Wissenschaft aktuell
PUTZ 1-2/00
Formeln der Armut
Weikard über Armutsmessung
Die Existenz von Armut ist eine der größten Herausforderungen für jede marktwirtschaftliche Gesellschaftsordnung. Und dennoch ist das Thema „Armut“ für die klassischen Wirtschaftswissenschaften nur ein Randgebiet, schon ihre Messung bereitet Probleme. Als neuer Privatdozent an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät stellte Dr. Hans-Peter Weikard in seiner Antrittvorlesung darum neue Ansätze dazu vor: „Armut muss stärker in den Mittelpunkt der Wirtschafswissenschaften gerückt werden“, sagt er.
Wer in einer Gesellschaft als ,jarm“ zu gelten hat, ist ungewiss: Unicef geht davon aus, dass weltweit etwa 600 Millionen Kinder in Armut leben. Wichtiger als solche Zahlen zu bestimmen ist es jedoch, die Ursachen der Armut aufzudecken. Denn einen Gegenstand, den man nicht kennt,
kann man auch nicht beeinflussen.
Als arm gilt normalerweise, wer von seinem Einkommen nicht die Waren kaufen kann, die er zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse braucht. Dabei ist umstritten, ob man einen weltweit einheitlichen Grundbedarf festlegen kann - etwa nach den Kalorien, die man zum Überleben benötigt - oder ob man einen Prozentsatz vom Durchschnittseinkommen jedes Landes festlegen soll.
Doch Weikard genügt es nicht, die Armut nach dem zur Verfügung stehenden Warenkorb in den vergangenen Jahren zu messen. Zusätzlich müsse berücksichtigt werden, wie groß das Risiko ist, in den kommenden Jahren seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen zu können und unter eine Armutsschwelle zu rutschen.
„Der Soziologe Ulrich Beck hat beschrieben, wie die Le
bensläufe immer brüchiger werden“, sagt Weikard. Das Risiko, durch die sich schnell ändernden gesellschaftlichen Umstände seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen zu können, müssten die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit einbeziehen.
Hans-Peter Weikard
Foto: Tribukeit Anders als bei den meisten anderen Studien zieht Weikard auch die Dauer der Armut mit in die Analyse ein. Weikard: „Es ist ein Unterschied, ob jemand für kurze Zeit oder andauernd in Armut lebt.“ Je länger jemand „arm“ ist, umso schlechter kann er die Folgen der Armut bewältigen: Die
Fähigkeit, sich seinen Unterhalt selbst zu verdienen, geht immer mehr verloren.
Für Weikard reicht es daher nicht, Armut mit Sozialhilfe oder anderen Formen der Umverteilung zu vermindern. Denn auch wenn so das Einkommen erhöht wird, verlieren die Armen unter Umständen den Anreiz, sich selber um eine Erwerbstätigkeit zu kümmern. Auch Bildung und Gesundheit werden so nur unzureichend gefördert. Weikard: „Langfristige Einkommenstransfers können dazu beitragen, dass sich die Armutssituation verfestigt.“ Seine Kritik an der deutschen Sozialhilfe: Bei der Sozialhilfe werden Zuverdienste zu 100 Prozent von der Hilfe abgezogen. „Warum sollen die Leute dann nach Arbeit suchen?“, fragt er.
In der Dritten Welt müssten bei der Armutsbekämpfung außerdem die Bildung und Ausbildung einen höheren Stellenwert erhalten. Weikard: „Für viele Menschen in den Entwicklungsländern verstellt der Analphabetismus den Zugang zum Arbeitsmarkt.“ mf
Auswärtigem Amt fehlte Alternative
Uni-Wirtschaftswissenschaftler zum Kosovo-Krieg
Der Kosovo-Krieg ist vorbei. Der Vergangenheit gehört er deshalb noch längst nicht an. Man wird sich weiter intensiv mit seiner Entstehung, seinem Umfeld oder den politischen Folgerungen beschäftigen müssen. Das ruft auch die kritische Betrachtung durch den Wissenschaftler hervor.
Die US-EU-Diplomatie hat im Vorfeld des Kosovo-Kriegs versagt, überzogene US-Forde- rungen haben leichtfertig die diplomatischen Konfliktlösungsmöglichkeiten beschnitten. Der Luftkrieg wurde nicht primär zwecks Schutz der Kosovaren geführt, vielmehr haben die USA mit dem Nato- Luftschlagshammer solange gedroht, bis sie ihn schließlich fällen lassen mussten, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Das Auswärtige Amt unter Fischer hatte zu Kriegsbeginn fahrlässigerweise keinerlei Al
ternativplanung für den Fall, dass Milosevic nicht rasch nachgeben würde. Der Krieg hat das Militärische in Deutschland als Politikoption salonfähig gemacht und den politischen Pazifismus begraben. Er hat viele Inkonsistenzen im Westen offenbart: Hätte die Nato etwa eine sowjetische Militärintervention zur Sicherung der Menschenrechte der Kurden hingenommen? Es gab im Bundestag vor und während des Kosovo- Kriegs eine dünne Diskussion mit allerlei Lügen und Halbwahrheiten, wobei sich zeigte, wie wenig demokratisch-politische Kontrolle in einem Krieg möglich ist. Weil die Neigung besteht, politisch die Reihen im Krieg über die meisten Parteien hinweg geschlossen zu halten, sollte man einen politischen unabhängigen Wissenschafts- und Bürgerrat zu Krieg und Frieden als kritische
Kontrollinstanz für das 21. Jahrhundert installieren. Die Nato ist eine demokratisch nicht kontrollierte Institution. Der Konfliktprävention muss künftig mehr Raum eingeräumt werden als bisher, das heißt auch, dass entsprechende Haushaltsmittel in einem internationalen Kooperationstopf bereitzustellen wären - hieran fehlt es völlig. Wichtig wäre auch, in allen UN-Mitglieds- staaten einen unabhängigen UN-TV-Kanal zu installieren - die Sicherung offener Diskussion, mehr Politiktransparenz und weniger Möglichkeiten zu nationalistisch-aggressiver Pro paganda wären damit erreichbar. In der Welthandelsorganisation sollte für den Fall massiver Menschenrechtsverletzungen ein Katalog handelspolitischer Sanktionen enthalten sein.
Absehbaren neuen Konfliktherden in Europa sollte die Po
litik nicht tatenlos zuschauen. Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat sollten aktiv und mit materieller und personeller Hilfe insbesondere in Rußland gestärkt werden.
Die EU sollte sich der erkennbaren Militarisierung der US- Außenpolitik widersetzen. Damit die EU globale Einflussmöglichkeiten in diesem Sinn hat, muss Euroland seine wirtschaftlichen Probleme und seine politische Fragmentierung überwinden und neue Konzepte internationaler Friedenssicherung entwickeln.
Paul J.J Welfens/ Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Paul J.J. Welfens hat seine Auffassungen und wichtigsten Thesen auch in einem neuen Buch festgehalten. Sein Titel lautet „Der Kosovo-Krieg und die Zukunft Europas“. Erschienen ist es 1999 im Olzog Verlag München. Preis: 29.80 DM.
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