PUTZ 1-2/00
Wissenschaft aktuell
Herrschaftspraxis und Selbstbehauptung
Bäuerliches Leben in der DDR untersucht
Geschichte findet im Konkreten statt. Bücher und Akten zu studieren, kann aufschlussreich sein. Will man Aussagen über die jüngste Geschichte, so bietet sich darüber hinaus das Gespräch mit Zeitzeugen an. Deshalb führte Dr. Dagmar Langen- han vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam lebensgeschichtliche Interviews mit insgesamt rund 100 Vertretern aller Schichten der ländlichen Bevölkerung in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Denn sie beschäftigt sich mit dem „Wandel von Herrschaftspraxis und bäuerlicher Selbstbehauptung in der DDR von 1945 bis 1990“. Diese Untersuchungen betreibt sie im Rahmen des Forschungszusammenhanges „Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen der DDR-Ge- schichte“ unter der Leitung des Historikers Prof. Dr. Christoph Kleßmann von der Universität Potsdam.
Im Mittelpunkt von Dagmar Langenhans Projekt stehen die wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Auswirkungen der Agrarpolitik der SED auf die Arbeits- und Lebensweise der ländlichen Gesellschaft in der DDR. Ziel des Forschungsvorhabens ist es deshalb, die Veränderungen der sozialen Hierarchien und der sozialen Stellung des Einzelnen auf dem Lande während. der unterschiedlichen historischen Entwicklungsetappen in der DDR aufzuzeigen. Andererseits untersucht die Wissenschaftlerin das breite Spektrum der Formen und Interessenkonstellationen, mit denen vor allem die bäuerliche Bevölkerung ihre Selbstbehauptung zu sichern suchte.
Transformations
schübe
Die Landwirtschaft der Region Brandenburg ist sowohl durch gutswirtschaftliche als auch klein- und mittelbäuerliche Traditionen gekennzeichnet.
Entsprechende Prägungen wirken in den Dörfern bis in die Gegenwart. Die historische Entwicklung der Dörfer und Landwirtschaftsbetriebe analysiert Dagmar Langenhan anhand von Transformationsschüben. Dabei unterscheidet sie fünf Etappen: Bodenreform und ihre Folgen (1945 bis Anfang der 50-er Jahre), Kollektivierung (1952 bis in die erste Hälfte der 60-er Jahre), Ko
operationsphase (erste Hälfte der 60-er Jahre bis Mitte der 70-er Jahre), Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion (1976 bis Anfang der 80-er Jahre) und der Rückbau der überdimensionierten Agrarstruktur (Anfang der 80- er Jahre bis 1989/90).
Ziele nur partiell erreicht
Die agrarpolitischen Zielsetzungen der SED bestanden im Aufbau einer modernen, mit industriemäßigen Methoden arbeitenden landwirtschaftlichen Großproduktion. In diesem Prozess sollte sich die homogene „sozialistische“ Klasse der Genossenschaftsbauern herausbilden. Hiermit verbunden war die Vorstellung von der Annäherung der Arbeitsund Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Anhand der Primärquellen wie auch der In
terviews zeigt Langenhan, dass die SED ihre Ziele nur partiell erreichte. So standen dem Ertrags- und Leistungszuwachs der landwirtschaftlichen Produktion bis in die 70-er Jahre am Ende der DDR die negativen Auswirkungen der überdimensionierten Produktionsstrukturen gegenüber. Entgegen allen offiziellen Beteuerungen gab es eine Vielzahl kaum oder wenig mechanisier
ter und in kleinen Strukturen wirtschaftender Bereiche. Die tatsächliche Annäherung der Arbeits- und Lebensverhältnisse blieb in den einzelnen Regionen und Dörfern differenziert und häufig vom Leistungsvermögen des jeweiligen Betriebes abhängig. So bekleideten ehemalige wirtschaftsstarke Bauern auch Funktionen in den Leitungen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Das Auswahlkriterium dafür war, ausgeprägter als in den übrigen Wirtschaftsbereichen, die Leistungs- und Wirtschaftskraft des Einzelnen.
Interviews mit Zeitzeugen
Die homogene Klasse der Genossenschaftsbauern blieb ein theoretisches Konstrukt. „Sowohl durch traditionelle Schichtungen und die Präge
kraft historischer, informeller Strukturen als auch infolge neuer, systemimmanenter Schichtungen bestand die weitreichende soziale Differenzierung der ländlichen Gesellschaft fort“, sagt Langenhan. Sie sei überwiegend durch den Zugang zu politischer Macht und die Verfügungsmöglichkeiten über materielle Ressourcen strukturiert und von Kriterien wie Herkunft, Bildung,
50-er und 60-er Jahre jene Genossen- Abb.: Z0.
Geschlecht und Alter bestimmt gewesen. Die Interviews, die unter anderem den Umgang mit der Herrschaft thematisierten, bestätigten, dass im ländlichen Bereich unter der bäuerlichen Bevölkerung keine ausgeprägte soziale Entdifferenzierung stattfand. Traditionelle Prägungen und soziale Differenzierungen überdauerten vielmehr die DDR-Zeit und wurden in der LPG aufgehoben.
B.E.
Universitätszeitung
PUTZ
online unter:
http://www.
uni-potsdam.de/
u/putz/index.htm
Diebe, die sich selbst bestehlen, waren nach offizieller Lesart in der DDR der schaftsbauern, die die LPG als melkende Kuh betrachteten.
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