PUTZ 1-2/00
Wissenschaft aktuell
Gestresste Lehrer
Studie zu Beanspruchungsmustern
Meldungen lassen aufhorchen: Lehrer werden von Schülern beschimpft, verbal oder sogar körperlich bedroht und verletzt. Auch wenn Panik fehl am Platz ist, zeigt sich, dass die Ausübung des Lehrerberufes mit großen, auch gesundheitlichen Belastungen verbunden ist.
Deshalb nahm sich eine Forschergruppe unter der Leitung des Psychologen Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt von der Universität Potsdam von 1995 bis 1999 der psychischen Gesundheit in Berufen mit erhöhten psychosozialen Anforderungen an. Lehrer sind dabei nicht die einzige, jedoch natürlich eine wichtige Zielgruppe. Im Land Brandenburg konnte eine repräsentative Population von rund 1000 Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Schulformen und Studierenden einbezogen werden. Ziel der Untersuchungen ist es, Unterschiede im Belastungserleben und in der Belastungsbewältigung zu diagnostizieren. Daraus abgeleitet, geht es, so Dr. Helga Arold, um die Aufklärung von Bedingungen für das Entstehen gesundheitlicher Risiken und damit um die Schaffung von Grundlagen für eine differenzierte Gesundheitsförderung.
Neueste Forschungen in diesem Projekt befassen sich mit den persönlichen Ressourcen, auf die bei der Bewältigung von Arbeitsanforderungen im Lehrerberuf zurückgegriffen wird. Unter persönlichen Ressourcen verstehen die Psychologen Merkmale wie Einstellungen, Ansprüche und Erwartungen gegenüber der Arbeit, Erholungsfähigkeit, Bewältigungskompetenzen und übergreifende emotionale Befindlichkeiten.
Wichtig ist, dass diese Ressourcen im Sinne von Verhaltensund Erlebensmerkmalen einerseits in die Arbeit eingebracht, andererseits aber auch durch die Arbeit geformt werden. Von ihnen hängt es in hohem
Grade ab, wie die Belastungen verarbeitet werden, in welchem Maße sie zu positiven oder negativen Konsequenzen für die Gesundheit führen. Mit der Erfassung des persönlichen Stils der Auseinandersetzung mit beruflichen Anforderungen ist ein besserer Zugang zur Früherkennung möglicher Gefährdungen und damit zur Prävention gegeben. Es ließe
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sich wirksamer in die Stärkung persönlicher Ressourcen als in die Korrektur bereits vorliegender und manifester Störungen und Beschwerden eingrei- fen.
Deutlich wird bei den Untersuchungen, die sich vornehmlich auf Selbstauskünfte stützen: Es existiert nicht die Risikogruppe der Lehrer. Wie anderswo ergibt sich ein differenziertes Bild bezüglich der psychischen Gesundheit der Berufsgruppe. Bei den Lehrern ist allerdings der Anteil an Personen (circa 70 Prozent) mit Gesundheitsrisiken vergleichsweise überproportional hoch. Den Zugang zum Untersuchungsgegenstand fand das Team durch die Bestimmung sogenannter Risikomuster. Damit soll dem Anliegen, Lehrerstress aufzulösen und eine differenzierte Betrachtung des berufsspezifischen Beanspru
chungserlebens Rechnung getragen werden.
Rund 40 Prozent der Lehrer weist das sogenannte Risikomuster A auf. Bei der Gruppe ist im Vergleich zu anderen die Bedeutsamkeit der Arbeit, die Verausgabungsbereitschaft und das Perfektionismusstreben am stärksten ausgeprägt. Andererseits ist hier der niedrigste Wert in der Distanzierungsfähigkeit, was bedeutet, dass es diesen Lehrern besonders schwer fällt, Abstand zu den Berufsproblemen zu gewinnen. Sie überfordern sich
selbst. Diese Personengruppe erlebt den Widerspruch zwischen großem Arbeitseinsatz einerseits und ausbleibendem Erleben von Anerkennung andererseits. Eine der Folgen besteht in einem verstärkten Herz-Kreislauf- Risiko. Gefährdet sind aber insbesondere jene rund 30 Prozent mit dem sogenannten Risikomuster B. Bei ihnen ist berufliches Engagement, also subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit und beruflicher Ehrgeiz, vergleichsweise gering ausgeprägt. Resignation, Motivationseinschränkung, herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und negative Emotionen herrschen dagegen vor. Sie sind weitgehend nicht in der Lage, den ihnen gegebenen relativ breiten Handlungsspielraum ihrer Tätigkeit zu nutzen. Arold konstatiert, dass Personen des
A-Musters weit stärker in der Lage sind, aktiv auf die Veränderungen ihrer persönlichen Beanspruchungsverhältnisse Einfluss zu nehmen.
Der Geschlechtsvergleich zeigt ein ungünstiges Bild der Beanspruchungssituation bei
Frauen. Deshalb ist für die Wissenschaftler ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Lehrerschaft wünschenswert. Demgegenüber lässt der Altersvergleich weniger Diffe renzierungen erkennen. Ursachen für den Frust bei Lehrern und Schülern sieht
Helga Arold im Schülerverhalten, in hohen Klassenfrequenzen und Stundenzahlen. Im Vergleich zu den anderen Bundesländern sehen sich die bran- denburgischen Pädagogen selbst als engagierter und aktiver, andererseits sind sie weniger widerstandsfähig und zufrieden.
Eine Schlussfolgerung kann also nur lauten: Der Gesundheitsprävention muss bei Lehrern besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Deshalb führen die Potsdamer ihre Studien in Zusammenarbeit mit dem brandenburgischen Bildungsministeriums auch weiter.
B.E.
Die Studie „Gesundheitliche Risiken im Lehrerberuf“ ist bei Dr. Helga Arold aus dem Institut für Psychologie der Universität Potsdam (Tel.: 0331/977-2879) erhältlich.
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Lehrer zu sein, ist mit vielen Freuden, aber auch mit Stress verbunden, der nicht selten zu gesundheitlichen Risiken führt. Foto: Tribukeit
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