PUTZ 1-2/00
Wissenschaft aktuell
Leben ohne Halt und Boden
Ursula Gaedke über ihre Forschungen im Müggelsee
Im Müggelsee sieht auch Ursula Gaedke nicht mehr durch. Denn die im vergangenen Frühjahr an die Uni Potsdam berufene Professorin für Ökologie und Ökosystemmodellierung forschte bisher in den klaren Wassern des Bodensees. Doch in dem trüb-grünen Müggelsee sind nicht nur mehr Algen als im Bodensee. Gaedke: „Sie sind auch um ein Vielfaches größer.“
Gaedke erforscht die Freiwasserzone der großen Seen und der Meere. Das sogenannte Pelagial, eben dieses Freiwasser, unterscheidet sich grundlegend von Lebensräumen wie Wäldern, Sümpfen und dem Grund von Gewässern: Denn die Organismen, die im Pelagial leben, haben keinen Untergrund, auf dem sie sich ansiedeln könnten. Sie fuhren ein „Leben ohne Halt und Boden“.
Das hat weitreichende Folgen:
Es gibt keine Konkurrenz um Siedlungsstellen, keine direkten Nachbarschaften, und die Räuber in diesem System müssen sehr viel größer sein als ihre Opfer, um diese als Ganzes schlucken zu können: Raubfische können ihre Nahrung nicht festhalten, zerteilen und dann portionsweise fressen - so wie Löwen und Leoparden es mit ihren kuhgroßen Opfern tun.
Anstelle von großen Sträu- ehern und Bäumen entwickeln sich im freien Wasser nur kleine, schwebende Pflanzen. Starkes Wachstum wäre für Pflanzen sinnlos, weil sie dadurch nicht näher an das lebensspendende Sonnenlicht gelangen.
Gaedkes bisherige Forschungsarbeiten am Bodensee haben gezeigt, dass in gesunden Freiwasser-Ökosystemen die Organismen jeder Größenklasse die gleiche Biomasse auf die Waage bringen. Die in der Bio
Ursula Gaedke Foto: Franken
masse gespeicherte Energie fließt gleichmäßig vom Plankton bis hin zu den Welsen, die im Bodensee bis zu zwei Meter groß werden.
Für überdüngte Gewässer wie den Müggelsee trifft: dieses Charakteristikum aber kaum noch zu. Hier gibt es neun mal so viele Algen pro Quadratmeter Seegrund wie im Bodensee.
Gleichzeitig ist die Menge der nachwachsenden Algen nur 1,5 mal so hoch. Gaedke: „ Da ist viel Grünzeug drin, das vermehrt sich aber kaum.“
Die Algen wachsen kaum, weil die dichten Algenschichten sich selbst das für die Photosynthese nötige Licht nehmen. Gleichzeitig sind im Müggelsee und anderen Seen in Brandenburg zu wenige Raubfische, um die vielen Friedfische zu fressen, die sich von den Wasserkrebsen ernähren, welche die Algen kurz halten könnten. So wird die Energie in den Algen gespeichert und der Nahrungskette entzogen. Einfache Hilfe gegen den Algenwuchs ist nicht in Sicht. Um die Situation in diesen Gewässern zu verstehen, bedarf es weiterer Grundlagenfor
schung. Ursula Gaedke, die 1959 in München geboren wurde und an der Universität Oldenburg Biologie und Ma thematik studiert hat, ist seit 1999 Professorin der Uni Potsdam. Nun sucht sie Ko Operationen in der Uni Potsdam, um solchen Fragen nachzugehen.
mf
Greenpeace des Welthandels
Otto Keck über die Gefahren der Globalisierung
Ist der heutige Staat noch in der Lage, die Probleme einer internationalen Marktgesellschaft zu lösen? Um diese Frage kreist die Arbeit von Otto Keck, dem neu berufenen Professor für Internationale Organisationen und Internationale Politikfeldforschung in der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Potsdam.
Auch in seiner gerade er- folgten Antrittsvorlesung ging er dem Pro- b 1 e m nach.
Keck referierte zum Thema „Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten“ und widmete
sich hier den Ängsten, welche die Globalisierung bei den Menschen auslöst: Verlust von Arbeitsplätzen, Druck der multinationalen Konzerne auf die einzelnen Länder und Abbau von Umwelt- und Sozialstandards.
Als Merkmal der Globalisierung gilt, dass die Investitionen außerhalb des eigenen Landes und der internationale Handel stärker ansteigen als das Bruttoinlandsprodukt, das den Wert der in einem Land gehandelten und produzierten Waren und Dienstleistungen beschreibt. Durch die Verflechtung zwischen den Staaten treten die einzelnen Wirtschaften immer mehr miteinander in Konkurrenz. Sie müssen ihre Ausgaben senken, um gute Standortbedingungen mit geringen Kosten zu bieten. Doch vergleichende Studien
zeigen, dass die befürchteten Veränderungen bisher nicht eingetreten sind. Keck will die Folgen der Globalisierung nicht verharmlosen. „Wenn ich die Pauschalisierungen in der Globalisierungsdebatte kritisiere, dann tue ich das, um den Blick auf die vielen Einzelprobleme zu lenken“, sagt er. Als Gegengewicht zu der zunehmenden Machtlosigkeit der Staaten sollte der internationale Handel reguliert werden: Mindeststandards für Sozial- und Umweltbelange müssten eingerichtet werden, und es wäre gut, eine Art Greenpeace für den Welthandel aufzubauen.
Auch das Problem der zunehmenden Unternehmenskonzentration drängt. „Flugzeuge werden heute nur noch von zwei großen Konzernen hergestellt“, weist der Wissenschaft
ler auf die Gefahren der Oligopolbildung hin. Internationale Steuerharmonisierung und eine Kontrolle der weltweiten Kommunikationsnetze gehörten dazu.
Der einzelne Staat ist damit natürlich überfordert. Doch es sei „nahezu unmöglich“, eine Weltregierung einzurichten, ist Keck überzeugt. Und auch die internationalen Organisationen haben bei der Lösung von Problemen nicht immer geglänzt.
Dennoch spielt die UNO weiter eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der globalisierten Wirtschaft. Aufgabe der Nationalstaaten sei es, die Internationalen Institutionen weiter zu entwickeln, um den Prozess der Globalisierung zu lenken: Damit der Wohlstand aller beteiligten Staaten verbessert wird. Keck: „Es liegt an uns selbst, ob wir uns von unseren Ängsten lähmen lassen oder ob wir die Herausforderungen annehmen.“
mf
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