Heft 
(1.1.2019) 01
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Wissenschaft aktuell

PUTZ 1-2/00

Formeln der Armut

Weikard über Armutsmessung

Die Existenz von Armut ist eine der größten Herausfor­derungen für jede markt­wirtschaftliche Gesellschafts­ordnung. Und dennoch ist das ThemaArmut für die klassischen Wirtschaftswis­senschaften nur ein Randge­biet, schon ihre Messung be­reitet Probleme. Als neuer Privatdozent an der Wirt­schafts- und Sozialwissen­schaftlichen Fakultät stellte Dr. Hans-Peter Weikard in seiner Antrittvorlesung darum neue Ansätze dazu vor:Armut muss stärker in den Mittelpunkt der Wirt­schafswissenschaften gerückt werden, sagt er.

Wer in einer Gesellschaft als ,jarm zu gelten hat, ist unge­wiss: Unicef geht davon aus, dass weltweit etwa 600 Millio­nen Kinder in Armut leben. Wichtiger als solche Zahlen zu bestimmen ist es jedoch, die Ursachen der Armut aufzu­decken. Denn einen Gegen­stand, den man nicht kennt,

kann man auch nicht beein­flussen.

Als arm gilt normalerweise, wer von seinem Einkommen nicht die Waren kaufen kann, die er zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse braucht. Dabei ist umstritten, ob man einen weltweit einheitlichen Grundbedarf festlegen kann - etwa nach den Kalorien, die man zum Überleben benötigt - oder ob man einen Prozent­satz vom Durchschnittsein­kommen jedes Landes festle­gen soll.

Doch Weikard genügt es nicht, die Armut nach dem zur Ver­fügung stehenden Warenkorb in den vergangenen Jahren zu messen. Zusätzlich müsse berücksichtigt werden, wie groß das Risiko ist, in den kommenden Jahren seinen Le­bensunterhalt nicht mehr ver­dienen zu können und unter eine Armutsschwelle zu rut­schen.

Der Soziologe Ulrich Beck hat beschrieben, wie die Le­

bensläufe immer brüchiger werden, sagt Weikard. Das Risiko, durch die sich schnell ändernden gesellschaftlichen Umstände seinen Lebensun­terhalt nicht mehr verdienen zu können, müssten die Wirt­schafts- und Sozialwissenschaf­ten mit einbeziehen.

Hans-Peter Weikard

Foto: Tribukeit Anders als bei den meisten an­deren Studien zieht Weikard auch die Dauer der Armut mit in die Analyse ein. Weikard: Es ist ein Unterschied, ob je­mand für kurze Zeit oder an­dauernd in Armut lebt. Je länger jemandarm ist, umso schlechter kann er die Folgen der Armut bewältigen: Die

Fähigkeit, sich seinen Unter­halt selbst zu verdienen, geht immer mehr verloren.

Für Weikard reicht es daher nicht, Armut mit Sozialhilfe oder anderen Formen der Um­verteilung zu vermindern. Denn auch wenn so das Ein­kommen erhöht wird, verlieren die Armen unter Umständen den Anreiz, sich selber um eine Erwerbstätigkeit zu kümmern. Auch Bildung und Gesundheit werden so nur unzureichend gefördert. Weikard:Langfri­stige Einkommenstransfers können dazu beitragen, dass sich die Armutssituation verfe­stigt. Seine Kritik an der deutschen Sozialhilfe: Bei der Sozialhilfe werden Zuverdien­ste zu 100 Prozent von der Hilfe abgezogen.Warum sol­len die Leute dann nach Arbeit suchen?, fragt er.

