Heft 
(1.1.2019) 01
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Wissenschaft aktuell

PUTZ 1-2/00

Fahren wie im Rausch

Im Fahr-Rausch vergessen Motorradfahrer ihre guten Vorsätze

Fahren, fahren, fahren. Und nicht mehr an die guten Vor­sätze denken. Als Falko Rheinberg sein Motorrad noch schnell und tief in die Kurven drückte und die vor­beifliegenden Wälder nur noch als wechselnde Grüntöne vorbeirauschten, vergaß auch der Psychologe immer wieder das Tempoli- mit und sein selbst gesetztes Ziel, auf dem Motorrad nur sehr vorsichtig Gas zu ge­ben.Ich weiß, dass ich ge­rade mit dem Motorrad be­sonders defensiv fahren sollte, sagt der Professor am Institut für Psychologie der Uni Potsdam und hat auch vernünftige Argumente zur Hand: Er erklärt, dass Autofahrer ihn nur schlecht sehen, dass man schnell weg­rutschen kann und dass ihn keine Knautschzone schützt.

Doch fürgute Vorsätze und vernünftige Überlegungen ist imFlow kein Platz mehr. Flow - so nennt der Psycho­loge dasreflexionsfreie gänz­liche Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Anforderungen unter Kontrolle hat. Ein Zu­stand, den der Psychologe Mi- haly Csikszentmihalyi von der University of Chicago zuerst beschrieben hat. Menschen ge­raten inFlow, wenn sie eine Tätigkeit voll in Anspruch nimmt: Computerspiele sind ein gutes Beispiel, aber auch Schach, Bergsteigen oder Tan­zen. Stunden vergehen wie Minuten, wir nehmen unser Umfeld nicht mehr wahr, und wenn wir angesprochen wer­den, brauchen wir einen Mo­ment um uns wieder auf un­sere Umwelt zu besinnen. Der (Geist ist voll und ganz be- jschäftigt.

Computer-Hirn

iWie bei einem Computer, sagt Rheinberg,dessen Re­ichenkapazitäten voll ausgela- ! stet sind und der alle anderen Aufträge erst (mal hinten an­stellt. Dabei scheintFlow sogar zu einer leichten Abhän­

gigkeit zu führen. Menschen, die sich einmal an diesen Zu­stand gewöhnt haben, wollen ihn wieder hersteilen. Entzugs­experimente zeigen, dass Pro­banden schlechte Laune be­kommen, Denk- und Wahr­nehmungsstörungen aufwei­sen, wenn ihnen ihre Beschäf­tigungen verboten und die ge­liebtenFlow-Zustände ge­nommen werden.

Für die Motorradfahrer scheint das selbstvergessene Abtau­chen in den Fahrrausch ein Grund für ihre Spritztouren zu sein. Von 41 von Rheinberg befragten Fahrern geben 36 an, dass ihre Fahrten dem Fahrspaß dienen undkeinen sonstigen Zweck haben.

Ein Gefühl von Glück

Mehr als zwei von drei befrag­ten Fahrern geben an, bei voller Fahrt ganz mit ihrem

Motorrad zu verschmelzen und ein einzigartiges Gefühl von Glück und Harmonie zu erleben. Schalten, Lenken und Bremsen liefen wie von selbst ab, und sie empfinden sich selbst nicht mehr als eigentlich handelnde Personen, sondern als einen Teil des Räder-Len- kung-Motor-Systems.In ge­wisser Weise ähnelt ein beson­ders intensives ,Flow-Erlebnis den Zuständen, die andere Leute in der Meditation erle­ben wollen, sagt Rheinberg.

Doch volle Konzentration und Versenkung mögen beim Schach- und Computerspielen nützlich sein, um die eigene Leistung zu steigern. Auf dem Motorrad wird dieser Erlebnis­sog jedoch gefährlich. Um das Glück der Vollauslastung bei optimaler Beanspruchung durch die glattlaufende Tätig­keit zu genießen, muss man immer mehr an seine fahreri­schen Grenzen gehen: Noch tiefer in die Kurven legen, auf den Geraden stärker beschleu­nigen und später abbremsen. Kurz gesagt: Schneller und sportlicher fahren - sonst stellt sich die Auslastung nicht mehr ein.

Doch mit der erzwungenen Konzentration auf dieses Ge­schehen und der Steuerung der schnell ablaufenden Pro­zesse geht die Wahrnehmung der inneren Stimme der Ver­

nunft verloren. Einzelne Mo­torradfahrer überkommt nach dem Ende ihrer Fahrt die Angst vor dem eigenen Wage­mut. Sie melden ihre Maschine ab, weil sie sich selbst nicht mehr trauen.

Kein Platz

für gute Vorsätze

Bewusste und allgemeine Vorsätze zur defensiven Fahr­weise können in diesem Zu­stand kaum mehr wirksam wer­den, hat Rheinberg herausge-

firnden. Die meisten Fahrer, bei denen dieFlow-Merk- male ausgeprägt auftreten, schätzen ihren Fahrstil auch selber alseher riskant ein und geben besonders hohe persönlicheRichtgeschwin­digkeiten an. Gleichzeitig sind sie überdurchschnittlich oft in Unfälle verwickelt.

Weil die Fahrer imFlow so weit abschalten, laufen auch die Bemühungen von Ver­kehrspsychologen ins Leere. Rheinberg weiß aus eigener Erfahrung, dass die guten Vor­sätze vor der Spritztour da sind. Doch unterwegs bleiben sie unwirksam.

Sichere Reaktionen üben

Dennoch wirdFlow im Zu­sammenhang mit dem Straßenverkehr kaum disku­tiert. Rheinberg:Wenn sich die Befünde unserer Erkun­dungsstudie erhärten lassen, liegt hier ein großer Auf­klärungsbedarf vor.

Weil beim Motorradfahren im Flow die allgemeinen guten Vorsätze verdrängt werden, setzt der Professor neben der Aufklärung vor allem auf eine andere Maßnahme: Mit inten­sivem Training sollte geübt werden, trotz desFlow-Zu- standes bestimmte Warnsig­nale wahr zu nehmen und au­tomatisch zu reagieren. Etwa abzubremsen, wenn ein Auto in einer Seitenstraße steht, weil dieser Wagen unerwartet los­fahren könnte. Oder beim An­blick einer kurvigen Straße zwischen Feldern zu erkennen, dass Lehm von Treckerrädern in einer Kurve liegt und leicht zu einem tödlichen Ausrut­scher führen kann. Auf solche markanten Signale oder Reizkonstellationen sollten die Fahrer regelrecht gedrillt werden, damit der eingeübte Automatismus sie automatisch richtig reagieren lässt, auch wenn sie gerade ganz im Mo­torradrausch sind. Entspre­chende Untersuchungen

möchte Rheinberg mit dem Institut für Zweiradsicherheit in Essen durchführen. mf

Locker als Rocker: Falko Rheinberg auf seiner Honda CX 500. Foto: zg.

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