Heft 
(1.1.2019) 01
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Wissenschaft aktuell

Gestresste Lehrer

Studie zu Beanspruchungsmustern

Meldungen lassen aufhor­chen: Lehrer werden von Schülern beschimpft, verbal oder sogar körperlich be­droht und verletzt. Auch wenn Panik fehl am Platz ist, zeigt sich, dass die Ausü­bung des Lehrerberufes mit großen, auch gesundheitli­chen Belastungen verbunden ist.

Deshalb nahm sich eine For­schergruppe unter der Leitung des Psychologen Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt von der Universität Potsdam von 1995 bis 1999 der psychischen Ge­sundheit in Berufen mit erhöh­ten psychosozialen Anforde­rungen an. Lehrer sind dabei nicht die einzige, jedoch natür­lich eine wichtige Zielgruppe. Im Land Brandenburg konnte eine repräsentative Population von rund 1000 Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Schulformen und Studieren­den einbezogen werden. Ziel der Untersuchungen ist es, Unterschiede im Belastungser­leben und in der Belastungsbe­wältigung zu diagnostizieren. Daraus abgeleitet, geht es, so Dr. Helga Arold, um die Auf­klärung von Bedingungen für das Entstehen gesundheitlicher Risiken und damit um die Schaffung von Grundlagen für eine differenzierte Gesund­heitsförderung.

Neueste Forschungen in die­sem Projekt befassen sich mit den persönlichen Ressourcen, auf die bei der Bewältigung von Arbeitsanforderungen im Lehrerberuf zurückgegriffen wird. Unter persönlichen Res­sourcen verstehen die Psycho­logen Merkmale wie Einstel­lungen, Ansprüche und Erwar­tungen gegenüber der Arbeit, Erholungsfähigkeit, Bewälti­gungskompetenzen und über­greifende emotionale Befind­lichkeiten.

Wichtig ist, dass diese Ressour­cen im Sinne von Verhaltens­und Erlebensmerkmalen einer­seits in die Arbeit eingebracht, andererseits aber auch durch die Arbeit geformt werden. Von ihnen hängt es in hohem

Grade ab, wie die Belastungen verarbeitet werden, in wel­chem Maße sie zu positiven oder negativen Konsequenzen für die Gesundheit führen. Mit der Erfassung des persönlichen Stils der Auseinandersetzung mit beruflichen Anforderun­gen ist ein besserer Zugang zur Früherkennung möglicher Ge­fährdungen und damit zur Prävention gegeben. Es ließe

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sich wirksamer in die Stärkung persönlicher Ressourcen als in die Korrektur bereits vorlie­gender und manifester Störun­gen und Beschwerden eingrei- fen.

Deutlich wird bei den Unter­suchungen, die sich vornehm­lich auf Selbstauskünfte stüt­zen: Es existiert nicht die Risi­kogruppe der Lehrer. Wie an­derswo ergibt sich ein differen­ziertes Bild bezüglich der psy­chischen Gesundheit der Be­rufsgruppe. Bei den Lehrern ist allerdings der Anteil an Per­sonen (circa 70 Prozent) mit Gesundheitsrisiken vergleichs­weise überproportional hoch. Den Zugang zum Untersu­chungsgegenstand fand das Team durch die Bestimmung sogenannter Risikomuster. Da­mit soll dem Anliegen, Lehrer­stress aufzulösen und eine dif­ferenzierte Betrachtung des berufsspezifischen Beanspru­

chungserlebens Rechnung ge­tragen werden.

Rund 40 Prozent der Lehrer weist das sogenannte Risiko­muster A auf. Bei der Gruppe ist im Vergleich zu anderen die Bedeutsamkeit der Arbeit, die Verausgabungsbereitschaft und das Perfektionismusstre­ben am stärksten ausgeprägt. Andererseits ist hier der nied­rigste Wert in der Distanzie­rungsfähigkeit, was bedeutet, dass es diesen Lehrern beson­ders schwer fällt, Abstand zu den Berufsproblemen zu ge­winnen. Sie überfordern sich

selbst. Diese Personengruppe erlebt den Widerspruch zwi­schen großem Arbeitseinsatz einerseits und ausbleibendem Erleben von Anerkennung an­dererseits. Eine der Folgen be­steht in einem verstärkten Herz-Kreislauf- Risiko. Gefährdet sind aber insbeson­dere jene rund 30 Prozent mit dem sogenannten Risikomu­ster B. Bei ihnen ist berufliches Engagement, also subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit und beruflicher Ehrgeiz, ver­gleichsweise gering ausge­prägt. Resignation, Motivati­onseinschränkung, herabge­setzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und negative Emotionen herrschen dagegen vor. Sie sind weitge­hend nicht in der Lage, den ih­nen gegebenen relativ breiten Handlungsspielraum ihrer Tätigkeit zu nutzen. Arold konstatiert, dass Personen des

A-Musters weit stärker in der Lage sind, aktiv auf die Verän­derungen ihrer persönlichen Beanspruchungsverhältnisse Einfluss zu nehmen.

Der Geschlechtsvergleich zeigt ein ungünstiges Bild der Bean­spruchungssituation bei

Frauen. Deshalb ist für die Wissenschaftler ein ausgewo­genes Geschlechterverhältnis in der Lehrerschaft wünschens­wert. Demgegenüber lässt der Altersvergleich weniger Diffe renzierungen erkennen. Ursachen für den Frust bei Lehrern und Schülern sieht

Helga Arold im Schülerverhal­ten, in hohen Klassenfrequen­zen und Stundenzahlen. Im Vergleich zu den anderen Bun­desländern sehen sich die bran- denburgischen Pädagogen selbst als engagierter und akti­ver, andererseits sind sie weni­ger widerstandsfähig und zu­frieden.

Eine Schlussfolgerung kann also nur lauten: Der Gesund­heitsprävention muss bei Leh­rern besondere Aufmerksam­keit geschenkt werden. Des­halb führen die Potsdamer ihre Studien in Zusammenarbeit mit dem brandenburgischen Bildungsministeriums auch weiter.

B.E.

Die StudieGesundheitliche Risiken im Lehrerberuf ist bei Dr. Helga Arold aus dem Institut für Psychologie der Universität Potsdam (Tel.: 0331/977-2879) erhältlich.

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Lehrer zu sein, ist mit vielen Freuden, aber auch mit Stress verbunden, der nicht selten zu gesundheitlichen Risiken führt. Foto: Tribukeit

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