In der Dritten Welt müssten bei der Armutsbekämpfung außerdem die Bildung und Ausbildung einen höheren Stellenwert erhalten. Weikard: Für viele Menschen in den Entwicklungsländern verstellt der Analphabetismus den Zu­gang zum Arbeitsmarkt. mf

Auswärtigem Amt fehlte Alternative

Uni-Wirtschaftswissenschaftler zum Kosovo-Krieg

Der Kosovo-Krieg ist vorbei. Der Vergangenheit gehört er deshalb noch längst nicht an. Man wird sich weiter inten­siv mit seiner Entstehung, seinem Umfeld oder den po­litischen Folgerungen be­schäftigen müssen. Das ruft auch die kritische Betrach­tung durch den Wissen­schaftler hervor.

Die US-EU-Diplomatie hat im Vorfeld des Kosovo-Kriegs ver­sagt, überzogene US-Forde- rungen haben leichtfertig die diplomatischen Konfliktlö­sungsmöglichkeiten beschnit­ten. Der Luftkrieg wurde nicht primär zwecks Schutz der Ko­sovaren geführt, vielmehr ha­ben die USA mit dem Nato- Luftschlagshammer solange gedroht, bis sie ihn schließlich fällen lassen mussten, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Das Auswärtige Amt unter Fi­scher hatte zu Kriegsbeginn fahrlässigerweise keinerlei Al­

ternativplanung für den Fall, dass Milosevic nicht rasch nachgeben würde. Der Krieg hat das Militärische in Deutschland als Politikoption salonfähig gemacht und den politischen Pazifismus begra­ben. Er hat viele Inkonsisten­zen im Westen offenbart: Hätte die Nato etwa eine so­wjetische Militärintervention zur Sicherung der Menschen­rechte der Kurden hingenom­men? Es gab im Bundestag vor und während des Kosovo- Kriegs eine dünne Diskussion mit allerlei Lügen und Halb­wahrheiten, wobei sich zeigte, wie wenig demokratisch-politi­sche Kontrolle in einem Krieg möglich ist. Weil die Neigung besteht, politisch die Reihen im Krieg über die meisten Par­teien hinweg geschlossen zu halten, sollte man einen politi­schen unabhängigen Wissen­schafts- und Bürgerrat zu Krieg und Frieden als kritische

Kontrollinstanz für das 21. Jahrhundert installieren. Die Nato ist eine demokratisch nicht kontrollierte Institution. Der Konfliktprävention muss künftig mehr Raum einge­räumt werden als bisher, das heißt auch, dass entsprechende Haushaltsmittel in einem inter­nationalen Kooperationstopf bereitzustellen wären - hieran fehlt es völlig. Wichtig wäre auch, in allen UN-Mitglieds- staaten einen unabhängigen UN-TV-Kanal zu installieren - die Sicherung offener Diskus­sion, mehr Politiktransparenz und weniger Möglichkeiten zu nationalistisch-aggressiver Pro paganda wären damit erreich­bar. In der Welthandelsorgani­sation sollte für den Fall massi­ver Menschenrechtsverletzun­gen ein Katalog handelspoliti­scher Sanktionen enthalten sein.

Absehbaren neuen Konflikt­herden in Europa sollte die Po­

litik nicht tatenlos zuschauen. Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat sollten aktiv und mit materieller und perso­neller Hilfe insbesondere in Rußland gestärkt werden.

Die EU sollte sich der erkenn­baren Militarisierung der US- Außenpolitik widersetzen. Da­mit die EU globale Einflus­smöglichkeiten in diesem Sinn hat, muss Euroland seine wirt­schaftlichen Probleme und seine politische Fragmentie­rung überwinden und neue Konzepte internationaler Frie­denssicherung entwickeln.

Paul J.J Welfens/ Wirtschafts- und Sozialwis­senschaftliche Fakultät

Paul J.J. Welfens hat seine Auffassungen und wichtig­sten Thesen auch in einem neuen Buch festgehalten. Sein Titel lautetDer Ko­sovo-Krieg und die Zukunft Europas. Erschienen ist es 1999 im Olzog Verlag Mün­chen. Preis: 29.80 DM.

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