Wissenschaft aktuell
PUTZ 1-2/00
Fahren wie im Rausch
Im Fahr-Rausch vergessen Motorradfahrer ihre guten Vorsätze
Fahren, fahren, fahren. Und nicht mehr an die guten Vorsätze denken. Als Falko Rheinberg sein Motorrad noch schnell und tief in die Kurven drückte und die vorbeifliegenden Wälder nur noch als wechselnde Grüntöne vorbeirauschten, vergaß auch der Psychologe immer wieder das Tempoli- mit und sein selbst gesetztes Ziel, auf dem Motorrad nur sehr vorsichtig Gas zu geben. „Ich weiß, dass ich gerade mit dem Motorrad besonders defensiv fahren sollte“, sagt der Professor am Institut für Psychologie der Uni Potsdam und hat auch vernünftige Argumente zur Hand: Er erklärt, dass Autofahrer ihn nur schlecht sehen, dass man schnell wegrutschen kann und dass ihn keine Knautschzone schützt.
Doch für „gute Vorsätze“ und „vernünftige Überlegungen“ ist im „Flow“ kein Platz mehr. „Flow“ - so nennt der Psychologe das „reflexionsfreie gänzliche Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Anforderungen unter Kontrolle hat“. Ein Zustand, den der Psychologe Mi- haly Csikszentmihalyi von der University of Chicago zuerst beschrieben hat. Menschen geraten in „Flow“, wenn sie eine Tätigkeit voll in Anspruch nimmt: Computerspiele sind ein gutes Beispiel, aber auch Schach, Bergsteigen oder Tanzen. Stunden vergehen wie Minuten, wir nehmen unser Umfeld nicht mehr wahr, und wenn wir angesprochen werden, brauchen wir einen Moment um uns wieder auf unsere Umwelt zu besinnen. Der (Geist ist voll und ganz be- jschäftigt.
Computer-Hirn
i„Wie bei einem Computer“, sagt Rheinberg, „dessen Reichenkapazitäten voll ausgela- ! stet sind und der alle anderen Aufträge erst (mal hinten anstellt.“ Dabei scheint „Flow“ sogar zu einer leichten Abhän
gigkeit zu führen. Menschen, die sich einmal an diesen Zustand gewöhnt haben, wollen ihn wieder hersteilen. Entzugsexperimente zeigen, dass Probanden schlechte Laune bekommen, Denk- und Wahrnehmungsstörungen aufweisen, wenn ihnen ihre Beschäftigungen verboten und die geliebten „Flow“-Zustände genommen werden.
Für die Motorradfahrer scheint das selbstvergessene Abtauchen in den Fahrrausch ein Grund für ihre Spritztouren zu sein. Von 41 von Rheinberg befragten Fahrern geben 36 an, dass ihre Fahrten dem Fahrspaß dienen und „keinen sonstigen Zweck“ haben.
Ein Gefühl von Glück
Mehr als zwei von drei befragten Fahrern geben an, bei „voller Fahrt“ ganz mit ihrem
Motorrad zu verschmelzen und ein einzigartiges Gefühl von Glück und Harmonie zu erleben. Schalten, Lenken und Bremsen liefen wie von selbst ab, und sie empfinden sich selbst nicht mehr als eigentlich handelnde Personen, sondern als einen Teil des Räder-Len- kung-Motor-Systems. „In gewisser Weise ähnelt ein besonders intensives ,Flow‘-Erlebnis den Zuständen, die andere Leute in der Meditation erleben wollen“, sagt Rheinberg.
Doch volle Konzentration und Versenkung mögen beim Schach- und Computerspielen nützlich sein, um die eigene Leistung zu steigern. Auf dem Motorrad wird dieser Erlebnissog jedoch gefährlich. Um das Glück der Vollauslastung bei optimaler Beanspruchung durch die glattlaufende Tätigkeit zu genießen, muss man immer mehr an seine fahrerischen Grenzen gehen: Noch tiefer in die Kurven legen, auf den Geraden stärker beschleunigen und später abbremsen. Kurz gesagt: Schneller und sportlicher fahren - sonst stellt sich die Auslastung nicht mehr ein.
Doch mit der erzwungenen Konzentration auf dieses Geschehen und der Steuerung der schnell ablaufenden Prozesse geht die Wahrnehmung der inneren Stimme der Ver
nunft verloren. Einzelne Motorradfahrer überkommt nach dem Ende ihrer Fahrt die Angst vor dem eigenen Wagemut. Sie melden ihre Maschine ab, weil sie sich selbst nicht mehr trauen.
Kein Platz
für gute Vorsätze
„Bewusste und allgemeine Vorsätze zur defensiven Fahrweise können in diesem Zustand kaum mehr wirksam werden“, hat Rheinberg herausge-
firnden. Die meisten Fahrer, bei denen die „Flow“-Merk- male ausgeprägt auftreten, schätzen ihren Fahrstil auch selber als „eher riskant“ ein und geben besonders hohe persönliche „Richtgeschwindigkeiten“ an. Gleichzeitig sind sie überdurchschnittlich oft in Unfälle verwickelt.
Weil die Fahrer im „Flow“ so weit abschalten, laufen auch die Bemühungen von Verkehrspsychologen ins Leere. Rheinberg weiß aus eigener Erfahrung, dass die guten Vorsätze vor der Spritztour da sind. Doch unterwegs bleiben sie unwirksam.
Sichere Reaktionen üben
Dennoch wird „Flow“ im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr kaum diskutiert. Rheinberg: „Wenn sich die Befünde unserer Erkundungsstudie erhärten lassen, liegt hier ein großer Aufklärungsbedarf vor.“
Weil beim Motorradfahren im „Flow“ die allgemeinen guten Vorsätze verdrängt werden, setzt der Professor neben der Aufklärung vor allem auf eine andere Maßnahme: Mit intensivem Training sollte geübt werden, trotz des „Flow“-Zu- standes bestimmte Warnsignale wahr zu nehmen und automatisch zu reagieren. Etwa abzubremsen, wenn ein Auto in einer Seitenstraße steht, weil dieser Wagen unerwartet losfahren könnte. Oder beim Anblick einer kurvigen Straße zwischen Feldern zu erkennen, dass Lehm von Treckerrädern in einer Kurve liegt und leicht zu einem tödlichen Ausrutscher führen kann. Auf solche „markanten Signale“ oder „Reizkonstellationen“ sollten die Fahrer regelrecht gedrillt werden, damit der eingeübte Automatismus sie automatisch richtig reagieren lässt, auch wenn sie gerade ganz im Motorradrausch sind. Entsprechende Untersuchungen
möchte Rheinberg mit dem Institut für Zweiradsicherheit in Essen durchführen. mf
Locker als Rocker: Falko Rheinberg auf seiner Honda CX 500. Foto: zg.
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