Heft 
(1.1.2019) 01
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PUTZ 1-2/00

Wissenschaft aktuell

Herrschaftspraxis und Selbstbehauptung

Bäuerliches Leben in der DDR untersucht

Geschichte findet im Kon­kreten statt. Bücher und Ak­ten zu studieren, kann auf­schlussreich sein. Will man Aussagen über die jüngste Geschichte, so bietet sich darüber hinaus das Gespräch mit Zeitzeugen an. Deshalb führte Dr. Dagmar Langen- han vom Zentrum für Zeit­historische Forschung Pots­dam lebensgeschichtliche In­terviews mit insgesamt rund 100 Vertretern aller Schich­ten der ländlichen Bevölke­rung in Brandenburg, Meck­lenburg-Vorpommern, Sach­sen-Anhalt und Thüringen. Denn sie beschäftigt sich mit demWandel von Herr­schaftspraxis und bäuerlicher Selbstbehauptung in der DDR von 1945 bis 1990. Diese Untersuchungen betreibt sie im Rahmen des Forschungszu­sammenhangesHerrschafts­strukturen und Erfahrungsdi­mensionen der DDR-Ge- schichte unter der Leitung des Historikers Prof. Dr. Chri­stoph Kleßmann von der Uni­versität Potsdam.

Im Mittelpunkt von Dagmar Langenhans Projekt stehen die wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Auswirkungen der Agrarpolitik der SED auf die Arbeits- und Lebensweise der ländlichen Gesellschaft in der DDR. Ziel des Forschungsvor­habens ist es deshalb, die Ver­änderungen der sozialen Hier­archien und der sozialen Stel­lung des Einzelnen auf dem Lande während. der unter­schiedlichen historischen Ent­wicklungsetappen in der DDR aufzuzeigen. Andererseits un­tersucht die Wissenschaftlerin das breite Spektrum der For­men und Interessenkonstella­tionen, mit denen vor allem die bäuerliche Bevölkerung ihre Selbstbehauptung zu si­chern suchte.

Transformations­

schübe

Die Landwirtschaft der Region Brandenburg ist sowohl durch gutswirtschaftliche als auch klein- und mittelbäuerliche Traditionen gekennzeichnet.

Entsprechende Prägungen wir­ken in den Dörfern bis in die Gegenwart. Die historische Entwicklung der Dörfer und Landwirtschaftsbetriebe analy­siert Dagmar Langenhan an­hand von Transformations­schüben. Dabei unterscheidet sie fünf Etappen: Bodenreform und ihre Folgen (1945 bis An­fang der 50-er Jahre), Kollekti­vierung (1952 bis in die erste Hälfte der 60-er Jahre), Ko­

operationsphase (erste Hälfte der 60-er Jahre bis Mitte der 70-er Jahre), Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion (1976 bis Anfang der 80-er Jahre) und der Rückbau der überdimensionierten Agrarstruktur (Anfang der 80- er Jahre bis 1989/90).

Ziele nur partiell erreicht

Die agrarpolitischen Zielset­zungen der SED bestanden im Aufbau einer modernen, mit industriemäßigen Methoden arbeitenden landwirtschaftli­chen Großproduktion. In die­sem Prozess sollte sich die ho­mogenesozialistische Klasse der Genossenschaftsbauern herausbilden. Hiermit verbun­den war die Vorstellung von der Annäherung der Arbeits­und Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Anhand der Primärquellen wie auch der In­

terviews zeigt Langenhan, dass die SED ihre Ziele nur partiell erreichte. So standen dem Er­trags- und Leistungszuwachs der landwirtschaftlichen Pro­duktion bis in die 70-er Jahre am Ende der DDR die negati­ven Auswirkungen der überdi­mensionierten Produktions­strukturen gegenüber. Entge­gen allen offiziellen Beteue­rungen gab es eine Vielzahl kaum oder wenig mechanisier­

ter und in kleinen Strukturen wirtschaftender Bereiche. Die tatsächliche Annäherung der Arbeits- und Lebensverhält­nisse blieb in den einzelnen Regionen und Dörfern diffe­renziert und häufig vom Lei­stungsvermögen des jeweiligen Betriebes abhängig. So beklei­deten ehemalige wirtschafts­starke Bauern auch Funktio­nen in den Leitungen der Landwirtschaftlichen Produk­tionsgenossenschaften (LPG). Das Auswahlkriterium dafür war, ausgeprägter als in den übrigen Wirtschaftsbereichen, die Leistungs- und Wirt­schaftskraft des Einzelnen.

Interviews mit Zeitzeugen

Die homogene Klasse der Ge­nossenschaftsbauern blieb ein theoretisches Konstrukt.So­wohl durch traditionelle Schichtungen und die Präge­

kraft historischer, informeller Strukturen als auch infolge neuer, systemimmanenter Schichtungen bestand die weitreichende soziale Differen­zierung der ländlichen Gesell­schaft fort, sagt Langenhan. Sie sei überwiegend durch den Zugang zu politischer Macht und die Verfügungsmöglich­keiten über materielle Ressour­cen strukturiert und von Krite­rien wie Herkunft, Bildung,

50-er und 60-er Jahre jene Genossen- Abb.: Z0.

Geschlecht und Alter be­stimmt gewesen. Die Inter­views, die unter anderem den Umgang mit der Herrschaft thematisierten, bestätigten, dass im ländlichen Bereich un­ter der bäuerlichen Bevölke­rung keine ausgeprägte soziale Entdifferenzierung stattfand. Traditionelle Prägungen und soziale Differenzierungen überdauerten vielmehr die DDR-Zeit und wurden in der LPG aufgehoben.

B.E.

Universitätszeitung

PUTZ

online unter:

http://www.

uni-potsdam.de/

u/putz/index.htm

Diebe, die sich selbst bestehlen, waren nach offizieller Lesart in der DDR der schaftsbauern, die die LPG als melkende Kuh betrachteten.

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