Wissenschaft aktuell
PUTZ 1-2/00
Wem gehört das alte Russland?
"Tag der Slavistik" mit vielfältigem Programm
Sowohl die Vorstellung des Institutes, seiner Studienrichtungen als auch Fachvorträge bestimmten die Programmteile des traditionellen “Tages der Slavistik”, der in diesem Jahr am 21. Januar stattfand. Prof. Dr. Norbert P. Franz, Professor für ost- slavische Literaturen und Kulturen an der Universität Potsdam, wandte sich der Frage zu “Wem gehört das alte Russland?“.
Das Ende der Sowjetunion hat eine Reihe souveräner Staaten aus der Erbmasse des Imperiums entstehen lassen und damit Streit um die Hinterlassenschaft. Unter all dem, was aus dem früheren gemeinsamen Vermögen aufzuteilen war, befindet sich neben Institutionen, Betrieben und Waffen auch die Geschichte. Weißrussen und Ukrainer sehen sich gerne selbst als die eigentli- chen Nachfahren und Erben des frühesten Staates der Ostslaven, der Rus‘, wie sie sich selbst nannte. Die Russen dagegen sind es seit gut 200 Jahren gewohnt, die Rus‘ als „Altrussland“ zu betrachten, die beiden anderen ostslavischen Nationen betrachten sie als historisch relativ junge Konzepte, viele tun sich schwer damit, deren Unabhängigkeit überhaupt anzuerkennen. Umgekehrt halten zum Beispiel ukrainische Kulturhistoriker das eigentliche (das „Moskovi- tische“) Russland für eine Erscheinung des 14. und 15. Jahrhunderts.
Dies ist nicht nur ein Streit politisierter Nationalisten, dem man mit einer wissenschaftlichen Kulturgeschichte begegnen könnte, auch Überblicksdarstellungen westlicher Slavi- sten, die keine nationa- listi- schen Interessen haben, sind äuf ein Nebeneinander dreier konkurrierender Geschichtsdarstellungen angelegt. So taucht in Publikationen deutscher Slavisten zum Beispiel Kyrill, der im 12. Jahrhundert Bischof in Turov war, mal als „altrussischer“, mal als „altu
krainischer“, mal als „altweißrussischer“ Autor auf. Dahinter steckt ein Grundproblem der Slavischen Philologie: entstanden im 19. Jahrhundert in engem Zusammenhang mit den Prozessen der Nationswer- dung sind viele wissenschaftliche Fragestellungen aus der Perspektive der sich formierenden Nationen gestellt. Dazu gehört die Kultur-, Sprach- und Literaturgeschichte. Die russischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts haben ihre eigene Vergangenheit und die der russischen Nation in der Geschichte gesucht. Sie haben sie in der Kiever Rus‘ gefunden und mit dem Terminus „altrussisch“ belegt. Daran hat sich die internationale Slavistik angelehnt. Wenn nun ukrainische und weißrussische Historiker die Rus‘ für sich reklamieren, taucht das Problem der Richtigkeit oder zumindest
der Statthaftigkeit auf.
Eine Abwägung der Argumente fuhrt zu dem Schluss: Die Vorstellung, die Kiever Rus‘ sei „Altrussland“ ist nicht falsch - sie ist aber auch nicht die einzig mögliche. Mit mindestens ebenso viel Recht lässt sie sich „Altukraine“ nennen -
mit Abstrichen auch „Altweißrussland“. Deshalb ist es ein Gebot der Vernunft, das Konzept der Nationalliteratur für die mittelalterliche Epoche auszusetzen und nach Alternativen zu suchen. Eine Alternative könnte darin bestehen, den historischen Epochen mehr Eigengewicht und den unterschiedlichen in ihnen angelegten Entwicklungen mehr Raum zu geben. In der Beschreibung der Kiever Rus‘ müssten also konkret sowohl die Eigentümlichkeiten genannt werden, die in dem späteren Russland, als auch die, die in der späteren Ukraine weiter wirkten. Ein Anfang
könnte in der Nomenklatur bestehen: zumindest bis 1654 sollte man von Rus‘ sprechen, erst ab dann von „Russland“, und die Kultur - einschließlich der Sprache - sollte man „(alt)ostslavisch“ nennen. Wer
dies als unnötige Political Cor- reetness belächelt, sollte bedenken, dass in Sachen „Respekt vor Minderheitenmeinungen“ durchaus noch Lernbedarf besteht. Nicht nur in Russland.
Prof. Dr. Norbert P. Franz/ Institut für Slavistik
Forschung fürs Volk
Die deutschen Wissenschaftler sollen ihre Labore verlassen und ihre Forschung der Öffentlichkeit präsentieren. Das will die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ erreichen, welche das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) gestartet hat. Ziel ist es, mehr wissenschaftlichen Nachwuchs zu werben. Jahr für Jahr soll nunmehr je eine Disziplin mit Aktionen und Experimenten an Universitäten, Forschungseinrichtungen, Schulen und in einigen zentralen Veranstaltungen auf sich aufmerksam machen.
Los ging es am 18. Januar 2000 in der Berliner Urania mit der Physik. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn eröffnete dort das Forum „Jenseits der Milchstraße: Astrophysik und Astronomie“. „Unser Ziel ist es, die Menschen für Wissenschaft und Forschung zu begeistern“, sagt Bulmahn. Nach den Physikern kommen die Biochemiker (Lebenswissenschaften) an die Reihe, im Jahr 2002 dann die Geowissenschaftler.
Die Physiker der Uni Potsdam beteiligen sich mit einem Tag der offenen Tür während der Europa-Woche im Mai. Außerdem wird die Tagung „Verhandlungen“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vom 13. bis 16. März in Potsdam unter dem Motto „Jahr der Physik“ stattfinden.
Für die „zentralen Veranstaltungen“ stellt das BMBF 2,3 Millionen Mark zur Verfügung. mf
Termine in der Urania Berlin:
04.04. - 09.04.2000
Reise zum Urknall: Elementarteilchen und Kernphysik
11.12. - 16.12.2000
Entdeckung des Zufalls: „100
Jahre Quantentheorie“
DEPENDENCIES OF NOVGOROD
F I N N S
>ladoga
1 Nowgorod
VOLGA
BULGARS
LITHUANIA 1
O v • Minsk
POLAND
. Chernigow
HUNGARY
Die Regionalisierung der Kiever Rus‘ nach 1054.
Abb.: zg.
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