Heft 
(1.1.2019) 01
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Wissenschaft aktuell

PUTZ 1-2/00

Wem gehört das alte Russland?

"Tag der Slavistik" mit vielfältigem Programm

Sowohl die Vorstellung des Institutes, seiner Studien­richtungen als auch Fachvor­träge bestimmten die Pro­grammteile des traditionel­lenTages der Slavistik, der in diesem Jahr am 21. Januar stattfand. Prof. Dr. Norbert P. Franz, Professor für ost- slavische Literaturen und Kulturen an der Universität Potsdam, wandte sich der Frage zuWem gehört das alte Russland?.

Das Ende der Sowjetunion hat eine Reihe souveräner Staaten aus der Erbmasse des Imperi­ums entstehen lassen und da­mit Streit um die Hinterlassen­schaft. Unter all dem, was aus dem früheren gemeinsamen Vermögen aufzuteilen war, be­findet sich neben Institutio­nen, Betrieben und Waffen auch die Geschichte. Weißrus­sen und Ukrainer sehen sich gerne selbst als die eigentli- chen Nachfahren und Erben des frühesten Staates der Ost­slaven, der Rus, wie sie sich selbst nannte. Die Russen da­gegen sind es seit gut 200 Jah­ren gewohnt, die Rus alsAlt­russland zu betrachten, die beiden anderen ostslavischen Nationen betrachten sie als hi­storisch relativ junge Kon­zepte, viele tun sich schwer da­mit, deren Unabhängigkeit überhaupt anzuerkennen. Um­gekehrt halten zum Beispiel ukrainische Kulturhistoriker das eigentliche (dasMoskovi- tische) Russland für eine Er­scheinung des 14. und 15. Jahrhunderts.

Dies ist nicht nur ein Streit po­litisierter Nationalisten, dem man mit einer wissenschaftli­chen Kulturgeschichte begeg­nen könnte, auch Überblicks­darstellungen westlicher Slavi- sten, die keine nationa- listi- schen Interessen haben, sind äuf ein Nebeneinander dreier konkurrierender Geschichts­darstellungen angelegt. So taucht in Publikationen deut­scher Slavisten zum Beispiel Kyrill, der im 12. Jahrhundert Bischof in Turov war, mal als altrussischer, mal alsaltu­

krainischer, mal alsalt­weißrussischer Autor auf. Dahinter steckt ein Grundpro­blem der Slavischen Philologie: entstanden im 19. Jahrhundert in engem Zusammenhang mit den Prozessen der Nationswer- dung sind viele wissenschaftli­che Fragestellungen aus der Perspektive der sich formieren­den Nationen gestellt. Dazu gehört die Kultur-, Sprach- und Literaturgeschichte. Die russischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts haben ihre eigene Vergangenheit und die der russischen Nation in der Geschichte gesucht. Sie haben sie in der Kiever Rus gefunden und mit dem Terminus altrussisch belegt. Daran hat sich die internationale Slavistik angelehnt. Wenn nun ukraini­sche und weißrussische Histo­riker die Rus für sich rekla­mieren, taucht das Problem der Richtigkeit oder zumindest

der Statthaftigkeit auf.

Eine Abwägung der Argu­mente fuhrt zu dem Schluss: Die Vorstellung, die Kiever Rus seiAltrussland ist nicht falsch - sie ist aber auch nicht die einzig mögliche. Mit min­destens ebenso viel Recht lässt sie sichAltukraine nennen -

mit Abstrichen auchAlt­weißrussland. Deshalb ist es ein Gebot der Vernunft, das Konzept der Nationalliteratur für die mittelalterliche Epoche auszusetzen und nach Alterna­tiven zu suchen. Eine Alterna­tive könnte darin bestehen, den historischen Epochen mehr Eigengewicht und den unterschiedlichen in ihnen an­gelegten Entwicklungen mehr Raum zu geben. In der Be­schreibung der Kiever Rus müssten also konkret sowohl die Eigentümlichkeiten ge­nannt werden, die in dem spä­teren Russland, als auch die, die in der späteren Ukraine weiter wirkten. Ein Anfang

könnte in der Nomenklatur bestehen: zumindest bis 1654 sollte man von Rus sprechen, erst ab dann vonRussland, und die Kultur - einschließlich der Sprache - sollte man (alt)ostslavisch nennen. Wer

dies als unnötige Political Cor- reetness belächelt, sollte be­denken, dass in SachenRe­spekt vor Minderheitenmei­nungen durchaus noch Lern­bedarf besteht. Nicht nur in Russland.

Prof. Dr. Norbert P. Franz/ Institut für Slavistik

Forschung fürs Volk

Die deutschen Wissenschaftler sollen ihre Labore verlassen und ihre Forschung der Öf­fentlichkeit präsentieren. Das will die InitiativeWissen­schaft im Dialog erreichen, welche das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) gestartet hat. Ziel ist es, mehr wissenschaftlichen Nachwuchs zu werben. Jahr für Jahr soll nunmehr je eine Disziplin mit Aktionen und Experimenten an Universitä­ten, Forschungseinrichtungen, Schulen und in einigen zentra­len Veranstaltungen auf sich aufmerksam machen.

Los ging es am 18. Januar 2000 in der Berliner Urania mit der Physik. Forschungsmi­nisterin Edelgard Bulmahn eröffnete dort das Forum Jenseits der Milchstraße: Astrophysik und Astronomie. Unser Ziel ist es, die Men­schen für Wissenschaft und Forschung zu begeistern, sagt Bulmahn. Nach den Physikern kommen die Biochemiker (Le­benswissenschaften) an die Reihe, im Jahr 2002 dann die Geowissenschaftler.

Die Physiker der Uni Potsdam beteiligen sich mit einem Tag der offenen Tür während der Europa-Woche im Mai. Außer­dem wird die TagungVer­handlungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vom 13. bis 16. März in Pots­dam unter dem MottoJahr der Physik stattfinden.

Für diezentralen Veranstal­tungen stellt das BMBF 2,3 Millionen Mark zur Verfü­gung. mf

Termine in der Urania Berlin:

04.04. - 09.04.2000

Reise zum Urknall: Elementar­teilchen und Kernphysik

11.12. - 16.12.2000

Entdeckung des Zufalls:100

Jahre Quantentheorie

DEPENDENCIES OF NOVGOROD

F I N N S

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1 Nowgorod

VOLGA

BULGARS

LITHUANIA 1

O v Minsk

POLAND

. Chernigow

HUNGARY

Die Regionalisierung der Kiever Rus nach 1054.

Abb.: zg.

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