Heft 
(1.1.2019) 01
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Wissenschaft aktuell

Leben ohne Halt und Boden

Ursula Gaedke über ihre Forschungen im Müggelsee

Im Müggelsee sieht auch Ur­sula Gaedke nicht mehr durch. Denn die im vergan­genen Frühjahr an die Uni Potsdam berufene Professo­rin für Ökologie und Ökosy­stemmodellierung forschte bisher in den klaren Wassern des Bodensees. Doch in dem trüb-grünen Müggelsee sind nicht nur mehr Algen als im Bodensee. Gaedke:Sie sind auch um ein Vielfaches größer.

Gaedke erforscht die Freiwas­serzone der großen Seen und der Meere. Das sogenannte Pelagial, eben dieses Freiwas­ser, unterscheidet sich grund­legend von Lebensräumen wie Wäldern, Sümpfen und dem Grund von Gewässern: Denn die Organismen, die im Pela­gial leben, haben keinen Un­tergrund, auf dem sie sich an­siedeln könnten. Sie fuhren ein Leben ohne Halt und Bo­den.

Das hat weitreichende Folgen:

Es gibt keine Konkurrenz um Siedlungsstellen, keine direk­ten Nachbarschaften, und die Räuber in diesem System müs­sen sehr viel größer sein als ihre Opfer, um diese als Ganzes schlucken zu können: Raubfische können ihre Nah­rung nicht festhalten, zerteilen und dann portionsweise fres­sen - so wie Löwen und Leo­parden es mit ihren kuhgroßen Opfern tun.

Anstelle von großen Sträu- ehern und Bäumen entwickeln sich im freien Wasser nur kleine, schwebende Pflanzen. Starkes Wachstum wäre für Pflanzen sinnlos, weil sie da­durch nicht näher an das le­bensspendende Sonnenlicht gelangen.

Gaedkes bisherige Forschungs­arbeiten am Bodensee haben gezeigt, dass in gesunden Frei­wasser-Ökosystemen die Orga­nismen jeder Größenklasse die gleiche Biomasse auf die Waage bringen. Die in der Bio­

Ursula Gaedke Foto: Franken

masse gespeicherte Energie fließt gleichmäßig vom Plank­ton bis hin zu den Welsen, die im Bodensee bis zu zwei Me­ter groß werden.

Für überdüngte Gewässer wie den Müggelsee trifft: dieses Charakteristikum aber kaum noch zu. Hier gibt es neun mal so viele Algen pro Quadratme­ter Seegrund wie im Bodensee.

Gleichzeitig ist die Menge der nachwachsenden Algen nur 1,5 mal so hoch. Gaedke: Da ist viel Grünzeug drin, das ver­mehrt sich aber kaum.

Die Algen wachsen kaum, weil die dichten Algenschichten sich selbst das für die Photo­synthese nötige Licht nehmen. Gleichzeitig sind im Müggel­see und anderen Seen in Bran­denburg zu wenige Raubfi­sche, um die vielen Friedfische zu fressen, die sich von den Wasserkrebsen ernähren, wel­che die Algen kurz halten könnten. So wird die Energie in den Algen gespeichert und der Nahrungskette entzogen. Einfache Hilfe gegen den Al­genwuchs ist nicht in Sicht. Um die Situation in diesen Ge­wässern zu verstehen, bedarf es weiterer Grundlagenfor­

schung. Ursula Gaedke, die 1959 in München geboren wurde und an der Universität Oldenburg Biologie und Ma thematik studiert hat, ist seit 1999 Professorin der Uni Potsdam. Nun sucht sie Ko Operationen in der Uni Pots­dam, um solchen Fragen nach­zugehen.

mf

Greenpeace des Welthandels

Otto Keck über die Gefahren der Globalisierung

Ist der heutige Staat noch in der Lage, die Probleme einer internationalen Marktgesell­schaft zu lösen? Um diese Frage kreist die Arbeit von Otto Keck, dem neu berufe­nen Professor für Internatio­nale Organisationen und In­ternationale Politikfeldfor­schung in der Wirtschafts­und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Potsdam.

Auch in seiner ge­rade er- folgten Antritts­vorlesung ging er dem Pro- b 1 e m nach.

Keck referierte zum Thema Handlungsfähigkeit der Na­tionalstaaten und widmete

sich hier den Ängsten, welche die Globalisierung bei den Menschen auslöst: Verlust von Arbeitsplätzen, Druck der multinationalen Konzerne auf die einzelnen Länder und Ab­bau von Umwelt- und Sozial­standards.

Als Merkmal der Globalisie­rung gilt, dass die Investitio­nen außerhalb des eigenen Landes und der internationale Handel stärker ansteigen als das Bruttoinlandsprodukt, das den Wert der in einem Land gehandelten und produzierten Waren und Dienstleistungen beschreibt. Durch die Ver­flechtung zwischen den Staa­ten treten die einzelnen Wirt­schaften immer mehr mitein­ander in Konkurrenz. Sie müs­sen ihre Ausgaben senken, um gute Standortbedingungen mit geringen Kosten zu bieten. Doch vergleichende Studien

zeigen, dass die befürchteten Veränderungen bisher nicht eingetreten sind. Keck will die Folgen der Globalisierung nicht verharmlosen.Wenn ich die Pauschalisierungen in der Globalisierungsdebatte kriti­siere, dann tue ich das, um den Blick auf die vielen Einzelpro­bleme zu lenken, sagt er. Als Gegengewicht zu der zuneh­menden Machtlosigkeit der Staaten sollte der internatio­nale Handel reguliert werden: Mindeststandards für Sozial- und Umweltbelange müssten eingerichtet werden, und es wäre gut, eine Art Greenpeace für den Welthandel aufzu­bauen.

Auch das Problem der zuneh­menden Unternehmenskon­zentration drängt.Flugzeuge werden heute nur noch von zwei großen Konzernen herge­stellt, weist der Wissenschaft­

ler auf die Gefahren der Oligo­polbildung hin. Internationale Steuerharmonisierung und eine Kontrolle der weltweiten Kommunikationsnetze gehör­ten dazu.

Der einzelne Staat ist damit natürlich überfordert. Doch es seinahezu unmöglich, eine Weltregierung einzurichten, ist Keck überzeugt. Und auch die internationalen Organisatio­nen haben bei der Lösung von Problemen nicht immer ge­glänzt.

Dennoch spielt die UNO wei­ter eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der globalisierten Wirtschaft. Aufgabe der Natio­nalstaaten sei es, die Interna­tionalen Institutionen weiter zu entwickeln, um den Prozess der Globalisierung zu lenken: Damit der Wohlstand aller be­teiligten Staaten verbessert wird. Keck:Es liegt an uns selbst, ob wir uns von unseren Ängsten lähmen lassen oder ob wir die Herausforderungen an­nehmen.

mf

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