden Landesregierungen, ihre Bürger zu überzeugen, daß die Fusion eine „Fusion gleichberechtigter Partner“ darstellt, schrieben die Befragten beider Bundesländer Berlin einen höheren Status zu und stimmten darin überein, dass Berlin das gemeinsame Bundesland dominieren würde. Während die Minorität der Brandenburger ihre soziale
Identität als bedroht einschätzte, überwogen unter den Berlinern als Mitglieder der Majorität die erwarteten Vor
zierten sich die Berliner weniger stark mit ihrem Bundes
land und bezogen die Vorteile auf die gesamte Gruppe. Nach
gleich mit dem anderen Partner im Mittelpunkt steht, sondern der Vergleich mit dritten Gruppen. Dabei sollten die Vorteile wesentlich stärker als bisher betont werden, unterstreichen sie. Auf jeden Fall aber sollten möglichst viele Bürger frühzeitig in die Pla
"Würde eines der beiden Bundesländer die Politik in einem gemeinsamen Bundesland dominieren?"
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Berlin ■ Brandenburg p Keines
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Urteiler: Brandenburger
Urteiler: Berliner
Die in der Umfrage kurz vor und nach der gescheiterten Länderfusion 1996 Befragten beider Bundesländer schrii - ben Berlin einen vermuteten höheren Status zu.
teile einer Fusion. Für die Psychologen ist jenes Verhalten kein Zufall. Immer dann, wenn eine Minorität befürchtet, durch eine Fusion weiter an Status und Einfluß zu verlieren, läßt sich aus der Theorie der sozialen Identität eine klare Vorhersage ableiten: In einer solchen Situation ist zu erwarten, dass sich die Mitglieder der Minorität stärker mit ihrer Gruppe identifizieren als die Mitglieder der Majorität und stärker gruppenbezogen als individuell reagieren. Genau dieses Muster wurde in der Studie auch beobachtet: Vor dem Referendum identifizierten sich die Brandenburger stärker mit ihrem Bundesland, unterstrichen die Statusunterschiede zwischen den beiden Bundesländern und machten ihre Einstellung zur Fusion vornehmlich von den Vor- und Nachteilen für ihre eigene Gruppe abhängig.
Soziale Identität wichtig
Im Gegensatz dazu identifi
dem das Referendum gescheitert war, reduzierten sich die Unterschiede im Status ebenso wie die Flomogenitätseffekte. Darüber hinaus werteten die Brandenburger ihr eigenes Bundesland und damit ihre soziale Identität nach der „erfolgreichen Abwehr“ einer Fusion wieder auf. Die Ergebnisse der Studie belegen somit, dass Aspekte der sozialen Identität einen wesentlichen Einfluß auf die Akzeptanz geplanter Fusionen haben können. Das muss nach Ansicht der Uni-Wissenschaftler auch in der jetzigen Debatte seine Berücksichtigung finden.
Frühe
Bürgerbeteiligung
Zukünftige Versuche einer Fusion könnten demnach davon profitieren, Rivalitäten zwischen den beiden Bundesländern frühzeitig zu minimieren. Eine effektive Strategie, so die Psychologen, könnte darin bestehen, eine Identifikation mit dem neuen Bundesland zu erleichtern, indem nicht der Ver
nung einer Fusion eingebun den werden. Zu vermeiden sei der Eindruck, dass ein be stimmtes Abstimmungsergeb nis politisch nicht opportun wäre.
Dr. Torsten Reimer / Institut für Psychologie
Eine Darstellung der Unter suchung mit dem Titel „Vo- ting on a merger of two States. ,Equal partners 1 but un equal responses“ kann unter reim@rz. uni-potsdam, dt oder Tel.: 0331/9772845 angefordert werden.
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